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Warum Regenschirme endlich aussterben müssen

Hunderte Jahre technischer Fortschritt sind am Regenschirm komplett vorbei gegangen. Das prangere ich an.

von Kate Knibbs
31 März 2020, 3:30am

Foto: bereitgestellt von Torso Solutions

Wenn du dich bei deiner Outfit-Wahl nach dem Wetter richtest, musst du einiges beachten. Es ist kalt? Dann ist eine warme Mütze fast schon ein Muss. Die Sonne scheint? Dann reicht wahrscheinlich auch ein T-Shirt. Es ziehen dunkle Wolken auf? Dann packst du zur Sicherheit einen Regenschirm in deinen Rucksack. Einen mickrigen Regenschirm. Mal ehrlich: Wir haben Besseres verdient.

Regenschirme sind ein unzureichender Schutz gegen Niederschlag, ein halbherziger Versuch, dem schlechten Wetter zu trotzen. Sie nehmen auf den Gehwegen und U-Bahn-Treppen unnötig viel Platz ein und stoßen dabei oft anderen Passanten an den Kopf. Sie stülpen häufig schon bei einem lauen Lüftchen um und scheinen speziell dafür gefertigt, verloren zu gehen.

Genauso wie Bekannte, die sich bei einem zufälligen Treffen auf der Straße das leere Versprechen geben, endlich mal wieder etwas trinken zu gehen, redet sich auch jede Person mit einem Regenschirm eine beruhigende Lüge ein. Nämlich dass der Schirm sie wirklich trocken halten wird.


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Genauso wie Hämmer und Taschentücher sind Regenschirme zu alt, um eine definitive Entstehungsgeschichte zu haben. Vor mehr als 3.000 Jahren habe man im alten Ägypten und im Assyrischen Reich Schirme über Monarchen gehalten, um sie vor der Sonne zu schützen, schreibt Marion Rankine in ihrem Buch Brolliology: A History of the Umbrella in Life and Literature. Als Beweise führt die Autorin indische Freskomalereien aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus an. Außerdem verweist sie auf in China entdeckte Regenschirme, die dort zusammen mit dem Kriegsherren Wang Kuang vergraben wurden und auf das Jahr 25 vor Christus zurückgeführt werden können.

Alles wird optimiert, nur nicht der Regenschirm

1852 entwickelte der britische Unternehmer Samuel Fox schließlich den Regenschirm mit Metallgestänge, den wir heute kennen. Fox hat Regenschirme damit wohl zu einem Gebrauchsgegenstand für alle gemacht. Zuvor wurden sie vor allem aus teuren Walknochen hergestellt. Charles Dickens war wie besessen von Fox' Erfindung. Der Autor sah im Regenschirm eine Art symbolischen Charakter: Für viele seiner weiblichen Charaktere ist der Regenschirm ein Werkzeug der Wut – etwa für Mrs. Bagnet in Bleak House, die damit Leute piekt. Der Literaturkritiker John Bowen hat in Dickens' Werken mehr als 120 Erwähnungen von Regenschirmen gezählt.

Ein Regenschirm-Schriftsteller war der vor 150 Jahren verstorbene Dickens natürlich nicht. Seine wichtigsten Themen waren kriminelle Waisenkinder, spirituelles Leid und ein Weihnachtsgeist. Unsere Lebenswelt hat sich seit Charles Dickens radikal verändert. Nur die Anwesenheit von Regenschirmen nicht. Ein klarer Beweis für unsere Einfallslosigkeit.

Der Schirm bleibt trotz seiner Schwächen ein beliebtes Regenaccessoire. Diese Tatsache macht umso wütender, je mehr man das Ganze in Kontext setzt. Die Industrialisierung war und ist eine Katastrophe für die Umwelt. Worin wir Menschen jedoch schon immer ganz gut gewesen sind: Konsumgüter auf den neuesten Stand der Technik bringen. Das Auto hat die Kutsche schon lange ersetzt. Spielzeug ist inzwischen so viel mehr als die Reifen und Stöcke, mit denen sich Kinder vor 100 Jahren beschäftigt haben. Unsere Vorfahren mussten ein Feuer schüren, um zu kochen, während wir einfach nur die Knöpfe einer Mikrowelle drücken.

Der Regenschirm bildet hier die Ausnahme, denn er hat sich seit seiner Erfindung quasi kaum verändert. OK, der Stoff, der über die Metallspeichen gespannt ist, besteht heute aus Nylon und nicht mehr aus Seide. Dennoch wird uns hier ein Relikt alter Tage als modernes Hilfsmittel angedreht. Und auch wenn verschiedene Regenschirmhersteller ihre Produkte inzwischen mit GPS-Trackern und anderem technischen Schnickschnack ausstatten, kann ein Regenschirm, bei dem man jetzt zusätzlich noch einen Akku aufladen muss, kaum als Durchbruch gesehen werden.

Regenschirm-Bashing ist dementsprechend ein leichtes Spiel. 2002 veröffentlichte der Guardian etwa eine Kolumne mit dem Titel "Useless Things, Umbrellas". Und vor kurzem erschien auf der Medien-Website Tylt ein Artikel namens "Are Umbrellas Pointless AF?". Aber trotz des öffentlichen Grolls ändert sich nichts.

Unterm Strich kann man sagen: Der Regenschirm sollte als Relikt der Vergangenheit und nicht als Notwendigkeit gelten. Aber was soll ihn ersetzen?

Es gibt Alternativen, aber die Welt schaut weg

Ein langer, robuster Regenmantel ist wohl die kultivierteste Lösung, wenn man auch bei Niederschlag außer Haus muss. Wenn man sich jedoch allein auf ein solches Kleidungsstück verlässt, muss man auch damit klarkommen, trotzdem ungewollt nass zu werden. Und das können viele Leute nicht. Bei Regen einfach nicht rauszugehen, ist eine weitere Möglichkeit. Leider sind die meisten Menschen etwa durch ihre Arbeit gezwungen, auch dann die eigenen vier Wände zu verlassen, wenn es richtig schüttet.

Es bleibt also nur eine Option: der lange Zeit verschmähte Regenschirmhut. Obwohl das Konzept oft als absurd belächelt wurde, finde ich den Regenschirmhut viel eleganter als einen bloßen Regenschirm. Wenn man einfach einen Regenschutz an einer Kopfbedeckung anbringt, muss man keinen Stock mehr halten und hat beide Hände frei. OK, der Regenschirmhut sieht vielleicht etwas würdelos aus, aber das tun so viele andere Mützen auch. Also wen stört sowas? Anscheinend die meisten Menschen.

Zumindest im Fernsehen wirkte es so, als könnte Kaufman den freihändigen Regenschutz wirklich in den Mainstream bringen.

Mehrere Versuche, den Regenschirmhut zu etablieren, sind bereits gescheitert. Dabei sind oder waren die meisten Regenschirmhut-Enthusiasten liebenswerte, progressiv denkende Exzentriker. Robert W. Patten war zum Beispiel ein legendärer Bonvivant mit weißem Rauschebart, den jeder nur als "Umbrella Hat Man" kannte. Patten lebte in den 1890er Jahren auf einem Hausboot in Seattle und wurde schnell zu einer US-weiten Berühmtheit, weil er ständig einen selbstgebastelten Regenschirmhut trug und wirres Zeug redete. Dennoch setzte sich seine Kopfbedeckung nicht durch.

Lou Brock, ein ehemaliger Baseballspieler der St. Louis Cardinals, ist vor allem dafür bekannt, 1977 den Rekord für gestohlene Bases gebrochen zu haben. Aber auch seine Mühen zur Einführung eines Regenschirms für den Kopf sollten nicht vergessen werden. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellte Brock den "Brockabrella" vor und trug sein Accessoire zum Schutz vor Niederschlag auch oft an verregneten Spieltagen. Zwar verteilten die Cardinals Brocks Erfindung ab und an zu Promo-Zwecken an die Fans, aber abseits des Stadions kam sie nie wirklich an.

2010 stellte ein Unternehmer namens Alan Kaufman in der TV-Sendung Shark Tank eine moderne Version des Regenschirmhuts vor: Seine Firma Nubrella hatte eine Art Verdeck aus wetterbeständigem Material entwickelt, das wie ein Rucksack auf den Rücken geschnallt wird. Die Investoren bissen an und zumindest im Fernsehen wirkte es so, als könnte Kaufman den freihändigen Regenschutz wirklich in den Mainstream bringen. Dann hat der Unternehmer die Produktionsfirma hinter Shark Tank jedoch verklagt, weil er angeblich vorgeben musste, ein Investment erhalten zu haben – und weil ständige Wiederholungen der Sendung potenzielle Kunden wohl denken ließen, dass er eine veraltete Version seiner Erfindung verkaufte.

"Nubrella durchläuft gerade einige Veränderungen. Derzeit können wir keinen Kommentar zum Unternehmen und zum Produkt abgeben", schrieb Kaufman in einer E-Mail. Verdammt.

Die Zukunft ist vielleicht genauso dumm wie die Vergangenheit

Vielleicht ist ja ein Unternehmen, das normale Regenschirme als veraltet ansieht, offen für die Herstellung eines Regenschirmhuts. "Ich frage mich, ob Sie jemals über einen Regenschirmhut oder einen Mantel mit regenschirmähnlicher Kapuze nachgedacht haben", schreibe ich in einer Nachricht an Weatherman, also eine der Firmen, die "smarte" Regenschirme mit Bluetooth-Funktion anbietet. "Das sind tolle Ideen", antwortet ein Mitarbeiter aus dem Kundenservice, "wir werden sie auf jeden Fall an unser Designteam weiterleiten." Wenn ich auf dem Laufenden bleiben will, könne ich mich für den Newsletter des Unternehmens anmelden. Dann ist unsere Unterhaltung vorbei.

Als nächstes spreche ich mit Daniel Varghese, einem der Autoren des Guides zu Regenschirmen der Produktbewertungswebsite Wirecutter. Ich will wissen, ob das Team jemals ernsthaft Regenschirmhüte testen wollte. "Das wollten wir", sagt Varghese. "Aber die sind alle nicht sehr stabil gebaut und nerven die umstehenden Menschen."

Also bleibt uns vorerst nichts anderes übrig, als weiter den verdammten Regenschirm zu benutzen. Mittelmaß reicht uns hier wohl aus. Und die Zukunft ist vielleicht genauso dumm wie die Vergangenheit.

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