Sex

Heimlich das Kondom abgezogen: Betroffene erzählen von Stealthing

"Sein Trick, sich nichts einzufangen, wäre: Frauen zu bumsen, die in Beziehungen sind, denn die können ja nichts haben."
08 Januar 2020, 1:44pm
Eine Collage, die aus einer Frau und einem Kondom besteht, symbolisch für Stealthing, heimlich das Kondom beim Sex abzuziehen
Fotos: imago images | Westend61 || Photocase || Bearbeitung: VICE 

Stealthing, also das heimliche Entfernen des Kondoms oder das Verwenden von beschädigten Kondomen, ist kein "Sex-Trend", sondern ein sexueller Übergriff – der auch strafrechtlich verfolgt wird. Ende 2018 wurde in Deutschland zum ersten Mal ein Mann verurteilt, weil er das Kondom heimlich abgenommen hatte.

Die Konsequenzen sind oft nicht nur körperlicher Natur – also etwa Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien oder eine ungewollte Schwangerschaft. Wie sehr sich Betroffene schämen und schuldig fühlen, zeigt sich auch daran, dass die befragten Personen nur anonym interviewt werden wollten. Sieben Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen und welche Folgen es hatte, dass ihre Sexualpartner das Kondom heimlich entfernt haben.

Achtung Trigger-Warnung: Dieser Text enthält explizite Schilderungen von sexualisierter Gewalt, die unter Umständen retraumatisierend sein können.


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Rinesa, 31, Lehrerin aus Köln

Es war das zweite Tinder-Date. Das erste war recht kurz, aber schön – Spaziergang und Knutschen. Wir wollten uns schnell wieder sehen, eine Woche später dann das zweite Date. Wir waren in einem Restaurant, waren wieder spazieren und ich fand es irgendwie nicht mehr so schön, habe es aber trotzdem nicht beendet.

Es kam wieder zum Knutschen, er fing an, mich heftig zu befummeln und drängte mich, zu mir zu gehen. Ich war die ganze Zeit nicht wirklich bei der Sache, habe aber weiter mitgemacht, weil das erste Date so nett war. Wir sind also zu mir und er ist direkt über mich hergefallen. Er hat mir die Klamotten vom Leib gerissen, sich ausgezogen und ist direkt in mich eingedrungen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorspiel, ohne Kondom. Ich hab ihn von mir weggedrückt, ihn gefragt, was das soll, und ihm ein Kondom gegeben. Seine Reaktion war wortwörtlich: "Ich hab doch gar nichts gemacht."

Mir wird kotzübel, wenn ich jetzt daran denke. In dem Moment war ich aber einfach wie betäubt und habe es über mich ergehen lassen. Er hat sich dann auch das Kondom übergezogen und direkt weitergemacht. Ich war die ganze Zeit nicht wirklich bei der Sache. Das hat er auch gemerkt, er hat nämlich gefragt, ob alles in Ordnung ist. Normalerweise würde ich mich als stark und emanzipiert genug bezeichnen, in dem Moment war ich aber zu schwach und ängstlich. Immerhin war da ein fremder Mann in meiner Wohnung und ich lebe allein. Ich habe also einfach die Augen geschlossen und gehofft, dass es bald vorbei ist.

Dabei hat er das Kondom dann nochmal abgezogen und ohne weitergemacht. Er wusste nicht, dass ich die Pille nehme, weil wir nie darüber gesprochen haben. Ich habe die Augen einfach nicht mehr geöffnet. Irgendwann wurde es ihm aber glücklicherweise zu blöd mit mir und er ist gegangen. Er hat gesagt, dass ich mich melden soll, wenn ich wieder "fitter" bin. Ich hab ihm am nächsten Tag geschrieben, dass sein Verhalten absolut scheiße und übergriffig war. Daraufhin hat er sich zwar entschuldigt, aber ich denke nicht, dass ihm wirklich bewusst ist, was er getan hat. Danach habe ich seine Nummer blockiert.

Mirko, 27, Sozialarbeiter aus Wien

Ich glaube, in der LGBTIQ-Community ist grundsätzlich schon das Bewusstsein da, dass Kondome ein wichtiger Schutz sind, um sich mit nichts anzustecken. Aber Stealthing passiert nicht nur in heterosexuellen Beziehungen und darüber wird viel zu wenig gesprochen. Ich bin schon sehr oft mit Männern nach Hause gegangen, die sich plötzlich geweigert haben, ein Kondom zu verwenden. Das ist jedes Mal sehr unangenehm geendet, weil ich keinen unverhüteten Sex wollte.

Einmal hatte ich ein Date mit einem Mann – so Ende 30 –, den ich auf Grindr kennengelernt habe. Wir sind ziemlich betrunken zu mir, ich habe während des Geschlechtsverkehrs nicht gemerkt, dass er das Kondom abgezogen hat. Aber ich habe dann gespürt, wie er in mir gekommen ist. Ich war außer mir, er hat versucht zu beschwichtigen. Ich habe ihn dann in Unterhose rausgeschmissen und ihm seine Sachen nachgeworfen. Am nächsten Morgen, als ich so richtig verstanden habe, was passiert war, habe ich ihm nochmal geschrieben, woraufhin er mich blockiert hat. Das war ziemlich übel und ich wusste damals nicht, dass es PrEP, ein Medikament zur HIV-Prophylaxe, gibt. Die sechs Wochen, die ich warten musste, bis ich mich testen lassen konnte, waren die schlimmsten, schlussendlich war der Test aber negativ.

Anna, 24, Studentin aus Wien

Ich hatte etwas mit einem Typen, den ich flüchtig schon einige Jahre kannte. Wir sind uns an diesem Abend zum ersten Mal näher gekommen. Bis wir bei mir waren, war alles gut. Wir wussten beide, worauf das hinausläuft. Unmittelbar vorm Sex fing eine Diskussion über das Kondom an, er wollte keins verwenden und hatte natürlich auch keins mit. Nach schwerster Überzeugungsarbeit haben wir dann ein Kondom verwendet. Ich bin gekommen – er nicht. Ich habe mich total schlecht gefühlt, weil er "zu kurz gekommen" ist.

Nach dem Sex sind wir beide eingeschlafen, aber ich bin aufgewacht, weil er versucht hat, anal in mich einzudringen – natürlich ohne Schutz. Wir haben davor über Analsex gesprochen und ich war ausdrücklich dagegen. Es fällt mir heute noch schwer, darüber zu sprechen und das, obwohl ich mittlerweile weiß, dass es keinen Grund gibt, mich zu schämen.

Elisabeth, 46, freie Dienstnehmerin aus Wien

Ich habe einen Mann aus Deutschland auf einem Konzert kennengelernt, wir hatten über Wochen intensiven Kontakt und haben ein Treffen in der Mitte unserer beiden Wohnorte organisiert. Ich machte ihm vorab unmissverständlich klar, dass ich keine hormonellen Kontrazeptiva verwende und auf Kondome bestehe – das war für ihn kein Problem. Im Gegenteil, er meinte, darauf würde auch er größten Wert legen. Wir landeten bei unserem Treffen schnell im Bett und amüsierten uns noch, weil er genauso Kondome mitgebracht hatte wie ich – sogar dieselbe Marke. Ich streifte ihm eines davon über und wir schliefen miteinander. Danach wollte ich ins Bad gehen und bat ihn, mir das benutzte Kondom zu geben, verwundert, weil er es selbst noch nicht entsorgt hatte. Er deutete auf Fußende des Bettes und meinte, es würde da irgendwo liegen, denn er hätte es "abgemacht, weil es sich für ihn nicht richtig angefühlt" hätte. Ich sprang aus dem Bett und fühlte es zwischen meinen Beinen laufen.

Ich wusste, dass ich in der fruchtbaren Phase meines Zyklus war und war hin- und hergerissen zwischen blanker Wut und Entsetzen, fühlte mich so grausam benutzt. Ich habe ihn natürlich angeschrien, er hat sich einfach umgedreht und jegliches Gespräch abgelehnt. Ich bin am nächsten Morgen so früh wie möglich von dort weg, dann begann natürlich das bange Warten.

Na ja, ich war schwanger. Ich habe zu dieser Zeit zwei Kinder alleine erzogen, ein drittes hätte ich nicht geschafft. Als ich ihm gesagt habe, dass ich schwanger bin, hat er mir nicht geglaubt. Er habe noch nie eine Frau geschwängert und woher solle er wissen, mit wem ich es bei mir zu Hause so treibe? Ich hatte keine finanziellen Ressourcen, um eine Abtreibung, die damals um die 450 Euro kostete, alleine zu stemmen. Ich borgte mir unter einem Vorwand Geld von meinem Vater aus und unterzog mich dem Abbruch. So ganz alleine war das wirklich nicht leicht. Vor allem, weil vor der Tür des Instituts drei Abtreibungsgegnerinnen harrten, die mich zuerst mit Babybildern und "Mami, BITTE bring mich nicht um!"-Rufen konfrontierten und mich dann anschrien, ich würde in die Hölle kommen.

Diese Schwangerschaft wäre für mich und meine Kinder existenzbedrohend gewesen. Der unfreiwillig ungeschützte Geschlechtsakt hat mein Vertrauen in vieles von Grund auf erschüttert. Ich musste mich danach Stück für Stück wieder selbst zusammensetzen. Dann habe ich dem Typen an seine Arbeitsadresse einen Brief geschrieben, mit einer Kopie der Rechnung vom Abbruch, mit dem ausgedruckten Chatprotokoll, wo er schrieb, welch großen Wert er auf Kondome legen würde, mit meiner Kontonummer und dem Hinweis, dass ich beim nächsten mal kein "persönlich zu Händen von" auf dem Umschlag schreiben würde. Er hat mir ohne weiteren Kommentar die Hälfte der Kosten überwiesen. Klar wäre es mir lieber gewesen, er hätte den vollen Betrag gezahlt, aber ich hatte dennoch meine Selbstbestimmtheit wieder erlangt.

Diana, 35, Sozialpädagogin aus Fulda

Mein damaliger Freund und ich haben mit Kondomen verhütet, allerdings zog ich während meiner Periode nicht nur ein Tampon raus, sondern auch die Spitze eines Kondoms. Ich habe ihn damit konfrontiert, er erwiderte, er hätte sich nichts dabei gedacht – obwohl er gemerkt hat, dass das Kondom gerissen ist. Ich war fassungslos, mal abgesehen davon, dass ein Stück Gummi dabei war, es sich in mir gemütlich zu machen, hätte ich ungewollt schwanger sein können. Das juckte ihn nicht im Geringsten, seine Antwort war: "Wäre ja nicht mein Problem gewesen."

Meine zweite Erfahrung mit Stealthing ist ebenfalls passiert, als ich in einer Beziehung war. Eigentlich verhüteten wir auch mit Kondomen, aber ich habe dann mit der Pille angefangen und mich auf Sex ohne Kondom eingelassen. Er hat mir versichert, dass er getestet sei und sicher keine Geschlechtskrankheiten hat.

Direkt nach dem Sex hat er mir gestanden, dass er sich doch nicht hat testen lassen. Er hat auch gesagt, dass er in seinem ganzen Leben vielleicht drei Gummis benutzt hat. Sein Trick, sich nichts einzufangen, wäre: Frauen zu bumsen, die in Beziehungen sind, denn die können ja nichts haben. Das Ergebnis seines "Tricks": Ich hatte Chlamydien. Daraufhin habe ich ihn einen HIV-Test machen lassen, der zum Glück negativ war. Ich habe mich dann von ihm getrennt und bin ausgezogen.

Magdalena, 30, Journalistin aus Wien

Ich habe zwei Erfahrungen mit Stealthing gemacht, wobei die zweite an Vergewaltigung grenzt. Es ist wirklich hart für mich, das so auszusprechen, aber es war ein sexueller Übergriff. Ich hadere mit der Formulierung deshalb, weil der eigentliche Akt im Einverständnis passiert ist, aber eben ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Ich hatte eine Affäre mit einem Fußballer, wir haben bei ihm zu Hause herumgemacht, es hat Spaß gemacht, aber ich habe ihm gesagt, dass ich nicht ohne Kondom mit ihm schlafen will. Er hat es irgendwann ignoriert und ist einfach in mich eingedrungen ohne Kondom, obwohl ich das nicht wollte. Ich habe mich auch gewehrt, aber es dann zugelassen, da er viel größer und stärker war als ich. Widerstand hätte nichts gebracht.

Er ist dann relativ schnell gekommen. Es hat körperlich nicht wehgetan, weil mein Körper an sich vom Rummachen davor ja auf Sex vorbereitet war – soweit die biologischen Details –, aber ich habe mich wie der letzte Dreck gefühlt. Ich bin danach gegangen, habe mich in mein Auto gesetzt und bin am nächsten Tag in die Apotheke gefahren. Zu diesem Zeitpunkt hat man zum Glück schon die Pille danach ohne Verordnung bekommen – ohne Verordnung, aber mit Vortrag des Apothekers. Auch dabei habe ich zum Glück keine Krankheit davongetragen. Ich hab den Fußballer danach nie wieder gesehen, zumindest nicht "in echt".

Marie, 28, Studentin aus Innsbruck

Während mein – für mein sexuelles Interesse – verspätetes erstes Mal ganz klassisch und brav mit Kondom im Kinderzimmer meines damaligen Freundes ablief, wurde ich schon bald später aus meiner kitschigen Liebe-Mach-Phantasie auf Augenhöhe gerissen. Ich habe mehrere Erfahrungen mit Männern gemacht, die sich geweigert haben, ein Kondom überziehen – vom Mathematiker weiter zum Pharmazie-Studenten bis zum Oberarzt. Einem begegnete ich beim Ausgehen. Hübsch, semi-eloquent und zwei Jahre jünger. Auf einem Ball schenkte er mir mein Weinglas viel zu oft ein. Natürlich flirtete ich mit ihm und tanzte einen Tick zu leidenschaftlich.

Ich sagte mir später, es sei meine Schuld, dass er mich irgendwann ganz angeturnt in Richtung Herrentoilette zog und mir dort die Strumpfhose zerriss. Ich war zu betrunken, um meinem wiederholten "Nein, ich will das nicht!" auch Taten folgen zu lassen. Dass der kurze, widerliche Sex ohne Kondom oder Vorgespräche stattfand, war für ihn fast selbstverständlich. Als ich am Tag darauf bei seinen Eltern zu Hause anrief, um über alles zu reden, suchte er Ausflüchte, um mich nie mehr wieder zu sehen. Immerhin nahm ich schon seit Jahren vorsorglich die Pille. Mein Eigeninteresse an konsequenter Verhütung sollte sich seitdem nicht ändern. Ebenso folgte auch eine HPV-3fach-Impfung.

Aber auch in langjährigen Beziehungen habe ich immer wieder erlebt, wie sehr sich Männer gegen Kondome wehren. Mein Ex-Freund, mit dem ich vier Jahre zusammen war, legte mir vor dem ersten Sex einen frischen HIV-Test vor die Nase. Da ich mich nach jedem Partner selbst zum Nerv meiner Ärzte testen ließ, passte die Sache für mich. Er sagte irgendwann: "Ich mag keine Kondome, da spür ich nichts und du bist ja quasi noch Jungfrau, was soll da sein?" Im Nachhinein erfuhr ich, dass er mich all die Jahre betrogen hatte. Ob er Kondome verwendet hat, weiß ich bis heute nicht. Durch ihn – so stellte man später fest – litt ich wiederholt an Harnwegsinfekten und einer schweren, fast lebensbedrohlichen Nierenbeckenentzündung. Selbst in der Zeit, in der ich Antibiotika nahm, weigerte er sich kategorisch, ein Kondom zu verwenden. "Ich spüre nichts, ich brauche das nicht und ich ziehe ihn einfach raus!" Er war so dominant, dass ich ihm nichts entgegensetzen konnte.

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