Menschen

Menschen erzählen, wie sich die Pandemie auf ihre Freundschaften auswirkt

"Mein Kumpel hat Regeln immer frei ausgelegt. Vor Corona war das auch noch lustig." – Dan, 36
Hannah Smothers
Brooklyn, US
7.12.20
Eine junge Frau, die ihren Geburtstag zu Hause via Zoom feiert
Symbolfoto: dtephoto / Getty 

Leah, 28 Jahre alt und aus Texas, hatte seit Monaten Streit mit ihrer besten Freundin in Florida. Dabei waren die beiden seit mehr als zehn Jahren befreundet. Leah aber nahm die Corona-Pandemie viel ernster: Sie ging nicht mehr an öffentliche Plätze und sagte sogar ihre Hochzeit ab. Ihre beste Freundin ging dagegen in Florida weiterhin in Bars und besuchte sogar Disney World.

"Sie postete ein Bild auf Instagram aus einer Bar", sagte Leah. "Wenn du etwas in den sozialen Medien teilst, dürfen andere es kritisieren. Also war ich wütend auf sie und wir haben für eine ganze Woche nicht miteinander geredet."

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Leahs Freundin erklärte ihr, dass sie vor ihrem Barbesuch auf Antikörper getestet wurde. Wie dieser Test sie oder irgendjemand anderen davor schützen sollte, sich mit Corona anzustecken, blieb unklar. Sie lehnte es auch ab, nicht mehr in Bars zu gehen. Leah konnte die Freundschaft nur aufrechterhalten, in dem ihre Freundin in allen sozialen Medien aus ihren Freundeslisten verbannte und die Pandemie ihr gegenüber gar nicht mehr ansprach. Den Kontakt ganz abzubrechen kam für Leah aber nicht in Frage. "Das ist eine sehr wichtige Freundschaft für mich. Und ich habe nicht wirklich viele enge Freunde."  

Nach fast einem Jahr Pandemie spüren viele Menschen, wie  sich Corona auf unsere Freundschaften auswirkt. Unterschiedliche Ansichten werden offensichtlich. Einigen Menschen fällt auf, dass ihre engen Freundschaften in einer Pandemie genauso viel wert sind wie ihre Bekanntschaften. Andere wiederum sehnen sich einfach nach der Zeit vor der Pandemie – und melden sich deswegen wieder bei Kindheitsfreunden oder Leuten aus der Schulzeit. 


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Dan, 36

Dan Gentile, 36, beendete die Freundschaft zu seinem Mitbewohner aufgrund verschiedener Auffassungen, was das richtige Verhalten in einer Pandemie angeht. Die beiden waren seit einem Jahr Mitbewohner und verstanden sich gut – bis Corona kam. 

"Wir haben unterschiedliche Toleranzen, was Risiken angeht. Ich war sehr viel weniger risikofreudig als er," sagte Dan.  "Er hat Regeln immer frei ausgelegt. Vor Corona war das auch noch lustig. Aber die Konsequenzen waren da auch nicht so gravierend, wenn er zum Beispiel im Halteverbot geparkt hat." 

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Was vor der Krise lustig war, wurde nach Corona gefährlich: obwohl die nachlässige Art seines Mitbewohners Dan vorher nie gestört hatte, bedeutete sie jetzt ein Risiko für ihn. Im Endeffekt zog Dan aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Megan, 34

Auch Meghan O’Dea, 34 Jahre alt, zog erst vor Kurzem in eine neue Stadt, bevor die Pandemie begann. Anders als Dan lebte sie allerdings alleine und kannte nur ein paar Leute in Nashville, als sie Ende 2019 dorthin zog. "In den vier Monaten, die ich vor der Pandemie in Nashville hatte, habe ich nicht wirklich ein soziales Netz aufgebaut," sagte sie. "Als die Pandemie da war, habe ich mich gefragt, wie ich jetzt in einer neuen Stadt Menschen kennenlernen soll."

Obwohl ihre alten Freunde aus Portland überall im Land verteilt lebten, brachte sie die soziale Isolation plötzlich zusammen. "Ich war überrascht, wie unwichtig geographische Nähe für emotionale Offenheit sein kann," sagte sie. Tatsächlich halfen Meghan auch neue Bekanntschaften aus Nashville durch die einsame Isolationszeit, obwohl andere enge Freunde sich nicht meldeten. Die Pandemie zeigte ihr, dass die Länge einer Freundschaft und geographische Nähe nicht immer ausschlaggebend sind. 

"In der Pandemie fühlen sich all diese Freundschaften ähnlich an," sagt sie. Egal ob sie mit jemandem täglich über Zoom sprach oder nur gelegentlich Instagram-Nachrichten austauschte, war doch jeder freundschaftliche Austausch wertvoll. 

Meghan fand schließlich einen Weg, um regelmäßig mit einer Freundin in Kontakt zu bleiben: einen Buchclub. "Wir sprechen jede Woche über das Kapitel, was wir gelesen haben, aber letztendlich bleibst du so auch einfach bei der anderen Person auf dem Laufenden. Es ist einfach eine gute Ausrede, um einander anzurufen. Wenn du den ganzen Tag wegen deiner Arbeit auf Zoom bist, kostet es Überwindung, es auch für soziale Zwecke zu benutzen. Aber durch den Buchklub gibt es weniger Druck." 

Alex, 25

Alex Lleras, 25, betont ebenfalls, wie wichtig regelmäßige Kommunikation ist, um oberflächlichen Smalltalk zu vermeiden. Sie und eine Gruppe von Freunden aus ihrer Schulzeit treffen sich wöchentlich auf Facetime. Jeden Donnerstag um neun heißt es dann: "Wein und Weinen." Während alle anderen Menschen auf diesem Planeten nach und nach die Lust verlieren,  ihre Lieblingsmenschen auf Bildschirmen zu sehen, haben Alex und ihre Freunde furchtlos durchgehalten. 

"Vor der Pandemie haben wir uns alle paar Monate mal gesehen," sagt Alex. "Und dann ist es immer so komisch, weil man erstmal alles durchkauen muss, was in der Zwischenzeit passiert ist. Aber jetzt wissen wir alle, was bei jedem los ist. Dadurch sind unsere Freundschaften sehr viel enger geworden."

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Die Regelmäßigkeit ist entscheidend. Alex betont, dass sie nie die großen, schwierigen Fragen stellen müssen, weil sie wöchentlich ungefähr eine Stunde telefonieren. Meistens passiert gerade nichts Neues. Sie tratschen, kotzen sich aus, es ist fast wie eine Soap. Das lenkt von der Realität ab und macht die Freundschaft nur intensiver. 

Ellen, 29 & Maren, 29

Alex ist nicht die einzige, die wieder mit Freunden aus der Schulzeit in Kontakt getreten ist. Ellen Payne, und Maren McGlashen, beide 29, berichten, dass sie noch nie häufiger miteinander Kontakt gehabt haben als während der Pandemie. Die beiden sind seit dem Kindergarten beste Freundinnen, aber nachdem sie von Zuhause weggezogen sind – Ellen nach Portland und Maren nach New York City – haben sie immer seltener miteinander kommuniziert und sich vielleicht einmal im Jahr gesehen. Nachdem sie angefangen haben, Zoom zu nutzen, sehen sie sich endlich wieder öfter. 

Sie reden über alles: über Ellens Verlobung früh in diesem Jahr, über Marens Corona-Diagnose bis zu "dummen" Fernsehserien, die beide gucken.Zurück zu Leah aus Texas, die sich wegen Corona von ihrer besten Freundin in Florida entfremdet hat. Sie ist unsicher, wie ihre nun turbulente Freundschaft in Zukunft aussehen wird. "Ich hoffe, dass es sich mit der Zeit bessert, aber ich hege noch einen Groll gegen sie. Ich fürchte, dass ich nachtragend sein werde, auch noch lange nach der Pandemie." 

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