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rekrutierung

Die Bundeswehr-Abenteuercamps für Schüler werden immer beliebter

Und laut einer offiziellen Antwort der Bundesregierung wurde dabei ein Mädchen verletzt – auf ziemliche absurde Art.

von Tim Geyer
31 August 2017, 1:58pm

Wie bereitet man sich am besten auf den Soldatenberuf vor? Mit Lagerfeuermachen, Zeltaufbauen und Frisbeespielen. Zumindest wenn es nach der Bundeswehr geht, gehören diese Aktivitäten unbedingt dazu, wenn sie Schülern in Ferien- und Abenteuercamps die Welt von Soldaten erklärt.

Die Bundeswehr veranstaltet diese Camps seit 2012 in ganz Deutschland. Sie sind Teil der Werbemaßnahmen, die laut eigenen Angaben 16- bis 17-Jährige, in Einzelfällen auch jüngere Leute, von einer Bundeswehrlaufbahn überzeugen sollen. Und die Methode funktioniert. Das belegt jetzt die Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Demnach haben 2012 etwa 1.000 Jugendliche an den Ferienlagern teilgenommen. Alleine in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres 2017 stiegen aber schon 2.066 Jugendliche vorübergehend in die Uniform. Auch die Zahl minderjähriger Bundeswehrrekruten ist laut dem Linken-Bundestagsabgeordneten Norbert Müller von 689 (2011) auf 1.907 (2016) gestiegen. Müller ist Co-Autor der kleinen Anfrage und außerdem kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linksfraktion.


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An den Erlebniswochen beteiligen sich Marine, Luftwaffe und das Heer. Dort können die Jugendlichen bei Gebirgsjägern, Sanitäts- und Panzereinheiten reinschnuppern. Oder sie hängen bei den coolen Kids vom Cyber-Kommando ab, um dort ein Netzwerk aufzubauen und dessen Funktionen "mit zwei aktuellen Games" zu testen. Waffenfreaks müssen wir allerdings enttäuschen, geballert wird in keinem der Camps. Doch wenn schon keine Kugeln fliegen, dann zumindest Frisbees.

Wie aus der Antwort auf die kleine Anfrage hervorgeht, hatte sich im Juni 2017 eine minderjährige Campteilnehmerin beim Frisbeespielen verletzt. Insgesamt gab es seit Beginn des Programms fünf Unfälle. Die genauen Inhalte der jeweiligen Camps teilt die Bundeswehr aber öffentlich nicht mit. Die Werbevideos legen aber nahe, dass es dabei eher um Spaß und Sport geht als um wirkliche Konfrontation mit dem Soldatenberuf. In der Vergangenheit hat die Bundeswehr auch gemeinsam mit der BRAVO sogenannte Bundeswehr-Adventure-Camps veranstaltet. Die Teilnehmer flogen 2012 nach Sardinien, für "krasse Wasserwettkämpfe, crazy Strandspiele und coole Beachpartys". Das zugehörige Werbevideo wirkt so, als ginge es um eine Abifahrt nach El Arenal. Für den Aufenthalt von 31 Teilnehmern unter der Obhut des taktischen Ausbildungskommandos der Luftwaffe Italien machte die Bundeswehr 20.000 Euro locker.

Wenn die Werbemaßnahmen der Bundeswehr in ihrer anbiedernden Art teilweise verzweifelt wirken, dann könnte es daran liegen, dass sie es sind. Der Bundeswehr ist nach dem Ende der Wehrpflicht ihr wichtigstes Rekrutierungstool weggebrochen. Sie ist daher gezwungen, intensiver um Nachwuchs zu werben. Neben der "Mach, was wirklich zählt"-Plakatkampagne setzte die Bundeswehr dabei auch auf die sozialen Medien und ließ die YouTube-Serie Die Rekruten drehen, und hat mittlerweile 270.000 Abonnenten.

Der Linken-Abgeordnete Norbert Müller beurteilt das gegenüber VICE weniger euphorisch: "Dass die Bundeswehr gezielt auf die Rekrutierung Minderjähriger setzt, finde ich skandalös." Die Werbekampagnen zeichneten sich oft durch geringe Faktenorientierung und einen geringen Informationsgehalt aus: "Die Bundeswehr wirbt immer wieder mit wissenschaftlich umstrittenen Aussagen und stellt die Komplexität des Soldatenberufes sowie die damit einhergehenden Gefahren nicht ausreichend dar." Werbung sei nicht die richtige Form, sich mit Fragen von Krieg und Frieden auseinanderzusetzen. "Auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat die Bundesregierung in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert, alle Formen von Werbung, die auf Minderjährige zielen, zu unterlassen", sagt Müller.

Die Bundesregierung teilt in ihrer Antwort dagegen mit, dass sie sich durch die wachsende Nachfrage an den Camps bestätigt sieht. Das zeige "das verstärkte Interesse von Jugendlichen, den 'Arbeitsplatz Bundeswehr' [...] vor Ort näher kennenzulernen [...] und erste authentische Eindrücke über den Arbeitgeber Bundeswehr für eine konkrete Bewerbung zu erlangen".

Doch hohe Nachfrage hin oder her – am Ende bleibt die Frage, ob dich ein bisschen Abenteuerurlaub wirklich gut genug darüber informiert, wie es ist, im Hubschrauber durch afghanisches Talibangebiet zu fliegen und auf den Einschlag einer Rakete zu warten.

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