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Throwback

Damals, als Raab die größten Musiker mit peinlichen & lustigen Momenten in die Knie zwang

Britney wurde beleidigt, Eminem lernte Schimpfwörter und Kollegah durfte schleimen – Interviews mit Stefan Raab waren das beste Chaos.

von Tamara Güclü
01 Februar 2018, 11:06am

Fotos: Screenshot via YouTube aus dem Video "Kollegah und Farid Bang bei TV total" von MySpassde | imago/teutopress | Screenshot via YouTube aus dem Video "Eminem-Mania bei TV total - TV total" von MySpassde

Steile These, aber würde es TV Total mit Stefan Raab heute noch geben, es würde nach fast jeder Folge ein empörter Shitstorm losbrechen. Nicht etwa wegen der Kalauer-Gags zu Beginn der Show, sondern wegen der Interviews mit seinen hochkarätigen Gästen. Denn in Zeiten von hochsensiblen Ethik-Debatten und #MeToo wäre ein Raab mit seinen Sprüchen der Elefant im Political Correctness-Porzellanladen.

Fast 20 Jahre lang war der Kölner einer der führenden Chaoten in Sachen TV-Unterhaltung und grinste uns als hyperaktiver Vivasion-Reporter auf VIVA, als Host von Deutschlands Dauerfernsehsendung TV Total oder Erfinder bescheuert-genialer TV-Events wie der WOK WM oder Schlag den Raab siegessicher aus dem Fernseher an. Auch wenn wir davon irgendwann wirklich genug hatten, brachte doch niemand internationale Superstars zu solch abstrusen Dingen wie der gute Stefan. Da er auf einstudierte Konventionen pfiff und seine Gäste lieber mit Instrumenten, Schimpfwörtern und Dialekten aus der Komfortzone riss, entstanden Situationen, die uns bis heute unterhalten.

Wir haben ein Best Of seiner trashigsten, lustigsten und manchmal auch peinlichsten Momente in Interviews gesammelt und bewertet.

Will Smith und das "Men in Black"-Cover auf der Ukulele

Stefan Raab drehte komplett frei, als sich Will Smith zu ihm auf seine Hotelcouch setzt. Anstatt ihn mit langweiligen Promo-Fragen zu irgendeinem aktuellen Film zu nerven, packt Raab einfach zwei Ukulelen aus. Und so beginnt die wohl denkwürdigste Begegnung aller Zeiten im deutschen Fernsehen zwischen zwei notorischen Scherzkeksen. Wie Raab da selbstbewusst "Men in Black" anstimmt und sie gemeinsam dazu jammen, ihre Köpfe im Takt drehen und am Ende Raab wie ein aufgedrehtes Kind im Supermarkt auf dem Boden liegt und heult, ist schon erstklassiges Entertainment.

Urteil: Bestnote 10/10, weil unübertroffenes All-Time-Highlight. (Mit ziemlicher Sicherheit die Inspiration für James Cordens Carpool-Karaoke)


Kylie Minogue lernt Kölsch und wird angespuckt

Banana Republic-T-Shirt über Longsleeve? Das schreit nach Anfang der Nuller-Jahre, als Geschmack (in der Rückschau) gerade Pause hatte und dafür Spontanität und Blödelei bei Raab auf dem Zenith schienen. Die gute Kylie – nein, nicht Jenner, Kylie Minogue! – scheint zuckersüß und gut gelaunt, schämt sich aber zu Beginn etwas, als der völlig ausgeflippte Raab sich vor ihr auf den Boden wirft, um "ihr Stier" zu sein. Doch dann: Die Pop-Sängerin und der verrückte rheinländische Jung reden zusammen in Kölscher Mundart. Er sagt was vor, sie sagt es nach. Bei der Frage "Biste jot drop?", was auf Hochdeutsch so viel heißen soll wie "Bist du gut drauf?", spuckt er ihr aus Versehen immer wieder ins Gesicht. Aber die australische Pop-Sängerin bleibt überraschend cool, sagt nur: "If you do that again I’m gonna slap you." Als er tatsächlich beim dritten Anlauf immer noch wie ein Lama spuckt, gibt sie ihm die angekündigte Schelle, nicht ohne aber – wie abgemacht – auf die Frage, ob sie "jot drop" sei mit "jo jo dat" antwortet. Und um wie selbstverständlich auf Raabs Kompliment, dass sie ein "lecker Mädsche" sei, mit "Hasse räsch!" zu antworten. Zum Schluss singen sie allen Ernstes zusammen die Kölner Lokal-Hymne von den Bläck Fööss: "Mer losse d'r Dom en Kölle" - Truly "sensational", wie Raab abschließend findet.

Urteil: 8/10, weil wir es trotz des hohen Fremdscham-Faktors zu sehr genießen, Kylie Minogue mal in Kölsch zu hören.


Britney Spears muss sich beleidigenden Song anhören

Interviewtermin in einem Kölner Hotel im Jahr 2002. Raab sitzt wie immer der Schalk tief im Nacken und er stimmt sich auf das bevorstehende Gespräch mit der damals blutjungen Pop-Prinzessin (20) aus den USA ein. Und zwar, indem er vor dem Hotel den wartenden Fans erstmal verklickert, dass ihr Idol nur hinauskommt, wenn sie laut "Britney, du Pfeife, komm raus!" brüllen. Ebenfalls von den Fans sehnsüchtig erwartet: die Boyband B3 (an die sich der ein oder andere deutlich vor 2000 Geborene vielleicht noch erinnert). Was genau die New Yorker Cutiepies und Britney verbindet, wird nicht aufgeklärt, ist aber auch wumpe. Im Hotel außerdem anwesend: DJ Bobo und keine Sau weiß, wieso. Dann geht’s direkt mitten rein ins Fremdschämen, denn Raab singt seiner Angebeteten ein selbstkomponiertes Ständchen: "The way you dance gives me joy, but you never fucked a boy!" Aua. Aber es wird noch besser: "Your song has a million hits, I love u so much baby, and your silicon tits." Die Sängerin selbst bleibt teeniemäßig süß und kichert nur vor sich hin. Sexismus im Jahr 2002 ist halt noch kein großes Thema im TV.

Urteil: 2/10, immerhin für die Eier, das durchzuziehen. Aber eher einer der übleren Raab-Jokes.


Eminem lernt deutsche Schimpfwörter und freestylt auf einen Schlagersong

Eminem kommt 2009 mit Mundschutz, bestimmt wegen "Schweinegrippe", wie Raab konstatiert. Daraufhin fake-niest der Detroiter Rapper erst mal genüsslich, erzählt ein bisschen was von der Albumpromo-Tour und lässt sich dann aber sehr bald zu Blödsinn hinreißen. Als Em erfährt, dass er im deutschen Fernsehen nahezu unzensiert fluchen darf, brüllt er völlig kontextbefreit: "I’m gay, hey look, it’s raining dicks." Genau Raabs Humor. Dann drehen beide so richtig durch. "Freifickmuschi" wird Eminem neues Lieblingswort, das er daraufhin immer wieder mal rausballert. Gott allein weiß, wieso. Auf einen kurzen Exkurs in seine vergangenen Jahre – viele Drogen, viel mastubieren, viele Runden Pacman zocken, seit einem Jahr clean – folgt die unvermeidliche musikalische Jam Session zwischen Eminem und Stefan Raab.

Der Rapper freestylt frech und gekonnt auf den Beat des deutschen ChaChaCha-Schlagersongs "Zucker im Kaffee" – dessen Hook Raab parallel dazu singt. Und Em lässt es sich nicht nehmen mitten drin ein paar Mal "Freifickmuschi" einzubauen. Sein Fazit:
"For real homie, we killed it, son!" EMINEM = LEGENDE.

Urteil: 9/10 für Ems Scheiß drauf-Haltung und seine unübertroffenen Freestyle-Skills.


Jay Z muss einen Filzhut tragen und zu Oktoberfest-Musik rappen

Wiesn-Musik trifft auf peinlichen Hut trifft auf einen der legendärsten Rapper aller Zeiten trifft auf einen Raab, dem letzteres scheißegal zu sein scheint. "It’s a German traditional Filzhut, you want one?", bietet Raab 2009 seinem New Yorker Gegenüber diese traditionelle Kopfbedeckung an. Aber eigentlich wollte Jay nur sein neues Album The Blueprint 3 bewerben. Doch jetzt sitzt er mit Filzhut da und schon erklingen die Sounds der Studioband The Heavy Tones. "One, two, three – Oktoberfest in da house", grölt Raab und dann jammen Jay und er zu Jolladihü-Gesängen plus groovigen "Yeah"-Einlagen vom Rapper-Genius. Der bleibt trotz anfänglicher Skepsis über Hut und Mucke gelassen und zieht durch. Seine beschwichtigende Geste, als das Publikum den Applaus einfach nicht stoppen will, ist die Krönung des Auftritts und kommt uns verdächtig bekannt vor.

Urteil: 7/10, weil Jay-Z so cool bleibt und Raab zum Glück absolut nichts heilig ist.


50 Cent und die "Fake Tits"

Wenn "In da Club"-Rapper und aktueller Bitcoin-Millionär Fifty im Jahr 2011 bei Stefan auf der Couch Platz nimmt, ist die Themenwahl doch relativ schnell geklärt. Sein damals aktueller Kinofilm (All Things Fall Apart), Geld, Frauen und ein bisschen Musik. Also kurz das Promo-Gedöns abfrühstücken, dann erkundigt sich Raab nach dem Verbleib des 50 Cent-Anwesens: "37 Bäder, 19 Schlafzimmer, das letzte Mal sagtest du, du willst dein Haus verkaufen, oder?" – "Ja stimmt", gibt der Rapper zu. Doch auch er müsse ja ab und an mal das Bad benutzen, also habe er die Hütte vorerst behalten. Außerdem beherberge er ja auch einen privaten Nachtclub darin, mit Platz für 1500 Menschen – so etwas gibt man nicht so gern auf. Über das Treffen mit Micaela Schäfer, die wohl auch auf dem roten Teppich seiner Berlin-Film-Premiere am Vorabend war, will Raab nur wissen, ob er sich denn an die Dame mit den "Fake Tits" erinnern könne. Wieder schön eine Mark eingezahlt in die Sexismus-Kasse. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, dass 50 sich bei dieser Beschreibung tatsächlich an Frau Schäfer erinnern kann. Am Ende wird noch ein wenig zu "P.I.M.P." gegroovt, Raab tanzt wie ein echter Alman auf Rap neben dem sichtlich belustigten 50 Cent.

Urteil: 4/10, weil vergleichsweise etwas lahm, nur kurze Highlights.


Kollegah und Farid Bang auf Promotour für Jung, Brutal, Gutaussehend 2

Es gab eine Zeit, in der Kollegah verdächtig nach regelmäßigen Solariumgängen plus gelegentlichem Bräunungsmittel-Auftragen aussah. In diese Phase fällt auch der Besuch der JBG-Schränke bei Raab im Jahr 2013. Die Taktik der Düsseldorfer: Einschleimen mit Geschenken. Kolle überreicht dem Gastgeber ein Raab-Porträt-Ölgemälde in Kolle-Muskelpaket-Optik, angeblich von ihm höchstpersönlich gemalt. Außerdem habe Farid mit seiner Oma am Wochenende einen Trainingsanzug für Stefan genäht. Raabs trockener Kommentar dazu: "Was ist bloß aus Gangster-Rap geworden?" Das Abtasten von Klischees bleibt Thema. Raab will wissen, ob die beiden Abi haben. Kollegah bejaht, doch zum Glück entspricht wenigstens Farid ein kleines bisschen Raabs Vorstellung vom prolligen Gangster-Rapper. Dass Felix Blume aka Kollegah neben der Musik noch Jura studiert, findet Raab auch recht belastend. Dafür hat Kolle für so viel Bildungsbürgertum eine gute Begründung: "Einer muss den Jungen (also Farid) ja rausboxen können!" Einleuchtend für Raab. Absolutes Highlight: Die Frage nach den Wörtern oder Ausdrücken, die dafür gesorgt haben, dass Farid und Kolles letztes Album auf dem Index gelandet sei. Dessen Antwort: "Blödmann" und "Du alte Butterbirne". Letzteres ist eine Anspielung auf einen der legendären Nippel-Knöpfe, die Raab gerne in passenden und unpassenden Momenten seiner Show drückte. Am Ende bedankt sich der Gastgeber für seine Geschenke, spricht erneut Einladungen aus, sofern mehr Geschenke folgen und die beiden gut gebräunten Pumper ziehen happy von dannen.

Urteil: 8/10, da sehr stabile Performance aller Beteiligter, dank des Butterbirnen-Spruchs.

Finales Fazit:

Auch wenn Stefan Raab manchmal böse Schläge unterhalb der Gürtellinie und entgegen jedes Anstands verteilte, sind viele der Gags und Einfälle des TV-Moderators bis heute unübertroffen. In Zeiten belangloser 0815-Promo-Gespräche oftmals ohne authentische Antworten, würden wir uns einen Kopf wie ihn wünschen, um Künstlerinnen und Künstler durch Quatsch aus der Reserve zu locken. Zum Glück vergisst das Internet nie, sodass uns zumindest die Videos daran bleiben.

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