Abrechnung mit Björn Höcke: Eine AfD-Politikerin zerfetzt ihre eigene Partei

Die Rechtspopulisten wurden ihr zu rechtsradikal. Jetzt tritt sie zurück und teilt in ihrem Austrittsschreiben ordentlich aus.

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Juli 6 2017, 12:41pm

Foto: Imago | Steve Bauerschmidt

Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen: Die AfD erlebt gerade, was passiert, wenn sich ihre eigene Lieblingsfloskel gegen sie kehrt. Am Mittwoch gab Steffi Brönner ihren Rücktritt als Björn Höckes Stellvertreterin im Thüringer Landesvorstand der AfD bekannt. Einer ihrer Gründe: Die AfD entwickle sich zu einer "rechtsnationalen Partei" und tue zu wenig dagegen. Jetzt wurde ihr offizielles Austrittsschreiben öffentlich, das in seiner Schärfe mehr einer Abrechnung gleicht. Vieles aus Brönners Liste, die sich selbst dem "wertkonservativ-liberalen Lager" der Thüringer AfD zuordnet, wussten wir bereits. Aber dennoch ist es interessant, all das in den Worten einer hochrangigen AfD-Funktionärin zu lesen.

Rette sich wer kann, Steffi Brönner ist sauer. Jetzt ist Payback-Time, Bitches.

Ein AfD-Politiker arbeitet mit einem Rechtsrockfestival zusammen

"Es kann nicht sein", schreibt Brönner zu Beginn ihres Rants, "dass wir Kenntnis davon erlangt haben, dass das AfD-Mitglied Bodo Dressel sein Grundstück für ein Rechtsrock Konzert Herrn Tommy Frenck zur Verfügung gestellt hat und wir uns nicht konsequent und zeitnah von solchen Veranstaltungen distanziert haben". Dressel hielt es für eine pfiffige Idee, auf seinem Grundstück im südthüringischen Themar Bands wie Sturmwehr und Frontalkraft auftreten zu lassen. Zu einem der unsympathischsten Festivals Deutschlands werden Mitte Juli Tausende Neonazis erwartet.


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Ein Ex-Neonazi entwirft AfD-Propaganda

Auch beim nächsten Kritikpunkt bleibt Brönner im weitesten Sinne beim Thema rassistischer Musikschrott: "Des Weiteren ist es für mich ungeheuerlich, dass in der AfD Fraktion Herr Jirka Buder als Grafiker beschäftigt wird und auch als Grafiker für die Landespartei wirkt." Jirka Buder entwarf als Grafiker Cover für geschichtsrevisionistische Bücher über das Dritte Reich und für den Neonazi-Barden Frank Rennicke. "Die Vergangenheit dieser Personalie ist für jeden konservativen, bürgerlich-liberal denkenden Demokraten im Hinblick auf Zusammenarbeit ein absolutes Ausschlusskriterium", schreibt Brönner. Keiner könne sagen, er habe darüber nicht Bescheid gewusst. Dennoch steht Buder seit letztem Jahr als offizieller Grafiker im Dienste Björn Höckes.

Björn Höcke ist verwirrt

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Denn auch mit ihrem Ex-Boss Höcke hat Brönner noch offene Rechnungen: "Hier hätte ich von dir, Björn, als erster Landessprecher und Fraktionsvorsitzender, eine klare und deutliche Kante zu diesem Thema erwartet", schreibt Brönner zum Schweigen Höckes gegenüber der Causa Faschofestival. "Björn" habe sich im Landesvorstand zu oft in "Schweigen gehüllt" und andere für sich sprechen lassen. Doch auch wenn Höcke ganz offen sprach, konnte er es Brönner nicht recht machen: "Die Dresdner Rede von Björn teilt in seiner Art und Weise in keinster Weise mein weltanschauliches und gesellschaftliches Verständnis", schreibt sie. In der Rede hatte Höcke unter anderem seine Meinung zum Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor in die Welt geblökt: "Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."

Nicht nur das findet Brönner "erschütternd", sondern auch, was in einem Mitschnitt einer Demonstration vom 13. Februar 2010 in Dresden zu sehen ist: "Nicht wie von der AfD Thüringen dargestellt, warst du, Björn, vor Ort um dir einen Eindruck zu verschaffen sondern bist aktiv in den Reihen der Neonazis mitgelaufen." Zum Beweis verlinkt Brönner ein YouTube-Video. Erwischt.

Neben anderen Dingen, die sie nicht näher nennt, lasse sie das an Höckes demokratischer Gesinnung zweifeln und ob er sich nicht lieber ein rückwärtsgewandtes Deutschland wünsche, "welches wir schon einmal hatten". Und für den Fall, dass das noch nicht deutlich genug war, setzt Brönner in Richtung Höcke noch einen nach: "Ich sehe dich persönlich mittlerweile als verwirrten Geschichtsromantiker". Aua. Der Schlag trifft mehr, wenn er aus den eigenen Reihen kommt.

Die rechten Trolle schreien zu laut

Auch wenn es viele konservative, bürgerlich-liberale Stimmen in der Partei gebe, wütet Brönner dem Ende ihrer Abrechnung entgegen, würden diese immer mehr vom Flügel verdrängt, einer "mittlerweile rechtsnationalen Bewegung innerhalb der AfD". Sobald man dies kritisiere, würde sich "der Flügel" gegen einen wenden: "Die lauten Vertreter des Flügels kehren die Täterrolle in die Opferrolle um. Das kennen wir auch schon!", schreibt Brönner und wir sind uns nicht ganz sicher, ob hier gerade eine AfD-Politikerin den Holocaust zum zweiten Mal als Argument gegen ein Parteimitglied benutzt hat.

In jedem Fall lehnen wir uns jetzt entspannt zurück und beobachten bei einer Schüssel Popcorn, ob Brönners Rücktritt, der – zumindest vorerst – kein Parteiaustritt sein soll, noch weitere enttäuschte AfDler folgen werden.

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