Drohungen, Hitze, Cash: Unterwegs mit den Strandverkäufern vom Mittelmeer
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Sommer

Drohungen, Hitze, Cash: Unterwegs mit den Strandverkäufern vom Mittelmeer

Ja, schon klar. Sie gehen Dir im Urlaub auf die nerven. Aber sei sicher: Es ist kein Traumjob. Dafür ist die Bezahlung gut.
19.7.17

Am zweiten Sonntag im Juni ist es am Strand von Carnon in der Nähe von Montpellier im Süden Frankreichs schon ziemlich voll – und die Verkaufswagen ziehen bereits ihre Bahnen. Auf den drei Kilometern Strand zwischen La Grande-Motte und Palavas-les-Flots, besonders beliebt bei Einheimischen, sind bereits an die 30 Verkäufer mit ihren Wagen unterwegs.

"Letztes Jahr konnte man die Anspannung richtig spüren. Zwischen der [Wirtschafts und Finanz-]Krise und den Anschlägen [von Nizza] haben wir nichts verkauft. Doch dieses Jahr hatten wir einen guten Start. Schon im Mai hatte ich so viel verdient wie letztes Jahr zur Hochsaison."

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Frank ist voller Energie. Mit Kinnbart, verspiegelter Pilotenbrille und weißem Hut und seinem Karren mit dem Logo von "Ho Ho la bonne Glace" ist er bereit für die Sommersaison. "Ho Ho la Bonne Glace" ist einer der größten Arbeitgeber für Strandverkäufer in Carnon, einem beliebten Urlaubsziel in Südfrankreich.

Loïc zieht seinen Wagen durch die glühende Sonne, seinen Kopf schützt er mit einem großen Strohhut. Er ist jung, noch nicht einmal 20 Jahre alt, ein wenig zurückhaltend und arbeitet für Magoo, eine weitere Firma, die in Carnon Verkäufer beschäftigt. Drei Jahre lang verkauft er mittlerweile seine Ware am Rand vom Strand Petit Travers. "Angefangen habe ich noch als Schüler, ich wollte ein bisschen Geld im Sommer verdienen", erinnert er sich. Unter dem Schirm seines Wagens hängt eine aufblasbare Schlange. "Mittlerweile mag ich das Geschäftliche und den Kontakt mit den Kunden richtig."


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Für Nicolas, der ebenfalls erst 20 ist, ist es der zweite Tag als Verkäufer für "Loulou"-Beignets – Die mit Nutella oder Äpfeln gefüllten Teiglinge von Loulou sind in Carnon unübertroffen. Heute präsentiert Nicolas seine Ware in ziemlich auffälliger Weise: eingerahmt von zwei französischen Flaggen auf einem Tablett, das er auf dem Kopf balanciert.

Beignets gibt es entweder ohne Füllung oder mit Apfel, Nutella oder Aprikose

Egal ob sie selbständig sind oder für eine Firma arbeiten: Jeder Verkäufer dekoriert seinen Wagen individuell

In Petit Travers, dem Westen oder Osten von Carnon oder dem Strand am Hafen kann die Kundschaft immer wieder anders sein. Die Verkäufer müssen sich dem anpassen und "ihre" Klientel finden. Loïc erzählt: "In meinem Bereich gibt es einen Bezahlparkplatz, schöne Häuser und wohlhabende Familien – ich mag die Gegend." Taha ist Westen von Carnon unterwegs, er verkauft gerade ein paar Dosen Limo an zwei Jugendliche, die damit ihren Alkohol strecken wollen; es ist 10 Uhr morgens. "Bis später, Jungs!", ruft er ihnen zu, als sie gehen, und erklärt: "Die Kundschaft hier ist eher etwas einfacher, das liegt einigen Verkäufern nicht so gut. Aber ich bin eh so der lockere Typ, das passt also ganz gut zu mir."

Auch weiter westlich am Petit Travers hat Frank seine Kundschaft gefunden: "In meinem Alter verkaufe ich mehr an Familien, mein Kollege Julien, ein junger Kerl, Typ Bodybuilder, kommt besser mit den Jungs an der 73 klar [ein Strandabschnitt der traditionell bei der LGBT-Community beliebt ist]. Vor allem wenn er ohne Oberteil rumrennt." Dann preist er seine Ware mit seiner unverkennbaren Melodie an. Die Kunden hören ihn schon von weit und heben neugierig ihre Augen von ihrer Strandlektüre.

Das Angebot unterscheidet sich von Strandverkäufer zu Strandverkäufer nur wenig. Üblicherweise gibt es Beignets, Eis, Getränke, Tee und Kaffee. Doch die Qualität der Ware kann sich unterscheiden. Die Beignets von Loulou werden zum Beispiel von Nicolas Chefs selbst gemacht, die, die Loïc verkauft, sind etwas simpler: "Sie werden schon fertig gebacken geliefert und wir befüllen sie mit selbst gemachter Aprikosenmarmelade oder Bananenfüllung, die mein Chef vorbereitet."

Nicolas schwelgt in Erinnerungen: "Früher habe ich viele davon gegessen – aber ich habe mich überfressen."

Nicholas verkauft Beignets von Loulou

In Sachen Beignets ist Loulou ganz vorn mit dabei – pro Verkäufer und Tag werden gut 60 verkauft. Bei den anderen Anbietern gehen die Verkaufszahlen für Beignets seit Jahren zurück. Taha hat zwar mehr Limodosen als seine Kollegen auf seinen Wagen geladen, sein verkaufsstärkstes Produkt ist trotzdem Eis – vor allem Magnum. Das sieht Loïc ähnlich und fügt noch ein wichtiges Detail hinzu: "Das hängt vom Wetter ab. Je nachdem sind die Kunden eher hungrig oder durstig. Wenn es superheiß und trocken ist, verkaufe ich mehr Eis und Wasserflaschen. Wenn es schwül ist, eher Beignets und Magnum." Diesen Sommer hat Loïc etwas Neues im Angebot: Paletas, als Einziger am Strand. Dieses fruchtige Eis am Stiel wird außerdem als "100 Prozent natürlich" verkauft, was dem Umsatz auch nicht schadet.

Die Verkäufer, die für eine Fremdfirma arbeiten, bekommen ein Drittel der Tageseinnahmen. Und auch dabei hängt viel vom Wetter ab und wie der Strand besucht ist. "In meinem Gebiet sind es zwischen 150 und 300 Euro Einnahmen pro Tag. Wen ich also 100 Euro am Tag verdiene, bin ich glücklich – 50 Euro und ich bin enttäuscht", sagt Loïc und fügt noch hinzu: "Aber es ist alles bar, das ist ein Vorteil."

Gegenüber vom Parkplatz am Strand von Petit Travers ist der Sandstreifen nur schmal: Handtücher liegen hier dicht an dicht. Und bei so einem dicht belegten Strand hat das natürlich auch einen Einfluss auf die Nachfrage. So ein Abschnitt könnte ein prima Verkaufsgebiet für jeden Strandverkäufer sein, nur ist es jetzt so, dass viele von ihnen sich im gleichen Gebiet tummeln, was den Umsatz drückt. Frank hat ein größeres Gebiet, im Schatten der Dünen in der Nähe des Strandes Grand Travers. Hier sind zwar weniger Menschen, doch hier kann er ein gutes Geschäft machen – vor allem weil er ab Anfang Juni bis Ende August sieben Tage die Woche arbeitet. "Ein guter Verkäufer kann hier zwischen 100 und 150 Euro pro Tag machen", meint er. "Wenn man das mal zusammenrechnet hat man am Monatsende fast ein Ingenieursgehalt.

Loïc meint: "Finanziell gesehen ist das beste Gebiet in Carnon dort, wo Taha arbeitet." Der sieht das genauso: "Man macht locker 1.500 bis 1.600 Euro im Monat, ohne jeden Tag arbeiten zu müssen. Das schlägt auf jeden Fall den Mindestlohn, den ich vor zwei Jahren an einem Imbissstand bekommen habe."

Bei den Selbständingen, die ihr Geschäft alleine durchziehen, sieht das etwas anders aus. Von ihnen gibt es in Carnon nicht mehr als zehn. André, ein kräftiger Typ, der vor einem Jahr noch bei "Ho Ho" arbeitete und sich dann selbständig gemacht hat. Nachts arbeitet er als Wachmann an einem Privatstrand, am Wochenende geht er mit seinem bootsförmigen Wagen, den er mit seinem Vater gebaut hat, am Strand umher. Als er bei Frank vorbeikommt, hat der nur Gutes von ihm zu erzählen: "Am Petit Travers herrscht eine lockere Stimmung zwischen den konkurrierenden Verkäufern, jeder macht einfach sein Ding." Loïc hingegen – obwohl er sich mit seinen Konkurrenten gut versteht – erinnert sich an andere, die nicht so friedfertig waren. Als er neu im Geschäft war, bedrohte ein Verkäufer hin immer wieder und versuchte, ihn einzuschüchtern. Er erinnert sich auch an einen, der nie zurückgrüßte. Guillaume, der früher für Sorbet Coco gearbeitet hat, sieht das ähnlich und meint, dass es vor ein paar Jahren noch nicht so freundlich zuging: "Es gab einen typischen Trick: Ein Typ kommt mit seinem Wagen an und kurz bevor sich eure Wege kreuzen, dreht er ab und klaut dir die Kunden." Zwischen Verkäufern der gleichen Firma gibt es auch ab und zu Streit: Wenn man ein bestimmtes Verkaufsgebiet und damit auch eine bestimmte Klientel zugeteilt bekommt, kann das schon für Zähneknirschen sorgen. Jules ist Ex-Verkäufer und hat für eine der großen Firmen gearbeitet. Er erinnert sich, wie die Gebietsaufteilung zu einer ziemlich vergifteten Stimmung zwischen den Verkäufern führte, weshalb er sich gezwungen sah, noch vor Ende der Saison zu kündigen.

Frank genießt währenddessen die Ruhe in seinem kleinen Strandabschnitt an einem Montagmorgen. "In zwei Stunden habe ich nur 10 Euro verdient, also hab ich angefangen, den Strand zu reinigen. Ich habe schon einen ganzen Eimer Müll seit heute Morgen gesammelt." Tags zuvor sprach Taha begeistert über seinen Sommerjob, auch wenn er meinte: "Andererseits ist die Bräune, die man bekommt, ziemlich scheußlich."