Cem Özdemir gründet eine Bewegung für einen weltlichen Islam – nicht alle Muslime jubeln

Manche sehen im Zusammenschluss eine Profilierungsmöglichkeit für Islamhasser.

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Nov. 22 2018, 3:05pm

Foto Moschee: imago | EPD || Foto Özdemir: imago | ZUMA Press || Collage: VICE

Warum gehen so wenige Muslime nach Terroranschlägen auf die Straße und distanzieren sich von der Gewalt im Namen ihrer Religion? Unterdrückt das Tragen eines Kopftuches Frauen? Warum wird in deutschen Moscheen teilweise antisemitisch gepredigt?

Viele Deutsche stellen sich zahlreiche, oft kritische Fragen zum Islam. Seit gestern gibt es eine Initiative, die ihnen diese ebenso kritisch beantworten könnte. Pünktlich vor der vierten Deutschen Islamkonferenz haben sich zehn prominente (Ex-)Muslime und Musliminnen aus Wissenschaft, Politik und Medien zusammengeschlossen – und die "Initiative Säkularer Islam" gegründet.

"Wir sind besorgt über eine zunehmende Muslimfeindlichkeit, gleichzeitig aber auch über einen zunehmenden Islamismus", schreiben die Gründer in der Zeit. Die Initiative spricht sich für eine Trennung von "Religion und Politik" und eine "Verbesserung der Teilhabe von Muslimen und Musliminnen" aus. Zudem fordert es ein "zeitgemäßes Islamverständnis". "Wir wollen uns nicht abfinden", heißt es in dem Aufsatz, "mit der wachsenden Macht eines demokratiefernen, politisierten Islams, der die Deutungshoheit über den gesamten Islam beansprucht."

Zu den Unterzeichnern gehört eine ganze Reihe von Personen, die sich in der Vergangenheit als Religionskritiker oder moderate Muslime einen Namen gemacht haben. Hamed Abdel-Samad hat dem Islam etwa abgeschworen und muss unter Personenschutz leben, weil Gelehrte sogenannte "Fatwas" gegen ihn aussprachen. Seyran Ateş gründete eine liberale Moschee, in der Männer und Frauen in den gleichen Räumlichkeiten beten können und Homosexuelle willkommen sind. Und der Psychologe Ahmad Mansour warnt in seinen Büchern vor einer "Generation Islam" und "falscher Toleranz".

Unter der Unterzeichnern findet sich aber auch der Name eines prominenten Grünen wieder: Cem Özdemir. Er galt bisher nicht gerade als theologischer Wortführer. Özdemir war dafür aber zwischenzeitlich der beliebteste Politiker in Deutschland, profilierte sich als Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und betont in Talkshows nimmermüde, dass er sich weder als Deutscher noch als Türke definiere – sondern als Schwabe.

"Was für eine Lachnummer"

Die "Initiative Säkularer Islam" wirkt eigentlich wie ein progressiver Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die in irgendeiner Art und Weise mit dem Islam gebrochen haben, aber die deutsche Gesellschaft versöhnen wollen. Trotzdem sehen viele Muslime und Musliminnen die Bewegung kritisch.

"Ich halte nichts von einer solchen Initiative", sagt Ferid Heider, der sich in der Dar-Assalam-Moschee in Berlin-Neukölln engagiert und Imam der muslimbruderschaftnahen Teiba-Moschee in Berlin-Spandau ist, gegenüber VICE. "In den letzten Jahren gab es zahlreiche liberale Initiativen." Er stimme mit ihnen nicht immer überein, aber respektiere sie. "Hier habe ich das Gefühl, dass sich bekennende Islamhasser und -kritiker profilieren wollen", so Heider.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte gegenüber VICE: "Das ist eine illustre Runde von Islamkritikern." Er halte es da mit den Worten des Alten Fritz, der einst sagte: "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden." Zahlreiche der Initiatoren, etwa Mansour, Ateş oder Necla Kelek, kritisierten in der Vergangenheit den Zentralrat der Muslime. Ahmad Mansour sagte der Zeit: "Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus."

Der syrische Journalist Tarek Baé nennt die Beteiligten auf Facebook "die Creme de la Creme des Populismus". Baé zufolge wollten die Initiatoren "einen 'deutschen Islam' stiften und staatlich anerkennen lassen [...], bei dem die legitimen muslimischen Strukturen weiter geschwächt und zurückgedrängt werden sollen."

Auch zahlreiche Kommentatoren des Beitrags sehen die "Initiative Säkularer Islam" kritisch. "Die werden mit so einer Scheißmasche definitiv nicht die muslimische Bevölkerung in Deutschland erreichen können", schreibt ein User. Ein anderer glaubt: "Islamfeinde wollen einen 'Neuen Islam' gründen – was für eine Lachnummer!" Nicht nur unter Baés Posting, aber auch auf der Seite des türkischen Nachrichtenportals Daily Sabah, das dem türkischen Präsidenten Erdoğan nahesteht, finden sich fast ausschließlich negative Kommentare.

"Die Initiative will rechtspolitische Forderungen umsetzen, repräsentiert aber nicht ansatzweise die Mehrheit der Muslime", sagt Ferid Heider. "In Seyran Ateş' Moschee beten beispielsweise freitags nur eine Handvoll Menschen, trotzdem ist sie dauernd in den Medien." Nach Heiders Aussage kommen in der Neuköllner Begegnungsstätte dagegen etwa 1.000 Gläubige zum Freitagsgebet zusammen. Was man allerdings auch wissen sollte: Die Dar-Assalam-Moschee, wo Heider aktiv ist, wurde in der Vergangenheit vom Verfassungsschutz beobachtet. Im August kündigte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) an: "Die Beobachtung läuft weiter."

Unabhängig davon, wie man zu Heider, Mazyek und konservativeren Stimmen steht: Wenn die "Initiative Säkularer Islam" eine größere Zahl von Muslimen ansprechen will, wartet noch eine Menge Überzeugungsarbeit auf die Bewegung.

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