Nicht jeder Obdachlose hat einen Reisepass. Für Matze war es die beste Investition seines Lebens, sagt er | Foto: Maria Christoph

Obdachlose erzählen, wie sie ohne Geld reisen

Einer wäscht sich im Meer, ein anderer hat es bis Südkorea geschafft – und landete dort im Knast.

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Sep. 5 2018, 7:09am

Nicht jeder Obdachlose hat einen Reisepass. Für Matze war es die beste Investition seines Lebens, sagt er | Foto: Maria Christoph

Sobald die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, will Matze einfach nur weg. Wenn sein Atem abends in der Herbstluft kondensiert, er auf dem nasskalten Laken liegt und in den Himmel starrt, ist er mit seinem Kopf weit weg in Afrika. Sein Traum ist es, dort zu leben, wo immer Sommer ist. Matze lebt seit über 30 Jahren auf der Straße, er verbrachte viel Zeit in Berlin – und reiste durch ganz Europa.

"Genau wie andere Leute, haben auch Wohnungslose Reiselust", sagt Alexandra Post, Sozialpädagogin und Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle KLIK in Berlin. Sie und ihre Kolleginnen haben im vergangenen Jahr 375 Wohnungslose beraten, die meisten von ihnen sind jung, viele unter 25 Jahren. 85 Prozent der Personen hatten Migrationserfahrungen, haben also schon für längere Zeit außerhalb ihres Heimatlandes gelebt, einige möchten sich dauerhaft anderswo ein neues Leben aufbauen. Die Zahl der wohnungslosen EU-Ausländer, die zu KLIK kommen, sei im Laufe der letzten Jahre gestiegen, sagt Post. Das erkläre sie sich zum einen durch die gesteigerte Reichweite ihres Angebots für junge EU-Binnenmigranten und -migrantinnen, zum anderen aber auch durch mehr Beratungsbedarf.

Wie viele der Obdachlosen und Wohnungslosen aus Neugierde, wegen der Kälte oder aus anderen Gründen verreisen, kann Post nicht einschätzen. Nicht mit allen komme sie ins Gespräch: "Oft kommen die Menschen auch nur zu uns, um sich hier aufzuhalten", sagt sie, "um die Toiletten oder Duschen in der Einrichtung zu nutzen."

2018 sollen laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 1,2 Millionen Menschen in Deutschland wohnungslos sein, rund 52.000 davon leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Bei den nicht-deutschen EU-Bürgern geht die BAG davon aus, dass rund 12 Prozent obdachlos sind und gerade in Metropolen wie Berlin auf der Straße leben.


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Wenn sich die Menschen Sozialarbeiterin Post öffneten, erzählten sie ihr auch von ihren Reisen: "Das Reisen haben sie mir in Gesprächen immer als etwas sehr Positives dargestellt, als Ausbruch aus einer festgefahrenen Situation", sagt Alexandra Post.

Obdachlose wie Matze nutzen die Reisefreiheit in der EU. Sie ziehen los, wenn es sich ergibt oder mal etwas Geld da ist. Viel brauchen sie nicht. Nur ein ungefähres Ziel und den Mut, Menschen auf der Straße anzusprechen, sich auf ihre Hilfe zu verlassen. Statt in den Lonely-Planet schauen sie in die Augen der an ihnen vorbeiziehenden Menschen. So haben es uns viele der Wohnungslose beschrieben. Wir haben sie gefragt, wie es ist, als obdachloser Mensch zu reisen und wie sich das Leben auf der Straße von Land zu Land unterscheidet.

Matze, 56, verkauft die Obdachlosenzeitung Karuna Kompass in Berlin. Er liebt die Geschichte der Orte, an die er reist, und deren Architektur

Ein Mann mit langem Bart hält einen Pass hoch, neben ihm steht ein mit Klamotten vollgepackter Kinderwagen
Wenn Matze unterwegs ist, packt er alles in seinen Trekking-Rucksack. Der Kinderwagen mit seinen Sachen bleibt dann in Berlin | Foto: Maria Christoph

VICE: Wo warst du schon überall, seit du obdachlos bist?
Matze: Ich bin seit 1989 obdachlos. Damals ging ich direkt nach Spanien. Ansonsten war ich schon in Italien, in Frankreich nur auf der Durchreise, dann in Schweden, Dänemark, Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und zuletzt in Bulgarien. Einmal war ich in Marokko. Mein Traum ist es, mal weiter weg zu reisen, nach Namibia und Südafrika.

Mit welchen Papieren bist du unterwegs?
Vor Jahren hat mir jemand das Geld für einen Reisepass gegeben. Ich würde dieses Geld immer wieder dafür ausgeben. Ich habe keinen Personalausweis, aber diesen Pass kann ich für alles einsetzen.

Aus der Innentasche seines türkis-lilafarbenen Anoraks kramt er einen Reisepass mit Klarsichthülle.

Wohin bist du zuletzt gereist?
Zuletzt war ich in Bulgarien. Eine Frau hat mich und meinen Trekkingrucksack etwas außerhalb von Berlin mitgenommen und nach Tschechien gebracht, dann hat sie mir Geld für einen Bus gegeben. Zurück bin ich getrampt.

Wie kommst du sonst von Ort zu Ort?
Ich fahre oft per Anhalter mit. Dann laufe ich zu einem Ortsausgang in der Richtung, in die ich möchte, hole den Edding aus der Tasche und suche mir ein Stück Pappkarton. Die Richtung finde ich mit Landkarten. Ich habe einen Europa-Atlas aus dem Ein-Euro-Shop.

Wirst du immer gleich mitgenommen?
Manche Leute haben Angst, dass ich ihr Auto dreckig mache mit meinen Sachen. Aber ich habe auch schon Geschäftsleute getroffen, die mich zum Essen eingeladen haben. Oder Lastwagenfahrer, die sich freuen, wenn sie sich mit jemanden unterhalten können und ich ihnen am Ende noch beim Abladen helfen kann.

Wieso ist dir das Reisen so wichtig?
Mein Traum ist es, dort zu leben, wo es keinen Winter gibt. Der letzte Winter war sehr kalt, wenn man draußen ist, bekommt man eine andere Sichtweise auf Berlin. Mir hat eine Frau in Bulgarien erzählt, dass der Winter dort vorletztes Jahr nur zwei Wochen gedauert hat. Da habe ich Tränen in den Augen gehabt, weil ich zu wenig Geld habe, um dort zu bleiben und wieder zurück nach Berlin musste. Ich reise gerne im Winter, weil ich kaputte Knochen habe und die Kälte mir nicht gut tut.

Aber nicht nur deswegen. Ich mag auch die Geschichte der Orte erfahren und liebe alte Architektur. Wenn ich nicht reise, verblöde ich. Unterwegs kann ich mich austauschen und mit anderen Menschen reden, über das, was ich gelesen und gesehen habe.

Was ist die erste Anlaufstelle, wenn du in ein Land reist?
Ich bin in Warna aus dem Bus gestiegen (Anm. d. Red.: die Stadt liegt am Schwarzen Meer in Bulgarien) und direkt tauchte ein freakiger Typ mit Gitarre und Cowboystiefeln vor mir auf. Der hat mich angesprochen und gefragt: Hier ist es scheiße, in Warna gibt es nicht mal ein Internetcafe. Komm mit, ich zeige dir, wo’s schön ist! Dann hat er den Kofferraum von seinem Bus aufgemacht und los ging’s. Das war Glück.

Sonst frag’ ich auch in der Touristeninformation nach Campingplätzen, auf Englisch oder, wenn ich die Vokabeln nicht weiß, mit Händen und Füßen. Die Leute wissen nicht, dass ich obdachlos bin, und das erzähle ich auch nicht immer sofort.

Wo übernachtest du dann in anderen Ländern?
Ich schlafe sowieso die meiste Zeit draußen. In Bulgarien wollte ich mir mal ein Hostel gönnen, mit Dusche und Safe. Man brauchte aber eine Visa-Karte. Also bin ich an die Moldau gewandert, habe dort andere Obdachlose getroffen und mit ihnen zusammen übernachtet. Eine italienische Bekannte hat mich mal bei ihrer Familie aufgenommen wie ihren eigenen Sohn. In Andalusien in Spanien habe ich 1989 mal im Pferdestall übernachtet.

Kyah, 25, aus Berlin findet, mit Geld zu reisen sei gegen die Natur des Menschen

Eine Frau – Rucksack, Kapuzenpulli, lange Haare, Lippen-Piercings – zündet sich eine Zigarette an
Mit 21 ist Kyah abgehauen und hat sich ohne Geld durchgeschlagen. Auch auf ihren Reisen durch Europa | Foto: Maria Christoph

VICE: Kyah, was denkst du, was dich von anderen Touristen unterscheidet?
Kyah: Ich plane nichts. Ich komme ganz ohne Geld in fremde Länder. Und ohne Geld kann man nichts planen.

Warum machst du das?
Ich bin mit 21 Jahren von zuhause abgehauen, wollte aus dem System ausbrechen, nicht ins saubere Wasser scheißen, während andere verdursten. Danach war ich obdachlos, und das wollte ich auch. Weil ich weg wollte von der Sicherheit, die Geld mir gibt. Ohne Geld erfahre ich auf Reisen mehr über mich selbst. Mit den Leuten, die von Hostel zu Hostel "traveln", kann ich nichts anfangen. Das ist für mich irgendwie gegen die menschliche Natur. Wir alle waren mal Nomaden und als wir das waren, gab es gar kein Geld. Es kann sein, dass ich da blöde Vorurteile habe, aber für mich sind diese Reisenden immer studierende Kinder reicher Eltern. Zu diesem Kreis will ich nicht gehören.

Was hast du durch das Reisen gelernt?
Ich wollte den Jakobsweg laufen mit einem Freund. Durch das Reisen und das Wandern wollte ich meine Grenzen austesten und etwas Destruktives abgeben, das in mir schlummerte. Am Ende bin ich meinen eigenen Jakobsweg gelaufen, über Leipzig nach Köln, von dort nach Belgien. Ich bin halt einfach losgezogen und habe geguckt, wo es mich hinträgt. Ich habe gelernt, dass Planen sinnlos ist und oft schiefgehen kann.

Wo hast du geschlafen, während du unterwegs warst?
Ich suche mir immer zuerst einen Schlafplatz. Habe oft auf der Straße geschlafen mit anderen Leuten. Mal auf einem Spielplatz, mal vor einer Kirche. Manchmal habe ich Leute kennengelernt, die mich aufgenommen haben.

Hattest du keine Angst, als Frau auf der Straße zu schlafen?
Klar hatte ich anfangs gedacht: Wenn ich nachts allein auf der Straße bin, ist das super gefährlich. Aber letztlich musste ich das gar nicht. Ich habe immer Leute kennengelernt. Und auch wiedergetroffen. Am Tag vor meiner Abreise aus Berlin hatte ich im Görlitzer Park mit Geschwistern aus Barcelona Musik gemacht. Die beiden habe ich vor der Uni in Barcelona wiedergetroffen.

Kaya hockt in einem Mauersims und raucht, sie trägt Boots und gestreifte Kniestrümpfe
Anfangs hatte Kyah Angst als Frau allein auf der Straße zu schlafen | Foto: Maria Christoph

Was gefällt dir an den anderen Ländern besser als an Deutschland?
Im Süden Frankreichs war es wärmer als in Berlin. Und generell finde ich, dass die Leute im Süden offener und herzlicher sind. Sie strahlen eine andere Energie aus als wir Stock-im-Arsch-Deutschen.

Für Obdachlose gab es an einem Ort in Frankreich ein richtiges Restaurant, mit gedeckten Tischen und Kerzen darauf, mit Büffet und Vorspeisensalat. Das hat mich umgehauen. Sonst haben wir uns die Reste von den Tablets bei McDonalds genommen, auch mal aus dem Müll gegessen. Eigentlich wollte ich gar nicht zurück kommen. In Frankreich hatte ich einen Kanadier kennengelernt und wollte mit ihm nach Kanada. Nachdem unterwegs in England ein paar Dinge schief gelaufen sind, bin ich zurück nach Berlin.

Wie kamst du weiter?
Ich bin einfach in Züge gestiegen. Ich dachte mir: Das Schlimmste, was passieren kann, ist wenn dich der Schaffner rauswirft. Und so war es dann auch. Um an Geld zu kommen, hab ich geschnorrt oder Musik gemacht, auf der Straße jongliert, in Spanien hab ich zwei Wochen lang in einem Tierheim gejobbt. Was sich eben ergeben hat. Ich habe gelernt, dass ich nichts planen muss. Und dass Hektik gar nichts bringt.

Karel, 26, aus Tschechien findet: Nur wer die Geschichten auf den Straßen eines Landes hört, hat das Land wirklich von innen gesehen

Ein Mann sitzt auf einer Couch vor einer mit Graffiti besprühten Wand und zieht die Kapuze seiner Trainingsjacke vors Gesicht
Karel will nicht erkannt werden, weil er manchmal schwarz fährt und in Holland noch eine offene Rechnung hat | Foto: Flora Rüegg

VICE: Wohin bist du schon gereist?
Karel: Letztes Jahr war meine Reiseroute Paris, Marseille, Nizza, Genua, Pisa, Rom, Neapel, Mailand, Zürich, Wien, Prag, Berlin, Hamburg, Amsterdam, Rotterdam, Belgien, Montpellier, Barcelona. Ich kann als EU-Bürger ja überall hin. Viele haben mich unterwegs gefragt: Was machst du hier? Ich habe einfach immer geantwortet: Keine Angst, ich nutze euer Sozialsystem nicht aus, ich will einfach reisen, ich liebe es, Menschen kennenzulernen. Mein Traum ist es, einmal die Strecke der Tour de France mit dem Fahrrad abzufahren.

Wie kommst du von Land zu Land?
Ich trampe, fahre Schwarz. Ein Ticket kauf ich mir eigentlich nie. Ich laufe richtig weite Strecken, zum Beispiel von der deutschen Grenze bis nach Amsterdam. Wenn ich ein Ticket brauche oder mit jemandem mitfahren will, setze ich mich einfach irgendwo hin und male die Gesichter der Leute, um etwas Geld zu verdienen. Ich mag nicht nur tatenlos rumsitzen, ich muss immer etwas machen. Ich würde aber nie nach Geld fragen.

Wo gehst du in einem Land zuerst hin?
Ich stelle mich auf einen großen Platz im Herzen der Stadt und male das Zeichen der Hausbesetzer auf, ein Kreis mit einem N-förmigen Blitz. Dann kommt fast immer irgendjemand vorbei und sagt: Komm mit!

Ist die Situation in manchen Ländern einfacher als in anderen?
In Holland war es schwierig für mich. Ich kannte dort niemanden und es ist verboten, auf der Straße zu schlafen. Also habe ich mich nachts in ein kaputtes, verlassenes Hausboot gelegt. Ich wurde in Holland auch schon mal verhaftet und habe eine Strafe bekommen, weil ich auf der Straße geschlafen hab. In der Schweiz ist es ähnlich, die wollen Obdachlose nicht auf der Straße schlafen sehen. Auch in Schweden, Finnland und Norwegen sei das so, haben andere mir gesagt. In Frankreich wurde ich einmal bis auf die Schuhe ausgeraubt. Im Süden, etwa in Italien, ist es anders. Alle sind so offen, viele interessieren sich für dich, mir haben Leute auf der Straße mal eine ganze Pizza geschenkt.

Auf seinem Smartphone zeigt Karel ein Foto mit ihm und dem Eiffelturm
Karel hat in Paris den Eiffelturm gesehen, Geld hat er sich durch seine Streetart dazuverdient | Foto: Flora Rüegg

Bist du schon mit anderen Obdachlosen aus Berlin gereist?
Nein, es gibt nicht viele wie mich. In Berlin werden die Obdachlosen schnell bequem, bleiben hängen, sammeln jeden Tag nur Pfandflaschen und wollen nicht mehr weg. Berlin ist ein sehr beliebter Ort bei Obdachlosen. Wer einmal hier war, kommt immer wieder her. Ich war schon überall in Europa, aber nirgendwo ist es so einfach, ohne Geld auf der Straße zu leben, dank der Recycling-Flaschen.

Warum ist dir das Reisen so wichtig?
Gerade für junge Leute wie mich, die ohne Eltern sind und von zuhause weggegangen sind, ist es wichtig zu reisen. In Berlin sehe ich viele, die zwar frei sein wollen, aber gefangen sind. In ihren Augen sehe ich keine Freiheit, nur die Folgen ihres Konsums, den Alkohol und die Drogen, die sie jeden Tag nehmen.

Wie sieht ein Tag auf Reisen bei dir aus?
Ich schlafe entweder auf der Straße oder in einem besetzten Haus, wenn ich Leute kenne, auch bei Freunden. Wenn ich aufgewacht bin, ziehe ich los, um dort, wo es Pfand gibt, Flaschen zu sammeln oder um mit meiner Kunst etwas Geld zu verdienen. Dann schwimme ich viel im Meer, spare mir dadurch die Dusche. In Amsterdam war ich im Rembrandt-Museum, ich mag Kunst und Kultur sehr gerne.

Was ist anders am Reisen ohne Geld?
Man braucht kein Geld, um zu reisen. Das ist ein Missverständnis. Ganz im Gegenteil: Ich finde, wenn man nur teure Dinge macht, hat man einen Ort nicht wirklich gesehen. Als Reisender versuche ich in die innersten Strukturen der Gesellschaft vorzudringen. Nur wer die Geschichten auf der Straße hört, weiß, wie ein Land tickt.

Set*, 25, hat bei tiefem Schnee seinen Weg dank der Bahnschienen gefunden

Ein Mann steht im Anorak unter der Brücke, er sich seine Schiebermütze weit über die Augen gezogen
Seit zwei Jahren ist Set nicht mehr gereist, sondern in Berlin geblieben. Dort wollte er eigentlich nur einen neuen Reisepass beantragen | Foto: Maria Christoph

VICE: Wann bist du das erste Mal gereist?
Set: Schon als Kind bin ich mit meiner Mutter oft durch Europa gefahren. Sie lebt in Frankfurt, der Großteil meiner Familie in der Slowakei. Aber erst nachdem ich auf der Straße in der Slowakei gelebt habe, bin ich selbst losgezogen, um zu reisen. Damals war ich 19 Jahre alt. Es war Winter und ich habe mich an den Bahnschienen unter dem Schnee orientiert, weil ich Angst hatte, im Zug beim Schwarzfahren erwischt zu werden.

Wie bist du obdachlos geworden?
In der Slowakei habe ich eine berufsqualifizierende Oberschule besucht und währenddessen im Internat gewohnt. Die Regeln dort waren mir zu streng. Ich wollte arbeiten gehen, mir Geld dazuverdienen und bin oft zu spät zurück gekommen. Also habe ich angefangen, draußen zu schlafen, im Wald oder an den größeren Bahnstationen. Mit anderen habe ich Musik am Michaelertor in Bratislava gemacht und mich ausgetauscht. Das war eine krasse Zeit. Wir haben uns zum Schlafen im Wald Zelte aufgestellt und Feuer gemacht. Mich hat dann aber irgendwann alles in der Slowakei angekotzt. Ich wollte weg, reisen. Die anderen wollten mit, haben zugestimmt, doch am Ende bin ich allein losgezogen. Und allein geblieben.

Was bedeutet dir das Reisen?
Ich bin losgezogen, um zu sehen, wie die Welt funktioniert. Für mich ist und war das Reisen immer etwas Gutes. Schon damals, als ich im Auto meiner Mutter auf dem Weg nach Deutschland saß. Reisen bedeutet für mich, neue Ideen und frischen Atem zu bekommen, ein Weiterkommen. Ich habe mehr gesehen, mehr unterschiedliche Menschen kennengelernt und mich mit ihnen ausgetauscht – darunter waren obdachlose Doktoren bis hin zu Musikern und Artisten. Ich habe neues Wissen gesammelt, neue Kunst gesehen, neue Sprachen gelernt und gelernt, mit Menschen zu kommunizieren, ohne deren Sprache zu verstehen. Ich spreche mittlerweile sechs Sprachen: Slowakisch, Tschechisch, Deutsch, Englisch, Polnisch und ein wenig Französisch. Die Menschen freuen sich, wenn du ihnen zeigst, dass du ihre Sprache lernen willst. Dann helfen sie dir.

Wo warst du überall?
Erstmal in Österreich, dann in Italien, Frankreich und in der Schweiz. Ich warte gerade auf meinen Reisepass hier in Berlin. Ich will jetzt noch mehr sehen von der Welt. Seit zwei, drei Jahren bin ich in Berlin hängengeblieben. Es ist gut hier, es gibt so viele Möglichkeiten in Berlin. Aber ich kenne die Stadt mittlerweile zu gut. Und ab und zu habe ich auch Depressionen.

Wie unterscheidet sich deine Art zu reisen von der anderer Touristen, die ein größeres Budget haben?
Ich denke, die sehen nicht so viel wie ich. Die sehen nur das Äußere. Dass ein Mensch da sitzt und nichts hat. Sie reden weniger mit den Leuten auf der Straße. Ich setze mich einfach zu ihnen und bin dann mit der Situation des Menschen konfrontiert. Wenn du dir ein Ticket kaufst, nach Paris fährst, um dich mit dem Eiffelturm zu fotografieren, hast du Paris nicht wirklich gesehen. Ich reagiere auf die Menschen. Schaue mich die ganze Zeit um. Wenn ich in einem Land ankomme, setze ich mich zuerst irgendwo hin und schaue mir den ganzen Tag die Menschen an. Ich schaue ihnen direkt in die Augen und versuche zu verstehen: Wie sind die Menschen in diesem Land? Wo wollen sie hin, wo kommen sie her? Durch die Augen siehst du, was in den Menschen vorgeht und kannst dir dann überlegen, ob und wie du sie ansprechen willst.

Wie fühlt es sich an, als obdachloser Reisender in ein neues Land zu kommen?
Du fühlst dich erstmal völlig fremd, bist desorientiert, allein. Zuhause, dort wo du aufgewachsen bist, kennst du alle Anzeichen für Emotionen, Freude, Stress, Trauer. Du weißt, mit wem du sprechen kannst und wer in Ruhe gelassen werden will. Kommst du in ein neues Land, musst du erst lernen, Emotionen zu deuten. Wie die unterschiedlichen Menschen ticken, die Obdachlosen, aber auch die anderen, die nicht auf der Straße schlafen. Und zu musst richtig zuhören, wenn du Hilfe suchst.

Was hast du beim Reisen dabei?
Nur die Dinge, die ich wirklich benutze. Toilettenpapier zum Beispiel. Ein paar Klamotten. Immer auch etwas zum Schreiben, mein Kleines Büchlein, in das ich Gedanken und andere Notizen aufschreibe.

Eine Hand hält ein kleines Buch mit kariertem Papier hoch, auf der linken Seite ist ein Tagebucheintrag notiert, auf der rechten Seite eine abstrakte Zeichnung bunter Linien
In seinem Notizbuch schreibt Set auf, was er auf seinen Reisen erlebt und was er darüber denkt | Foto: Lidia Polito

Wo verbringst du die Nächte?
In Italien habe ich einen sicheren Ort am Bahnhof gefunden. In Innsbruck eine leerstehende Garage. In Frankreich wollte ich nicht draußen schlafen, im Park habe ich mich nicht sicher gefühlt. In Nizza war nachts eine sehr seltsame Stimmung zwischen den Menschen. Ich habe nach meiner Ankunft am Bahnhof gesehen, wie sich hungrige Menschen auf McDonalds-Müll-Container stürzten. Manche haben sich um eine kleine Flasche Bier geprügelt, fast totgeschlagen.

Was bleibt dir sonst negativ in Erinnerung?
Einsamkeit. Ich habe zwar immer überall Menschen kennengelernt, mit vielen gesprochen, gelacht. Aber ich war dennoch oft allein.

Henri, 25, kommt aus Lettland und hat über ein Jahr lang in den Straßen von Südkorea gelebt

Ein Polaroid auf dem ein junger Mann mit Maske vor Mund und Nase eine Analogkamera hochhält
Henri fotografiert analog oder mit Polaroid-Kamera, auch sich selbst lässt er nur so fotografieren | Foto: Lidia Polito

VICE: In welchen Ländern warst du schon?
Henri: Innerhalb Europas in Deutschland, Belgien, Holland, Italien, Slowenien. Für ein paar Tage auch in England, Dänemark und Schweden, und einen Monat habe ich in Finnland gelebt, aber da war es viel zu kalt. Außerhalb Europas war ich in Südkorea.

Woran entscheidet sich, wohin du reist?
Mehr oder weniger per Zufall. Zuerst wollte ich einfach wissen, wie es sich im Rest von Europa lebt. Und Südkorea wollte ich unbedingt bereisen, weil meine erste Freundin von dort stammte und mir die Kultur ans Herz gelegt hat. Schließlich wollte ich es mit meinen eigenen Augen sehen. Es ist auch wunderschön dort, besonders die bunten Neonlichter haben mich beeindruckt.

Wie war es für dich als Obdachloser in Südkorea?
In Südkorea gibt es absolut keine Hilfe für Obdachlose. Man wird nicht wirklich schlecht behandelt, die meisten ignorieren einen einfach. Sie wollen nicht mit Obdachlosen in Verbindung gebracht werden. Außerdem ist es sehr schwer, offiziell zu arbeiten. Ich musste sehr kreativ werden, um überhaupt an etwas Geld zu kommen. Dafür musste ich manchmal auch kleinkriminell werden. Schlussendlich bin ich deswegen dort ins Gefängnis geraten und sie haben mich ausgewiesen.

Warum reist du?
Um Fotos zu machen. Das treibt mich überall hin. Das ist auf all meinen Reisen immer die beste Erfahrung: interessante Leute zu treffen, ihre Geschichten zu hören und, wenn sie mir vertrauen, ein Foto von ihnen machen zu dürfen. Oft fotografiere ich andere Obdachlose und es dauert, bis sie mir vertrauen. Manchmal muss ich dafür auch komische Sachen machen. Einer bestand darauf, dass ich mit ihm Drogen nehme, damit wir auf dem selben Level sind. Das macht man dann eben für ein starkes Bild (lacht). Und ich fotografiere analog. Dafür braucht man mehr Geld, weil man die Fotos entwickeln muss, aber das ist es mir wert. Man muss sich opfern, wenn man richtig gute Bilder haben will.

Wie kommst du an Geld?
Ich versuche, das meiste über meine Kunst zu verdienen. Zusammen mit der Obdachlosenhilfe KLIK hier in Berlin konnte ich ein Magazin mit meinen Bildern produzieren. Manche Leute sehen meine Bilder und bieten mir kleine Jobs an. Ich male auch manchmal oder designe andere Sachen. Und ich stehle. Nicht von Leuten, aber wenn ich Essen brauche, gehe ich auch schon mal in den Supermarkt und steck was ein.

Wie reist du?
Nach Südkorea bin ich geflogen. Dafür musste ich lange sparen. Wenn ich innerhalb Europas reise, versuche ich zu trampen oder ich nehme den Zug. Ich kaufe mir kein Ticket, sondern fahre schwarz und das kann einen schon mal in Schwierigkeiten bringen. Aber das musst du in Kauf nehmen, wenn du die Welt sehen willst. Wenn ich dann vor Ort bin, versuche ich auch Couchsurfing. Aber oft klappt das nicht, es gibt nicht viele, die einem Obdachlosen vertrauen. Wenn ich irgendwo ankomme, versuche ich erst einmal einen Ort zu finden, an dem ich mich waschen und meinen Schlafsack ausbreiten kann. Und dann mache ich mich auf die Suche nach Motiven für meine Bilder.

Wie unterscheidet sich das Reisen als Obdachloser von dem anderer?
Wenn man obdachlos ist, entdeckt man ganz andere Orte. Man erkundet die Gegend auf eine andere Weise. Du brauchst deine Umgebung, suchst sie nach Schlafplätzen und Essen ab. Du musst Leute ansprechen, machst Kontakte. Und du musst sehr hart arbeiten, um etwas zu bekommen.

Reist du alleine?
Meistens schon. Ich bin eine Weile zusammen mit einer Freundin gereist. Sie ist immer noch in der ganzen Welt unterwegs. Bestimmt werde ich auch irgendwann wieder zusammen mit jemandem reisen, aber das muss man ein bisschen besser planen. Wenn man zusammen reist, kann man aufeinander aufpassen, das ist viel wert. In den Obdachlosenunterkünften sind teilweise sehr verrückte Menschen. Aber es ist auch schön, alleine zu reisen, denn man sieht mehr von dem, was einen interessiert. Man muss nicht auf die Interessen der anderen Person Rücksicht nehmen. Für mich wäre es perfekt, jemanden zu finden, der auch fotografiert.

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