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Mit Frauentaxis gegen sexuelle Belästigung

Im Dunkeln alleine nach Hause müssen – für viele Frauen ein absoluter Albtraum. Doch selbst im Taxi ist man nicht vor Übergriffen sicher. Unternehmer_innen wie Yvonne Nather wollen das ändern.

von Verena Bogner
02 September 2016, 7:10am

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Ich bin schon unzählige Male nachts mit dem Taxi nach Hause gefahren und habe mich dabei ziemlich unwohl gefühlt. Zum Beispiel dieses eine Mal, als mich der Fahrer nach wiederholtem Fragen, ob ich noch etwas mit ihm trinken gehen möchte, nicht gehen ließ, ohne dass wir Nummern austauschten und mit mir vor meiner Wohnung aus dem Auto ausstieg. Das war einer dieser Momente, in denen ich die Eingangstür hinter mir besonders schnell zugedrückt habe und mir eine weibliche Taxifahrerin gewünscht hätte. Laut Yvonne Nather gibt es in Wien jedoch nur eine Handvoll Nachttaxifahrerinnen, und das bei fast 5.000 Taxis.

Yvonne Nather ist Inhaberin von ViennTo, einem Mietwagenunternehmen, angesiedelt auf der Simmeringer Hauptstraße im 11. Wiener Gemeindebezirk—gleich gegenüber vom Zentralfriedhof. Das Unternehmen bietet Airport-Transfers, Botendienste und andere Transferfahrten an, darunter auch für Prominente wie Snoop Dogg oder Joko Winterscheidt. Wirklich interessant ist aber vor allem das sogenannte „Frauentaxi", bei ViennTo auch „Sternemädchen" genannt, in Anlehnung an die vielen Mercedes-Sterne in ihrem Fuhrpark: Eine Dienstleistung von Frauen für Frauen, die sich mit Fahrerinnen einfach sicherer und wohler fühlen.

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Auch in Deutschland gibt es ähnliche Angebote. Der Mietwagenservice „Frauen fahren Frauen" etwa, der 2005 gegründet wurde, funktioniert nach demselben Prinzip: Nach telefonischer Vorbestellung wird man bundesweit von Fahrerinnen abgeholt und sicher von A nach B gebracht. In London wurden die „Pink Ladies"-Taxis 2006 eingeführt, nachdem sich Vergewaltigungen und Belästigungen in illegalen Taxis häuften.

Das Büro von ViennTo ist von außen unscheinbar—das einzig Auffallende sind die glänzenden schwarzen Mercedes-Limousinen mit verdunkelten Scheiben, die vor dem Gebäude stehen. Dort treffe ich Yvonne und vier ihrer Mitarbeiterinnen zum Gespräch. Alle fahren selbst Taxi, erledigen aber auch andere Aufgaben wie die Kommunikation nach außen, kleine Reparaturen an den Autos oder Telefondienste. Das Büro ist gemütlich eingerichtet, an den Wänden hängen Selfies mit Stars, die schon befördert wurden, es gibt einen Schminktisch und auf dem Couchtisch liegen Klatsch-Zeitschriften zum Zeitvertreib, falls einmal nicht so viel zu tun ist.

Die Männer sind immer wieder gegangen, die Mädels geblieben.

Frauen im Unternehmen zu haben ist Yvonne sehr wichtig, erzählt sie im Gespräch mit Broadly. Auch, weil Frauen als Fahrerinnen noch nicht überall akzeptiert sind. „Mein Vater hat 1975 die Firma gegründet, damals als alleinfahrender Taxiunternehmer. Ich habe von meinem Vater einen klassischen Taxibetrieb übernommen und er hat mir einen sehr großen Mietwagenkunden vererbt. Diesen Kunden dürfen aber nur Männer fahren, Frauen sind da definitiv nicht erwünscht—bis heute. Das hat religiöse und kulturelle Gründe. Ich durfte und darf bei diesem Kunden nur die Koffer führen."

Yvonne, die Inhaberin von ViennTo

Jedenfalls war dieser Kunde der Grund für Yvonne, den Fokus erst einmal auf Frauen zu legen: „Trotz alldem habe ich mir schon 2010 gedacht—quasi als ausgleichende Gerechtigkeit innerhalb der Firma: Wenn diesen Kunden nur Männer fahren dürfen, dann dürfen alle Limousinenkunden, sprich Kunden, die ab diesem Zeitpunkt neu dazu gekommen sind, nur Frauen fahren." Eine Zeit lang hat sie das durchgezogen, heute fahren für Yvonne auch Männer. Vor allem bei großen Aufträgen wird externes Personal dazu geholt. „Die Männer sind immer wieder gegangen, die Mädels geblieben", sagt Yvonne.

Für das Frauentaxi sind insgesamt sechs Fahrerinnen im Einsatz, drei davon festangestellt, drei als sogenannte Springerinnen, die in Notfällen aushelfen und ansonsten auch andere Aufgaben in der Firma übernehmen.

Das Prinzip des Frauentaxis ist denkbar einfach: Sowohl Kundinnen als auch die Fahrerinnen sind in den meisten Fällen weiblich. Denn obwohl der Name anderes vermuten lässt, können auch Männer und Transgender den Dienst in Anspruch nehmen: „Wenn eine Männerstimme am Telefon ein Frauentaxi buchen möchte, dann bohren wir da auch nicht nach, warum und wieso." Außerdem seien viele Männer ja auch nicht vor Belästigungen gefeit und würden sich mit einer Fahrerin wohler fühlen, so Yvonne.

Wenn eine Männerstimme am Telefon ein Frauentaxi buchen möchte, dann bohren wir da auch nicht nach, warum und wieso.

Eine weitere Besonderheit des Frauentaxis ist, dass die Fahrerinnen so lange vor dem Haus der Kundin warten, bis diese im Haus ist und das Licht im Flur angeschaltet hat. „Die Lenkerin muss auf jeden Fall aussteigen und Sichtkontakt haben. Wenn die Haustür nicht im Sichtfeld der Lenkerin ist, muss die Lenkerin zur Tür mitgehen und warten, bis das Licht im Flur angeht. Dafür muss die Zeit einfach da sein", erzählt Yvonne. So soll den Kundinnen ein sicherer Nachhauseweg garantiert werden. Preislich unterscheidet sich dieser Service nicht von dem eines „normalen" Taxis.

Momentan kann man das Frauentaxi nur einen Tag im Voraus buchen—um Pünktlichkeit zu garantieren, aber auch, um die Sicherheit der Fahrerinnen sicherzustellen. So wissen sie vor jeder Fahrt, mit wem sie es zu tun haben. Auf Abruf gibt es die Dienstleistung derzeit noch nicht, die Frauen arbeiten jedoch gerade an einem Pilotprojekt, das im Idealfall im Herbst starten soll. Yvonne will diesbezüglich auch Gespräche mit großen Wiener Clubs führen, die ihr Frauentaxi vielleicht direkt im Club anbieten könnten.

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Laut Yvonne nehmen viele Geschäftsfrauen und ältere Damen, aber auch Eltern, die ihre Teenie-Töchter nach der ersten Party nicht alleine nach Hause fahren lassen wollen, das Frauentaxi in Anspruch. Doch auch für junge Frauen sind solche Angebote längst überfällig. Bekannte erzählen mir, dass sie den Nachhauseweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach dem Feiern oft zu unheimlich finden—sie haben Angst, dass ein Mann sie in einer quasi leeren U-Bahn bedrängen oder ihnen am Heimweg durch den unbeleuchteten Park folgen könnte.

„Ich hatte schon viele Taxifahrer, die mit mir flirten wollen und das war wirklich immer unangenehm. Mit einer Fahrerin ist das einfach ganz was anderes: Da muss ich nicht nett sein, wenn ich nicht will, weil ich weniger Angst habe", erzählt mir eine Freundin. Sie ist nicht die einzige in meinem Freundeskreis, die so denkt.

Vorne: Claudia & Sonja. Hinten: Yvonne, Betti und Kathi

Auch die Fahrerinnen empfinden Fahrten mit weiblichen Fahrgästen sehr angenehm. Die Gesprächsbasis unter Frauen sei ab dem ersten Moment einfach eine ganz andere, man verstehe sich meist sofort.

Yvonnes Fahrerinnen Claudia, Sonja, Kathi und Betti könnten unterschiedlicher nicht sein. Claudia ist Mutter und gerade 50 geworden, Kathi ist Studentin und arbeitet neben ihrem Publizistik-Studium bei ViennTo, Sonja hat früher im Gastronomiebereich gearbeitet. Auf die Frage, ob die Fahrerinnen manchmal mit dem gängigen Klischee konfrontiert werden, dass Frauen doch nicht Auto fahren, geschweige denn einparken können, erzählt Kathi: „Viele fragen schon nach, warum ich da jetzt am Steuer sitze—ein zierliches Mädchen in einem großen Auto. Wenn ich dann auch noch erzähle, dass die Chefin eine Frau ist, schauen schon viele." Aber wenn sie die Frauen dann erst einmal fahren seien, wissen sie schon, dass sie das können, so Betti.

Ich hatte schon viele Taxifahrer, die mit mir flirten wollen und das war wirklich immer unangenehm.

Dienste wie Frauentaxis leisten einen Beitrag dazu, dass sich Frauen und alle anderen, die sich mit männlichen Taxifahrern nicht wohl fühlen, eine Alternative haben und nichts hinnehmen müssen, das sie als unangenehm empfinden oder ihnen Angst macht. Niemand von uns sollte sich mehr gezwungen fühlen, zu jemandem nett sein zu müssen oder freundlich zu lächeln, nur um keine Angst haben zu müssen, (noch mehr) bedrängt oder angegriffen zu werden. Projekte wie das Frauentaxi von ViennTo oder dem deutschen Gegenstück „Frauen fahren Frauen" setzen einen ersten Schritt in die richtige Richtung und versuchen, sichere Räume für Frauen, die nachts alleine unterwegs sind, zu schaffen. Diese Projekte sind ein wichtiger Schritt weg von gerne zitierten Verhaltenstipps für Frauen, die uns nahelegen, dass wir nachts nur in Begleitung unterwegs sein und dunkle Ecken meiden sollen, wenn uns nichts passieren soll.

Sie stellen sicher, dass Frauen sehr wohl alleine unterwegs sein können und sich nicht mehr in ihren Entscheidungen einschränken oder fürchten müssen. Sollte das Pilotprojekt von Yvonne und ihren Kolleginnen im Herbst Früchte tragen und die Frauentaxis wären auch auf Abruf bereit und vor Clubs vertreten, wäre das ein wichtiger Schritt für Wien und vor allem die Wienerinnen, an dem sich andere Städte ein Beispiel nehmen sollten.

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