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Kultur

Charaktermerkmal Doppel-F: Anime hat ein echtes Frauenproblem

Süß müssen sie sein, gleichzeitig aber auch die Maße einer Pornodarstellerin besitzen. Weibliche Figuren werden in japanischen Animationsserien oft genug auch dann auf Äußerlichkeiten reduziert, wenn sie eigentlich die Welt retten sollen.

von Natalie Meinert
05 Juli 2016, 7:00am

Foto: Danny Choo | Flickr | CC BY-SA 2.0

In den vergangen Wochen habe ich auf Druck eines Freundes endlich damit begonnen, mir die Pokémon-Serie zu Gemüte zu führen. Zu meiner Kindheit gehörten eher Mila oder die Samurai Pizza Cats, da sich Pikachu & Co. aber seit nunmehr über 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen, wollte ich mir—als investigative Journalistin natürlich—dann doch mal einen Eindruck machen. Und aus investigativer Perspektive muss ich direkt mal festhalten: Die Macher scheinen nicht nur keine Angst vor kleinen bunten Kampfmonstern, sondern auch nicht vor sexistischen Rollenklischees zu haben.

Nun gibt es zweifelsohne sexistischere oder fragwürdigere Animeserien, interessant ist aber, dass Pokémon ein ziemlich gutes Beispiel dafür ist, wie selbstverständlich bestimmte Geschlechterklischees auch dann angewandt werden, wenn sie inhaltlich absolut keine Bewandtnis haben. Besonders deutlich wird das bei den immer höflichen und überaus knapp bekleideten Krankenschwestern.

„Die sehen auch in jeder Stadt gleich aus", meinte mein Freund, „die Zeichner haben sich da echt keine Mühe gegeben." Große Brüste, perfekte Figuren, devotes, niedliches Verhalten der Frauen, und der gelegentliche Zoom der Kamera unter den Rock—die Sexualisierung von weiblichen Figuren und der Sexismus in Animes ist nicht zu negieren. Doch sind sie wirklich so gravierend? Und was sind die Gründe für diese Darstellungsformen?

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Auf der Anime-Messe in Berlin frage ich einige der Besucherinnen, was sie von Sexismus in Animes halten. Die meisten antworten achselzuckend, dass sie ihn als normal empfänden. Kritik gibt es aber durchaus. Die Journalistin Alexis Brazier beispielsweise sieht die nahezu durchgehende Sexualisierung der weiblichen Form als überaus problematisch an—wenngleich sie manchen Serien zugesteht, diese Überbetonung ansatzweise sinnvoll in die jeweilige Geschichte einzubetten. Und auch der Autorin Alvina Lai vom Nerd-Portal The Mary Sue stößt es bitter auf, dass weibliche Charaktere oftmals nur zur Erfüllung männlicher Fantasien existieren.

Zuerst: Ich spreche nicht von Hentai. Da Anime ein Medium ist, welches genauso wie die Filmwelt eine unendliche Bandbreite an Darstellungsformen, Genres und Nischen bietet, gibt es eben auch (gezeichnete) Pornografie, die sich allerdings nicht denselben legalen Grenzen unterwerfen muss wie herkömmliche Pornos. So werden in Lolicon-Filmen beispielsweise sehr junge Mädchen extrem sexualisiert dargestellt.

Den Zuschauer beschleicht das ungute Gefühl, sich zweidimensionalen Frauen mit sozialen Werten aus den 50ern gegenüberzusehen.

Nein, ich meine Mainstream-Animes, die viele von uns schon tagsüber auf RTL 2 oder nachts auf MTV gesehen haben. Serien, in denen Frauen oftmals als niedlich, übertrieben sexy oder abhängig vom Helden gezeigt werden, sodass den Zuschauer das ungute Gefühl beschleicht, sich zweidimensionalen Frauen mit sozialen Werten aus den 50ern gegenüberzusehen. Sogar Bezeichnungen für die unterschiedlichen Charaktertypen beziehungsweise Schablonen gibt es, die zumeist auf weibliche Figuren übertragen werden: „Tsundere" zum Beispiel ist eine zickige Person, die sich aber manchmal (meistens gegenüber dem Helden) verletzlich zeigt, „Dandere" ist zurückhaltend und schüchtern, und „Yandere" ist besessen durch zurückgewiesene Liebe und wird dadurch zu einer psychisch kranken Person.

Studio-Ghibli-Vater Hayao Miyazaki, der sich selbst als Feminist bezeichnet, kritisiert immer wieder die sexistischen Entwicklungen in der Anime-Welt, in denen sogar Gewalt an Frauen oft normalisiert gezeigt wird. 2014 erklärte er in einem Interview, dass es der Otaku-Kultur neben vielem anderen auch an einem realistischen Verständnis für den weiblichen Körper fehle. Der Begriff Otaku tauchte erstmals in den 80ern auf und lässt sich in etwa mit dem westlichen Begriff Nerd gleichsetzen. Während die Bezeichnung in Japan eher negativ konnotiert ist, bezeichnen sich Anime-Fans im Westen mit Stolz als Otakus.

Die Sexualisierung der weiblichen Figuren stieg seit den 70ern an, besonders rapide jedoch in den 90ern—als Anime sowohl in Japan als auch den westlichen Ländern immer populärer wurde. Ob das auch der westlichen Begeisterung für die Kulturform zu schulden ist, lässt sich nicht klar sagen. Fakt ist jedoch, dass die stete Sexualisierung mittlerweile normal geworden ist.

Stark, selbstbestimmt und nicht da, um gefällig zu sein: Die weibliche Hauptfigur aus ‚Prinzessin Mononoke'. Bild: imago | United Archives

Selbst Endzeitutopien mit Cyborgs kommen ohne ständige Nacktheit von Frauenkörpern nicht aus (man denke da nur an Ghost in the Shell), und somit erwartet man bei neuen Serien bereits unbewusst zumindest ein klein wenig Sexismus. „Die Darstellung von Männern und Frauen in Anime basiert vor allem darauf, an wen sich ein bestimmtes Produkt richtet. Ein Anime, der sich an ein hetero-normativ-männliches Publikum richtet, beziehungsweise an das Bild dieses Publikums, das die Macher im Kopf haben, ist mit Sicherheit sexualisierend und platziert weibliche Figuren eher in die Position des Objekts", sagt der Japanologe und Medienwissenschaftler Björn-Ole Kamm. „Ein Anime für Mädchen im Gundschulalter (als imaginierte Zielgruppe) wird weniger sexualisierend sein, aber wie vergleichbare Medieninhalte im Westen auch bestimmte Normen reproduzieren—wie beispielsweise, dass die Mutter früh aufsteht, um das Frühstück für die Kinder inklusive des ‚Kindes' Ehemann zu machen."

Beugen sich Mangaka nur dem, was gesellschaftlich sowieso tief verankert ist?

Ein treibender Faktor dafür könnte die heutige japanische Kultur sein. Die Beteiligung der Frauen an der Arbeitswelt ist rückläufig. Auch in Japan verdienen Frauen weniger als ihre männlichen Kollegen, „alternativen" Lebensplänen wie den der alleinerziehenden Mutter steht die Gesellschaft eher ablehnend gegenüber. Dabei ist die Trennung Mann-Öffentlich/Frau-Privat eine nicht ursprünglich japanische Norm, sondern wurde Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Westen—insbesondere aus Großbritannien—importiert, erklärt Björn-Ole Kamm weiter. Beugen sich Zeichner, sogenannte Mangaka, also nur dem, was gesellschaftlich sowieso tief verankert ist?

Dass es sich bei den Anime-„Produzenten" größtenteils eben nicht um lüsterne Männer handelt, die mit ihrer Arbeit unerfüllte Wünsche nach der vermeintlich perfekten, unterwürfigen Frau kanalysieren, erklärt mir die deutsche Zeichnerin Dramie, als ich sie auf der Berliner Anime-Messe treffe: „Ich kenne fast nur weibliche Mangaka in Deutschland. Mir fallen spontan nur zwei oder drei männliche Künstler ein." Auch in Japan gibt es etliche weibliche Zeichnerinnen wie Naoko Takeuchi, das Kollektiv CLAMP oder Riyoko Ikeda, die in den 70ern Die Rosen von Versailles erschuf und somit für die feministische Lady Oscar verantwortlich ist. Handelt es sich also teilweise um internalisierte Misogynie?

Interessant ist, dass auch Männerfiguren überaus unrealistisch dargestellt werden. Statt dem typischen Rollenklischee des muskulösen, starken Mannes zu entsprechen, brillieren sie allerdings eher durch ihre Fähigkeiten oder ihren Intellekt. Sie sind also der komplette Gegenentwurf zur auf ihre Äußerlichkeit reduzierten Frau. Ein gutes Beispiel dafür ist die Serie Death Note aus dem Jahr 2006, deren geniegleicher Protagonist Light Yagami seinen Kontrahenten bei der Polizei ständig überlegen ist.

Anime scheint bei näherer Betrachtung auch nicht wesentlich sexistischer als westliche Kulturformen.

Die beste Hilfe zur Vermeidung von Unmut und ständigen Nahaufnahmen wippender Brüste bietet eine Orientierung an den unterschiedlichen Genres. Beschäftigt man sich zum Beispiel mit Shounen wie der populären Serie One Piece, wird man als emanzipierte Frau eher enttäuscht, da sich diese Gattung an heranwachsende Jungen richtet. Blickt man jedoch auf die Magical Girl-Reihe, die zu der Shojo-Kategorie gehört, wird man schon eher fündig. Serien wie Sailor Moon oder Jeanne, die Kamikaze-Diebin zeichnen sich dadurch aus, dass jugendliche Protagonistinnen im Fokus der Handlung stehen. Selbst bei knapper Kleidung und übertriebenen Rundungen sind die Mädchen in diesen Serien so stark, dass man über Hollywodfilme wie Die Tribute von Panem nur müde lächeln kann.

Für erwachseneres Publikum gibt es Science Fiction- und Fantasy-Serien wie Ergo Proxy, Serial Experiments Lain oder Attack on Titan, die mit emanzipierten und interessanten Frauencharakteren aufwarten. Nicht zuletzt sind die Studio Ghibli-Filme des bereits oben erwähnten Miyazaki ebenfalls Beweis dafür, dass Animes komplett ohne Sexualisierung auskommen und trotzdem erfolgreich sein können. Gleichzeitig wimmeln sie nur so von unabhängigen und spannenden Frauenfiguren. In dem Film Nausicaä aus dem Tal der Winde von 1984 schafft es die Hauptdarstellerin zum Beispiel, in einer postapokalyptischen Zukunft den Krieg zwischen Natur und Mensch zu beenden.

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Natürlich werden auch in solchen Beispielen Frauen (zumindest äußerlich) oft als perfekte Wesen dargestellt. Doch das gehört mittlerweile zum O-Ton der Industrie. Unabhängig von der übertriebenen Darstellung scheint Anime bei näherer Betrachtung auch nicht wesentlich sexistischer als westliche Kulturformen. Die überzeichnete Darstellung macht das Ganze nur weniger unterschwellig und subtil. Der fade Beigeschmack bleibt.

Da hilft es, dass mir am Ende des Besuches auf der Anime-Messe noch die 14-Jährige Lena über den Weg läuft, die unter den ganzen Naruto-Cosplayern hervorsticht. Sie hat sich als die Kriegerin San aus dem Film Prinzessin Mononoke verkleidet. Der Grund? „Ich finde sie einfach toll wegen ihrer Stärke und ihrer Durchsetzungskraft." Es gibt sie also doch, die positiven Rollenvorbilder. Man muss sie nur suchen.


Foto: Danny Choo | Flickr | CC BY-SA 2.0