Psychische Gesundheit

Wie Schizophreniepatienten versuchen, die Stimmen in ihrem Kopf zu akzeptieren

Es gibt immer mehr Betroffene, die glauben, dass die Stimmen in ihrem Kopf nicht unbedingt medikamentös behandelt werden müssten. Ärzte und Psychiater sind da allerdings anderer Meinung.

von Laetitia Laubscher
24 März 2017, 11:05am

Illustration by Ben Thomson

"Du machst das falsch."Ron Coleman saß in seinem Büro und stellte gerade einige Berechnungen an, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte. Er sah sich um, aber da war niemand. "Ich habe es auf den Stress geschoben. Also bin ich ausgegangen, habe mich betrunken und dachte, dass es danach wieder besser werden würde", erinnert er sich. Ein Fehlschluss. "Es ging weiter. Nach kurzer Zeit waren es sechs verschiedene Stimmen, die ich zu unterschiedlichen Zeiten oder manchmal auch alle gleichzeitig hörte."

Er ist überzeugt, dass die Stimmen die Manifestationen verschiedener Traumata sind: Coleman wurde als junger Ministrant von einem katholischen Priester missbraucht. Mit 17 Jahren verlor er dann seine erste Frau. Sie beging nur ein Jahr nach der Hochzeit Selbstmord. Er wurde "jahrelang in Kliniken weggesperrt", bis ihn ein Betreuer davon überzeugte, in eine Selbsthilfegruppe des Hearing Voices Network (HVN) zu gehen. "Das Erste, was sie mir dort gesagt haben, war, dass die Stimmen real sind", sagt er.

Eine Aussage, die sein Leben verändert. "Auf einmal hat alles Sinn gemacht, denn wenn meine Stimmen echt sind, dann kann ich etwas gegen sie tun", erklärt Coleman. "Sonst wurde mir immer nur gesagt, dass sie nicht real seien und ich somit auch nichts dagegen tun könne."

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Mittlerweile arbeitet Coleman selbst als Kursleiter beim Hearing Voices Network, einem inoffiziellen, aber dennoch sehr einflussreichen Netzwerk aus Selbsthilfegruppen. Es soll schizophrenen Menschen wie Coleman dabei helfen, ihre Stimmen zu kontrollieren. Sie betrachten die Stimmen als eine ganz normale, menschliche Erscheinung, die nicht immer als Krankheit diagnostiziert werden muss – es sei denn, der Betroffene möchte es so. Das Netzwerk möchte den betroffenen Menschen beibringen, ihre Stimmen anzuerkennen und ihnen eine Bedeutung zu geben – auch wenn sie nur metaphorisch ist.

Kurzum, HVN möchte einen alternativen, nicht-medizinischen Ansatz zur Behandlung von Schizophrenie darstellen. Die Stimmenhörer, wie sie sich selbst nennen, bekommen gezeigt, wie sie ihren Stimmen ausdrücklich widersprechen oder, wenn nötig, auch mit ihnen verhandeln. "Wir sind eine Selbsthilfebewegung", sagt Coleman. "Wir reden nicht nur davon, dass wir Stimmen hören. Wir versuchen, einen Weg zu finden, wie wir unseren Stimmen antworten können."

HVN stammt ursprünglich aus den Niederlanden und wurde von dem holländischen Psychiater Marius Romme, der Wissenschaftsjournalistin Sandra Escher und der Stimmenhörerin Patsy Hage ins Leben gerufen. Ein Jahr später folgte ein Netzwerk im englischen Manchester. Von dort aus begann sich die Bewegung immer weiter zu verzweigen – auch nach Deutschland. Mittlerweile erstreckt sich ihr Netz über 35 Länder auf der ganzen Welt.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Schizophrenie als "schwere psychische Störung, die durch grundlegende Störungen in Denken, Sprache sowie Fremd- und Selbstwahrnehmung gekennzeichnet ist". Darunter fallen laut der Organisation auch psychopathologische Erfahrungen wie das Hören von Stimmen oder Wahnvorstellungen. Zur Behandlung wird laut des Royal Australian and New Zealand College of Psychiatry derzeit eine Kombination aus antipsychotischen Medikamenten wie Risperidon, Clozapin und Olanzapin empfohlen.

Allerdings werden diese Medikamente mit zahlreichen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, unter anderem Leberversagen, Gewichtszunahme, sexuelle Dysfunktion, Antriebslosigkeit und Herz-Kreislauf-Probleme. Coleman kennt die potenziellen Nebenwirkungen von Antipsychitika und hat auch bereits Erfahrungen damit gemacht. "Meine Hände haben angefangen zu zittern, ich habe extrem zugenommen ... am Ende brauchte ich einen Herz-Bypass und bekam Diabetes."

Wenn man sich selbst nicht mehr trauen kann, was soll man dann tun?

Tane* ist 38 Jahre alt, studiert und geht regelmäßig zum HVN. Er hat ähnliche Erfahrungen mit den Nebenwirkungen der Medikamente gemacht. "Nach einem Jahr [mit Risperidon] hatte ich eine Ketoazidose und musste in die Notaufnahme", sagt er. "Die Ärzte hielten es für wahrscheinlich, dass das Risperidon für meinen hohen Blutzucker verantwortlich ist."

Tane bekam andere antipsychotische Medikamente von seinen Ärzten, was allerdings nur wenig gebracht hat. "Ich habe stattdessen ein Jahr lang Aripiprazol genommen und letztendlich wieder dieselben Nebenwirkungen bekommen. Mein Blutzucker ist dramatisch angestiegen."

Im Hearing Voices Network gibt es viele Menschen, die der schulmedizinischen Behandlung von Schizophrenie kritisch gegenüber stehen. Psychiater beobachten den Aufstieg von nicht-evidenzbasierten Behandlungsansätzen allerdings mit Sorge. Auch Studien konnten bereits zeigen, dass die Folgen einer Psychose umso schlimmer werden, je länger sie medikamentös unbehandelt bleibt.

Foto: freestocks.org | Pexels | CC0

Hinzu kommt aber auch, dass vielen Schizophreniepatienten das Verständnis für ihre Erkrankung fehlt, sagt Dr. Richard Porter, Direktor des Forschungsinstituts für psychische Gesundheit an der Universität von Otago. "Man kann mit ihnen unmöglich über ihre Stimmen sprechen, weil sie so verzweifelt sind. Das ist einfach eine Nebenerscheinung, die zu dieser Krankheit dazugehört." In akuten Phasen sei es elementar wichtig, die Personen richtig zu behandeln.

"Manche Zentren nutzen Ansätze, die den Betroffenen helfen sollen, kognitive Strategien zu entwickeln, um die kognitiven Defizite der Schizophrenie auszugleichen", erklärt Dr. Porter weiter. "Man muss sich aber immer vor Augen halten, dass es dabei nicht nur um die psychotischen Symptome geht – das ist letztendlich nur ein kleiner Aspekt der Störung. Menschen mit Schizophrenie leiden unter schwerwiegenden kognitiven Defiziten."

Dr. Sigurd Schmidt ist Psychiater und klinischer Direktor eines psychiatrischen Dienstes in Neuseeland. Er sagt, dass sich Schizophreniepatienten "erheblichen" Risiken aussetzen, wenn sie keine Medikamente nehmen. Hierzu gehört unter anderem das erhöhte Risiko, permanent unter psychotischen Symptomen wie Wahnvorstellungen und Gedankeneingebungen zu leiden. Das wiederum kann dazu führen, "dass man ein erhöhtes Risiko für sich selbst und andere darstellt und nicht mehr in der Lage ist, sich um sich selbst zu kümmern", sagt Schmidt.

Hinzu kommt, wie Schmidt erklärt, "dass es Untersuchungen gib, die nahelegen, dass die schlechte Kontrolle einer Psychose zu einem deutlichen Rückgang der kognitiven Funktion führen kann". Dies könne dazu führen, dass die kognitive Leistung des Betroffenen vor der Erkrankung nie wieder hergestellt würde und stattdessen stetig abnehme. "Eine Behandlung ohne Antipsychotika kann durchaus zuträglich sein, allerdings nur, während der Betroffene psychosefrei ist."

Neben der Frage nach den Medikamenten möchte das Hearing Voices Network die Vorurteile gegen Schizophreniepatienten bekämpfen. Ihr oberstes Ziel ist es laut Ron, "dass jeder Stimmenhörer die Straße entlanglaufen und sich mit seinen Stimmen streiten kann, ohne komisch angesehen zu werden. Wir möchten, dass Stimmenhörer als Normalität betrachtet und genauso akzeptiert werden wie Linkshänder." Die Intention hinter dem Hearing Voices Network sei nicht der Umgang mit einer Krankheit, sondern die Befreiung.

James* ist redegewandt, im Gesundheitswesen tätig und war selbst fünf Jahre lang in der Psychiatrie. Sich selbst von dem Stigma seiner Krankheit zu befreien, war entscheidend für seine Heilung. "Zuerst war es schwer", erzählt der 37-Jährige. "Ich dachte die ganze Zeit, dass mit meinem Gehirn etwas nicht stimmen würde – dass ich die Realität nicht so wahrnehmen würde, wie sie ist. Wenn man sich selbst nicht mehr trauen kann, was soll man dann tun?" Dass er im HVN unter Gleichgesinnten sein kann, die seine Probleme kennen und ihn trotzdem genauso behandeln wie jeden anderen auch, macht einen riesigen Unterschied für ihn.

James vergleicht es mit seiner Zeit in der Klinik, wo es "klare Grenzen zwischen den Patienten und den Mitarbeitern gab. Man brauchte immer einen Betreuer, um in die Bibliothek zu gehen oder sich einen Kaffee zu holen. Außerdem haben sie sich ständig Notizen über einen gemacht." Er beschreibt die Erfahrung als extrem entmutigend.

Wir werden von vielen Menschen noch immer als Gefahr betrachtet, weil wir Stimmen hören.

"Man hat mir lange Zeit über keine andere Sichtweise auf meine Krankheit gegeben", sagt er weiter. "Anstatt die Krankheit als einen Teil meiner Persönlichkeit zu betrachten, den ich verstehen und dem ich Bedeutung beimessen muss, wurde sie komplett negativ dargestellt. Als wäre sie etwas Schlechtes, das es zu überwinden gilt."

Aufgrund der Vorurteile gegenüber Schizophreniepatienten vermeidet es Tane noch immer, Menschen von seinen Stimmen zu erzählen. "Einmal war ich bei einem Schlafspezialisten und habe ihm erzählt, dass ich Stimmen höre [die mich nicht schlafen lassen]. Er ist regelrecht erschrocken und hatte plötzlich eine ganz andere Körpersprache. Er sah aus, als hätte er Angst, in meiner Nähe zu sein. Ich hatte den Eindruck, er würde denken, die Stimmen in meinem Kopf würden mir jeden Moment sagen, dass ich ihm etwas antun sollte."

Viele Menschen kennen nur die negativen Seiten der Stimmen, sagt er. Meistens kommt das Thema nur zur Sprache, wenn es um psychotisch motivierte Verbrechen oder Amokläufe geht. Dabei kämen "viele Menschen sehr gut mit ihren Stimmen zurecht".

James ist überzeugt, dass diese Vorurteile Schizophreniepatienten aktiv schaden. "Ich glaube, dass die Diagnose viele Menschen isoliert. Sie bekommen diesen Stempel aufgedrückt, der sie entwertet – der wissenschaftliche Beweis, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und sie weniger menschlich sind." In viele Fällen sei sie gleichbedeutent mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

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"Wir werden von vielen Menschen noch immer als Gefahr betrachtet, weil wir Stimmen hören", sagt Coleman. Er wünscht sich mehr Verständnis dafür, was bei den Betroffenen eigentlich passiert. Stattdessen setzten sich Psychiater lediglich zur Aufgabe, die Stimmen zu "eliminieren".

Deswegen ist das Hearing Voices Network in seinen Augen eine Organisation, die für die Menschenrechte von Stimmenhörern kämpft, gegen die "Unterdrückung einer gesellschaftlichen Minderheit".

"Im letzten Jahrhundert gab es die Frauenrechtsbewegung, die Lesben- und Schwulenbewegung, die Bürgerrechtsbewegung. Ich glaube, jetzt kommt die Zeit der Psychiatriepatienten."


*Namen wurden geändert.

Mit zusätzlicher Berichterstattung von Rebecca Kamm.