Fellatio und Julia: Die literarische Bedeutung des Blowjobs
Illustration by Katherine Killeffer
literatur

Fellatio und Julia: Die literarische Bedeutung des Blowjobs

"Alles im Leben dreht sich um Sex, nur nicht der Sex. Der dreht sich um Macht", sagte Oscar Wilde. Eine Dynamik, an der viele Autoren spektakulär scheitern.
18 April 2017, 10:20am

Michael Cunningham ist der moderne Meister der Fellatioszenen. Allerdings musste er ihnen erst den Rücken zukehren, um schließlich doch noch ausgezeichnet zu werden. "Da schreibe ich mal ein Buch, in dem keine Männer vorkommen, die sich gegenseitig einen blasen", sagte er gegenüber Poz, nachdem ihm der Preis für Die Stunden verliehen wurde, "und schon bekomme ich den Pulitzer-Preis."

Die Leichtigkeit, mit der Cunningham über Blowjobs schreibt, ist eine seltene Gabe. In Fleisch und Blut hat er ein ganzes Kapitel mit einer solchen Szene ausgefüllt – wie so eine Art eigenständiger Bildungsroman. Es geht darin um Billy Stassos, der gerade in Harvard angekommen ist und verführt wird. Obwohl er zu Beginn der Szene ängstlich und misstrauisch ist, fasst er letztendlich doch Vertrauen in seine soeben bestätigte Homosexualität und Männer – ein Vertrauen, dass er zu seinem strengen Vater nie hatte. Die Szene ist kurz und prägnant und erzählt eine komplette Geschichte in einem einzigen sexuellen Akt.

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Doch selbst Cunningham hatte damit keinen Erfolg. Die literarisch implizite oder explizite Darstellung von Fellatio ist selten zielführend, wenn es darum geht, sein schreiberisches Können zu demonstrieren. Das liegt vor allem daran, dass solche Szenen viele potenzielle Fallstricke beinhalten. Der Schlüssel zu einer überzeugenden Fellatioszene liegt nicht unbedingt in ihrer Fähigkeit, eine Beziehung zwischen den Charakteren herzustellen oder zu verkomplizieren – auch wenn die meisten heterosexuellen Sexszenen anspruchsvoller Literatur genau dazu dienen. Es geht vielmehr darum, eine innere Entwicklung darzustellen. Doch im Gegensatz zu klassischen literarischen Sexszenen befindet sich Fellatio in einer empfindlichen Schwebe, die auch schnell ins ins Lächerliche umschwenken kann.

Über die gesamten 128 Seiten ihres Romans Rapture führt Susan Minot ihre Leser durch die Gedankenwelt des Gebers (Kay Bailey) und des Empfängers (Benjamin Young). Minots Beschreibungen von Oralsex sind ironisch, aber auch sehr konkret und detailliert. Allerdings lässt sie sich etwas zu sehr davon mitreißen. Ein klassischer Fehler, den viele Autoren begehen, wenn sie Sexszenen schreiben.

Eine gut gelungene Fellatioszene sollte schlicht sein. Es ist weder erstrebenswert noch notwendig, für jedes Gefühl eine eigene Metapher zu suchen oder unendlich tief in die Gedankenwelt des Protagonisten einzutauchen. Cunninghams Szene funktioniert so gut, weil er nicht erklären muss, was in Billy vor sich geht. Seine latente Homosexualität und sein fehlendes Vertrauen zu seinem Vater werden durch sein Lustempfinden deutlich. Ein literarischer Blowjob sollte sich der Suggestion und der psychologischen Leere bedienen, die nur im Kontext seiner sozialen Beziehungen deutlich werden.

Interessant sind die Gedanken und die Beziehung zwischen Geber und Empfänger, wenn es um Macht geht. Der Geber hat den Empfänger in der Hand und entscheidet damit über seine Lust; gleichzeitig ist der Empfänger aber auch der, der "bedient" wird, ohne selbst etwas tun zu müssen. Nur ein gegenseitiges Verständnis von Macht – geht es darum, das Vergnügen zu geben oder zu bekommen? – bestimmt, welcher der beiden Beteiligten die Oberhand hat.

Dadurch kann ein gut beschriebener Blowjob eine subtilste Erzähltechniken darstellt, um die Macht und das Verständnis der Charaktere von sich selbst und ihrem Gegenüber zu beschreiben. Interessante Rückschlüsse lassen sich dadurch auch auf Michel Houellebecqs Protagonisten ziehen – in der Regel offen frauenfeindliche und von Selbsthass zerfressene Männer mittleren Alters, die vorgeben, als Empfänger vollkommen machtlos zu sein. Der Autor selbst bringt seine Leser allerdings im Laufe der Geschichte zu der Erkenntnis, dass die Realität ganz anders aussieht.

Wenn Fellatio die Königin des Pornokinos ist, dann liegt das nicht nur daran, dass Männer es genießen

In Houellebecqs Roman Unterwerfung behauptet der 44-jährige Literaturprofessor François beispielsweise, dass er keine Macht über seine 22-jährige Studentin Myriam hätte, in die er sich verliebt hat, nachdem sie miteinander geschlafen haben. Das liegt seiner Auffassung nach vor allem an ihrem wunderschönen Körper und ihren vollkommenen Blowjobs. "Für Männer ist Liebe nichts anderes als die Dankbarkeit für das Vergnügen, das sie bekommen", sagt François. "Jeder einzelne ihrer Blowjobs würde ausreichen, um das Dasein eines Mannes zu begründen."

Eine Schlussfolgerung, die negiert, dass er als doppelt so alter Lehrer von Myriam eindeutig in einer machtvolleren Position ist. Ihre sexuellen Begegnungen finden immer in seiner Wohnung statt. Außerdem gesteht er, ständig Ausschau nach Studentinnen zu halten, da er jedes Jahr eine andere verführt. Indem François sich als unterworfener Part des Oralverkehrs sieht und Myriam die komplette Kontrolle über die Situation zuschreibt, stilisiert er sich als Opfer ihrer sexuellen Macht und Überlegenheit.

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An einem lauen Sommerabend im Juli 2000 wurde Houellebecq nach einer Lesung in Monaco von einer jungen Leserin gefragt, ob sie ihn zum Zug begleiten dürfte. Dann fragte sie ihn, ob er die Nacht mit ihr verbringen wollen würde. Houellebecq sagt in seinem Vorwort zu Tomi Ungerers illustriertem Buch Erotoscope, dass er zuerst noch zögerte, seine Meinung letztendlich aber doch änderte. "Letztendlich konnte sie mich überzeugen, indem sie mir erklärte, dass sie ziemlich gut blasen konnte", schreibt er. Dass sie das Gefühl hatte, die Kontrolle über ihn zu haben, hielt ihn "die nächsten drei Stunden" bei Laune.

"Wenn Fellatio die Königin des Pornokinos ist", schreibt Houellebecq in dem Vorwort, "dann liegt das nicht nur daran, dass Männer es genießen. Wenn der Blick der Kamera längere Zeit auf dem Gesicht der Frau verweilt und dabei sowohl ihren Blick als auch die Bewegungen ihrer Zunge einfängt, dann erkennt man ihre Emotionen, ihre Unersättlichkeit." Der Geber glaubt, dass er selbst mehr aus der Begegnung zieht, auch wenn der Empfänger weiß, dass das nicht wahr ist.

Fellatio hat in der Wahrnehmung von Frauen natürlich noch eine ganz andere Bedeutung. In Wie sollten wir sein? betrachtet Sheila Heti das Dilemma heterosexueller Frauen bedrückend realistisch: Sie erlaubt ihrer Erzählerin, ihre Ohmacht zu akzeptieren, gibt es den beleidigenden und verletzenden Männern aber gleichzeitig auch zurück. "Ich habe es satt, die perfekte Freundin zu sein – mal abgesehen von Blowjobs", beklagt sich die Erzählerin. "Es hat aber auch einen Vorteil, eine Frau zu sein: Wir haben noch nicht allzu viele Vorstellungen davon, wie ein Genie auszusehen hat. Vielleicht bin ich es. Wir haben keine genaue Vorstellung davon, wie mein Verstand zu sein hat. Bei Männern ist es ziemlich klar [...] Sie verbreiten weiter ihren falschen, pseudogenialen Blödsinn, während ich ihnen einen blase, als wären sie schon im Himmel."

Durch die Verbindung von sexueller Leistungsfähigkeit und der sozialen Mehrdeutigkeit von der Vorstellung des weiblichen Genies, kritisiert die Erzählerin die Auffassung, Blowjobs seien einer der wenigen Bereiche, in denen sich Frauen wirklich mächtig fühlen könnten. Durch Hetis absurde Formulierung ("als wären sie schon im Himmel"), hinterfragt sie, ob es sich dabei überhaupt um eine Form von Macht handelt.

Nur wer in der Lage ist, seine Macht bereitwillig – und vorübergehend – abzugeben, behält die Macht in einer Beziehung.

Natürlich spiegelt die körperliche Dynamik von Fellatio auch die psychologische wider, stellt gleichzeitig aber gewisse soziale Dynamiken dar. Der gesamte Akt findet vor dem Hintergrund einer patriarchalen Gesellschaft statt, deren soziale Erwartungen verlangen, dass Männer arbeiten gehen (also die aktive Rolle übernehmen), während Frauen eher passiv sind. Ein Blowjob kehrt diese Erwartungen um: Der Mann übernimmt die passive Rolle und die Frau oder der andere Mann werden aktiv. Damit stellt ein Blowjob einen der wenigen Momente im Leben eines Mannes dar, in dem Lustgewinn mit einem Mangel an Arbeit einhergeht und er nicht das Gefühl hat, etwas tun zu müssen, um seine Situation zu verbessern. Stattdessen wird von ihm verlangt zu fühlen, zu beobachten und aufmerksam zu sein. Im Rahmen dieser vollkommenen Anwesenheit erreicht er den stärksten Lustgewinn. Diese sozialen Verstrickungen zu berücksichtigen und dabei nicht die notwendigen Abstufungen zu vergessen, ist der Grund, warum es selbst den großen Autoren unserer Zeit so unglaublich schwer fällt, einen Blowjob zu beschreiben.

Auch Salman Rushdie scheitert in seinem Roman Wut daran, sich von dem sexuellen Akt selbst zu lösen und versinkt infolge dessen in einer seltsamen Form von Sentimentalität. In dem Buch geht es vor allem um die Folgen, die der Postkolonialismus und der Neoliberalismus auf unserer moderne Sexualität haben. Rushdie fällt es allerdings merklich schwer, dieser Schwerfälligkeit zu entkommen. Er versteht die Komplexität des sozialen Kontexts, vergisst dabei aber, dass nicht alles schwarz-weiß ist.

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Durch einen Zeitsprung überspringt Rushdie die Szene, in der der Millionär Malik Solanka und Mila Milo, ein junges serbisches Computergenie, Oralsex haben. Stattdessen wird die Szene nur angedeutet und zwar durch Metaphern zu den Puppen, die Malik sammelt. "Du hast so vieles in dir, das nur darauf wartet, aus dir herauszubrechen", sagt die junge Mila zu dem älteren Malik. "Ich kann es spüren. Hier, hier. Nutze in deiner Arbeit, Papi. Diese furia. Ja? Mach traurige Puppen, wenn du traurig bist und wütende Puppen, wenn du wütend bist ... Hau mich um, Papi. Mach, dass ich sie vergesse! Mach erwachsene, nicht jugendfreie Puppen. Ich bin kein Kind mehr. Mach Puppen, mit denen ich auch jetzt noch spielen möchte." Die Metapher mit den Puppen und Sätze wie "Ich bin kein Kind mehr" under "Hau mich um, Papi" sind ein Versuch, ihre Affäre in einen sozialen Kontext zu setzen. Rushdie schießt allerdings über das Ziel hinaus. Letztendlich wird seine Erzählweise so blumig, dass sie seine sonst so ernsthafte Symbolik zerstört.

Natürlich sollte man die literarische Darstellung von Fellatio nicht überinterpretieren. Ein Blowjob ist ein Blowjob ist ein Blowjob. Die Szenen verändern sich, die Worte verändern sich, aber die Bedeutung und die Machtverhältnisse scheinen immer dieselben zu bleiben.

Im März 2015 nahmen Houellebecq und Lorin Stein – der Herausgeber des Paris Review und englischer Übersetzer von Unterwerfung – gemeinsam an einer Podiumsdiskussion der American University in Paris teil. Am Ende des Abends erwähnte Stein, dass er Schwierigkeiten hatte eine Szene zu übersetzen, in der François Myriam beim Oralsex mit einem "poulet rôti" vergleicht, also einem "Brathähnchen". Stein war sich nicht sicher, ob er es wortwörtlich mit "roasted chicken" übersetzen sollte und beschloss deshalb, Houellebecq eine E-Mail zu schreiben. "Cher Monsieur Stein", antwortete Houellebecq, "wenn ich 'poulet rôti' sage, dann meine ich auch 'poulet rôti.'"