Fotos

Wie ausgestoßene Frauen durch Fotografie ihre Identität zurückerlangen

Ann-Christine Woehrl fotografierte Hexen im Exil und stigmatisierte Säureüberlebende. Wir haben mit der Fotografin über Würde, Identität und starke Frauen am Rand der Gesellschaft gesprochen.

von Lisa Ludwig
22 März 2016, 9:00am

Alle Fotos: Ann-Christine Woehrl

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch die fotografische Arbeit von Ann-Christine Woehrl zieht, dann ist es das weibliche Geschlecht. Sie fotografierte Frauen aus verschiedensten sozialen Schichten in Kuba, die heiligen Prostituierten Indiens oder kolumbianische Gefängnisinsassinnen. Besonders aufrüttelnd sind allerdings die Arbeiten, in denen sie sich mit Frauen auseinandersetzt, die im sozialen Gefüge ihres Landes nicht mehr stattfinden dürfen und als Ausgestoßene am Rand der Gesellschaft existieren. Dafür besuchte sie für Witches in Exile Hexendörfer in Ghana oder setzte sich ganz aktuell mit den Überlebenden von mutmaßlichen Säureanschlägen auseinander. IN/VISIBLE heißt das mittlerweile auch in Buchform veröffentlichte Projekt, das von der Stiftung Kulturwerk/VG Bild-Kunst gefördert wurde und in enger Zusammenarbeit mit der Organisation ASTI (Acid Survivors Trust International) entstand. Wir haben mit der freien Fotografin über starke Frauen, berührende Begegnungen und die identitätsstiftende Kraft der Fotografie gesprochen.

Broadly: Du hast für dein Projekt IN/VISIBLE Frauen fotografiert, die durch Säureanschläge im Gesicht verätzt wurden. Was war deine Intention?
Ann-Christine Woehrl: Ich war in sechs Ländern—Pakistan, Indien, Bangladesch, Uganda, Kambodscha und Nepal—fast zwei Jahre lang zugange, in denen das ein tatsächliches Problem ist und gegen das Maßnahmen ergriffen werden mussten und nach wie vor ergriffen werden müssen. Diese Frauen werden unsichtbar für die Gesellschaft, indem man ihnen ihre „Schönheit", ihr Weiblichkeit nimmt, ihr Gesicht, ihren Körper verätzt. Sie sind es nicht mehr „wert" und man nimmt ihnen ihre äußere und dadurch auch ihre innere Identität. Aber vermeintlich wird erst mal auf die Weiblichkeit gezielt und ihnen dadurch das Interesse von anderen genommen. Sei es durch Männer, Schwiegermütter oder einfach Frauen, die aus Eifersucht agieren. Man nimmt ihnen ihr Recht, präsent zu sein. Bei ihnen ist das Bewusstsein „Ich bin es gar nicht wert, fotografiert zu werden" sehr tief verankert, weil sie von ihrem Umfeld geprägt werden. Ich erinnere mich noch an zwei Frauen, die ich begleitet habe, denen es einen grossen Selbstbewusstseinsschub gegeben hat, weil sie sich auf eine Art wahrgenommen gefühlt haben. Das war auch mein Wunsch.

Bei Witches in Exile geht es ebenfalls um Ausgestoßene. Ist es schwieriger, Menschen zu porträtieren, die am Rand der Gesellschaft leben müssen und dadurch womöglich schwerer Vertrauen zu einem fassen?
Bei den Porträtserien gab es ganz unterschiedliche Prozess, Vertrauen herzustellen. Ein Teil davon sind natürlich zunächst Gespräche und dass man - nicht sofort zur Kamera greift. Auch bei Witches in Exile wollte ich durch den schwarzen Hintergrund einen Rahmen schaffen, vor dem sie sich selbst mit Stolz und Würde zeigen können. Das war auch eines der Ziele: Sich wieder als Frau und Individuum zu spüren, weil sie durch diese kollektive Stigmatisierung ihre Identität gewissermassen verlieren. Manche Frauen waren am Anfang noch etwas zögerlich, weil das Selbstbewusstsein und vielleicht auch die Sicherheit fehlte, sich zeigen zu wollen. Aber dann haben sie gesehen, dass andere das auch machen und Gefallen daran finden und dann ist manchmal auch eine richtige Dynamik entstanden. Bei der Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Schicksal realisiert man oft die Umstände, die nicht unbedingt erlauben, dass die Frauen ihre innerste Seele preisgeben. Da geht es um sehr viel existenziellere Dinge, weil die Kultur es nicht zulässt, oder der Raum einfach nicht gegeben ist, aufgrund materieller, finanzieller Nöte. Wenn dann jemand von außen kommt und dafür Zeit und Raum mitbringt, ist das ungewohnt aber auch eine Möglichkeit aufzuarbeiten.

Bei den Säureopfern war es ähnlich. Manche haben erst später Vertrauen gefasst, manche wollten nur ganz kurz fotografiert werden und da sind dann zum Teil auch nur ein paar Fotos entstanden. Natürlich scheint ein Porträt zunächst erstmal nur ein Abbilden der „Fassade", aber eigentlich geht es darum ihr Inneres zu zeigen und hinter die Narben zu blicken. Ich hoffe, dass sie das auch so empfunden haben. Ich habe da ein - schönes Beispiel aus Pakistan: Da war ein Mädchen, das sich erst in ihrer traditionellen und kulturangepassten Kleidung fotografieren ließ. Ganz zurückhaltend, die Haare zurückgemacht—angepasst. Sie kam am nächsten Tag noch einmal zu mir und hat mich gefragt, ob ich Fotos von ihr machen kann, die nur für sie sind. Dann hat sie sich von all ihren Traditionen und ihrer aufwendigen Zurechtmachung befreit und erst mal ihre Haare aufgemacht. Das war einfach ein wahnsinnig schöner Moment und genau deshalb wollte ich dieses Projekt auch machen. Damit Frauen sich wieder anders spüren können.

Glaubst du, dass Fotos in diesem Sinne ein befreiendes Element sein können?
Ja. Ich glaube, die beiden Projekte sind auch nur exemplarisch für andere Formen der Stigmatisierung. Insofern erinnere ich auch noch in meiner Ausstellung in Freiburg. Da kam eine Frau auf mich zu, eines der „Contergan-Kinder" aus den 60er Jahren. Sie war sehr berührt von dieser Ausstellung, weil sie sich mit den Frauen identifizieren konnte. Das war für mich auch sehr berührend, ehrlich gesagt, weil sie wohl mehrfach in die Ausstellung gegangen war und auch das Bedürfnis hatte, ihre Geschichte mitzuteilen. Insofern kann das eine Befreiung sein, die vielleicht Mut macht zu sagen „Ich darf auch sein". Ich hoffe natürlich zum Einen, dass es ganz konkret die Frauen, die ich fotografiert habe, Mut fassen lässt, aber eben auch andere dazu ermutigt, dass sie genau so das Recht haben, Teil der Gesellschaft zu sein und einfach ihr Leben zu leben. Gerade das fand ich bei den Säureüberlebenden auch so toll: Dass sie sich, eben weil sie dieses Schicksal erlitten haben, von sämtlichen Erwartungshaltung völlig freigemacht haben. So what? Dann bin ich eben anders und muss auch niemandem mehr gerecht werden.

Wie haben die Frauen, die du porträtiert hast, auf die Bilder reagiert?
Die Hexen haben sich wahnsinnig gefreut, überhaupt mal ein Bild von sich zu haben. Da gibt es keine Selfie-Kultur, keine Kameras, Fotografie in dem Sinne schon gar nicht, und ein Porträt von sich selbst zu haben, hatte dann eben eine Bedeutung für viele. Bei den Säureüberlebenden waren es, soweit ich es persönlich mitbekommen habe, unterschiedliche Reaktionen und ein Prozess. Manche waren im ersten Moment überwältigt, weil sich durch den schwarzen Hintergrund alles auf sie fokussiert, auf ihre Erscheinung. Bei manchen war es auch ein Erschrecken. Sie waren noch einmal mit ihrem Schicksal konfrontiert das sie erlitten haben, und mit den Konsequenzen und sahen ihre Narben. Manche haben sich gefallen im Sinne von „Ja, ich darf mich auch zeigen." Ich finde auch, dass viele in den Porträts eine große Kraft ausstrahlen, ein Selbstbewusstsein, eine Überlebensstärke. Mir ging es wirklich darum, sie als Überlebende zu zeigen, nicht als Opfer. Wir als Gesellschaft sind die, die die Narben vertiefen und von Außen nach Innen dringen lassen. Wir sollten uns bewusst machen, was für eine Verantwortung wir eigentlich tragen und wie oft wir sie durch unsere Definitionen überhaupt erst in diese Ausgrenzung treiben. Deswegen sind diese beiden Projekte für mich das, was ich mit der Fotografie wirklich bewirken möchte. Hier sehe ich eine Sinnhaftigkeit in dem, was ich tue.