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Beim Tod von XXXTentacion gibt es keine Gewinner

Der verstorbene 20-jährige Rapper war für manche Leute ein Held, für viele andere ein gefährlicher Missbrauchstäter. Sein Tod ist eine einzige Tragödie – vor allem, weil er zeigt, wohin unsere Gesellschaft abzudriften droht.

von Lawrence Burney
21 Juni 2018, 3:37pm

Foto: imago | ZUMA PRESS

In den USA verarbeitet man Leid nicht mehr so wie früher. Schuld an dieser beunruhigenden Entwicklung sind Technologie und das immer schlimmer werdende Polit-Klima. Viele junge Menschen sind inzwischen so sehr an Tod und Leid gewöhnt, dass sie dabei entweder nichts mehr fühlen oder so schnell die Hoffnung verlieren, dass es sich ihrer Meinung nach für nichts mehr zu leben lohnt. Genau mit diesem emotionalen Chaos setzen sich viele junge Menschen um die 20 dann in ihrer Musik auseinander.

Der 20-jährige Rapper XXXTentacion aus Florida wurde vor wenigen Tagen in seiner Heimatstadt erschossen. Er galt als eine Art Aushängeschild für Leid – sowohl für die Art, die man selbst verspürt, als auch für die Art, die man anderen Menschen zufügt. Deswegen entbrannten nach der Nachricht seines Todes auch direkt hitzige Social-Media-Diskussionen darüber, ob und wie man dem als Jahseh Onfroy geborenen Musiker gedenken sollte.

Eine Sache lässt sich nicht leugnen: Onfroy war offensichtlich stolz auf das Leid, das er anderen Menschen zufügte. In einem seiner ersten Interviews mit Adam22 von No Jumper erzählt XXXTentacion davon, wie er einen homosexuellen Mithäftling fast umbrachte, nur weil der ihn angeschaut hatte. Er gab sogar damit an, sich das Blut des Mannes ins Gesicht geschmiert zu haben. Und bereits zuvor hatte man dem Rapper bereits vorgeworfen, seine damals schwangere Freundin so schwer misshandelt zu haben, dass sie fast erblindete. Vergangenen September reagierte XXXTentacion bei Instagram mit folgendem Spruch auf die Anschuldigungen: "Anybody that called me a domestic abuser, I’m finna domestically abuse y’all little sisters’ pussy from the back." Und in einem aktuellen Artikel der Miami New Times sagt die angeblich misshandelte Frau, dass die Fans des Musikers sie bei der Arbeit belästigten und eine GoFundMe-Kampagne für ihre Augen-OP kurzeitig wieder offline nehmen ließen.


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Aus diesen Gründen gibt es viele Leute, die den Tod XXXTentacions online gutheißen. Und so sehr man dieses abscheuliche Verhalten auch verurteilen kann, irgendwo hat man auch Verständnis für solche Gedanken. Zwar werden Gewalt und sexueller Missbrauch heutzutage in der Popkultur häufiger diskutiert denn je, aber in der breiten Öffentlichkeit haben Männer, die solche Taten begehen, trotzdem noch sehr viel Spielraum. Chris Brown ist immer noch kommerziell erfolgreich. R. Kelly ist immer noch ein freier Mann. Harvey Weinstein hat immer noch kein Gefängnis von innen gesehen. Und 6ix9ine wird von Tag zu Tag beliebter. Viele sind der Meinung, dass XXXTentacion selbst dafür verantwortlich sei, dass manche sich aufgrund seines Tods freuen – wegen seines Umgangs mit seinen Vergehen. Für die treuen Fans des Rappers ist dessen Musik jedoch wie eine Therapie.

Auf seinen mehr als erfolgreichen beiden Alben 17 und ? setzt sich XXXTentacion explizit mit den Themen Einsamkeit, Depressionen und Suizid auseinander. "Tired of feeling like I’m trapped in my own mind/ Tired of feeling like I’m rapping a damn lie/ Tired of feeling like my life is a damn game/ Nigga really wanna die in the nighttime", rappt er im Refrain von "Everybody Dies In Their Nightmares". Und in "before I close my eyes" heißt es: "I hope it’s not too late for me." Seine Musik spricht junge Menschen an, die auf ähnliche Art und Weise mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben. Zusammen mit seinen Mut machenden Instagram-Live-Videos katapultierte er sich dadurch an die Spitze einer Bewegung von jungen Rappern, die den Soundtrack zur US-weiten Opioid- und Suizid-Krise liefern. Der verstorbene Lil Peep hatte mit ähnlichen Inhalten schon fast einen Kult um sich aufgebaut. Rapper wie Lil Uzi Vert sind nach Peeps Tod mit ihren eigenen psychischen Problemen an die Öffentlichkeit gegangen. Und viele weitere Nachwuchskünstler scheinen vom Thema Tod wie besessen zu sein – egal ob nun durch ihren eigenen Willen oder durch Antidepressiva. Zwar wird oft vom negativen Einfluss von Rap-Musik gesprochen, aber auch bei Leuten, die dieses Genre eher nicht hören, werden solche psychischen Probleme immer häufiger beobachtet.

Selbst nach seinem Tod sollte man darüber reden, wie unverantwortlich XXXTentacion mit seiner Reichweite und seinem Einfluss umgegangen ist. In "SAD!", der erfolgreichsten Single seiner Karriere, droht er zum Beispiel explizit damit, Suizid zu begehen, wenn ihn seine Partnerin jemals verlassen sollte. Dabei ist das Lied selbst so melodisch und packend, dass man sehr schnell einfach so unterbewusst mitsingt. Was den Text aber noch so belastend macht: Er spiegelt viele der Anschuldigungen wieder, die Onfroys Ex-Freundin gegenüber der Polizei geäußert hat. XXXTentacion nutzte seine Musik aber noch öfter als eine Art Spielwiese für seine extremen Ansichten und Fantasien. Im Lied "Carry On" rappt er beispielsweise ganz offen in Richtung Ex-Freundin: "Falsely accused/ Was used and misled/ Bitch, I'm hopin' you fuckin' rest in peace." Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Fans – angestachelt durch solche Lyrics – gegen den Spendenaufruf für die Augen-Operation hetzen und die angesprochene Frau immer wieder belästigen.

XXXTentacion war sich seiner Macht definitiv bewusst. 2017 sagte er in einem Instagram-Live-Video, dass sein Leben im Falle seines Tods mindestens fünf Millionen Kids glücklich gemacht oder ihnen irgendeine Antwort gegeben haben solle. Später meinte er in einem Interview mit DJ Akademiks: "Wenn ich angeschossen werde, im Krankenhaus lande, und sich dann draußen keine Millionen Menschen nach meinem Wohlergehen erkundigen, dann werde ich nie wieder Musik machen." Gesprochen wie ein wahrer Manipulator, dem klar wurde, dass sein Vermächtnis nur so groß ist wie die Zahl der Menschen, die seiner Ideologie verfallen sind. Und genau an diesem Punkt übersteigen die Nachwirkungen von XXTentacions Tod sein Privatleben.

Solche kühnen Aussagen haben Jahseh Onfroy für die Märtyrerrolle prädestiniert, ganz egal, was Kritiker auch dazu zu sagen hatten. Sein Ruf als Künstler, der in den Medien keine Aufmerksamkeit bekommen sollte, wird seinem Heldenstatus nur zugute kommen, denn so gilt XXXTentacion schnell als missverstandener Außenseiter, der seiner Zeit meilenweit voraus war. Dass er über seinen eigenen Tod sinniert, Selbstakzeptanz gepredigt und seine Fans gegen alle anders denkenden Personen aufgebracht hat, wird wohl dafür sorgen, dass Onfroy bei Gleichaltrigen und seinen Fans nie in schlechtem Licht dasteht. Nein, dadurch gilt er vielmehr als Mensch, der die Ängste und Sorgen seiner Generation angesprochen hat. Trotz der Kontroverse um die angeblichen Misshandlungen ist XXXTentacion zu einer Art mystischen Figur der Rap-Folklore geworden. Und auch deswegen ist sein Tod so tragisch – weil sich diese einseitige Darstellung des Rappers in den Köpfen beeinflussbarer junger Menschen festgesetzt hat.

Bei XXXTentacions Tod gibt es keine Gewinner. Er selbst wurde für seine Taten und Verantwortungslosigkeit nie wirklich zur Rechenschaft gezogen. Viele seiner Fans behaupten, dass sich der Rapper auf dem Weg der Besserung befunden hätte. Aber nun werden wir nie erfahren, ob er wirklich zu einer positiven Veränderung bereit war. Seine Opfer können dem Ableben Onfroys vielleicht etwas abgewinnen, aber sie müssen trotzdem weiter mit dem Horror leben, den er über sie gebracht hat. Außerdem sind sie nicht sicher vor der Wut der Fans, die jetzt nach Schuldigen suchen. Am besorgniserregendsten ist jedoch, wie sich all das jetzt auf die jüngeren Generationen auswirkt, die sowieso schon in einer Welt großwerden, in der problematische Personen für nichts büßen müssen und in der das Thema Tod so gewinnbringend wie möglich ausgeschlachtet wird. Egal, wie man das Ganze auch betrachtet, die Geschichte von XXXTentacion ist und bleibt eine Tragödie – und zwar vor allem deswegen, weil sie stellvertretend für die Entwicklung unserer Gesellschaft hin zur völligen Katastrophe steht.

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