Wir haben eine Dinosaurier-Expertin gefragt, wie realistisch 'Jurassic World: Das gefallene Königreich' ist

Sie erklärt, warum der T-Rex gar keine Killermaschine war und wie nah wir davorstehen, echte Dinosaurier zu klonen.

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12 Juni 2018, 1:26pm

Links: Screenshot aus "Jurassic World: Fallen Kingdom – Final Trailer" | Rechts: Foto von Hakki Topcu

Jurassic World: Das gefallene Königreich ist kein guter Film. Das wird euch jetzt nicht überraschen, schließlich trägt sich nur in den seltensten Fällen ein und dieselbe Storyline über mehrere Filme, ohne sich irgendwann ein bisschen blutleer anzufühlen. Auch im zweiten Jurassic World spielen Menschen Gott, um anschließend festzustellen, dass es keine gute Idee war, einen hochaggressiven Superdinosaurier zu züchten – weswegen sie über große Teile des Films hinweg vor brüllenden Bestien weglaufen. Aber: Wer braucht schlüssige Handlung und komplexe Charakterzeichnung, wenn er einen T-Rex hat?

Die Dinosaurier in Jurassic World sind schnell, intelligent und verdammt tödlich. Die perfekten Waffen quasi. Doch wie realistisch ist das? Sind Filme wie Jurassic World ein wissenschaftlich einigermaßen fundierter Blick in eine Tierwelt, die vor 66 Millionen Jahren ausgestorben ist, oder doch nur Actionfilme mit etwas realistischeren "Monstern"?

Dr. Daniela Schwarz forscht zu Themen wie dem Echsenbeckensaurier und betreut die Dinosaurierfossilien-Sammlung im Berliner Naturkundemuseum. Sie glaubt, dass Jurassic Park Anfang der 90er viele Menschen dazu gebracht hat, sich überhaupt erst für Saurier zu interessieren. Wir treffen uns mit ihr im Dinosauriersaal des Museums, mit Blick auf den Brachiosaurus, mit fast 14 Metern Höhe das weltweit größte montierte Skelett.

Dr. Daniela Schwarz vor ihrem Lieblingsdinosaurier, dem Dicraeosaurus | Alle Fotos: Hakki Topcu

Selbst wenn man so nah vor einem riesigen Schwanzwirbel steht, dass man ihn berühren könnte, wirkt das Konzept Saurier unwirklich. Diese riesigen Tiere gab es wirklich mal? Natürlich würden Menschen Geld dafür bezahlen, um in einem Erlebnispark echte Dinosaurier zu sehen. Aber Schwarz zerstört diese Hoffnung direkt zu Beginn unseres Gesprächs, als sie erklärt: Einen echten Dinosaurier werden wir zu unserer Lebzeit wohl nicht mehr streicheln können.

DNA zerfalle mit der Zeit, aus mindestens 66 Millionen Jahre alten Fossilien ließe sich einfach nicht genug Erbinformation ziehen, um Saurier zu klonen. "Diese DNA dann auch noch so weit zu ergänzen, dass man ein vollständiges Tier hat, halte ich mit unserem aktuellen technischen Wissen für nahezu ausgeschlossen", sagt Schwarz. Dazu kommt: "Die Saurier, die in den Filmen dargestellt werden, sind sehr unterschiedliche Tiere, die auch aus ganz unterschiedlichen Zeitaltern stammen." Wissenschaftlich gesehen sei es kaum möglich, DNA von einer derart großen Bandbreite an Sauriern sicherzustellen.

Immerhin: Die Insel vor Costa Rica, auf der die Tiere im Film leben, kommt dem früheren Lebensumfeld der Saurier ziemlich nahe. "In unserem gemäßigten Klima würden sie wahrscheinlich Probleme bekommen", sagt Schwarz.

Einer der Dinosaurier, der in Jurassic World: Das gefallene Königreich eine große Rolle spielt, ist ein weiblicher Velociraptor. Blue versteht menschliche Kommandos und hat eine enge Beziehung zu ihrem menschlichen Trainer Owen. Das klingt im ersten Moment betont rührselig und überzogen, ist laut der Forscherin allerdings nicht unwahrscheinlich. Schließlich hätten bereits privat gehaltene Krokodile gezeigt, dass sie eine Bindung zu Menschen aufbauen könnten – und dieses Wissen könne man auf ihre entfernten Verwandten anwenden. "Natürlich keine Beziehung wie zwischen Hund und Herrchen", sagt Schwarz, aber man könne schon davon ausgehen, dass auch Dinosaurier ein komplexes Sozialverhalten hatten.

Über tausend Dinosaurierarten wurden bisher entdeckt. Jedes Jahr kommen rund 40 neue dazu, sagt die Expertin

Was die vermeintliche übermenschliche Intelligenz von Blue angeht, ist die Expertin allerdings skeptisch. "Wir wissen, dass bei fleischfressenden Dinosauriern über die Zeit eine Vergrößerung des Gehirns stattgefunden hat. Die waren also nicht dumm", sagt Schwarz. "Velociraptoren waren beispielsweise sehr gute Jäger mit hochentwickelten Riechkolben, ähnlich wie der Tyrannosaurus Rex." Trotzdem sei die Behauptung aus Jurassic World, dass Blue Menschen "aus zwei Meilen Entfernung" riechen könne, wohl eher übertrieben. Genau wie die filmische Darstellung des Velociraptors als eines der intelligentesten Lebewesen überhaupt.

Der Expertin fällt ein weiterer Fehler auf: Filmemacher stellen Dinosaurier nach wie vor größtenteils mit reptilienartiger, geschuppter Haut dar. Dabei sahen insbesondere die Tiere, die in den Jurassic Park- und Jurassic World-Teilen die Hauptrolle spielen, wahrscheinlich ganz anders aus. "Die meisten Raubsaurier waren in irgendeiner Art gefiedert, sei es durch kleine Flaumfederchen oder buntgefärbte Federn, die auf dem Kopf oder am Schwanz saßen und für die Balz oder als Signalwirkung eingesetzt wurden", sagt Schwarz. Das bedeutet: Auch der legendäre T-Rex sah ein bisschen weniger nach Urzeitmonster aus und ein bisschen mehr nach sehr wütendem Vogel.


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Das Berliner Naturkundemuseum hat den Tyrannosaurus Rex "Tristan": vier Meter hoch, zwölf Meter lang, mit beinahe bananengroßen Zähnen. Das schafft keine 3D-Brille. "Der Tyrannosaurus Rex ist sehr furchteinflößend, eine ganz eigene Kategorie von Räuber", sagt Schwarz, während wir um das Skelett herumgehen. Die Farbe der Knochen verändert sich je nachdem, wo sie Millionen Jahre lang lagen. Tristans sind tiefschwarz.

In Jurassic World: Das gefallene Königreich ist der T-Rex nicht der gefährlichste Saurier, taucht aber gerade zu Beginn des Films immer dann auf, wenn den Machern noch nicht genug Dramatisches passiert. Dass er kommt, weiß man meistens schon vorher. Schließlich stößt der Saurier jedes Mal ein markerschütterndes Brüllen aus. "Ich glaube nicht, dass der seine Opfer erst einmal angeschrien hat, bevor er sie gefressen hat. Das ist nicht raubtiertypisch", sagt die Expertin. "So ein Brüllen wurde wahrscheinlich eher bei Rivalenkämpfen eingesetzt, oder um sich mit Artgenossen zu verständigen." Außerdem, gibt sie zu bedenken: Was hätte der Dinosaurier davon, die komplette Umgebung darüber zu informieren, dass er gerade etwas zu fressen gefunden hat? "Rein von der Kapazität her, müsste er solche Geräusche aber hinbekommen haben", sagt Schwarz. "Die meisten Dinosaurier hatten einen sehr vogelmäßigen, effektiven Lungenapparat."

Nicht im Bild: der Kopf des riesigen Brachiosaurus

Auch die Tatsache, dass der T-Rex in Filmen nichts weiter tut, als andere Lebewesen anzugreifen und zu fressen, dürfte mehr mit dem Wunsch zu tun haben, ein möglichst furchteinflößendes Monster zu zeigen, als ein real existierendes Tier. Das zeigt insbesondere die Szene in Jurassic World: Das gefallene Königreich, in der ein Vulkan ausbricht und die Saurier in Richtung Wasser fliehen – bis auf den Tyrannosaurus Rex, der einen anderen Dinosaurier vollkommen grundlos in einen Kampf verwickelt. "Grundsätzlich denke ich, dass die sich auch nicht anders verhalten würden als alle anderen Tiere", glaubt Schwarz. "Auch er würde in so einer Situation nicht ans Fressen denken, sondern flüchten."

Anhand von Knochenfunden kann man ungefähr bestimmen, wie Saurier gebaut waren und wie sie sich bewegt haben. Hautabdrücke geben einen genaueren Eindruck davon, wie ein Dinosaurier ausgesehen haben könnte. Was mögliches Sozial- und Jagdverhalten angeht, bleibt Wissenschaftlern allerdings oft nur, sich die nächsten Verwandten der Saurier anzugucken, die auch heute noch leben – Krokodile, beispielsweise, vor allem aber Vögel. "Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass wir Detektivarbeit machen, wenn wir hier ganze Lebewesen rekonstruieren", sagt Schwarz. "Die Farbe können wir allerdings nicht bestimmen, das ist nach wie vor ein großes Rätsel."

Egal, wie vermeintlich lebensecht CGI-Dinosaurier mittlerweile also in Filmen aussehen, eigentlich wissen wir immer noch viel zu wenig über die Tiere. Deswegen ist es einfach, sie als Killermaschinen und ultimative Film-Monster zu stilisieren, auch wenn es in der Realität keinen vergleichbaren Superdinosaurier gab. Gleichzeitig bleiben Menschen immer noch wie erstarrt vor Skeletten wie Tristan stehen und staunen, dass diese Wesen einmal auf der Erde gelebt haben.

"Wenn ich in die Ausstellungsräume reinkomme, bin ich immer wieder beeindruckt", sagt Schwarz. "Ich versuche eigentlich immer, auf meinem Weg zum Arbeitsplatz an den Dinosauriern vorbeizukommen. Da stumpft man einfach nicht ab."

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