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Ihr glaubt nicht, wie viel Quatsch über 5G verbreitet wird

Deutschland stellt ein paar Antennen auf – und alle drehen durch. Wir haben gesammelt, was beim Ausbau auf das neue mobile Internet garantiert nicht passieren wird.

von Theresa Locker und Anna Biselli
07 Februar 2019, 9:08am

Stell dir vor, du kannst selbst bei Omi auf dem Bauernhof Fortnite im Battle-Royale-Modus zocken oder auf dem ödesten Campingplatz der Welt Star Trek streamen: 5G heißt die neue Technologie, die unser mobiles Internet-Leben umkrempeln soll. Obwohl noch längst nicht klar ist, wann wir zwischen Nordsee und Schwarzwald tatsächlich alle ohne Funklöcher surfen können, pendeln die öffentlichen Reaktionen bereits zwischen nackter Panik und Fortschritts-Prophezeihungen.

Die einen sagen, mit dem neuen Netz können autonome Autos endlich auf der Datenautobahn durchstarten. Die anderen beschwören in YouTube-Videos den Weltuntergang. Unstrittig ist: 5G wird kommen und wir können uns im besten Fall darüber freuen, dass wir in ein paar Jahren schneller mobil unterwegs sind. Damit bis dahin nicht mehr so viel durcheinandergeht, schlüsseln wir hier die hartnäckigsten Mythen rund um das 5G-Netz auf.

Behauptung 1: 5G macht unfruchtbar und verursacht Krebs

"Stoppt 5G auf der Erde und im All", lautet ein Appell, den bis Ende Januar über 40.000 Menschen unterschrieben haben. Darin warnen Wissenschaftler und Ärztinnen vor den Gesundheitsgefahren durch den neuen Mobilfunk-Standard: Schäden an Erbgut, Krebs, Herzleiden, Diabetes, Unfruchtbarkeit, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom bei Kindern, Asthma – die Liste geht noch weiter. Warum die besorgten 5G-Gegner in dem neuen Standard eine größere Gefahr als bisherigen Funkmasten sehen? Weil 5G eine niedrigere Reichweite als die Vorgänger-Technologie hat und deshalb mehr Masten aufgestellt werden müssen, die mit höherer Leistung als bisherige Masten senden.

Dabei ist umstritten, ob Mobilfunkstrahlung überhaupt schädlich ist. "Wenn der Aufbau der nötigen Infrastruktur umsichtig erfolgt, sind auch durch 5G keine gesundheitlichen Wirkungen zu befürchten", sagt die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz. Die internationale Agentur für Krebsforschung stuft Handystrahlung zwar als "möglicherweise krebserregend" ein, Wurst oder Alkohol sind dem Institut zufolge aber wesentlich gefährlicher.

Derweil machen auch Sekten Stimmung gegen 5G. Wie watson.de berichtete, spricht ein Schweizer Verschwörungstheoretiker von einem "Strahlentsunami" durch 5G. Er macht 5G für den Tod von Vögeln verantwortlich und befürchtet die Totalüberwachung der Bevölkerung durch die allgegenwärtige Vernetzung. Das zugehörige YouTube-Video hat mittlerweile fast 300.000 Klicks.

Behauptung 2: 5G ist eine Waffe

Ist es wirklich unbedenklich, dass eine Mikrowelle Wasser zum Kochen bringt – und dass der neue Mobilfunk-Standard mit viel höheren Frequenzen arbeitet? Wir sagen: Ja! Aber einige Verschwörungstheoretiker sehen das wohl anders. Sie glauben, dass 5G als Mikrowellen-Waffe zur Kontrolle von Menschenansammlungen entwickelt wurde, zum Beispiel bei Demonstrationen. Schließlich könne 5G die Haut zum Brennen bringen. "Frequenz-Armageddon" nennt das zum Beispiel ein YouTuber, der mit seinen Videos zum Thema Hunderttausende Aufrufe erhält.

Tatsächlich hat das US-Militär bereits eine nicht-tödliche Mikrowellenwaffe namens Active Denial System entwickelt, und auch für den privaten Gebrauch gibt es sogenannte "Blutkocher"-Strahlenwaffen.


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Die Frequenzbereiche, in denen diese Waffen arbeiten, haben aber nichts mit dem Mobilfunkbereich von 5G zu tun. Um Menschen zu schaden oder ihre Haut zum Brennen zu bringen, müssten die Funkmasten schon 94 GHz starke Strahlen abschießen, wie Forschende der Penn University in diesem Forschungspapier erklären.

Behauptung 3: Für 5G werden Wälder gerodet

Obwohl 5G vermeintlich menschliche Haut verbrennen kann – eine Hürde sei nach Auffassung der Verschwörungstheoretiker für die "Strahlenwaffen" dann doch zu groß: Bäume. Deshalb müssten Hintermänner aushelfen, damit die Waffe auch freies Schussfeld habe. "Ganze Wälder wurden geradlinig verwüstet", wird auf einer verschwörungstheoretischen Website behauptet, die Videos von kalifornischen Waldbränden als vermeintliche Belege ins Feld führt. Und auch im englischen Sheffield werden angeblich Tausende von Bäumen abgesägt, um Platz für das 5G-Signal zu machen, wie findige 5G-Kritiker behaupten.

Richtig ist: Um das Funknetz zu verdichten, werden beim Breitbandausbau deutlich mehr 5G-Antennen installiert, und mit höheren Frequenzen sinkt die Reichweite. Aber massenhaft Bäume werden dafür nicht sterben müssen.

Behauptung 4: Mit 5G gibt es schnelles Internet an jeder Milchkanne

Auf Twitter warb der CDU-Digitalpolitiker Thomas Jarzombek damit, dass mit 5G schnelles Internet "an jeder Milchkanne" ankomme. Können Bewohner von vernachlässigten Regionen wie dem brandenburgischen Kleßen-Görne jetzt aufatmen? Wohl kaum. Denn realistisch ist das in den nächsten Jahren nicht.

Die großen Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom haben kein Interesse daran, ein lückenloses Funknetz einzurichten, denn in spärlich besiedelten Gebieten ist das einfach nicht rentabel. Dass die Anbieter zusammenarbeiten und sich Kosten und Infrastruktur teilen, ist auch nicht zu erwarten. Vodafone beispielsweise lehnt eine verpflichtende Zusammenarbeit ab.

Die Bundesnetzagentur, die für die Regulierung der Netze in Deutschland zuständig ist, will die Anbieter auch nicht zur Zusammenarbeit verpflichten. Die meisten Milchkannen dürften also noch eine Weile vom schnellen, mobilen Internet abgeschnitten bleiben. Jarzombek hatte übrigens im Jahr 2014 schon mal zu viel versprochen: Breitband mit 50 MBit pro Sekunde für alle bis zum Jahr 2018 kündigte er damals an. Das war nicht die einzige unrealistische Versprechung zur künftigen deutschen Gigabit-Gesellschaft.

Behauptung 5: Bis 2025 können wir alle im 5G-Netz surfen

99 Prozent 5G-Abdeckung bis zum Jahr 2025, versprach die Deutsche Telekom im Herbst 2018. Ein ehrgeiziger Plan, dafür müssten nicht nur Tausende neue Mobilfunkmasten aufgestellt, sondern auch jede Menge Glasfaserkabel im Boden versenkt werden. Denn irgendwie muss das schnelle Internet ja am Mast ankommen. Die schlechte Nachricht: Beim Glasfaserausbau liegt Deutschland seit Jahren ganz weit hinten.

Momentan ist nicht einmal geklärt, wer den Zuschlag für die notwendigen Funkfrequenzen für das 5G-Netz bekommt. Schon bevor die Versteigerung losgeht, gibt es Streit. Die Marktführer Telekom, Vodafone und Telefónica klagen gegen die Bedingungen. Sie wollen sich unter anderem nicht verpflichten lassen, bis 2022 wenigstens 98 Prozent aller Haushalte in jedem Bundesland mit schnellem mobilen Internet zu versorgen.

Auch andere Unternehmen, die in den 5G-Markt einsteigen wollen, wehren sich. Dazu gehört der Anbieter 1&1, der keine eigenen Funkmasten besitzt und auf die anderen Anbieter angewiesen ist. Die Sorge von 1&1: Die Konzerne hinter den Funkmasten sind nicht verpflichtet, anderen Firmen gegen Gebühr etwas von ihrer Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Bei all den Problemen ist ein flächendeckendes 5G bis 2022 eher unrealistisch.

Übrigens: Selbst wenn du in ein paar Jahren zu den Glücklichen gehören solltest, die 5G-Empfang haben, musst du dir erst mal ein neues Handy kaufen. Denn in Europa gibt es noch kein einziges Handymodell, das den neuen Standard unterstützt.

Behauptung 6: Mit 5G können endlich überall autonome Autos fahren

Mit Autos lässt sich in Deutschland fast alles begründen. Dass wir für autonome Autos eine schnellere Datenautobahn brauchen sollen, passt also genau ins Bild der 5G-Befürworter. Solche Autos müssen schnell miteinander kommunizieren, etwa um sich nicht gegenseitig über den Haufen zu fahren. Ist 5G dafür die Lösung?

Solange es noch Funklöcher gibt, werden autonome Fahrzeuge wohl nicht mithilfe von Mobilfunk über mecklenburgische Landstraßen cruisen. Denn ohne flächendeckendes Netz muss das Auto dann doch wieder auf Sensoren oder den Menschen hinterm Steuer zurückgreifen. Außerdem müssen die 5G-Masten sehr dicht beisammenstehen, damit die Autos wirklich so schnell wie – oder schneller als – ein Mensch reagieren können.

Behauptung 7: Wenn Huawei 5G baut, kann uns China das Internet abschalten

Die Mär vom bösen Wirtschaftskonkurrenten funktioniert im Zweifel immer. Einer der Konzerne, die Soft- und Hardware für 5G in Deutschland liefern sollen, ist nämlich Huawei aus China. Und vor Huawei warnte zuletzt im Januar 2019 Ex-BND-Boss Gerhard Schindler, der inzwischen seit zwei Jahren als Lobbyist bei der Beratungsagentur Friedrich 30 angestellt ist. Gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio erklärte Schindler, Huawei könne einen Killswitch bauen, mit dem China den Deutschen beim nächsten politischen Krach einfach das schöne neue Internet abstellen könnte.


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Außerdem könnte China die Technik für Spionagezwecke benutzen, heißt es beim rbb Inforadio aus nicht näher benannten "Sicherheitskreisen". Ähnliche Vorwürfe äußerte auch schon die Trump-Regierung, die Staaten wie Deutschland dazu drängen will, Huawei vom 5G-Ausbau auszuschließen. Huawei weist alle Anschuldigungen von sich. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sieht nach Untersuchung von Huawei-Bauteilen keinen Grund zur Sorge. "Für so gravierende Entscheidungen wie einen Bann braucht man Belege", sagte BSI-Präsident Schönbohm dem Spiegel .

Beweise für das Schreckenszenario mit dem Internet-Killswitch oder sogar für eine Spionagetätigkeit von Huawei hat aber noch niemand geliefert. Ob Huaweis Technik in Deutschland beim Ausbau eingesetzt werden darf oder nicht, ist aktuell trotzdem noch nicht klar. Kanzlerin Merkel ist vor allen Dingen wichtig, dass "eben nicht die Firma einfach die Daten an den [chinesischen] Staat abgibt", wie sie bei einem Staatsbesuch in Tokio sagte. Möglich wäre das zumindest theoretisch, und um das zu verhindern, sind Gespräche mit der chinesischen Regierung angesetzt. Bestimmt werden diese Gespräche in einer ruckelfreien Videokonferenz über das deutsche Mobilfunknetz geführt – nicht.

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