Böhmermanns Reaktion auf den Antisemitismus-Vorwurf ist … suboptimal

Der Moderator fühlt sich angegriffen – und geht zum Gegenangriff über.

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26 Oktober 2018, 9:45am

Screenshots aus dem YouTube-Video "HAUL Hitler" von ZDFneo

Bäng, die Bombe ist geplatzt.

Vor knapp einem Monat ist Oliver Polaks Buch Gegen Judenhass erschienen, in dem der Comedian eine Reihe von Begegnungen mit Antisemiten erzählt – deren Namen er aber nie nennt. Jetzt hat der Freitag herausgefunden: Der Moderator, der Polak bei einem gemeinsamen Auftritt vor Jahren mit Desinfektionsmittel von der Bühne "gejagt" hat, ist Jan Böhmermann.

Der Freitag machte das am Donnerstagmorgen publik, VICE gegen Mittag, und am Nachmittag reagierte Böhmermann dann schließlich – maximal pampig:

Übersetzung: Oliver Polak ist ein stumpfer, unlustiger Comedian, der mit dem Antisemitismus-Vorwurf jetzt auf meine Kosten sein pseudo-intellektuelles Buch verkaufen will.

Was ja durchaus stimmen könnte.

Ehrlich! Ich habe keine Ahnung. Das ist aber auch nur eine von drei möglichen Erklärungen für den Vorwurf. Die zweite ist: Böhmermann ist ein verkappter Antisemit, und bei den Witzen, die er mit Polak getrieben hat, ist seine Maske verrutscht. Die dritte: Böhmermann hat ein paar typische Böhmermann-Witze gemacht, die er mega-witzig fand, gerade weil sie mit dem Tabu "Deutscher macht Judenwitze" spielen – und Polak fand das nicht witzig, sondern unangenehm.

Wichtiger Einschub: Es gibt Leute, die argumentieren, Böhmermann sei vielleicht kein Antisemit, aber er habe auf jeden Fall antisemitische Klischees bedient – und das sei genauso scheiße. Die Position, dass Witze auf Kosten von Minderheiten nie witzig sind, auch wenn jemand von der Minderheit sie mitmacht, kann man vertreten – so wie Stefan Niggemeier das tut, wenn er sagt, dass auch die "ironischen Türkenwitze" an dem Abend am Ende doch nur Türkenwitze waren.

Wie gesagt, die Position kann man vertreten, und die Szene, die Polak meint, ist auch hart – aber Polak selbst war früher immer dagegen: "Ein Witz darf rassistisch sein, die Frage ist nur, ob ihn ein Rassist erzählt", hat er in einem Interview mit der Welt mal erklärt. "Es ist am Ende ein Gag, und klar, der kann mal entgleisen, aber es ist schließlich nur ein Witz, und es geht nicht darum, Leute zu verletzen." OK, Einschub Ende.

Der Punkt ist: Für alle drei Szenarien – Polak ist Opportunist*; Böhmermann ist Antisemit; das ganze ist ein Missverständnis – ist die Antwort von Böhmermann nicht gut.

Dabei ist sie erstmal verständlich: Antisemitismus ist so ziemlich der härteste Vorwurf, den man einer öffentlichen Person in Deutschland machen kann. Und deshalb reagiert Böhmermann hier ausnahmsweise nicht ironisch, sondern extrem aggressiv. Wie gesagt: verständlich, aber falsch.

Denn Antisemitismus ist deshalb so ein schwerer Vorwurf, weil Judenhass der Antrieb zum schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte war. Und deshalb muss man ihn ernstnehmen – auch wenn man den Vorwurf ungerechtfertigt findet. Man kann von Böhmermann nicht verlangen, sich zu entschuldigen, wenn er findet, dass er sich nichts zuschulden kommen lassen hat. Aber man kann von ihm verlangen, den Vorwurf ernstzunehmen – weil das in Deutschland eben kein Vorwurf wie jeder andere ist.

Wenn ein Jude zu dir kommt und sagt: Ich finde, du hast mich antisemitisch beleidigt, dann hat er nicht automatisch Recht – auch Juden haben nicht die Deutungshoheit über Antisemitismus (die hat nämlich Jakob Augstein). Aber wie gesagt: Ernstnehmen muss man es. Denn auch wenn er es nicht gerne hört: Böhmermann hat schon längst eine Vorbildfunktion. Gerade bei dem Thema Antisemitismus wäre mehr Reflexion besser gewesen.

*Gegen die Interpretation, dass Polak sich mit der Geschichte nur auf Böhmermanns Kosten profilieren will, spricht vor allem: Er hat Böhmermann nie namentlich erwähnt und sich sogar dagegen ausgesprochen, dass die Welt den Namen veröffentlicht.

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