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Sex

Sexologie-Studenten erzählen, wie ihr Uni-Wissen ihr Sexleben verbessert

"Gerade für Frauen ist die Erkundung des Innenraums der Scheide zentral."

von VICE Staff
05 März 2018, 5:00am

Alle Fotos zur Verfügung gestellt

Da du auf diesen Text geklickt hast, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du dich für Sex interessierst, sehr hoch. Manche Leute interessieren sich allerdings so sehr dafür, dass sie es zu ihrem Beruf machen, über Sex zu sprechen – und Sex sogar studieren (und jetzt nicht so, wie du denkst).

In Deutschland kann man einen Master in Sexologie an der Hochschule Merseburg machen, in der Schweiz kannst du das Fach in Zürich studieren. Mit dem Studium können sich Leute spezialisieren, die bereits eine Ausbildung in einem sozialen, medizinischen oder pädagogischen Fach abgeschlossen haben. Wir haben vier angehende Sexologen aus Zürich gefragt, wie ihr Fachwissen ihr Sexleben verändert hat.

Lorena, 34


VICE: Hast du durch dein Studium ein besseres Sexleben als der Durchschnitt?
Lorena: Wir führen im Studium Tagebuch über unseren Sexualisierungsprozess und gehen auch in die Beratung. Dadurch habe ich eine differenziertere Wahrnehmung meines eigenen Körpers und von der Art und Weise, wie ich meine Erregung steigere. So kann ich mehr Vielfalt in mein Sexleben bringen.

Wie kann ich Erregung steigern, ohne mich in Sexologie zu immatrikulieren?
Der erste Schritt ist zu merken, was man selbst macht: Wie ist meine Muskelspannung, wie bewege ich mich während des Sex, während der Selbstbefriedigung. Schon so einfache Dinge wie die Bewegung des Beckens können bei der Erregungssteigerung viel ausmachen. Je näher man zum Orgasmus kommt, desto gepresster wird die Atmung bei vielen Menschen. Man kann versuchen, tiefer und intensiver zu atmen.

Was war das Überraschendste, das du im Studium gelernt hast?
Dass es klare Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Das zeigt sich schon bei Kids: Jungs spielen gerne mit Pistolen und Schwertern. Bei meinem eigenen Sohn habe ich mich gegen diese Art von Spielzeug gewehrt, im Studium habe ich aber gemerkt, dass seine Freude daran auch etwas mit dem männlichen Geschlecht zu tun hat. Jungs erleben sich in phallischen Spielen in ihrer Kraft und Potenz. Männer müssen im Geschlechtsverkehr körperlich mehr "arbeiten". Das war mir vor dem Studium nicht bewusst.

Was müssen andere beim Sex dazulernen?
Wie man mit Unlust unter Paaren umgeht. Viele versuchen sie mit Herumexperimentieren zu überwinden. Diese "Experimentitis" mit Peitschen oder Erotik-Adventskalendern wird oft überbewertet. Sich auf eine Berührung einlassen ist eine körperliche Aktivität, die oft vergessen geht. Es geht um aktive Aufmerksamkeit.

Und was sollten wir alle über Sex wissen?
Gerade für Frauen ist die Erkundung des Innenraums der Scheide zentral. Eine gute Übung, zum Beispiel bei der Masturbation ist, dass man da mit den Fingern auf Besuch geht und das auch mehrmals macht. Für Lernschritte sind Wiederholungen extrem wichtig. Nur so kann das ein Ort werden, mit dem man sich vertraut fühlt.

Stefanie, 32


VICE: Von welchem Wissen aus deinem Studium können wir alle profitieren?
Stefanie: Dass man lernen kann, wie und wann man zum Orgasmus kommt. Und dass man den vaginalen Innenraum wahrnehmen kann. Die Vagina ist keine Körperöffnung, an der sich der Partner "bedient". Sie kann mit Hilfe des Beckenbodens einen Penis – oder was sie denn möchte – holen und in sich aufnehmen. Dass die Frau mit ihrem Geschlecht aktiv sein und "erobern" kann, gibt ein anderes Gefühl des Frau-Seins.

Hast du durch dein Studium ein besseres Sexleben als der Durchschnittsmensch?
Das hatte ich schon vorher (lacht). Nein, eher ein bewussteres Sexleben als der Durchschnitt.

Was würdest du anderen für ihr Sexleben auf den Weg geben?
Lernt, über Sexualität zu sprechen und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Durch das Studium merke ich, dass das für viele eine Herausforderung ist. Wenn andere sehen, dass ich über Sexualität spreche wie über jedes andere Fachthema auch, machen sie große Augen oder sind peinlich berührt. Irgendwo ist das nachvollziehbar, denn Sexualität hat immer noch diesen tabuisierten Stellenwert in der Gesellschaft.

Was sollten wir beim Sex nicht mehr machen?
Vergessen, auf das Gegenüber zu achten. Wir leben in einer narzisstischen Zeit. Es gibt immer noch Männer, die das Gefühl haben, wenn sie gekommen sind, ist die Frau auch befriedigt. Und Frauen, die die Verantwortung für ihre Befriedigung passiv den Männern übertragen. Für Frauen und Männer gilt: Orgasmen zu faken ist keine gute Idee. Stellt besser die Frage "Kann ich dir zeigen, wie ich es besonders gerne mag?"


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Michael, 39


VICE: Hat deine Studienrichtung dein Sexleben positiv beeinflusst?
Michael: Ja, ich habe gelernt, dass nur ich selbst für meine Erregung und meinen Höhepunkt verantwortlich bin. Dadurch bin ich deutlich gelassener geworden.

Was war denn eine Herausforderung im Studium?
Sich in aller Offenheit und sehr persönlich mit Kommilitonen über sexuelle Themen zu unterhalten. Über die eigene Selbstbefriedigung zu sprechen oder über Dinge wie: Werde ich begehrt? Werde ich geliebt? Bin ich attraktiv? Das kann sehr emotional sein. Auch sich stetig mit dem eigenen Sexualisierungsprozess auseinanderzusetzen ist manchmal anstrengend. Oft genug hat man keinen Bock darauf, muss es aber trotzdem tun.

Was müssen Männer über Konsens beim Sex lernen?
Das ist ein gutes und heikles Thema. Viele Männer haben Schwächen und Schwierigkeiten, nonverbale Signale von Frauen zu deuten. Es geht um Selbst- und Fremdwahrnehmung, die man schulen muss. Auch Männer müssen überlegen, wie sie die Diskussion vorantreiben können, wo die Grenze zwischen misslungenem Witz, Flirtversuch und Übergriff liegt. Die #metoo-Debatte bietet die Chance, diese Graustufen auch zu benennen.

Wie erkenne ich, ob mein Gegenüber Sex mit mir will?
Es geht eher darum, vorher die Situation zu erspüren. Wenn man in der Bar ist: Schaut die Frau zu mir rüber? Hält sie Blickkontakt? Und so weiter. Erst wenn das steht, kommen eventuell die eindeutigen Signale. Bis zu: "OK, wir wollen miteinander vögeln." Deswegen wären auch Flirtseminare und das Lesen von Körpersignalen für Männer spannend. Da herrscht bei einigen Nachholbedarf.

Laura, 32


VICE: Hat deine Studienrichtung dein Sexleben positiv beeinflusst?
Laura: Ja, vor allem meine eigene Sexualität. Ich beschäftige mich mehr mit mir und meinem Körper und habe einen besseren Bezug zu mir und meinem weiblichen Geschlecht. Man löst sich von gelernten Mustern und entwickelt sich weiter, dadurch verändert sich auch die Paarsexualität. Das kann jedoch den Partner auch verunsichern. Es kommt viel neuer Input und durch meinen Entwicklungsprozess nimmt auch die Beziehung eine andere Dynamik an. Auf der anderen Seite lernt mein Partner aber auch viel über sich. Er wächst auch daran.

Was sollten wir alle über Sex wissen?
Um Sexualität in vollen Zügen geniessen zu können, ist es wichtig, sich zuerst mit dem eigenen Körper vertraut zu machen. Viele Frauen befriedigen sich auch heute wenig selbst. Nur dadurch finden sie jedoch heraus, was sie mögen und werden dadurch auch selbstbewusster dem Partner ihre Wünsche mitzuteilen.

Was müssen andere dazulernen?
Ich denke, dass heute nach wie vor eine primär männlich geprägte Sexualität herrscht, schauen wir uns nur den Großteil der Pornoindustrie an. Daher ist es wichtig, dass Frauen ihren Körper besser kennenlernen und ihre Wünsche beim Sex klarer äußern, das hilft ja auch dem Partner. Zudem gibt es noch viel Unwissenheit in Bezug auf Körperwissen. So ist die Scheide ein Muskel, der primär auf Druck und nicht auf Reibung reagiert und die Klitoris der Frau ist viel größer als viele annehmen. Eine "Rein-Raus-Porno-Nummer" ist für die meisten Frauen daher viel weniger lustvoll, als wenn der Mann sich langsam und tief in ihr bewegt.

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