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Wie ich durch meinen ersten BDSM-Sklaven zu mir selbst gefunden habe

Männer sind dominant, Frauen unterwürfig – oder? Erst als Domina verstand Mistress Eva, wie befreiend es ist, sich von Rollenklischees freizumachen.

von Mistress Eva; aufgeschrieben von Sirin Kale
19 April 2018, 8:50am

Illustration: Erin Aniker

Bevor ich in die Erotikbranche wechselte, arbeite ich sechs Jahre lang als Beraterin. Es lief gut, ich konnte mich eigentlich nicht beschweren. Nur: Einige der Unternehmen, mit denen ich zusammenarbeitete, entsprachen so gar nicht meinen moralischen Vorstellungen. Aber was sollte ich sonst tun? Ein Ex-Freund schlug schließlich vor, dass ich doch als Domina arbeiten solle. Damals verwarf ich diese Vorstellung schnell wieder. Erst später, als ich über meine berufliche Zukunft nachdachte, erinnerte ich mich wieder daran.

Ich setzte mich vor meinen Computer und suchte online nach Dominas in meiner Umgebung. Kurz darauf landete ich auf der Seite eines Dungeons, der sich Salon Kitty’s nannte. Dann ging alles ganz schnell: Ich hatte ein Vorstellungsgespräch und fing zwei Tage später als Domina an. Das ist jetzt sechs Jahre her.

Bevor ich Domina wurde, war BDSM nicht so wirklich mein Ding. Die Vorstellung, als Frau den dominanten Part zu übernehmen, fand ich aber schon immer interessant. Ich bin in einem Haushalt groß geworden, in dem die Frauen das Sagen hatten. Das hat meine Sicht auf die Welt geprägt, und wie ich mich in Beziehungen verhalte.

Beim Betreten vom Salon Kitty's war ich damals wahnsinnig aufgeregt und neugierig. In den Räumlichkeiten befanden sich zwei Dungeons, ein Crossdressing-Zimmer, einige Räume für softeren Sex und ein Zimmer für Doktorspiele. Die Fenster waren mit Vorhängen abgehängt, es gab Kamine und einen Schirmständer, in dem mehrere Stöcke steckten. Dann begann mein Vorstellungsgespräch mit der Herrin und dem Herrin des BDSM-Studios. Sie wollten wissen, ob ich schon mal in der Sexindustrie gearbeitet hätte, wozu ich generell bereit wäre und wann ich anfangen könne. Direkt auf die Kunden losgelassen wurde ich allerdings nicht. Erst sollte ich noch ein paar Wochen lang einer erfahrenen Domina assistieren. Es ist schon beinahe eine Art Tradition, dass erfahrene Herrinnen immer auch eine Assistentin mitbringen, die dabei helfen kann, den Sklaven zu fesseln oder Dinge bereitzulegen.

"Als ich sah, wie fein säuberlich er seine Klamotten zusammengefaltet hatte, machte etwas in mir klick."

Bei meiner ersten Session sollte ich einer Domina dabei helfen, ihren Kunden zu mumifizieren. Damals hatte ich noch keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Wir befanden uns im größten Dungeon des Salon Kitty’s und es war stockdunkel. Die Herrin wies mich an, die Frischhaltefolie zu holen. Der Mann lag bereits splitternackt auf der Liege. Wir wickelten den Kunden komplett ein, nur das Gesicht ließen wir frei. Während die Herren ihre Fingernägel in seinen Schritt und seine Nippel bohrte, teilte sie ihm mit schnurrender Stimme mit, was ihm noch bevorstand. Sie war beeindruckend gut in ihrem Job.

Eine Lederpeitsche und Federn in einem BDSM-Studio
Beim BDSM liegen Härte und Zärtlichkeit nah beieinander || Foto: imago | Eastnews

Mein erster eigener Sklave war ein Fußfetischist, der von mir außerdem angespuckt und verbal erniedrigt werden wollte. Sagen wir mal, er hieß Steve. Während er duschte, bereitete ich alles vor. Als ich das Zimmer betrat und sah, wie fein säuberlich er seine Klamotten zusammengefaltet hatte, machte etwas in mir klick. Es macht mich an, wenn ich sehe, wie sehr mich jemand respektiert – und die Art und Weise, wie sorgfältig er seine Kleidung zusammengelegt hatte, berührte mich. Steve befand sich bereits in der Sklavenposition, die außerhalb von BDSM-Kreisen wohl eher als Fötusstellung bekannt ist. Der Unterschied: Der Sklave drückt seine Stirn auf den Boden.

Ich hatte das Gefühl, ihn so herumkommandieren zu können, wie es bei noch keinem anderen Kunden der Fall gewesen war. Ich wies ihn an, sich hinzuknien, sich da und da hinzubewegen und gewisse Körperteile abzulecken. Immer wenn Steve am Boden lag, steckte ich ihm meine Zehen in den Mund oder schränkte seine Bewegungsfreiheit ein, um ihn anschließend mit meinen Füßen vor seinem Gesicht zu teasen. Es war beinahe so, als würden wir miteinander tanzen.


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Am Ende der Session befahl ich Steve, auf meine Füße zu kommen und das Ganze anschließend abzulecken. Danach fing er an zu weinen. Das war mir vorher noch nie passiert und berührte mich zutiefst. In diesem Moment wurde mir klar, welche Macht ich da eigentlich hatte. Danach bekam ich ein vollkommen anderes Gefühl für meine Arbeit. Davor hatte ich meine Kunden immer nur als Sessions gesehen, aber mein Erlebnis mit Steve stellte einen Wendepunkt dar. Von da an war das Ganze für mich mehr eine Art Sklavenausbildung. Es ging nicht nur darum, anderen einen Raum zu bieten, indem sie ihre Fetische ausleben konnten. Das Spiel mit Dominanz und Unterwürfigkeit wurde für mich zu einer ganzheitlichen Erfahrung.

"Vor allem bei Frauen wird Dominanz häufig als etwas Schlechtes angesehen."

Inzwischen bin ich nicht mehr so häufig als Domina tätig. Ich nehme nur noch die Aufträge an, die ich wirklich interessant finde. Es ist nicht einfach, Außenstehenden zu erklären, was ich mache, deswegen sage ich es einfach so: Mittlerweile konzentriere ich mich eher darauf, Leute mental zu dominieren. Und das läuft ziemlich gut für mich. Oftmals arbeite ich pro Monat nur noch vier Tage mit zwei oder drei Sessions täglich und bin dafür auch in Singapur, Hongkong und Tokio unterwegs.

Erst seit drei Jahren kann ich wirklich sagen, dass ich eine gute Herrin bin. Davor war ich mir da nicht so sicher. Wie bei jedem anderen Job legt man eigentlich erst richtig los, wenn man Selbstzweifel und Selbstkritik ad acta legt. Am Anfang meiner Karriere wollte ich unbedingt alles richtig machen und habe mich selbst sehr unter Druck gesetzt. Inzwischen versuche ich einfach, die Dinge so authentisch wie möglich anzugehen.

Vor allem bei Frauen wird Dominanz häufig als etwas Schlechtes angesehen. Durch meine Tätigkeit als Herrin habe ich aber eine Möglichkeit gefunden, Verlangen, Macht und Dominanz auf eine Art zu erfahren, die ich selbst gut finde und die andere Menschen genießen können.

Als Asiatin, die herrisch und fordernd auftritt, habe ich mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Ganz allgemein wird es Frauen oft negativ ausgelegt, wenn sie Dominanz zeigen. Deswegen fahre ich diesen Aspekt meiner Persönlichkeit im Alltag und in der Kommunikation mit anderen Menschen zurück. Nur als "Mistress Eva" kann ich diese Seite von mir voll ausleben. Durch meine BDSM-Sklaven habe ich eine Möglichkeit gefunden, wie ich beim Spiel mit Macht, Verlangen und Dominanz nicht nur andere glücklich mache, sondern auch mich selbst. Und das ist unglaublich befreiend.

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