Die neue SBB-Reklamier-App im ultimativen Wutbürger-Test
Nicht böse sein, liebe SBB, eigentlich mag ich dich ganz gerne | Alle Fotos von VICE Media
ausraster

Die neue SBB-Reklamier-App im ultimativen Wutbürger-Test

Mit einer neuen Funktion kann jeder SBB-Passagier Mängel melden. Wir haben die App einem Test unter extremen Bedingungen unterzogen.
19 Juni 2017, 9:43am

Lange mussten wir darauf warten, jetzt scheint es so, als ob die SBB all unsere Gebete erhört hat: Anstatt innerlich zu brodeln, wenn das ganze Zugabteil nach verschüttetem Smirnoff riecht (was circa einmal im Jahr während der Streetparade passiert), kannst du jetzt ganz einfach deinen Frust direkt bei den SBB-Leuten rauslassen – und das auch noch bequem mit deinem Handy. In der SBB Preview-App (mit dieser testet die SBB neue Funktionen) kannst du jetzt unter "Defekt melden" Fotos hochladen und mit deiner persönlichen Wutrede gegen die Servicewüste Schweiz versehen.

Das Beste daran für einen Wutbürger, wie ich einer werden will: Die SBB hat uns auf Anfrage versichert, dass sich auch wirklich echte Menschen mit deiner Meldung auseinandersetzen: "Es sind Mitarbeitende des Contact Centers (CC) in Brig, welche die Rückmeldungen bearbeiten", erklärt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe auf Anfrage von VICE. Wieviele arme Schweine von den 280 Mitarbeitern des Centers für die neue Funktion zuständig sind, konnte uns Oli Dischoe leider nicht sagen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass die SBB-Fahrgäste ähnlich bünzlig sind wie die Wutbürger aus Zürich (dort können Leute über die Züri-wie-neu App bei der Stadt petzen – wir haben ihre besten Reklamationen gesammelt), dann sind die Leute, die das Zeug lesen müssen, wirklich sehr arme Schweine.

Ich werde nicht enttäuscht

Damit die Serviceabteilung der SBB weiss, was in Zukunft auf sie zukommen wird, mache ich mich gleich schon am ersten Tag auf zum Bahnhof und löse ein Ticket von Zürich nach Luzern. Für das richtige Wutbürger-Mindset zog ich mir zuvor ein paar Hasskommentare auf der SBB-Facebookseite rein, die dort im Stundentakt reinflattern. Die äusseren Umstände sind perfekt: Eine pubertierende Schülergruppe wartet bereits auf dem Perron auf den Zug und die Sonne brennt mit über 30 Grad auf das frühsommerliche Zürich.

Im Zug nach Luzern scheint erstmal alles OK, die Klimaanlage funktioniert und einen ruhigen Platz abseits der Kinder finde ich auch. Wie immer, wenn ich einen Zug betrete, meldet sich gleich auch mal meine Blase zu Wort (kann jemand dieses Phänomen einmal wissenschaftlich untersuchen?). Und dann, siehe da, DER Klassiker: Das WC ist defekt und geschlossen. Wahrscheinlich bin ich der erste Mensch überhaupt, der sich darüber freut und mache genüsslich ein Foto davon. Das Problem ist eigentlich gar keines, weil ein zweites Klo daneben ist. Doch folgt dort sogleich so etwas wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Mein Vorgänger hat ordentlich einen abgeseilt und in der Hitze des Gefechtes das Wichtigste, die Spülung, vergessen. Ich schiesse ein Foto davon.

Was für eine Scheisse

Einen Haken hat die Sache noch: Damit du deine Wutnachricht auch an die SBB schicken kannst, musst du zuerst eine zwölfstellige Wagennummer abtippen. Die ist in jedem Zug woanders, weshalb die SBB auch extra eine Videoanleitung gemacht hat, wie du sie finden kannst.

Kaum angekommen an meinem Platz, macht es sich mein Sitznachbar gemütlich für die knapp einstündige Reise – verständlich. Unverständlich jedoch ist die Art und Weise, wie er es macht. Die Restfahrt wurde gerade zur Hölle.

Bei 30 Grad im Schatten vielleicht nicht die beste Idee meines Sitznachbarn

Luzern ist der Vorhof der Hölle

Nach vierzig Minuten neben Socken, die stinken als hätte Roger Federer darin ein vierstündiges Tennismatch gespielt, erreiche ich endlich Luzern – endlich wieder frei. Was ich jedoch dort sehe, erklärt so einiges über die unhaltbaren Zustände in den Zügen der Schweizer Bahn. Ich zücke mein Handy – Anzeige ist raus!

Kein Wunder, geht die SBB zu Grunde!!!!1!

Da ich noch keine Lust habe, gleich wieder zurück nach Zürich zu fahren, steige ich in die erstbeste S-Bahn am Bahnhof ein. Vielleicht herrscht ja in der Innerschweiz noch Recht, Sitte und Ordnung in den Zügen. Ich finde einen Platz mit Aussicht auf den Vierwaldstättersee und geniesse die Fahrt ins Ungewisse. Als ich jedoch beginne, mich umzuschauen, wird mir klar: Hier ist alles nur noch schlimmer. Gleich neben mir liegt etwas, das aussieht wie eine leere Kokstüte und ein Bierdeckel. Ob sich da wohl kurz zuvor jemand seiner Sucht ergeben hat? Ich beschliesse, den Platz zu wechseln und setze mich in ein Abteil, das sich zuvor zwei Senioren auf Wandertour geteilt haben. Ihre verrotzten Hinterlassenschaften (gebrauchte Tempos) lassen mich daran zweifeln, ob es eine gute Idee war, den Platz zu wechseln.

Hat Nidwalden ein Drogenproblem?

Weil ich im ganzen Zug keine Wagennummer finde, kann ich diese Sauerei nicht einmal melden. Es scheint, man kann nur in Zügen der SBB aber nicht in Regionalbahnen wie der Zentralbahn petzen. Mir reicht es, ich steige an der nächsten Station in Stansstaad aus. Bis mein Zug mit Verbindung nach Zürich kommt, muss ich eine halbe Stunde in diesem Rotzloch verbringen. Wenigstens sieht das mit dem Rotzloch die SBB auch selbst ein.

Wo zur Hölle bin ich hier?

Anarchie im Zürcher HB

Die Rückfahrt nach Zürich verbringe ich grösstenteils schlafend – so lässt sich die Fahrt besser ertragen, rede ich mir ein. Tatsächlich schaffe ich es ohne besondere Vorkommnisse nach Hause. Eine Hürde wartet jedoch noch auf mich, die es in sich hat: der Zürcher HB. Hungrig durch die langen Reisestrapazen ziehe ich vorbei an einem Fischstäbchenbrater. Der Geruch der Imbissbude erinnert mich derart penetrant an die mittelgeile Algendiät, die ich kürzlich gemacht habe, dass mir der Appetit vergeht. Mit der SBB-App, an deren Ventilfunktion für meine negativen Gefühle ich langsam wirklich gefallen finde, äussere ich meinen wutbürgerischen Wunsch, diesen Laden aus dem Bahnhof rauszuschmeissen.

Sieht OK aus, riecht abscheulich

Naserümpfend begebe ich mich auf schnellstem Weg in Richtung Ausgang, jedoch nicht ohne dass mir ein Rentnerpaar auf der Rolltreppe einen Strich durch die Rechnung macht. Ein letztes Mal zücke ich die App und verzeige die Übeltäter, die einen Scheiss auf das heilige Rechtsverkehrgesetz der Rolltreppe geben und gebe der SBB einen Tipp, wie sie dem Treiben ein Ende bereiten können.

Anarchie beim Zürcher HB

Bei jeder meiner Meldungen setzte ich den Haken in der App, dass ich eine Rückmeldung von der SBB wünsche. Doch jedes Mal erhalte ich nur eine automatisierte Nachricht, der "gemeldete Mangel ist an die zuständige Stelle weitergeleitet worden und wird baldmöglichst behoben." Hat mich die SBB belogen und in Wahrheit ist die Petzer-App nichts weiter als eine Massnahme, um uns gebeutelte Zugpendler ruhigzustellen? Existieren gar keine echten Leute, die meine penibelst genau dokumentierten Reklamationen lesen?

Zuhause angekommen wartet eine neue E-Mail in meinem Posteingang. Es ist ein Angestellter der Abteilung Qualitätsmanagement der SBB. Freundlich bestätigt er mir den Empfang meiner Beschwerden und bittet mich, meine Beschwerderoutine zu überdenken – mit der App-Anmeldung über meine VICE-Email-Adresse habe ich die wahre Natur meines Projekts wohl geoutet.

Ich entschuldige mich beim freundlichen Angestellten und versichere ihm, dass mein Tag als zugfahrender Wutbürger jetzt zu Ende sei und ich eigentlich doch ganz gerne mit der SBB fahre. Für den Blutdruck ist es wahrscheinlich sowieso nicht so gut, dieses Wutbürgerdasein.

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