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Restaurant Confessionals

Wir armen Köche werden ständig vernascht

Von wegen ganz normaler Beruf! Köche von heute werden wie Rockstars gefeiert. Weswegen die tägliche Arbeit schnell zum Spießrutenlauf für treulose Tomaten wird.
10.12.14
Foto: Olga Pavlovsky | Flickr | CC BY 2.0

Willkommen zu den Restaurant Confessionals, wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt.

Ich arbeite schon seit über 15 Jahren in der Küche. Doch die Tatsache, dass man als erfolgreicher Koch mittlerweile wie ein kleiner Rockstar gefeiert wird, ist noch recht neu. Die Gastronomie wird oft in einem Atemzug mit Drogen, Alkohol und Schlafentzug genannt, aber seit einiger Zeit ist es plötzlich gleichzeitig auch noch saucool, in der Küche zu arbeiten.

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Das Ganze ist mir erst aufgefallen, als ich in einem beliebten Steak-Restaurant der Stadt angefangen habe. Es hat jeden Tag mittags wie abends geöffnet und ist diese Art von Lokal, wo man durchaus mit einer Rechnung in Höhe von 60 Euro pro Kopf rechnen sollte.

Wenn ich mich recht erinnere, wurde 2010 die erste Food-Blog-Lawine losgetreten, und wohl zu dem Zeitpunkt nahm auch diese Schwärmerei für Köche ihren Anfang. Plötzlich warst du einigen Leuten bekannt, weil du die Küchenchef-Position eines relativ renommierten Restaurants innehattest. Leute erkannten dich sofort in "deinem" Restaurant (und manchmal auch außerhalb) und mehr als einmal haben dich junge Frauen vor dem Eingang abgefangen, die du vorher noch nie gesehen hattest. Und auch die eine oder andere Kellnerin wollte dir am liebsten gleich ans Nudelholz. Ich weiß, das hört sich alles ein wenig unglaubwürdig an, aber genau diese Sachen sind mir und einigen meiner Kollegen widerfahren. Und falls du dir gerade denkst: "Warum heult der Lappen eigentlich so rum? Die Situation ist doch Jackpot!", will ich dir sagen: Nicht jeder hat es so nötig wie du .

Als Zugabe hat sie dann noch eine Liste mit ihren Ex-Freunden, ihren Leibgerichten und ihren Lieblingsstellungen angehängt.

Dass es zwischen Küche und Bedienung ordentlich knistern kann, ist nun wahrlich kein Geheimnis. Aber eine Restaurant-Managerin hat es dann echt auf die Spitze getrieben. Sie war schon Ende 40 und hat sich dennoch nicht geniert, ständig neue Jung-Köche zu vernaschen. Es begann stets mit einem unschuldigen Glas Wein nach der Arbeit, dann machte man Zwischenstopp in irgendeiner furchtbaren Kaschemme und am Ende wachte man(n) ohne Klamotten und vor allem ohne jegliche Erinnerung an den Vorabend (was vielleicht auch besser war) in ihrer Wohnung auf.

Aber Sex unter Kollegen kann wohl niemanden groß schocken. Schon weitaus interessanter waren da die Gäste, die anscheinend nicht nur aufgrund des Essensangebots in unser Restaurant gekommen sind. Die Rede ist von sogenannten Koch-Groupies.

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Ein Gast war dabei besonders berüchtigt. Die durchaus nicht unattraktive Frau besuchte ein Gastro-Event nach dem nächsten, auf denen bestimmte Köche angekündigt waren. Ausgestattet mit ganzen Aktenordnern über ihre Person hat sie dort ihren Lieblingen aufgelauert. Im Ordner selbst wurden minutiös ihre Foodie-Meriten herausgearbeitet. Darin konnten meine Kollegen nachlesen, dass sie wusste, in welchen Restaurants und auf welchen Events sie schon überall gearbeitet haben und welche von denen die gute Dame – fleißig, fleißig – selbst schon besucht hatte. Als Zugabe hat sie dann noch eine Liste mit ihren Ex-Freunden, ihren Leibgerichten und ihren Lieblingsstellungen angehängt. Wenn das kein Fall von Stalken war, dann weiß ich auch nicht mehr.

Es gab aber auch weniger elaborierte und stalker-eske Anmachen. Wenn eine Frau in einem Restaurant mit offener Küche in deiner unmittelbaren Nähe saß, blieben natürlich Gespräche nicht aus. Und wenn sie dann schon ein paar Drinks intus hatte, konnte auch schon mal ein "Du findest mich in der Bar nebenan" in deine Richtung gesäuselt werden.

Ich habe auch schon von Kollegen gehört, denen ein Blowjob auf dem Klo oder ein Quickie in der Abstellkammer angeboten wurde. Ich dachte immer, diese Dinge passieren nur Typen wie Brad Pitt, aber doch nicht Kellnern oder Köchen.

Früher war Koch zu sein einfach nur ein Beruf oder im besten Fall eine Berufung, mittlerweile ist es ein echtes Freilos. Mir ist schon klar, ein goldenes Händchen in der Küche kann Männer sexy machen. Schließlich könnte man argumentieren, dass kreative Gerichte und Sex mit Fremden so einige Gemeinsamkeiten haben: Leidenschaft, Experimentierfreude, Heißhunger auf das Unbekannte und das Aufregende. Doch heißt das automatisch, dass man sich jedem erfolgreichen Koch gleich an den Hals werfen muss?

Aber was weiß ich schon? Ich habe gerade geheiratet.

Aufgezeichnet von Caroline Clements.

Foto: Olga Pavlovsky | Flickr | CC BY 2.0