LGBTQ

Deutschland ist für die Homoehe, aber gegen homosexuelle Kinder

40% der Deutschen fänden es "unangenehm", wenn ihr Kind homosexuell wäre. 40% der Deutschen sind unangenehm.
13.1.17
Foto: Grey Hutton

Am Donnerstag veröffentlichte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Umfrage über die Einstellungen der Deutschen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Die Ergebnisse sind gemischt. Einerseits ist eine große Mehrheit für die Homoehe, will, dass Homosexuelle adoptieren dürfen, und ist dafür, dass Opfer von §175—der "homosexuelle Handlungen" unter Strafe stellte—rehabilitiert werden, also nicht mehr vorbestraft sind. Andererseits fänden es 40% der Deutschen "unangenehm", wenn ihre Tochter lesbisch oder ihr Sohn schwul wären.

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Natürlich kann man das Beste hoffen und annehmen, dass die besorgten Eltern eigentlich gar nichts gegen Schwule und Lesben haben, aber wissen, dass Homosexuelle immer noch diskriminiert werden—80% der Befragten stimmen zu—und nicht wollen, dass es ihrem Kind genauso geht. Oder vielleicht wollen sie einfach nicht-adoptierte Enkel.

Die Hoffnung wird kleiner, wenn man sich die Zahlen genauer ansieht. 43% finden, dass Homosexuelle aufhören sollen, "so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen", fast 30% finden es unangenehm, wenn sich zwei Frauen in der Öffentlichkeit küssen, und fast 40%, wenn es zwei Männer sind.

Politische Diskriminierung ist unerwünscht, persönliche aber nicht

Langsam aber sicher ist selbst in der CDU angekommen, dass die Ehe für alle nicht mehr lange aufzuhalten ist. Jens Spahn, stramm konservativ und der Vorzeige-Schwule der Partei, kündigt die Öffnung der Ehe "noch in diesem Jahrzehnt" an. Wenn selbst die CDU schon soweit ist, dürfte klar sein, dass die Mehrheit politische Homophobie nicht mehr gutheißt. Es gibt selbst in der Welt der Konservativen keine logischen Gründe mehr, die dagegen sprechen, dass Homosexuelle vor dem Gesetz genauso behandelt werden wie Heteros.

Dass sich die große Mehrheit für die Ehe für alle ausspricht und erkennt, dass LGBT-Menschen immer noch diskriminiert werden, heißt aber nicht, dass die große Mehrheit versteht, was diese Diskriminierung bedeutet. Heterosexuelle werden nicht im Vorbeigehen beschimpft, weil sie ihren Partner in der Öffentlichkeit küssen. Heterosexuelle müssen keine Angst davor haben, dass sie zusammengeschlagen werden, einfach nur, weil sie heterosexuell sind oder weil sie die Frechheit besitzen, mit ihrem Partner zusammen zu sein.

Privat kann der Deutsche immer noch genauso homophob sein wie vor Jahrzehnten. Er darf sich innerlich winden, wenn er zwei Männer Hand in Hand in der U-Bahn sieht, und dabei muss es nicht bleiben. Im Vergleich zu 2005 hat sich die Gewalt gegen Homosexuelle im letzten Jahr mehr als vervierfacht.

Nichts zeigt diese persönliche Homophobie besser als die 40%, denen ein schwules oder lesbisches Kind "unangenehm" wäre. 40% der Deutschen haben auch 2017 kein Problem damit zu sagen, dass sie sich für nicht-heterosexuelle Kinder schämen würden. 40% der Bevölkerung beweisen, dass Homophobie immer noch tief verwurzelt ist. Das sollte Deutschland unangenehm sein.

Der "Wirbel", den wir um unsere Sexualität machen, ist genau deswegen wichtig. Wir reden nicht über Sexualität, weil wir nichts anderes zu tun haben und das Fernsehprogramm langweilig ist. Wir reden über unsere Sexualität, weil wir gelernt haben, dass sie immer noch ein riesiges gesellschaftliches Stigma und immer noch eine Gefahr für uns ist. Wir reden auch nicht darüber, weil wir wollen, dass eure Kinder schwul werden, sondern weil wir wollen, dass die Kinder, die homosexuell auf die Welt gekommen sind, wissen, dass sie nicht allein sind. Und wir reden darüber, damit der Gesellschaft irgendwann klar wird, dass wir nicht nur diskriminiert werden, weil wir nicht heiraten dürfen, sondern weil wir Angst haben müssen, auf die Straße zu gehen.

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