Österreichs vergessener Terrorverdächtiger
Dschihadismus

Österreichs vergessener Terrorverdächtiger

Abid T. soll dem Netzwerk der Pariser Terroranschläge angehören. VICE sprach mit Angehörigen und einem ehemaligen Mithäftling, die von seiner Unschuld überzeugt sind.
16.3.17

Geht es nach den Vorwürfen, die im vergangenen September durch internationale Medien gingen, müsste es sich bei Abid T. um die wohl gefährlichste Person handeln, die derzeit in einem österreichischen Gefängnis einsitzt.

Ein Reporterteam von CNN veröffentlicht damals Auszüge aus einem umfangreichen Ermittlungsdossier europäischer Behörden zu den Terroranschlägen von Frankreich im November 2015. Darin wird T. erstmals als Kontaktmann und Komplize zweier mutmaßlich verhinderter Paris-Attentäter präsentiert. Gemeinsam mit dem schon länger bekannten Algerier Adel H. und dem Pakistaner Muhammad U., soll der Marokkaner Abid T. womöglich neue Anschläge der Terrormiliz IS in Europa geplant haben.

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Eine entscheidende Rolle habe dabei ein provisorisches Flüchtlingsheim bei Salzburg gespielt. Hier seien die drei Ende 2015 aufeinander getroffen.

Doch während H. und U. hier, getarnt als Flüchtlinge, verhaftet wurden, nahm man T. erst im Juli 2016 in Brüssel fest. Und während man die ersten beiden im Juli 2016 von Österreich nach Frankreich auslieferte, überstellte man T. Ende August von Belgien nach Salzburg. Im Oktober erhob die Salzburger Staatsanwaltschaft dann Anklage gegen den 27-Jährigen. Seither ist über seinen Verbleib wenig bekannt; ein Prozesstermin steht bis dato aus.

Gegenüber VICE melden sich nun nahe Angehörige des Mannes zu Wort. In ihrer Darstellung ist Abid T. nicht nur völlig unschuldig; ihm werde seit seiner Überstellung nach Österreich auch jeder Kontakt zu seiner Familie verwehrt, heißt es – und damit ein grundlegendes Recht missachtet. Sein Bruder klagt außerdem an: "Das Gefängnis hat Abid total krank gemacht." Auch ein ehemaliger Mithäftling von T. schaltet sich ein und berichtet über dessen "katastrophalen Gesundheitszustand."

Aber der Reihe nach.

Eine "österreichische IS-Zelle"?

Das Asfinag-Gelände in Salzburg-Liefering, wenige Meter von der deutschen Grenze entfernt, ist ab Herbst 2015 die provisorische Herberge für hunderte Transitflüchtlinge und Asylwerber. Zelte und Hallen des Notquartiers sind zunehmend überlastet. Die einst allgemein positive Stimmung gegenüber Flüchtlingen ist zu dieser Zeit bereits angeschlagen – nicht zuletzt, weil bekannt wurde, dass sich bei den Terroranschlägen von Paris am 13. November gerade zwei IS-Attentäter beim Stade de France in die Luft sprengten, die nachweislich die Flüchtlingsroute nach Europa ausnutzten.

Ausgerechnet hier in Salzburg-Liefering nimmt die österreichische Polizei dann einen Monat später, am 10. Dezember, zwei mutmaßliche Komplizen der Selbstmordattentäter fest. Der gemeinsame Weg des Quartetts von Raqqa bis nach Griechenland ist mittlerweile gut dokumentiert.

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Alle vier saßen im selben Schlepperboot aus Izmir und wurden bei ihrer Ankunft am 3. Oktober auf der Insel Leros gemeinsam registriert. Der Algerier und der Pakistaner fielen den griechischen Beamten jedoch als falsche Syrer auf. Man hinderte sie an der Weiterreise und dadurch wohl an der Teilnahme der Terroranschläge.

Adel H. und Muhammad U. konnten erst Wochen später weiterreisen und strandeten dann am 14. November im Salzburger Transitlager. Nach ihrer Verhaftung griff die österreichische Polizei im besagten Flüchtlingsheim erneut zu. Diesmal, am 18. Dezember, nehmen die Beamten dann einen Algerier namens Youcef B. und den Marokkaner Kamal A. fest. Sie sollen H. und U. zumindest „psychologisch und logistisch" unterstützt haben. Ein Prozess gegen sie findet seit letztem Dezember am Salzburger Landesgericht statt und wurde bereits zweimal vertagt, weil potenzielle Entlastungszeugen der Angeklagten aufgespürt werden müssen.

Le Monde spricht von den Verhafteten mit Salzburg-Bezug sogar von einer "österreichischen Zelle." Beim fünften im Bunde handele es sich um Abid T.

Adel H., Muhammad U. und die Selbstmordattentäter "Mohammed Al Mahmod" und "Ahmad Al Mohammad", fotografiert im Oktober 2015 auf Leros. Foto: Polizei

Auch T. befand sich Ende 2015 im selben Transitlager bei Salzburg. Und auch er soll in enger Verbindung mit U. und H. gestanden haben.

Laut Anklage habe er "die geplante Weiterreise der inzwischen nach Frankreich ausgelieferten Personen koordiniert beziehungsweise die hierfür erforderlichen Informationen bereitgestellt", sowie "sich der Terrorzelle 'Islamischer Staat' zur Vorbereitung und Begehung weiterer Anschläge angeschlossen und wissentlich als Mitglied an einer terroristischen Vereinigung beteiligt", heißt es auf Anfrage gegenüber VICE.

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Festgenommen wurde er, wie eingangs erwähnt, erst im Juli 2016 in Brüssel. "IS-Terrorist entwischte der Salzburger Polizei" berichteten deshalb heimische Medien vergangenen Herbst. Dass Abid T. der heimischen Polizei bildlich "entwischt" sei, kann jedoch ausgeschlossen werden. Vielmehr hatten die Behörden den Marokkaner bei der Verhaftung von Adel H. und Muhammad U. noch gar nicht auf dem Schirm. Während dieses Zugriffs wurde neben deren Schlafplatz ein weißes Smartphone aufgeladen. Die Beamten beschlagnahmen das Telefon, das eigentlich Abid T. gehörte.

Darauf finden die Ermittler dann offensichtlich Indizien, die auch den Handybesitzer T. fortan zum Terrorverdächtigen machen: den gespeicherten Kontakt von Adel H., eine gewählte Nummer, die laut CNN dem Drahtzieher der Pariser Terroranschläge zuzurechnen ist, sowie ein Foto, das Kämpfer der Terrormiliz IS zeigt.

Da Abid T. beim erneuten Zugriff am 18. Dezember nicht auffindbar ist, wird gegen ihn ein europäischer Haftbefehl erlassen.

Ein untergetauchter Terrorist, der munter auf Facebook postet?

Über T.s Weg nach Europa, und wie er schließlich in Brüssel landen konnte, war bisher nichts bekannt. Im Gespräch mit VICE bestreiten Angehörige die Terrorverbindung ihres Verwandten vehement.

"Abid ging nach Europa, um zu arbeiten und ein besseres Leben zu haben. Zuvor arbeitete er in der Landwirtschaft", sagt Jawad, Abid T.s Bruder, der im marokkanischen Nador lebt. "Wir haben Verwandte in Brüssel und Amsterdam. In Marokko sind wir eine arme Familie." Sein Heimatland soll er zuvor noch nie verlassen haben, schon gar nicht in Richtung Syrien. Die marokkanischen Behörden müssten darüber Kenntnis haben und das auch belegen können, ist sich der Bruder sicher. Der Bericht von CNN legt nahe, dass T., ebenso wie U. und H, auch aus Syrien gekommen sei.

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Am 20. November 2015 – also eine Woche nach den Anschlägen von Paris – habe Abid T. in Casablanca ein Flugzeug nach Istanbul bestiegen. Das sollen Flugbestätigungen zeigen, die VICE vorliegen. Gebucht hatte T. auch einen Rückflug von Istanbul. Ein Trick, der die Einreise in die Türkei erleichtere.

Wie der Weg des 27-Jährigen weiter verlaufen sein soll, schildert Said, ein zweiter Bruder, der in Brüssel lebt und bei dem T. am Ende dieser Reise unterkommen hätte wollen.

"Abid fuhr in einem kleinen Schlepperboot für 800 Dollar nach Griechenland, das war Ende November 2015", erinnert sich der Bruder. "Es gibt Fotos davon – auf dem Handy, das die Polizei beschlagnahmte. In Griechenland beschloss er dann, seinen Pass zu vernichten. Viele Nordafrikaner machten das, weil sie sonst nicht weiterreisen konnten." In der Masse vermeintlich syrischer Flüchtlinge hätte er dann auf der Balkanroute weiterreisen können, bis ins Transitlager in Salzburg, wo vor der deutschen Grenze zunächst erneut kein Weiterkommen war. Abid hätte sich dann um gefälschte syrische Dokumente bemüht, mit denen unter Nordafrikanern damals reger Handel betrieben wurde.

In Brüssel wurde Said später zusammen mit T. verhaftet, kam jedoch noch am selben Tag frei. T. musste bleiben. Bei Besuchen im Gefängnis soll ihm der fassungslose T. dann von den Vorwürfen der Behörden erzählt haben.

"Abid verlieh das Handy an viele Leute, die ihre Familien anrufen wollten. Er hatte im Flüchtlingslager auch kein Netzkabel", erzählt sein Bruder. "Er kam dadurch mit dem Algerier in Kontakt, bei dem er es auflud. Als die Polizei die zwei Personen verhaftete, war Abid nicht in der Unterkunft. Als er zurückkam, war sein Handy weg, aber er wagte nicht, es zurückzufordern. Er hatte keine Papiere, war illegal und der Kontakt mit der Polizei war sehr riskant für ihn."

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Er sei nach der Verhaftung auch nicht plötzlich verschwunden, sondern habe noch zwei Tage im Flüchtlingsheim verbracht, ehe er die gefälschten, syrischen Papiere erhielt, mit denen er nach Deutschland, und weiter zu Said nach Brüssel reiste.

In den mehr als sechs Monaten bis zu T.s Verhaftung, als gegen ihn ein europäischer Haftbefehl aufrecht war, teilte der 27-Jährige auf seinem Facebook-Profil eifrig Fotos und Beiträge: lächelnd zu Besuch in Amsterdam, im Thawb auf den Straßen Brüssels, alles öffentlich einsehbar. Mehr noch: Die Behörden hatten über das beschlagnahmte Handy und die darauf installierte Facebook-App sogar einen noch viel einfacheren Zugriff. Wie berichtet wurde, war es dann eben auch das Facebook-Profil, das erst zu T.s Verhaftung im Juli 2016 führte.

Der Einwand scheint berechtigt: Wieso teilt ein untergetauchter Terrorist, dessen Komplizen geschnappt wurde, und der selbst einer Verhaftung entging, öffentlich immer wieder seinen Verbleib mit?

"Er sagte, er möchte sein Leben beenden"

Am 27. August 2016 überstellt man T. nach Salzburg. Er wird in die Justizanstalt Wels eingeliefert. Im Oktober erfolgt dann die Anklage der Staatsanwaltschaft Salzburg.

Während Said seinen Bruder in Brüssel wöchentlich im Gefängnis besuchen konnte, ist seit der Überstellung nach Österreich jeglicher Kontakt unterbunden. Mit einem zweiten Verwandten sei er im Jänner 2017 deshalb nach Salzburg gereist, um eine Besuchserlaubnis zu bekommen. T.s Pflichtverteidiger habe die Angehörigen jedoch bloß "am Gang" informiert, dass dies die Sache des Richters sei, der aber "gerade auf Urlaub war." Die formelle Besucheranfrage wurde in dessen Büro dann hinterlegt, blieb bis heute aber unbeantwortet.

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In den mittlerweile sechs Monaten sei das Unbehagen unter den Verwandten weiter gestiegen. „In der Heimat gehen Gerüchte um, dass Abid sich erhängt hat. Seine Mutter ist verzweifelt. Wir wissen nichts von ihm." Im Februar meldet sich dann plötzlich ein ehemaliger Mithäftling von T. per Telefon beim Bruder in Brüssel. Der Mann beschreibt auch im Gespräch mit VICE die Justizanstalt Wels von innen, ehe er auf zwei einstündigen Aufeinandertreffen mit Abid T. im Gefängnishof eingeht. Dessen Zustand habe sich vom ersten Kontakt im November zum letzten Treffen im Jänner erheblich verschlechtert.

"Er bekommt starke Medikamente gegen Depressionen und zum Schlafen. Er wirkt geistig behindert und hat Schwierigkeiten, sich zu bewegen", berichtet der Ex-Häftling. Einem anderen Mithäftling soll er mitgeteilt haben, "dass er sein Leben beenden möchte." T. habe ihm zudem beim zweiten Treffen einen Zettel mit den Kontaktdaten von Said zugesteckt. Er solle den Bruder nach seiner Enthaftung kontaktieren, da es ihm selbst nicht gestattet werde.

"Abid nahm nie Medikamente, er war vor seiner Haft völlig gesund. Das Gefängnis hat ihn krank gemacht, denn er ist völlig unschuldig!", meint der Bruder.

Beim Gericht in Salzburg bestätigt man gegenüber VICE, dass nach einem richterlichen Beschluss im Dezember ein Gutachten T.s Zurechnungsfähigkeit klären soll. "In der Justizanstalt wurde offenbar ein schlechter gesundheitlicher Zustand des Häfltings protokolliert und weitergegeben", heißt es dazu seitens der Gerichtssprecherin.

"Was sind das für Menschenrechte in Österreich? Selbst ein Schwerverbrecher hat Rechte!"

Im Gespräch mit VICE hält sich T.s Pflichtverteidiger bedeckt. Sein Mandant habe alle nötigen Rechte, zumindest einmal habe er auch mit einem Verfahrenshelfer vor Ort gesprochen. Er selbst habe T. in den bisher sechs Monaten jedoch kein einziges Mal besucht, gibt der Pflichtverteidiger zu.

Bei einem erneuten Versuch der Verwandten Ende Februar, über den Anwalt eine Besuchserlaubnis, oder auch nur ein Telefonat mit T. zu erwirken, sei man abermals abgeblitzt. "Als ich ihn mehrmals darauf hinwies, dass Abid doch das Recht dazu hat, sagte er, er werde den Richter fragen. Der Richter habe dann nur gesagt, dass es nicht geht, weil das zu gefährlich sei", sagt ein anderer, naher Verwandter, der fließend Englisch spricht.

Auf Anfrage beim Justizministerium heißt es zu Besuchskriterien bei Risikohäftlingen: "Der Besuch bestimmter Personen, von denen eine Gefährdung des Zweckes der Untersuchungshaft oder der Sicherheit der Anstalt zu befürchten ist, kann untersagt oder abgebrochen werden." Pauschal – oder, wie in T.s Fall selbst bei Familienmitgliedern – kann das jedoch nicht zulässig sein. Hinzu kommt, dass gegen T. bereits eine Anklage besteht, daher auch das Argument der Verdunkelungsgefahr wegfällt.

"Was sind das für Menschenrechte in Österreich? Selbst ein Schwerverbrecher hat Rechte!", beklagt T.s Bruder. „Abid wurde ein Opfer des schlimmen Zufalls und seines guten Glaubens." Die Schuldfrage und die schweren Vorwürfe gegen T. wird letztlich das Gericht zu klären haben. Der Ruf nach Einhaltung seiner Grundrechte muss aber in jedem Fall gehört werden.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine

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