optische Täuschung

Dieses Bild enthält keine roten Pixel – warum die Erdbeeren trotzdem rot aussehen

Das Foto eines japanischen Professors führt diese Woche tausende Twitter-Nutzer in die Irre. Das neurologische Phänomen befeuerte schon die Diskussionen um „The Dress“.

von Kaleigh Rogers
01 März 2017, 11:52am

Es ist jetzt zwei Jahre her, dass „The Dress" das Internet spaltete. Jenes virale Kleid, das für manche blau-schwarz, für andere weiß und gold aussah. Nun macht diese Woche ein ähnlich irres Foto die Runde. Zwar gibt es diesmal keine zwei Meinung über die Farben, aber die optische Illusion hinter dem Phänomen funktioniert dennoch auf ähnliche Weise.

Schöpfer dieses Bildes ist Akiyoshi Kitaoka. Der Psychologie-Professor von der japanischen Ritsumeikan-Universität ist darauf spezialisiert, optische Illusionen zu entwickeln, die das menschliche Auge und Gehirn vor schier unüberwindbare Herausforderungen stellen. Wie der Neurowissenschaftler Matt Liebermann in dem obigen Tweet zu Recht anmerkt, haben wir es hier mit einem Bild ohne rote Pixel zu tun – obwohl doch die Erdbeeren für unsere Augen eindeutig rot zu sein scheinen. Schnell machte das Bild auf Twitter seit Montag die Runde und natürlich zweifeln viele User erstmal daran, dass das Bild wirklich keine roten Pixel habe. Der User Carson Mell allerdings zeigte am Dienstag durch eine Farbisolierung, dass die Pixel, die wir sehen, tatsächlich grau (und ein wenig grün) sind:

Anders als beim Kleid sehen wir in diesem Fall zwar alle dasselbe, die optische Illusion entsteht jedoch auf ähnliche Weise, nämlich durch das Phänomen der Farbkonstanz. Es sorgt dafür, dass dein Gehirn an den Dingen dieser Welt eine Farbkorrektur vornimmt, wenn sie durch anderes Licht gefiltert wird.

Grundsätzlich muss man dazu wissen, dass sich das Licht, das auf das menschliche Auge trifft, aus verschiedenen Wellenlängen zusammensetzt. Diese Wellenlängen bestehen sowohl aus den Pigmenten der Objekte um dich herum als auch aus dem Licht, das diese anstrahlt.

„Stell dir vor, draußen unter einem strahlend blauen Himmel herumzulaufen. Dieses Blau verunreinigt farblich in gewisser Weise alles, was du siehst", erklärt Bevil Conway, der sich am US-amerikanischen National Eye Institue ausführlich mit unserer visuellen Wahrnehmung beschäftigt, den Grundlagen der Illusion. „Wenn du einen roten Apfel mit nach draußen unter einen blauen Himmel nimmst, dann erreichen mehr blaue Wellenlängen dein Auge. Wenn du den Apfel mit in einen geschlossenen Raum unter ein fluoreszierendes oder weißglühendes Licht ohne diesen Farbeinfluss nimmst, dann erscheinen die Pigmente im Apfel genau gleich. Da der spektrale Inhalt der Lichtquelle jedoch anders ist, ist auch das Spektrum, das auf dein Auge trifft, anders."

Da diese Farbverunreinigung durch Lichtquellen im Alltag nicht wirklich hilfreich ist (es wäre zum Beispiel total verwirrend, wenn eine reife Banane morgens gelb aussieht, mittags aber grün), haben unsere Gehirne sich so entwickelt, dass sie Farben korrigieren. Das führt dazu, dass die Farben, die wir sehen, unabhängig vom Licht gleich aussehen.

Bei seiner Illusion hat sich Professor Kitaoka diesen Korrekturmechanismus zunutze gemacht, wie Conway erklärt: „Dieses Bild wurde eindeutig so manipuliert, dass die Objekte, die du sieht, etwas reflektieren, das eigentlich farblos oder grau wäre. Die Lichtquelle, die dein Gehirn dazu interpretiert, hat jedoch diese bläuliche Komponente. Dein Gehirn sagt: 'Die Lichtquelle, unter der ich diese Erdbeeren sehe, hat einige blaue Komponenten, also subtrahiere ich das automatisch von jedem Pixel'. Und wenn du graue Pixel nimmst und diesen blauen Einfluss subtrahierst, dann bekommst du Rot."

Laut Conway wird die Wirkung der Illusion auch noch dadurch verstärkt, dass wir die Objekte als Erdbeeren wahrnehmen, welche wir wiederum sehr stark mit der Farbe Rot assoziieren. Unser Gehirn ist also bereits darauf eingestellt, nach diesen Pigmenten zu suchen.

Das Phänomen der Farbkonstanz war auch der Grund, warum Leute „Das Kleid" unterschiedlich sahen: Da die Lichtquelle auf dem Bild sehr diffus war, korrigierten verschiedene Gehirne das Bild durch verschiedene Arten von Licht, was dazu führte, dass sie das Kleid auf unterschiedliche Weise wahrnahmen. Phänomene wie die Farbkonstanz sind die beste Voraussetzung, dass optische Illusionen das Internet noch eine ganz Weile heimsuchen werden – und zu kollektiven Farbdiskussionen führen werden.