Roman Flügel hat uns einen Blick in seine Plattensammlung gewährt

Das Genie der Frankfurter Electro-Schule über die Platten, die sein Leben prägten und sein neues Album ‘All The Right Noises’.

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31 Oktober 2016, 5:15pm

Es gibt wenige Produzenten elektronischer Musik, die in der dritten Dekade aktiv sind und dabei nichts von ihrem ursprünglichen Esprit und Antrieb verloren haben. Roman Flügel, geboren und noch immer ansässig in Frankfurt am Main, muss man definitiv dieser so unwahrscheinlichen Gruppe zuordnen. Weder haben ihm die harten Momente, die das Musikbusiness auch für ihn parat hatte (Stichwort: Vertriebspleiten—und die Folgen für seine Plattenfirmen), zu brechen gewusst, noch gelang es den vielen Erfolgsmomenten, von denen es im Verlauf seiner nun bereits seit mehr als 25 Jahren andauernden Laufbahn etliche gab, ihn über die Maße zu verführen.

Seinen Überhit landete Flügel 2004 mit seinem gemeinsam mit Jörn Elling Wuttke betriebenen Projekt Alter Ego und "Rocker". Ein Track für die Techno-Ewigkeit: brachial-malträtierend und zugleich mit einer popistischen Signalhaftigkeit, dass man um das seltsame Wort Ohrwurm nicht rumkommt. Doch auch wenn das 1993 gegründete Duo Alter Ego von immenser Bedeutung für die Karriere von Roman Flügel war und ist, so erzählt es nur eine der vielen möglichen Geschichten zu ihm. Weitere sind mit seinen Wuttke-Kollaborationen Acid Jesus und Sensorama oder eben seine unter etlichen Pseudonymen veröffentlichten Soloarbeiten, beispielsweise als Eight Miles High und Soylent Green, verbunden. Viele dieser Produktionen erschienen zwischen den frühen 1990er Jahren und 2012 auf den von Flügel gemeinsam mit M/S/O, Ata und Wuttke betriebenen Labels Ongaku, Playhouse und Klang Elektronik. Nach deren Einstellung suchte Roman Flügel nach neuen familiären Verhältnissen und fand diese beim Hamburger Dial Label, wo er bis dato die drei Alben Fatty Folders, Happiness is Happening und nun ganz aktuell All The Right Noises veröffentlichte.

Was hat so einer also in seinem bestimmt nicht gerade kleinen Plattenschrank stehen? Freundlicherweise empfing uns auf Roman Flügel auf einen Dienstagvormittag in seiner Frankfurt Wohnung und gewährten uns einen Einblick.

"Es war relativ schnell klar, dass Housemusik und Techno eine große Rolle spielen würden"

Roman, wie kommt es, dass du noch in Frankfurt wohnst?
Weil ich ein bisschen sturköpfig bin und mir Veränderungen nicht so leicht fallen, als dass ich spontan entscheiden könnte, woanders hinzugehen. Der Hauptgrund aber war, dass als alle nach Berlin gezogen sind, wir hier noch zu viert unsere Labels betrieben. Da gab es nicht die Idee eines kollektiven Umzugs, wir sahen uns als Firma hier in Frankfurt und fühlten uns wohl.

Alles fing einst für dich mit Chicago House an, nicht wahr? Gibt es da eine Platte, die ganz speziell all das in sich trägt, was das Genre für dich so weltverändernd machte?
Es gibt eine wirklich alles für mich verändernde Compilation: Chicago Trax auf Street Sounds, die mein Bruder mir 1987 zu Weihnachten geschenkt hat. Über sie kam ich erstmals mit unterschiedlichen Strömungen in Kontakt: da war Chicago House drauf, mit Geschichten wie Rythim is Rythim, aber auch schon Detroit Techno. Das war die Initialzündung. Davor gab es allerdings noch das Stück "Jack Your Body" von Steve "Silk" Hurley, was auf Partys und in Clubs lief. Wir reden jetzt von Silvester '86 auf '87, da fing das an, dass man so Musik in Clubs hören konnte. Sven Väth hat das damals schon gespielt.

Ich selbst war in diesen Tagen noch mit einem Bein in der Belgischen EDM und New Beat Geschichte drin: Nitzer Ebb, Front 242 und viele komische belgische Projekte – und Skinny Puppy aus Kanada. Aber auf einmal war der neue Vibe zu spüren: "Jack zur Body" war so eine abstrakte, merkwürdige Nummer mit Zug auf den Dancefloor.

Eine ganz wichtige Mr Fingers, in guten Händen

Es folgte eine intensive Phase des Ausgehens. Du gehörst ja zu den Gesegneten, die sich nicht mit irgendeinem Club in der Provinz zufrieden geben mussten, sondern wurdest jede Woche im Omen von Sven Väth bespielt.
Erstmal konnte ich sogar noch in den Vorgängerclub von ihm gehen, das Dorian Gray. Da ich aber erst 16 war, musste ich mich mit zwei älteren Freundinnen reinschmuggeln; und mir vorher am Frankfurter Flughafen noch die Schuhe putzen, um reinzukommen, weil alles ein bisschen schicker zuging. Dann ging es aber zum Glück im Omen gleich ganz anders weiter. Das Omen hat Sven mit dem Wissen, das er aus dem Gray mitgenommen hat, in der Frankfurter Innenstadt eröffnet. Es war relativ schnell klar, dass Housemusik und Techno eine große Rolle spielen würden, das hat viel erleichtert. Ich war damals ja noch kein Frankfurter, sondern kam mit Freunden immer irgendwie mit dem Auto aus Darmstadt rüber. Ich war so angeknipst von der Musik, da gab es kein zurück mehr. Wir haben alles auf das Wochenenden hin zentriert, auf den Freitag, das war der Tag, an dem man loslassen konnte. Irgendwann sind die Nächte dann ja auch immer länger geworden, das hat hier ja bereits 87/88 begonnen.

Welche Platte repräsentiert denn diese Epoche Frankfurter und Flügelscher Technogeschichte für dich am meisten?
Es gibt da diese eine frühe Technoplatte, die auf jeden Fall nochmal ein ganz neues Level im Club erreicht hat: "The Punisher" von Underground Resistance.

Du sprichst es an, neben Chicago ist auch die Musik aus Detroit von großen Einfluss für dich gewesen, man muss da nur mal die alten Acid Jesus Aufnahmen von Wuttke und dir aus dem Regal holen als frühen Beweis. Was hat dich denn an den Produktionen aus Detroit besonders fasziniert?
Das erste Album von Acid Jesus ist ja eine Sample-Platte. Wir haben da unheimlich viele Samples von vornehmlich Chicago-Platten untergebracht. Nicht unbedingt originalgetreu rausgespielt, aber schon bestimmte Loops und Sounds. Sampling war damals ja nichts Verbotenes und Verrufenes. Das machte jeder, egal ob Techno- oder HipHop-Produzent. Es wurde noch ohne schlechtes Gewissen gesampelt, das ist heute ja nicht mehr möglich.

Du sprichst damit einen interessanten Punkt an, denn rückwirkend wurde Sampling ja originär vor allem HipHop zugeschrieben. Aber es spielte eben auch in House und Techno früh eine sehr wichtige Rolle.
Auf jeden Fall. Nimm ein Stück wie "Strings of Life" von Derrick May, da ist ja dieses berühmte Orchester-Sample drin, was von einer Klassik-Platte des Detroit Symphony Orchestra stammt. Die haben also im Studio auch einfach irgendwas genommen.

"Mein erstes Sample war für die Acid Jesus-Platte und kam von dieser Compilation"

Diese Unterscheidung zwischen Chicago und Detroit, die man heute kennt, hast du die damals denn schon für dich vorgenommen?
Ganz zu Anfang sicherlich nicht. Da gab es einfach nur diesen bizarren Sound aus Amerika. Die ersten Berichte in Zeitschriften wie

i-D führten einen dann nach Chicago. Für Detroit spielten zwei Compilations eine wichtige Rolle, die ganz klar die Stadt als Herkunftsort markiert und vermarktet haben und dafür sorgten, dass man Produzenten wie Derrick May und Carl Craig namentlich kannte: Techno! The New Dance Sound Of Detroit und Retro Techno. Compilations waren damals, als es das Internet und Playlists noch nicht gab, die Möglichkeit für wenig Geld an Stücke ranzukommen.

Kannst du rückblickend ausmachen, was den Ausschlag gegeben hat, es auch selbst mit dem Musik produzieren zu probieren? Gab es einen speziellen Auslöser sich selbst an den Rechner zu setzen?
Ich hatte damals noch gar keinen Computer. Zu Beginn habe ich mir einen Drumcomputer, einen Synthesizer und ein Vierspurkassengerät gekauft und erstmal einen Rhythmus produziert, dann die Basslines von Hand eingespielt und schließlich ein paar Streicher oder Chords darüber gelegt. Dann gab es von Casio so einen ultrabillig-Sampler mit einer Samplezeit von zwei Sekunden und Platz für vier Samples, die man mit einem kleinen Mikrofon eingespielt hat. Das war die Keimzelle für meine Art, zu produzieren.

Was war die erste Platte, die du gesampelt hast?
Das erste Sample war für die Acid Jesus-Platte und kam von der Compilation house hallucinates—pump up europe. Was das Sampling angeht, waren auch die ersten Mr. Fingers Maxis sehr wichtig, die dann auf dem Album Amnesia zusammengefasst wurden. Das Cover wurde mit einem Füller gemacht, mit dem man Kunstschrift machen kann, witzig. Für uns war das Sampling ein sehr spielerischer Umgang mit der heißesten Gegenwartskultur.

Dein neues Album trägt den Titel All The Right Noises. Das klingt zunächst einmal extrem selbstbewusst nach Ansage, von wegen: Hier ist alles am richtigen Platz! Ist es so gemeint?
Zunächst: Noise muss ja nicht gleich Musik sein, das kann sich auch auf Geräusche beziehen. Ich sage das, da die Platte für mich so ein Element besitzt, wo die Strukturen aufgebrochen werden, so dass es weniger melodisch ausgefallen ist als die beiden Vorgängeralben.

Ich hatte irgendwann während der Produktion diesen Satz im Kopf, einfach nur, weil ich manchmal Stücke mit imaginärer Gesangslinie produziere, die aber niemals irgendwo erscheinen. Das war also ein Textbaustein nur für mich. Ich fand es dann am Ende einen passenden Titel für das Album, da es schön das Gefühl zum Ausdruck bringt, dass man eine Platte als fertig empfindet und sie genau so veröffentlichen möchte.

"Noise muss ja nicht gleich Musik sein, das kann sich auch auf Geräusche beziehen"

Der Club wird ja auf dem Album nur noch gestreift. Für mich steckt in All The Right Noises ein bisschen Brian Eno drin, aber auch von experimentellen Soundtrackarbeiten, also solchen, die über, passend zu deiner Aussage eben, Geräusche funktionieren. War das der Arbeitsweg, den du vor Beginn der Aufnahmen für dich definiert hattest?
Nun, ich hatte schon vor mich noch weiter weg vom Club zu bewegen und noch abstrakter zu werden. Ich wollte die Grenzen verschieben, das Spektrum erweitern. Der Club spielt so eine große Rolle bei mir, die Wochenenden dominieren mein Leben, aber im Studio gelten andere Regeln. So sehr ich das Wochenende im Club liebe, würde ich doch wahnsinnig werden, wenn man mich zwingen würde unter der Woche auch noch Clubhits zu produzieren.

Du bist nun schon seit an die 25 Jahren stetig unterwegs mit deiner Musik. Andere hätten schon längst die weiße Flagge gehisst angesichts der Reisestrapazen. Gibt es eine spezielle Platte, mit der du dich immer wieder auf Reisen runterbringst und im wahrsten Sinne des Wortes erdest?
Solche Künstler habe ich auch auf jeden Fall. Da müsste ich jetzt wohl eher auf meinem Telefon suchen als im Regal, aber vielleicht finde ich ja eine Platte von etwas, was ich auf dem Telefon habe und höre.

Brian Eno verfolgt mich mit all seinen Platten, er ist so ein Reisebegleiter. Another Green World zum Beispiel, oder Before and After Science. Solche Platten funktionieren auf Reisen gut, da man viel Zeit zum Hören hat. Ich achte dann darauf, wie sie produziert sind, versuche zu ergründen, was sich die Künstler dabei gedacht haben.

Nun bist du ja selbst für viele mittlerweile ein Role Mode, trotzdem an dieser Stelle aber die Frage nach deinen Role Models und deren für deine Sozialisation wichtigsten Platten.
Zwei meiner allergrößten Helden sind kürzlich verstorben: Prince und David Bowie. Mit Bowie bin ich bereits in Kindertagen mit neun Jahren in Kontakt gekommen und zwar über seine Alben Young Americans und Lodger—seit diesem Moment verfolgt er mich bis heute. Zwei nicht einfach zu konsumierende Platten, schon gar nicht für Kinder. Aber ich war nur bis Mitte der 1980er Jahre Fan von David Bowie, dann ließ mein Enthusiasmus etwas nach; Prince übernahm seine Rolle für den Rest der 80er Jahre. Auch bei ihm gilt, dass es in den 90ern stark bergab ging, aber bis Lovesexy bin ich hellauf begeistert von allem, was er produziert hat und höre mir das auch heute noch auf Reisen viel an. Es gibt im Werk beider so viel zu entdecken, es ist die reichste Popmusik, die ich kenne. Wenn ich zwei Platten auswählen müsste, dann wäre es bei Prince Parade von 1986—den Song "Kiss" kennt jeder, aber das ganze Album ist von der Produktion ein Meisterwerk. Bei Bowie ist es Lodger aus dem Jahr 1979. Allein schon wie die beiden Platten aussehen: eine bizarre Märchenwelt, das wirkte wie ein anderer Planet.

"Zwei meiner größten Helden, die reichste Popmusik, die ich kenne"

Du hast auch über viele Jahre selbst die Musik anderer Künstler veröffentlicht auf deinen Labels Ongaku, Klang Elektronik und Playhouse. Ich weiß, jetzt kommt die absolute Unfrage, da eigentlich nicht zu beantworten, aber könntest du von jedem Label vielleicht eine Platte auswählen, die das repräsentiert, was ihr als Betreiber mit dem Label verbunden habt?
Bei Klang muss ich die Farben-Starbox hervorholen. Eine grandiose Veröffentlichung. Von Jan Jelinek gibt es außerdem noch diese Platte, für die er sich eine andere Identität gegeben hat (Ursula Bogner, Anm. der Redaktion). Das war eine super Geschichte, perfekt inszeniert mit Fotos, die angeblich auf dem Dachboden gefunden wurden und von einer Experimentalfilmerin aus den 60er Jahren stammten. Eigentlich hatte er es so geplant, dass es niemand mitbekommen sollte, aber irgendwann kam es doch raus.

Für Playhouse: eine Platte aus, die auf der Hand liegt, Alcachofa von Ricardo Villalobos. Die ist 2003 erschienen und war eine der wichtigsten Veröffentlichungen auf dem Label.

Bei Ongaku nehme ich die Katalognummer 10: „Make You Move / Our Music" von Roman vs. M/S/O sowie F.E.O.S. vs M/S/O. Das repräsentiert das Lebensgefühl der 90er Jahre. Sicherlich hat nicht jede Platte des Labels die Zeit überdauert, aber so ist das nunmal.

War das Ende der Labels, bedingt durch die Vielzahl an Vertriebspleiten jener Tage, denn der persönliche Tiefpunkt deines bisherigen künstlerischen Lebens?
Ja, das war sicherlich eine der unangenehmsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Wir sahen den drohenden Untergang kommen und konnten nicht dagegen tun. Das Problem war, dass wir in einem fort Löcher stopfen mussten, was wir zum Beispiel mit dem Geld machten, das Jörn und ich mit "Rocker" verdient haben. Wir hatten ja eine Riesennummer am Start, aber eine nicht unwesentliche Summe floss dann in die Rettung der Labels—die trotzdem nicht zu retten waren. Man lernt zu verzichten, wenn man das Geld nicht mehr wiederbekommt. Aber es war sehr schwer den Punkt zu erreichen, wo wir gesagt haben: "Wir ziehen uns raus."

"Eine grandiose Veröffentlichung"—noch dazu von Flügel selbst mitherausgebracht

Machen wir doch gleich weiter mit den unlösbaren Aufgaben. Welche eigene Platte von dir bedeutet dir denn am meisten und warum?
Natürlich die Neue.

Kannst du denn deine eigene Platte nach der Veröffentlichung hören?
Das geht bei der einen leichter als bei der anderen, je nachdem wie der Produktionsprozess verlaufen ist. Komischerweise kann ich die Neue gut hören.

Das könnte an der Stimmung des Albums liegen. Sie hat etwas Pulsierendes, aber eben nicht zu sehr—denn sonst würde sie, wie du schon angemerkt hast, nach dem Wochenende im Club nicht für dich funktionieren; sie hat etwas sehr Beruhigendes und ist zugleich sehr konzentrierr in dem Sinne, dass viel passiert, was einen reinholt.
Sie funktioniert als Ganzes, ist nicht zu lang und nicht zu kurz, hat einen schönen Bogen. Durch die Art der Produktion besitzt sie einen in sich stimmigen Klang. Du merkst, ich bin happy mit dem Album.

Nun spielst du ja auf dem größtmöglichen Spektrum an Floors, vom kleinen, verschwitzten Club bis zum Großclub auf Ibiza und den größeren Festivals. Wie verhält sich das denn bei der Auswahl der Platten – und gibt es bei all den unterschiedlichen Bedürfnissen auch bei dir so etwas wie "die Platte, die immer geht", wie das Michael Mayer so schön für seine "Immer"-Serie als Leitmotiv ausgedrückt hat.
Ja, die gibt es. Da muss ich wieder tief in die frühe UK-Ravehistorie reingehen, "Chime" von Orbital ist so ein Stück für mich. Das ist eine Nummer, die spiele ich schon mein Leben lang und es gibt immer wieder den Moment, wo ich sie auflege, weil sie etwas ganz Enthusiastisches, Deepes und total Verravtes hat—eine Kombination aus Emotion und Körper, die ja Rave ausmacht. Ich habe das beim Dimension Festival mal vor vielen Jahren auf einer Bootparty als letztes Stück gespielt—das Boot ist fast gekentert.

Was ist die schönste letzte Platte für eine Nacht?
"My Secret Europe" von Phantom/Ghost.

Roman, danke für diesen schönen Vormittag.

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