Clubkultur

Egal wie alt du bist: Rollerdisco kann dein Leben retten!

Zu Besuch im Mekka des Party-Revivals auf Rollen.
7.6.16

Alle Fotos von Lyndon French. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP US erschienen.

Der Name „Rollerdisco" klingt nach Abba und Spät-70er/Früh-80er Jahre-Teenieschnulze, aber das Veranstaltungskonzept auf Rollen ist nie wirklich weg gewesen: In Berlin gibt es etwa seit Jahren die Reihe „Roller Skate Disco" im SO36, in Hamburg gibt es zumindest Pläne für den Bau einer ganzen Anlage. Und auch in den USA erlebt die Rollerdisco in den letzten Jahren eine Art Revival. Das unangefochtene Highlight dieser Rückkehr ist sicherlich Moodymanns legendäre „Soul Skate Party" in Detroit.

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Seit 2007 findet die Veranstaltung in verschiedenen Hallen und Rollschuhbahnen der Stadt statt; 2010 gab das Event sogar mithilfe der Red Bull Music Academy ein einmaliges Gastspiel in London, bei dem Moodymann und die Briten Horsemeat Disco für die musikalische Untermalung sorgten. Während des diesjährigen Movement-Wochenendes gab es dann gleich vier Veranstaltungen: in Bert's Warehouse, in Bonaventure Skating Station, im Populux und dann die gigantische, alle zwei Jahre stattfindende Party im 8 Mile Road's Northland Roller Skating Center am Samstag, dem 27. Mai.

Wenn es ein Mekka der Rollerdisco-Partys gibt, dann ist das „Soul Skate".

Während Moodymann offensichtlich der geistige Vater und Pate des Konzepts ist, standen dieses Jahr DJ Big Bob aus New York, DJ Soulnificent aus Baltimore, DJ Dez (AKA Andrés) aus Detroit und DJ Nate aus Chicago neben anderen großartigen Skate-DJs hinter den Plattentellern. Die Musik bei der Veranstaltung im Northland reichte von Funk und Disco bis hin zu HipHop und geschmeidigen House-Tracks. Moodymann selbst chillte hinter den Kulissen ab, feuerte zwischendurch die Crowd von der DJ-Kanzel an und machte Selfies mit ein paar glücklichen Fans. Gegen 2 Uhr morgens nahm er dann das Mikro in die Hand, um den Leuten für ihr Kommen und ihre Unterstützung zu danken. Dann stellte er die New Yorker HipHop-Legende Rakim vor, der ein Überraschungsset spielte. Ach ja, einen Heiratsantrag gab an diesem Abend auch noch auf der Bahn.

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Da ich nicht gerade lange inmitten der rasenden Skate-Profis durchhielt, entschied ich mich dazu, mich stattdessen mit ein paar Stammgästen zu unterhalten. Warum begeistern sie sich so sehr für das Rollschuhfahren und warum hat diese Freizeitbeschäftigung in Detroit einen so hohen Stellenwert?

Witt, Toie, Chris (von rechts)

THUMP: Warum ist die Skate-Kultur eurer Meinung nach so wichtig für Detroit?
Toie: Wegen des Spirits!

Chris: Es geht um Ausdruck und die Diversität der Menschen, die hier zum Skaten herkommen. Schwarz, weiß, orange, gelb, blau, groß, klein, fett, dünn … [Rollschuhfahren] bringt alle möglichen Menschen für eine gemeinsame Sache zusammen und ich finde das für diese Stadt unglaublich wichtig.

Witt: Es ist auch eine Art Kunstform. Ich kenne einen Typen, der selber Rollschuhe baut, und alle zwei Jahre kommt er [zu Soul Skate], um seine neue Kollektion zu präsentieren. Die Szene ist richtig groß.

Ronda (Links)

Ronda: Rollschuhfahren ist so eine Sache, die sich durch unser ganzes Leben zieht—egal, ob bei Geburtstagspartys oder solchen Läden wie dem Northland. Obwohl ich erst ein- oder zweimal bei „Soul Skate" war, ist Skaten etwas, das die Meisten von uns machen, seit sie klein sind—etwas, das einfach immer da war. Aber ich gehöre jetzt auch nicht zu den Menschen, die jede Woche fahren gehen; bei mir ist das eher so ein oder zweimal pro Jahr. Es gibt hier Leute, die ständig gehen und diese Dance-Moves draufhaben. Ich wäre gerne selbst mal so eine, aber das wird wahrscheinlich nie passieren [lacht].

Super DJ Super Hero

Super DJ Super Hero: Skaten ist eine Lebenseinstellung. Es hat mich geprägt. Ich fahre seit 32 Jahren und es hat mich vor einer Menge Probleme bewahrt. Es ist ungefährlich, es ist nicht zu teuer und es macht einfach Spaß. Skaten ist eine unglaublich entspannte Sache für Menschen, die das Leben genießen, und es hat so viele Vorteile. Es ist unglaublich wichtig für Detroit und es schweißt unsere Gemeinschaft zusammen wie nichts anderes. Es gibt hier auch andere Dinge, durch die Menschen unterschiedlicher Generationen zusammenkommen, aber viele davon verschwinden. Das Rollschuhfahren schlägt eine Brücke zwischen den Alten und den Jungen. Hier kannst du einen 48-Jährigen mit einem 12-Jährigen fahren sehen, und da ist überhaupt nichts Schlimmes dran, weil sie sich gegenseitig etwas beibringen und die Kultur am Leben halten.

Tracy (links) und Ms. Netta alias „The Whistleblower"

Tracy: Ich komme aus New Jersey und sie ist aus Philadelphia, aber ich betreibe zwei Bahnen zu Hause, [Skaten] ist also mein Beruf—und ein Hobby, das ich in eine Karriere verwandeln konnte. Es ist etwas sehr Persönliches für mich und etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Wenn ich hier nach Detroit komme, kann ich einfach nur Kundin sein und meinen Spaß zu haben. Was das Rollschuhfahren selbst angeht, verbinde ich damit vor allem die Musik, den Style, die Bewegungen und einfach eine gute Zeit.

Ms. Netta: Skating ist gut für die Seele. Es ist so lebendig. Du isst, schläfst und atmest es einfach. Leute fragen mich immer wieder, warum ich hunderte von Dollar ausgebe, um zu einer 10 Dollar Rollerdisco zu gehen. Man versteht das einfach nicht, wenn man nicht Teil davon ist. Ich habe immer meinen Rollschuh-Schlüssel dabei von damals, als wir noch draußen auf der Straße gefahren sind. Mit der Zeit steigt man dann auf und geht auf die Rollschuhbahnen. Es macht richtig Spaß. Es ist tief in der Seele verankert.

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Tracy: Wir haben allerdings auch eine Menge Geld ausgegeben: Flugtickets, Hotel und alles Mögliche, nur um hierherzukommen und für eine Party eintritt zu bezahlen, die wirklich nicht teuer ist. Um so etwas zu machen, muss man es wirklich lieben. Es ist auch so eine Sache, die man einfach nur zum Spaß macht. Es gibt keinen Wettbewerb, keine Pokale oder irgendwas in der Richtung. Es ist einfach ein riesengroßes Familientreffen.

Nersele

Nersele: Rollschuhfahren macht großen Spaß und man lernt andere Leute kennen, aber für mich ist es letztendlich wegen der Bewegung wichtig. Ich bin 61 und fahre seit etwa 30 Jahren. Ich mache es jetzt vor allem, um in Form zu bleiben.

Judy (vorne), Deborah, Michelle und Kimberly (von links)

Judy: Ich bin 69. Rollschuhfahren ist gut für meine Gesundheit. Das ist besser als ein Besuch im Spa oder Fitnesscenter und dieses ganze verrückte Zeug. Ich komme einfach her, bin dann in meiner Zone und alles ist gut. Ich bin wie das Kind im Schlaraffenland.

Deborah: Ich finde, dass Detroit den Menschen eine Menge guter Dinge bietet. Hier hast du die Gelegenheit lauter unterschiedliche Menschen kennenzulernen und es einfach nur zu genießen. Alle haben hier eine gute Zeit und darum geht es am Ende auch.

Michelle: Es ist eine Familie! Ein großes Familientreffen.

Darrien (Mitte) and Joe (rechts)

Darrien: [Ohne Rollschuhfahren] wäre ich vielleicht gerade draußen auf der Straße und würde Leute abziehen. Aber ich bin hier und fahre Rollschuh. Es hält einen beschäftigt und hält dich von der Straße fern, wo du irgendeinen Unsinn anstellst. Es bewahrt dich vor Problemen.

Joe: Es ist auch super, um Stress abzubauen. Es gibt eine Millionen anderer Dinge, die du stattdessen machen könntest, die wesentlich weniger konstruktiv sind.

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Darrien: Es ist auch ein positives Beispiel für die Jüngeren. Die sehen uns hier.

Joe: Und wenn du gut wirst, willst du nichts Anderes mehr machen, als es jemandem beizubringen—das hält es einfach am Leben.

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