Photo of Bonobo by Neil Krug

Bonobo behandelt auf seinem neuen Album ’Migration’ das bittersüße Leben im Ausland

Der britische Produzent spricht mit uns über das häufige Umziehen und wie die Reflexion darüber sein sechstes Studioalbum inspiriert hat.

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16 Januar 2017, 10:00am

Photo of Bonobo by Neil Krug

Migration, das sechste Studioalbum des britischen Produzenten Simon Green, aka Bonobo, ist wenig geradlinig. Die 12 Tracks umfassende LP, die am 13. Januar über Ninja Tune erschienen ist, ist eine zerrissene Platte, die so große stilistische Sprünge macht, dass es dich aus dem Gleichgewicht bringt—von erdrückenden melancholischen Streichern bis zur rasenden Euphorie von Breakbeat-Drumloops.

Migration selbst ist allerdings auch nicht geradlinig. Wenn du ins Ausland ziehst, sind ein neues Umfeld und das Abenteuer unwiderstehlich; die angenehme Vertrautheit der Heimat zurückzulassen kann jedoch bittersüß sein. Green, mittlerweile 40 Jahre alt, ist in den letzten paar Jahren viel umgezogen. Sein Heimatland Großbritannien verließ er 2010, um nach New York zu ziehen, 2015 zog er dann nach L.A., wo er im Moment wohnt. Migration bot während des Entstehungsprozesses eine Möglichkeit, die seltsame Anspannung dieses Zeitabschnitts einzufangen; es ist eine wechselvolle Erforschung des Nervenkitzels und der Einsamkeit eines Lebens als Weltbürger.

"Ich fühle mich hier [in L.A.] sehr heimisch, weiß aber auch irgendwie nicht, was das für die Zukunft bedeutet", sagte Green bei in einem Telefongespräch mit THUMP. "Je mehr Zeit du an einem Ort verbringst, desto mehr wird er zu einem Teil von dir."

Der Nachfolger von The North Borders entstand während einer Zeit der Trauer um ein Familienmitglied und ist von einer tiefen Wehmut durchzogen. Durch die Tatsache, dass Green nicht mehr in der Nähe seiner Familie wohnt, wurde sie noch schmerzlicher. Und das merkt man auch den Tracks an: "Grains" ist üppig strukturiert und nachdenklich. "Kerals", die erste Single des Albums, die auf einem Vocal-Sample von Brandys 1994er-Hit "Baby" basiert, ist hingegen deutlich optimistischer und bezieht sich auf die elektrisierende Anziehung, etwas Neues anzufangen. Tracks wie "Ontario" erinnern eher an die Electro-Pastorale von Greens 2000er-Debüt Animal Magic und beziehen sich auf die Idee, dass wir selbst beim nomadischen Reisen unseren Wurzeln treu bleiben.

Wir haben mit Green über Migration, transatlantische Flüge und darüber, wie Umherreisen deine Weltsicht beeinflussen kann, gesprochen.

THUMP: Das Album heißt Migration. Erzähl mir, was Migration für dich bedeutet.
Simon Green: Hättest du ein Album vor fünf Jahren Migration gennant, dann hätte es eine andere Konnotation gehabt. Aber ich denke, es ist nur so politisch wie nötig. Zunächst einmal ist es eher eine Ästhetik als eine Studie. Es ist instrumentelle Musik, also ist es nicht so erzählerisch, wie wenn ich ein Singer/Songwriter wäre.

In den letzten fünf oder sechs Jahren, seit ich London verlassen habe, gab es dieses Thema, von einem Punkt zu einem anderen zu reisen sowie den Effekt, den dies auf Leute hat. Meine Familie und Freunde sind auf der ganzen Welt verstreut, aber wir finden immer diese Ankerpunkte, zu denen wir wieder zurückkehren—ob es New York, L.A. oder London ist. Diese Orte, die irgendwie vernetzt sind. Es geht darum, wie Leute von einer Kultur an einen anderen Ort reisen und an diesem Ort Spuren der Kultur hinterlassen können.

Wie hat das Umziehen deine Perspektive auf die Welt und deinen eigenen Sinn für Identität geformt?
Ich bin mir bewusster, wie meine Kultur—oder die Kultur, von er ich direkt umgeben bin—an Orten wahrgenommen wird und wie andere Kulturen an anderen Orten wahrgenommen werden. Diese Realität, was das für gewisse Leute bedeutet. Da ich die letzten 10 Jahre unterwegs war, konnte ich all diese verschiedenen Perspektiven auf die Welt sehen. Ich habe den Vorteil dieser Balance und das war wirklich wichtig.

Wird L.A. dein dauerhaftes Zuhause?
Ich fühle mich hier wirklich heimisch, weiß aber auch irgendwie nicht, was das für die Zukunft bedeutet. Ich habe keine Familie mehr in Großbritannien—das Einzige, was mich dort hält, sind Freunde und dass es das ist, wo ich herkomme. Aber hier—warum bin ich hier? Ansonsten fühlt es sich wie der richtige Ort an.

Es ist gerade auch eine seltsame Zeit für Amerika. Kannst du wirklich freiwillig in einem Land leben, das sich in so eine merkwürdige Richtung bewegt? Aber wer weiß—wenn es an einen Punkt kommt, an dem Amerika ein regressives Land wird oder Unterdrückung unterstützt, kannst du dann wirklich dort bleiben und sagen, dass du glücklich bist, dort zu leben?

Wie hat das Umziehen deinen kreativen Prozess geformt?
Ich habe vorher immer im Studio gearbeitet, bis zu dieser Platte, wo ich zu Ableton gewechselt bin und in der Lage war, eine Platte auf dem Laptop mit einer Sample-Bibliothek aufzunehmen. Ich denke allerdings, dass ein freier Kopf sehr wichtig für das Musikmachen ist. Für mich ändern sich meine Referenzen immer und ich muss mich mehr an meinen mentalen Referenzrahmen anpassen als an die Umwelt, in der ich mich befinde. Das kann zum Beispiel die Abflughalle eines Flughafens um sieben Uhr morgens mit Kater sein.

Einen der Tracks, "Break Apart", habe ich auf einem Flug von Miami nach L.A. produziert. Ich war in einer düsteren Stimmung, als ich dort war. Als ich mir den Track erneut anhörte, war ich jedoch an einem anderen Ort. Ich war zurück zu Hause, an einem angenehmeren Ort, und ich konnte diese Stimmung nicht wieder finden, in der ich war. Viele Leute sagen, dass du am besten kreativ arbeiten kannst, wenn du dich wohl fühlst, aber ich bin mir nicht sicher, ob das so ist. Unglaublich müde an einem anderen Teil der Welt zu sein, an dem du nicht wirklich sein willst, kann deine Ideen auf eine gewisse Weise mehr anregen, als wenn du dich wohl fühlst. Und diese Platte ist definitiv in diesen Arten von Situationen entstanden, wo ich mich irgendwie aufgewühlt fühlte.

Bei manchen Tracks geht die Platte in eine ziemlich düstere Richtung. Generell geht die Platte an verschiedenen Stellen in eine düstere Richtung.
Sie ist definitiv in verschiedene Elemente aufgeteilt. Es gibt eine eher nachdenkliche Seite, die zu Hause entstanden ist. Auf Tour zu sein ist eine sehr polarisierende Sache—du bist auf Tour und siehst die ganze Zeit Leute in einer extrem sozialen Situation und dann bist du zu Hause im Studio mit langen Phasen der Isolation.

Ich hab den Song "Kerala" gemacht, während ich 2014 auf Tour war, als ich Musik mit dem Hintergedanken gemacht habe, am selben Abend zu spielen. Also habe ich Tracks gemacht, die auf dem Dancefloor funktionieren würden. Als ich jedoch nach L.A. zurück kam, die Tour vorüber war und ich mich wieder einlebte, überkam mich in einer Welle der Merkwürdigkeit der ganze Kram, der sich in den letzten paar Jahren angestaut hatte. Das war eine nachdenkliche Zeit, aus der heraus die melancholischeren und filmischen Klanglandschaften entstanden. Es ist wirklich eine gespaltene Platte. Sie ist einerseits sehr aufgeladen vom Dasein auf Tour und hat andererseits den Raum, das Zeug zu verarbeiten, das in dieser Phase passiert ist.

Du hast einen der Tracks, "Break Apart", während eines Flugs geschrieben—findest du Fliegen intensiv?
Ja! Du bekommst irgendwann feuchte Augen bei Pixar-Filmen. Ich denke, das hat etwas mit dem Druck zu tun oder so; es gibt einen biologischen Grund. Was mir erst vor Kurzem klar wurde, weil ich es immer für eine sehr nachdenkliche Zeit hielt. Du bist auf einem Flug, du warst irgendwo und hast diese Sache gemacht und bist auf dem Weg irgendwo zur nächsten Sache und es ist eine nette kleine Punktuation, einen Moment der Reflektion zu haben, und du wirst emotional. Aber nein, es ist tatsächlich eine biologische Sache.

Migration ist am 13. Januar bei Ninja Tune erschienen.

Bonobo kommt im Februar für vier Termine nach Deutschland:

15.02. Hamburg—Docks
16.02. Berlin—Columbiahalle
17.02. Köln—Live Music Hall
18.02. Frankfurt—Batschkapp

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