Jamie Principle

Die Geschichte von „Your Love“ von Jamie Principle und Frankie Knuckles

Die Chicago-Legende Jamie Principle über die Zusammenarbeit mit Frankie Knuckles und ein Leben voller Befreiung auf dem Dancefloor.
21.12.16

Dieser Artikel ist ursprünglich bei THUMP US erschienen.

Jamie Principles Stimme—schrill, leicht nuschelnd, sinnlich—ist eine der prägnantesten in der Geschichte der elektronischen Musik. Als Sänger und Texter einiger von Frankie Knuckles besten Songs der 1980er, half er dabei, ein Werk zu erschaffen, das für viele den Klang von Chicago House verkörpert. Seine erste Kollaboration mit dem sogenannten „Godfather of House", „Your Love" aus dem Jahr 1984, ist so etwas wie ihr „Signature-Track": Ein Stakkato-Beat von Knuckles, der pulsiert und ansteigt, während Principle dazu ein- und ausatmet, bis es ein wenig so klingt, als würde er gerade auf einen Orgasmus zusteuern. Es gibt in den Annalen der elektronischen Musik wahrscheinlich keinen Song, der auch nur ansatzweise so sexy ist. Darüber hinaus ist er seit Knuckles' Karriereanfängen vor über dreißig Jahren auch einer der beständigsten House-Tracks überhaupt.

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Der in Chicago geboren Principle und der aus New York stammende Knuckles waren in Chicago Teil einer Szene, die vor allem in den schwulen, schwarzen Clubs der Stadt stattfand. Zuerst gab es das Warehouse—in dem Knuckles von 1977 bis 1982 Resident war und von dem auch der Begriff „House" abstammt—und anschließend das Power Plant, das Knuckles selbst gehörte. Die beiden erschufen in den 1980ern eine Reihe von Hits—darunter „Waiting on My Angel", „Baby Wants to Ride" und „Bad Boy"—die genau wie „Your Love" den ganzen Zauber der Tanzfläche in sich zu vereinen schienen: mögliche Liebeleien, Flucht, ein Hauch Gefahr, viel Hemmungslosigkeit, ethnische und sexuelle Vielfalt und sogar politische Befreiung.

Principle war vor allem an Letzterem interessiert und spielte in Songs wie „Baby Wants to Ride" und „Bad Boy" auf die Reagan-Regierung und Schwulenrechte an. „Ronnie wants to ride me, because he think he's king / But it's hard to ride baby when you living in a fascist dream", singt er in „Baby Wants to Ride" in Anspielung auf die extrem konservative Regierung des 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Diese Songs sind durch die Art, mit der sie dich aus der Heterowelt reißen und in den freien und unanständigen Club werfen, Schlachtrufe und boten für einige Menschen den Soundtrack zur Selbstfindung auf der Tanzfläche. Sie bestätigen in Klang und Geist die Essenz des Nachtlebens und machen das Tanzen zu einem politischen Akt. Durch ein Missverständnis Ende der 1980er darüber, wie die Songs kommerziell registriert werden sollten—einige der Vinylveröffentlichungen, inklusive „Your Love" wurden nur Knuckles und nicht Principle zugeschrieben—fand ihre Kooperation ein Ende. Principle ging daraufhin seinen eigenen Weg und tat sich mit Steve „Silk" Hurley zusammen, um 1992 sein erstes Solo-Album, The Midnite Hour, aufzunehmen. In den 90ern und 2000ern folgten noch vereinzelt ein paar Singles.

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Principle hielt sich während seiner Karriere immer ziemlich bedeckt und hat nur wenige Interviews gegeben. Im Juni erschien jedoch eine neue EP zusammen mit Felix Da Housecat. Mit seinem vibrierendem Beat und den sexy Lyrics ist sie eine Art Hommage an Knuckles, der vor zwei Jahren aufgrund von Komplikationen mit Diabetes gestorben ist. Wir haben Principle angerufen, um mit ihm über die Entstehungsgeschichte von „Your Love" zu sprechen sowie darüber, warum Clubs ein Raum der Freiheit sind—und für immer bleiben werden.

THUMP: Erzähl mir, wie „Your Love" entstanden ist. Stimmt es, dass der Text ursprünglich ein Gedicht war?
Jamie Principle: Ja. Ich hatte gerade erst eine schlimme Beziehung hinter mir und hatte den Entschluss gefasst, es erst Mal mit den Beziehungen sein zu lassen und mich stattdessen auf meine Musik zu konzentrieren. Dann lernte ich Lisa kennen—das Mädchen, um das es in dem Song geht. Damals hatte ich auch einen geregelten Job, weswegen ich in meiner gesamten Freizeit Sachen schrieb. Als ich ihr sagte, dass ich Musiker bin, dachte sie, dass ich Trompete spiele oder so was [lacht]. Es fing als Gedicht an, aber dann machte ich einen Song daraus, den ich nur für sie geschrieben hatte.

Wie kam es dazu, dass Frankie ihn produziert hat?
Ich kannte ihn anfangs gar nicht persönlich. Ich hatte Angst vor Frankie, weil ich gehört hatte, dass er die Songs, wenn er sie nicht mag, vor deinen Augen auseinandernimmt. Also habe ich mich geweigert. Ein enger Freund von mir, José Gomez, der mit Frankie zusammenarbeitete, nahm den Song einfach mit zu ihm, ohne dass ich etwas davon wusste. Danach erzählte er mir, dass er Frankie das Tape gegeben hatte und dass er mich kontaktieren würde, sobald er es gehört hatte.

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Wie war Frankie im Studio?
Sehr entspannt. Als wir die erste Sache gemacht haben, war er nicht selbstsicher, aber ich war mir sicher mit Frankie. Als er anfing, Dinge zusammenzusetzen, hätte ich nie gedacht, dass daraus ein langer House-Track werden würde. Ich hatte aus meiner Sicht gerade einen Song geschrieben. Die Originalversion von „Your Love" ist drei Minuten lang. Er hörte sich den Song an und fügte den ganzen Kram hinzu. Ich fühle mich, als hätte der Erschaffer alles zusammengefügt und diesen Song funktionieren lassen. Er spielte ihn im Club und die Reaktionen der Leute bestätigten mich in gewisser Weise. Auch wenn ich schon immer gefühlt habe, dass ich Musik machen sollte, war das hier, als hätte Gott mir persönlich gesagt: „Das ist deine Bestimmung."

Was macht den Track aus, dass er zu einem der beständigsten Songs in der Geschichte der Dance-Musik geworden ist?
Ich weiß es nicht. Vielleicht spüren die Leute meine echte Aufrichtigkeit und das, was ich sage. Ich sehe es als ein Liebeslied. Ich wusste nicht, dass es zu dem werden würde, was es ist. Ich kann es mir anhören und darüber nachdenken, warum ich es geschrieben habe, und ich kann mich daran erinnern, wo ich war, als ich es geschrieben habe. Wenn ich es irgendwo höre, bin ich einfach verblüfft, wie die Leute noch immer darauf reagieren. Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was ich verstehen soll. Ich weiß einfach, dass es etwas war, das ich schreiben sollte.

Mittlerweile habe ich gemischte Gefühle über den Song, denn jetzt wo Frankie nicht mehr da ist, erinnert der Track mich daran, wie wir zusammen im Studio waren. Du kennst den Ausdruck dass in bestimmten Momenten dein Leben vor deinen Augen vorbeizieht? Wenn ich "Your Love" höre, denke ich einfach immer an all das, was Frankie und ich durchgemacht haben. Das ist der bittere Beigeschmack.

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Erzähl mir von Chicago in den 1980ern. Wie wichtig fühlte es sich an, Nachtclubs wie das Warehouse und Power Plant zu haben sowie eine große Gemeinschaft aus gleichgesinnten Musikfans?
Während der Reagan-Ära war der Dancefloor ein Ort der Zuflucht. Du konntest die ganze Nacht ausgehen und musstest dir keine Sorgen darüber machen, was hier passiert. Als Frankie seinen Power Plant Club hatte, war es wie in die Kirche zu gehen. Du konntest dir selbst erlauben, frei zu sein, ohne dir Sorgen wegen all den verrückten Sachen zu machen, die auf den Straßen und in der Welt vor sich gingen. Die Musik hat dich für ein paar Stunden mitgenommen. Du kamst aus dem Power Plant und die Sonne schien. Es war eine wirklich spirituelle Sache.

Wie sind deine Reaktionen als lebenslanger Clubgänger auf das, was in Orlando passiert ist?
Die merkwürdige Sache daran ist, dass es so verrückt ist, dass es dir irgendwie das Gefühl gibt, als wärst du nirgends sicher. Das hätte überall passieren können, das hätte hier in Chicago sein können. Es ist eine Schande, dass du mittlerweile nirgendwo mehr hingehen kannst, ohne dir Sorgen zu machen, ob du wiederkommst. Die Partyszene, in der ich groß geworden bin—da hättest du so etwas nie befürchten müssen. Wenn du in einen Club gegangen bist, um zu tanzen, dann warst du von all den verrückten Dingen da draußen und in der Welt weit weg. Jetzt scheint es so, als würde diese Verrücktheit zu uns kommen.
Aber du darfst nicht ängstlich sein. Du darfst dich durch Dinge wie diese nicht davon abhalten lassen, der zu sein, der du sein willst, zu lieben, wen du lieben willst, und hinzugehen, wo du hingehen willst. Wenn du das machst, dann haben die Leute, die versuchen, das zu erreichen, gewonnen.

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Ich habe Frankie ein paar Jahre bevor er gestorben ist interviewt und er sagte zu mir, dass er, auch wenn er nicht besonders politisch ist, wusste, dass du viel mit deiner Musik zu sagen hattest. Besonders „Baby Wants to Ride" hat einen Text, der auf die Reagan-Regierung abzielt. Warum war es wichtig für dich, Politik auf die Tanzfläche zu bringen?
Bei „Baby Wants to Ride" geht es für mich um Spiritualität, Sexualität und politische Sichtweisen auf bestimmte Dinge wie die Einberufung und warum ich das Gefühl hatte, dass die Regierung nicht die Rechte von allen akzeptiert. Wenn du arm warst und zu einer Minderheit gehörtest, dann fühlte es sich an, als wäre jeder gegen dich. Ich hatte das Gefühl, dass ich das zu dieser Zeit zum Ausdruck bringen musste. Es war einfach meine eigene Frustration. Es war schwer für mich, das Individuum zu sein, das ich sein wollte.

In welcher Hinsicht?
Aufgrund der Tatsache, dass ich in einem sehr strengen, katholischen Haushalt aufwuchs. Elektronische Tanzmusik wurde als säkulare Musik angesehen; ich konnte sie zu Hause nur spielen, wenn ich alleine war. Was das angeht, wie ich mich anziehen wollte und welche Art von Freiheit ich wollte, so wollte ich nicht als irgendwas gelabelt werden, ich wollte einfach ich selbst sein. Das war mein Hauptfokus für alles. Die andere Seite an „Baby Wants to Ride" war, dass ich mit diesem ganzen Sex-vor-der-Ehe-Ding auseinandergesetzt habe; ich habe viele persönliche Probleme, dich ich hatte, in diesem einen Song vereint.

Fühlst du dich wohl, wenn du über diese persönlichen Sachen sprichst? Was hast du in deinem Leben herausfinden müssen?
Na ja, in Bezug auf Ethnizität gab es Probleme, die damit einhergingen, ein schwarzer Mann mit dunkler Haut zu sein, mit denen ich fertig werden musste. Es gab bestimmte Probleme, mit denen ich zu Hause fertig werden musste. „Baby Wants to Ride" behandelt auch die Beziehung, in der ich war. Diese Songs—„Your Love", „Waiting on My Angel" und „Baby Wants to Ride"—wurden alle zur selben Zeit geschrieben. Ich habe einfach versucht, Sexualität zu akzeptieren, denn wenn du in einer Kirche groß wirst, dann wird dir beigebracht enthaltsam zu sein. Als ich diese junge Frau traf, von der die Songs handeln, hat sich meine Sichtweise auf alles geändert. Ich habe versucht, herauszufinden, wie ich beides ausbalancieren und mich glücklich machen kann, ohne mich gegen das zu richten, was mir beigebracht wurde zu glauben. Die anderen Dinge—was das angeht, wie ich mich als schwarzer Mann in den 80ern gefühlt habe—drehten sich alle einfach darum, meine Mitte zu finden und zu akzeptieren, wie ich mich sexuell fühle. Es war eine Art Dilemma-Platte für mich.

Ich muss sagen—und ich hoffe, das klingt nicht unsensibel—ich bin überrascht, dass jemand, der diese Songs geschrieben und performt hat, hetero ist.
Weißt du, was lustig ist? Frankie ist immer umhergegangen und hat den Leuten gesagt: „Jamie ist nicht schwul, Jamie ist nicht schwul" und sie haben gesagt: „Doch Frankie, das ist er". Er hat dann gesagt: „Nein, ich kenne Jamie, er ist nicht schwul!" [Lacht]. Es ging mir nie um Labels. Das einzige Label, das ich will, ist, dass ich ich selbst sein kann. Ich will, dass meine Musik einfach gehört wird und ich will, dass sich alle damit identifizieren können.

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Die Leute haben einfach versucht, meine Sexualität herauszufinden, und ich bin die Art von Person, die das privat hält—akzeptiert mich einfach als mich. Als Frankie anfing, meine Musik zu produzieren, wusste ich nichts über die ganze Schwulenkultur. Manchmal sagen Leute: „Du warst naiv." Und nein, das bin ich nicht, ich bin einfach ein geselliger Mensch, der gerne mit guten Leuten zusammen ist. Ich wollte gehört werden und ich wollte akzeptiert werden. Es war schwer, von heterosexuellen Leuten akzeptiert zu werden.

Ich habe auch meine schwulen Freunde umarmt und geküsst und ihre Hand gehalten. Ich schätze, ich habe nie einen Unterschied gemacht. Liebe ist für mich Liebe—ich war schon immer eine liebevolle Person, egal ob männlich oder weiblich. Für mich war es schön, in einer Kultur zu sein, die es mir erlaubt hat, das zu machen und keine Angst davor zu haben, wer ich bin, und es hat mich irgendwie aufgebaut und mir ein Selbstwertgefühl gegeben.

Im Song „Bad Boy" gibt es die Textzeile „You might call me a queer/ You might call me a freak", die es für mich immer zu einer queeren Protesthymne gemacht hat.
Richtig, die Leute haben mich angesehen und gesagt: „Hey, bist du schwul?" Ich habe niemandem geantwortet; ich war, was auch immer ich sein wollte. Ich habe angefangen, mich den Labels zu entziehen, die mich als Person identifizieren sollten. Es scheint, als wäre meine Intention dafür, es zu schreiben, Frustration gewesen und der Wunsch, das Leuten ins Gesicht zu sagen. Die Leute haben dann damit identifiziert, was auch immer sie damit identifizieren wollten.

Du hast einen neuen Song, „Touch Your Body", mit Felix Da Housecat, der so etwas wie eine Hommage an Frankie und Chicago House ist. Warum?
Ich habe versucht, vor ungefährt 15 Jahren mit Felix zusammenzuarbeiten. Als Frankie starb, war Felix zufällig in Chicago und ich habe mich bei ihm gemeldet und gesagt: „Hey, wir müssen etwas machen." Also hat er sich gemeldet und ich bin zum Studio und er hatte den Track. Es war so ähnlich wie mit„Your Love" entstand. Es war eine Art Hommage, aber wir wollten einfach das Gefühl rüberbringen, wie House früher war. Wir haben es einfach so gemacht wie früher und es einfach aufgenommen. Es hat sich gut angefühlt.

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