Vegetarisches Essen

Pizza und Bier sind besser für dich als Quinoa

Anna Jones kocht vegetarisch, aber ohne dabei zu missionieren. Für sie sind Atmosphäre, Geschmack und die Liebe zum Essen viel wichtiger als Clean Eating.

von Daisy Meager
12 Juli 2016, 3:00pm

„Als ich vor sieben oder acht Jahren meinen ganzen Koch-Freunden erzählt habe, dass ich Vegetarierin bin, haben sie nur peinlich berührt gelächelt. Sie haben mich angestarrt, als sei ich von einem anderen Stern."

Ich sitze zusammen mit Köchin und Autorin Anna Jones in einem trendigen Café in East London, sie trinkt einen entkoffeinierten Latte und schwärmt in höchsten Tönen von den Vorteilen eines fleischfreien Lebens. Ich muss an das Bacon-Sandwich denken, das ich gut eine halbe Stunde vorher förmlich verschlungen habe. Anna Jones sprüht förmlich vor Gesundheit, ich schwitze eher, weil ich an diesem schwülen Tag viel zu viele Schichten angezogen habe und rennen musste, um es pünktlich zu unserem Treffen zu schaffen.

„Damals war das St. John [Fergus Hendersons Nose-to-tail-Restaurant] absolut angesagt, alles drehte sich nur um Schweinsfüße und Schweinskopfterrine", erzählt Jones. „Mir war es fast schon peinlich, wenn ich den Leuten erzählte, dass ich kein Fleisch esse."

Alle Fotos aus A Modern Way To Cook von Anna Jones mit freundlicher Genehmigung von Matt Russell

Doch dieses Gefühl gehört mittlerweile der Vergangenheit an.

„Alle wollen mir unbedingt erzählen, was sie Vegetarisches gekocht haben", meint sie. „Es ist wie ein Orden."

Nachdem sie ihren Bürojob gekündigt hatte, schloss Anna 2004 ihre Kochausbildung in Jamie Olivers Restaurant Fifteen ab. Seitdem hat sie in diversen Küchen Londons gekocht und gemeinsam mit Jamie Oliver an Bücher, TV-Shows und Kampagnen gearbeitet, um dann 2014 ihr erstes eigenes Buch, A Modern Way to Eat, zu veröffentlichen.

ARTIKEL: Die „vegetarierunfreundlichste" Küche der Welt denkt um

„Bei uns zu Hause gab es immer deftiges britisches Essen: Fleisch und dazu zwei Sorten Gemüse", erinnert sich Jones. „Erst als ich bei Jamie als Köchin gearbeitet habe, probierte ich, mal sechs Wochen lang auf Fleisch zu verzichten."

Doch warum? Gab es bei Jamie Oliver so viel Fleisch?

Anna lacht: „Ich war in puncto Essen irgendwie abgestumpft. Ich habe die ganze Zeit gekocht und neue Rezepte probiert, das war mein Traumjob, aber irgendwie war das zu viel Essen für mich. Ich brauchte einfach einen Cut."

Was ursprünglich nur als Experiment gedacht war, wurde zum Beginn ihrer Karriere als die moderne vegetarische Köchin.

„Ich habe mich richtig anders gefühlt, leichter, energiegeladener, vor allem aber hat mir das Kochen viel mehr Spaß gemacht", erinnert sie sich. „Früher hat sich in meinen Gerichten alles um Fleisch und Fisch gedreht. Ohne das konnte ich viel kreativer kochen, ich konnte mich mehr auf den Geschmack und die Stimmung des Gerichts konzentrieren."

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Jones kocht aus Liebe und Gefallen am Essen und genau deshalb sind ihre vegetarischen Gerichte so zugänglich. Sie fordert ihre Leser nicht dazu auf, auf ihre „innere grüne Stimme" zu hören und in keinem Moment fällt das gefürchtete Wort „Wellness".

„Ich bin einfach nicht missionarisch", meint Jones nüchtern. „Meiner Meinung kann man, wenn man Gemüse in den Fokus rückt, auf geniale Art und Weise sicherstellen, dass man gesund und nährstoffreich isst—ohne dass man durchdreht, wenn nicht genug Maca-Pulver für den Smoothie da ist."

Ich musste erst mal googeln, was Maca-Pulver eigentlich ist.

Zugegebenermaßen: Ihre Mutter, die ihr schon von kleinauf beigebracht hat, wie wichtig gesundes Essen ist, hat ihren Kochstil beeinflusst. Auch ihre beiden Geschwister essen kein Fleisch mehr.

„Bei uns gab es keine Schokolade oder Cola. Meine Mutter hat immer diese komischen Hippie-Marmeladen aus dem Reformhaus gekauft", erinnert sie sich. „Heute bin ich froh, dass sie sich so viel Zeit genommen hat, uns das beizubringen."

Man darf aber nicht denken, dass Jones eine Heilige ist.

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„Weil wir als Kinder nicht viel Zucker gegessen haben, sind meine Schwester und ich mit 13 richtig auf extrem süße Schokolade und McDonald's abgefahren", meint sie lachend. „Ich erinnere mich, wie wir Mars-Riegel in der Mikrowelle geschmolzen haben und sie dann gelöffelt haben. Die kleinen natürlich, nicht die großen Riegel."

OK, jetzt weiß ich, was ich mir heute Abend mache.

Ihrer Meinung nach haben Clean-Eating Food-Blogger schon die Art verändert, wie wir heute essen, allerdings ist sie dagegen, bestimmte Lebensmittel als verboten abzustempeln.

REZEPT: Der blutrote Veggie-Burger

„Ich glaube, es geht nicht nur um die Nährstoffe im Essen", meint sie. „Ganz ehrlich: Meiner Meinung ist an einem Abend, wenn einem das Leben einmal wieder total scheiße vorkommt, eine Schüssel Quinoa, die man schnell runterschlingt, weniger nahrhaft als eine Pizza und ein paar Bier, die man sich entspannt mit ein paar Freunden gönnt. Die Atmosphäre ist wichtig, und mit wie viel Liebe das Essen gemacht und gegessen wird."

Und genau das will Jones mit ihren Kochbüchern zeigen: Großartiges Essen, das zufälligerweise noch fleischfrei ist, soll man mit anderen teilen. Auch wenn der Untertitel des ersten Buches nochmal betont, dass alle Rezepte vegetarisch sind, fokussiert sie sich bei ihrem zweiten Buch auf schnelle und leckere Rezepte für jeden Tag.

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Jones meint, dass sie sich von den, wie sie sie nennt, „Assoziationen mit Hippie-Cafés und den Hanf-Hosen" distanzieren wollte, die das Wort „vegetarisch" oft hervorruft: „Für mich war mein Essen irgendwie dynamisch, interessant und modern, genau das, was meine Freunde essen wollten. Für mich geht es nicht um Schubladendenken. Modernes Kochen und Essen heißt für mich einfach nur, dass wir uns weiterentwickelt haben."

Und sie bringt es auf den Punkt: „Um die Leute dazu zu bewegen, etwas besser zu essen, braucht man einfach nur großartiges Essen und tolle Aromen."

Für mich wird es wohl immer schwer sein, den Versuchungen eines guten, blutigen Steaks zu widerstehen, aber da Jones es schafft, dass Veggie-Kreationen aufregender werden, wird vegetarisch wohl auch für mich eine Option.

Na ja, bis ich irgendwann einen heftigen Kater habe und dringend ein Bacon-Sandwich brauche.