the hammers

Fühlen sich West-Ham-Fans durch den Umzug ins Olympiastadion betrogen?

Nach über 100 Jahren im Upton Park ist nächstes Jahr Schluss. Der Umzug soll für den ambitionierten Arbeiterverein ein neues Zeitalter einläuten. Aber West Ham und Olympiastadion, kann das überhaupt gutgehen?

von Kit Caless
20 November 2015, 2:15pm

Photos by Kit Caless

Ein Fußballstadion ist soviel mehr als nur ein von Tribünen gesäumter Rasen.

Es ist eine Stätte, die von den Geistern vergangener Spiele heimgesucht wird. Von umjubelten Last-Minute-Treffern, von tragischen Gegentoren, von unmöglichen Schiedsrichterentscheidungen, von dem Gebrüll junger wie alter Fans, von längst vergessenen Trainern, Tränen, Träumen. Fußballstadien sind ein Ort der Vergangenheit, die nur dann mit der Gegenwart verbunden werden, wenn sich die Drehkreuze am Eingang in Bewegung setzen und Fangesänge aus hoffnungsvollen Kehlen strömen. Ein Ort, an dem sich jede noch so kleine Aktion ins kollektive Gedächtnis einbrennen kann.

Der Boleyn Ground (besser bekannt als Upton Park) ist da keine Ausnahme. Seit 1904 werden hier die Heimspiele von West Ham United ausgetragen und unzählige Erinnerungen sind mit seinem harten Betonboden verbunden. Aber damit ist schon nächste Saison Schluss. Dann heißt es nämlich Umzug ins fünf Kilometer entfernte, protzige Olympic Stadium in Stratford. Weil die Uhr also bedrohlich laut tickt, habe ich mich an einem grauen, nieseligen Samstagnachmittag in den Black Lion Pub, einer bekannten Anlaufadresse für Hammers-Fans, aufgemacht. Noch vor dem Spiel gegen Everton wollte ich von den Anhängern wissen, was sie von dem Umzug halten.

Eingebettet zwischen der Green Street und der Barking Road, ist der Boleyn Ground stark mit seiner Umgebung verankert. Die Pubs und Wettlokale im Umkreis von fast zwei Kilometern sind an Spieltagen bis auf den letzten Platz gefüllt. Wenn man hier die Straße aufreißen würde, käme wohl eine weinrot-blaue (die Vereinsfarben von West Ham) Fontäne empor.

Das neue Olympic Stadium steht im Gegensatz dazu neben einem fetten Einkaufszentrum und ist von Buschland, einem Kanal und Wohngebäuden umgeben, die so aussehen, als müssten sie eigentlich in San Francisco stehen.

Gary (links), Dean (rechts) und ein weiterer „Hammer".

Dean erzählt mir, dass er schon seit einer halben Ewigkeit im Black Lion sein Bier trinken würde. „Wir werden wohl weiter hier vortrinken. Wir haben schon Witze darüber gemacht, dass wir heute noch auf einem Schrottplatz unser Bier zischen und im nächsten Jahr dann ein schönes Glas Chardonnay in einer fancy Champagnerbar zu uns nehmen werden. Fakt ist aber: Unser Verein wird jetzt ein bisschen vornehmer, ob uns das nun gefällt oder nicht."

Dean war anfangs gegen den Umzug. „Ich komme hierher, seit ich sieben Jahre alt bin, also schon seit 45 Jahren. Ich wollte nicht umziehen. Aber es war ja nicht meine Entscheidung. Und man muss wohl mit der Zeit gehen. In meinem Leben bin ich schon viel umgezogen, aber dieser Ort, Upton Park, war die eine große Konstante meines Lebens, der Ort, an den ich immer wieder zurückgekehrt bin."

Jetzt meldet sich auch sein Kumpel Gary zu Wort: „Die Gegend um das Stadion ist ein echtes Drecksloch. Die Verkehrsanbindung ist schlecht, die Parkplatzanbindung miserabel. Doch sobald man im Stadion ist, ist alles vergessen. Die Atmosphäre ist einfach fantastisch, aber der Rest ist leider Scheiße."

„Und trotzdem werden wir es vermissen", lacht Dean.

Ich werfe ein, dass Arsenal-Fans eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Gary widerspricht mir. „Du kannst nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die sind eine Kapitalgesellschaft, wohingegen wir noch ein Fußballverein sind. Klar wird man auch bei uns den Einfluss dieser Unternehmenssache spüren, aber niemals in dem Ausmaß wie im Emirates Stadium. Der Umzug wird unseren Verein im Kern nicht verändern."

Lee, Nicky und Aiden.

Lee, seit über 20 Jahren Fan von West Ham, erzählt mir, das der Lord Stanley Pub am Ende der Straße Shuttlebusse zum neuen Stadion einrichten wird. Sein Freund Nicky findet den Umzug „schwierig wegen der langen Geschichte des Upton Park". Er betont aber, dass ein ein größeres Stadion nötig sei, wenn man den nächsten Schritt gehen will. Ein weiterer Gast mischt sich ein: „Man muss abwarten, was das Ganze für den Verein bedeuten wird. Aber Junge, wenn hier das letzte Spiel angepfiffen wird, werden wir wohl alle einen Kloß im Hals haben. Ich komme seit über 45 Jahren hierher, es wird also sehr emotional werden."

Ich werfe ein, dass sich im Upton Park vieles verändert hat, seitdem 1989 die letzten Stehplätze abgeschafft wurden.

„Ja, das stimmt schon," Aiden said, „aber zumindest geht man noch immer ins selbe Stadion. Jedes Mal, wenn du im Stadion Platz nimmst, kannst du dir sagen: Hier habe ich schon Trevor Brooking und Bobby Moore spielen sehen. Wenn man sich überlegt, dass hier in einem Jahr irgendein Wohnblock stehen soll, wird einem schlecht. Aber eine Sache werde ich ganz sicher nicht vermissen: die Bewirtung. Die Bewirtung im Upton Park ist der letzte Scheiß."

John, Adrian, ein Freund und noch ein Dean.

Ein weiterer Dean meint: „Ich mache mir wegen des neuen Stadions keine Sorgen. Wir West-Ham-Fans sind aus einem anderen Holz geschnitzt als das Arsenal-Pack. Wir sorgen für mehr Stimmung und Lärm. Der Punkt ist doch, wir müssen und wollen uns weiterentwickeln. Will man um die oberen Plätze mitspielen, braucht es auch ein besseres Stadion. Fortschritt wäre im Upton Park nicht denkbar."

Als wir kurz vor Anpfiff Richtung Boleyn Ground schlendern—durch die Fußgängerzone, an alten Flachbauten vorbei—spüre ich das, was man anderswo vergebens sucht: ein Gefühl von Gemeinschaft. Es gibt hier keine schicken Apartments, aufwendig angelegten Wege oder romantischen Blumenbeete. Sondern einfach nur einen Premier-League-Klub, der an einem Ort zu Hause ist, wo stinknormale Leute ihrem stinknormalen Leben nachgehen.

Fans auf dem Weg zum Stadion

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Am Ende ging die Partie zwischen West Ham und Everton nach zwei wunderschönen Toren 1:1 unentschieden aus. Nach dem Spiel habe ich mich dann noch mit Joe England für eine Buchpräsentation im Waterloo getroffen. Joe ist seit Kindheitstagen Anhänger von West Ham und zudem Herausgeber eines neuen Fanzines, 5MANAGERS. Der Name des Heftchens geht auf die wundersame Tatsache zurück, dass der Verein zwischen 1904 und 1989 nur fünf verschiedene Trainer hatte (zum Vergleich: dieselbe Anzahl an Trainern wurde in den letzten neun Jahren verschlissen. Das Fanzine soll aber nur diese Saison rauskommen, mit dem Ziel, „das Ende einer Ära zu feiern."

„5MANAGERS", sagt Joe, „erzählt die Geschichte des Stadions, wie ich es als Kind und in den 70ern und 80ern erlebt habe. Seit 1993 hat es im Boleyn Ground eine Menge Umbauarbeiten gegeben. Es ist also eh nicht mehr das alte Stadion meiner Kindheit. Wenn wir 1989 in das Olympic Stadium umgezogen wären, wäre uns die Umgewöhnung viel schwerer gefallen."

An Spieltagen trinkt Joe am liebsten im Victoria in der Plaistow Road. Er erzählt mir, dass die beiden Besitzer Trudy and Woody in der Nähe des neuen Stadions schon ein Grundstück gekauft haben. So können Fans auch am neuen Standort in Stratford ein Stück Upton Park fortleben lassen, wenn sie in die vertrauten Gesichter von Trudy und Woody schauen.

Joe England mit einer Ausgabe von 5MANAGERS

Und genau darum geht es am Ende auch: Vertrautheit. Räumliche Veränderungen sind dann am besten zu verkraften, wenn man es schafft, einen roten Faden der Kontinuität bis zu seinem neuen Ziel auszulegen. Die Journalistin Amy Lawrence hat mir vor Kurzem erzählt, dass die Leistung von Ajax Amsterdam nach dem Umzug vom De Meer Stadion in die Amsterdam ArenA anfangs merklich nachgelassen hat. Und als Arsenal vom Highbury ins Emirates gezogen ist, waren der viele nackte Beton und das Fehlen von „Persönlichkeit" Grund genug für den Verein, Millionen von Pfund in die Ausgestaltung des neuen Stadions zu stecken. Diese sogenannte Arsenalisation wurde nötig, um den Fans die Eingewöhnung leichter zu machen."

Es wird nicht ausreichen, die Pubs in Stratford mit Hammers-Trikots zu drapieren, um so für die Stimmung und Atmosphäre wie im Vic oder Lord Stanley zu sorgen. Trotzdem wird am Anfang genau das nötig sein, damit sich die Fans in ihrem neuen Kneipen-Habitat wohlfühlen und einleben.

Joe sagt: „Es liegt an uns Fans, für die richtige Atmosphäre zu sorgen. Boca Juniors und Borussia Dortmund sind gute Beispiele dafür, dass es keine Rolle spielen muss, in welchem Stadion man spielt, solange die Fans ihre Begeisterung mitzunehmen bereit sind. Wir West-Ham-Fans haben uns immer darüber beschwert, dass es dem Verein an Ehrgeiz fehlt, dass seit 85/86 kaum investiert wurde. Der Umzug stellt jetzt eine große Chance für uns dar."

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Die schönsten Fan-Erinnerungen an den Upton Park:

Adrian: „Als wir anno 1968 gegen Sunderland mit 8:0 gewonnen haben und Hurst sechs Tore geschossen hat."

Dean: „Der Fallrückzieher von Paolo Di Canio. Ein echtes Traumtor."

Gary: „Das Spiel gegen Eintracht Frankfurt 1976. Der Regen, der Lärm, die Atmosphäre."

Aiden: „Die Nacht, an der ich nach dem letzten Heimspiel der Saison 85/86 auf das Feld bin. Ray Stuart hatte einen Elfer zum 2:1-Endstand verwandelt. Unglaubliche Emotionen."

Nick: „Der Sieg neulich gegen Chelsea. Der wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben!"

Tom: „Der Elfer von unserem Keeper Adrian im letzten Jahr. An einem saukalten Januarabend im FA Cup."

Joe England: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Ich denke aber, das Rückspiel in den Playoffs 2004 gegen Ipswich. Der Lärm auf den Tribünen—wie das Summen von 40.000 Bienen gleichzeitig—war einfach unfassbar. Das hat man überall im Stadion gehört. Es war nicht das beste Spiel, auch wenn wir am Ende mit 2:0 gewonnen haben. Aber diese Geräuschkulisse!"