Die Berliner Kirchenliga, die schon Robert Hoyzer von seinen Wettsünden reinwusch
Foto: Imago/Olaf Wagner

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Die Berliner Kirchenliga, die schon Robert Hoyzer von seinen Wettsünden reinwusch

Wer denkt, dass in der Kirchenliga 22 Pfarrer über den Platz schleichen, der irrt. Hier zocken mehrere Konfessionen bei ordentlichem Niveau gegeneinander. Fußballerisch kann man hier die Absolution erfahren—wie Robert Hoyzer vor zehn Jahren.
2.8.16

Samstagvormittag in Berlin-Wilmersdorf, der Regen prasselt auf den Kunstrasenplatz am Schoelerpark. Es ist der 16. Spieltag der Berliner Kirchen-Oberliga. Alâturka Charlottenburg, abgeschlagener Letzter, spielt gegen die JG Lichtenrade Nord, den amtierenden Meister. David gegen Goliath, wenn man so will. Wer denkt, dass das hier Monty Pythons „Fußballspiel der Philosophen" mit 22 hüftsteifen Pfarrern ist, hat weit gefehlt. Das Kirchenligaspiel Alâturka gegen Lichtenrade hat solides Freizeitliganiveau und bleibt bis zur letzten Sekunde spannend.

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In der 65. Minute wechselt sich Osman Gökce beim Stande von 2:2 selbst aus. Er ist Spielertrainer und Kapitän der Mannschaft Alâturka Charlottenburg, die er vor vier Jahren mitbegründet hat. Träger des Teams ist der gleichnamige türkische Kulturverein. Osman zieht schnell ein schwarzes Sweatshirt über sein Trikot mit der Nummer 54. Er ist ein kleiner, drahtiger Mann mit Glatze. „Haydi Jungs! Wach werden!", ruft er seinen Spielern zu, wetzt an der Außenlinie wie Antonio Conte bei der EM auf und ab, immer auf Ballhöhe, immer auf 180. Der 27-Jährige fuchtelt mit den Armen, feuert an, gibt Anweisungen. Osmans Jungs sind nur noch 25 Minuten von einem sensationellen Punktgewinn beim Favoriten entfernt. Goliath wackelt bedenklich.

Osman Gökce, Spielertrainer von Alâturka Charlottenburg. Foto: Arne Siegmund

Die Kirchenliga feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Sie ist die älteste Freizeitliga in der Hauptstadt und wurde von der Evangelischen Jugendarbeit Berlin ins Leben gerufen. Zuvor gab es zwischen den Gemeinden nur lose organisierte Spiele auf Wiesen und Sportplätzen. Seit 1966 spielt man in der Kirchenliga mit Gottes Segen übers große Feld.

Auch andere Konfessionen und Kulturvereine dürfen mitspielen. Das ist aber erst seit den 80ern so, weil es lange Zeit Bedenken gab, dass durch andersgläubige Mannschaften der Bezug zur evangelischen Kirche verloren gehen könnte. Doch die Kirchenliga hat sich geöffnet: In der Ersten Leistungsklasse, der zweiten Liga, spielte in der abgelaufenen Saison beispielsweise die Teiba Moschee Spandau um den Aufstieg in die Oberliga mit.

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„Don Bosco", die Mannschaft eines katholischen Trägers, ist übrigens Rekordmeister der evangelischen Kirchenliga. Und als sei das nicht genug, gönnen sich die Katholiken noch eine Extraliga, in der sie unter sich bleiben: „Die spielen in der Erzbistumsliga—aufs kleine Feld", erklärt Jens Schmidt und schmunzelt dabei. Der Teammanager von Lichtenrade Nord ist 47 und ein alter Hase. Als 18-Jähriger trat er der Mannschaft als Spieler bei.

Die JG Lichtenrade Nord besteht seit 1984 und führt die ewige Tabelle der Kirchenliga an. Zudem konnte Lichtenrade dreimal die „Deutsche Eichenkreuz-Meisterschaft" gewinnen, die vom CVJM ausgetragen wird. Einige Jahre spielten auch die heutigen FIFA-Schiedsrichter Felix Zwayer und Manuel Gräfe für das Team. Ebenfalls dabei war Robert Hoyzer. Zu dritt pfiffen sie 2002 sogar das Pokalfinale der Kirchenliga.

Hoyzer war 2005 an Spielmanipulationen beteiligt. Der DFB sperrte ihn daraufhin lebenslänglich. Die Leitung der Kirchenliga begnadigte ihn bereits im Januar 2006—christliche Barmherzigkeit lässt grüßen. Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Hoyzer liefen zu diesem Zeitpunkt noch. Der Berliner Fußballverband (BFV), dem die Kirchenliga nicht angehört, kritisierte diese Entscheidung. Die Kirchenliga ließ sich von dieser Kritik aber nicht beirren. Und so kickte Robert Hoyzer wieder für Lichtenrade Nord. Spiele leiten durfte er aber auch in der Kirchenliga nicht mehr.

Jetzt wird die Messe gelesen. Foto: Arne Siegmund

Diese Saison läuft es nicht so gut für „LiRa" Nord, das Team steht nur auf Platz fünf. Jens Schmidt hat seine Stirn in Falten gelegt, der Regen prallt von seiner roten Regenjacke ab. Er ist das emotionale Gegenstück zu Osman Gökce: Seine Gefühlsausbrüche beschränken sich auf anerkennende Klatscher. Ansonsten stecken seine Hände tief in seiner schwarzen Trainingshose. „Uns sind nach der vergangenen Saison drei, vier wichtige Stützen des Teams weggebrochen. Heute haben wir wieder gerade mal so elf Leute beisammen. Das ist der Grund, warum wir rumdümpeln, wo wir rumdümpeln", sagt er. „Aber das ist halt Freizeitliga. Wir trainieren nicht, treffen uns nur samstags zu den Spielen." Betonung auf samstags. „Wir wollen ja keine Konkurrenz zum sonntäglichen Gottesdienst sein", feixt Schmidt.

Dass die Spieler seiner Mannschaft dann auch wirklich in die Kirche gehen, bezweifelt er: „Wohl eher nicht." Auch für Osmans Truppe, von denen die meisten Muslime seien, stehe der Fußball im Vordergrund: „Ob meine Jungs in die Moschee gehen? Das überlasse ich ihnen. Wir kicken nur zusammen."

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Vor dem Anpfiff hat übrigens noch die Sonne geschienen. Petrus scheint an diesem Tag mal gute Laune zu haben. Beide Teams wärmen sich auf und machen Alibi-Dehnübungen. Der Schiedsrichter raucht noch schnell eine und drückt die Kippe mit seiner Multinockensohle auf dem Boden aus. Die Spieler von Alâturka machen einen Kreis und schreien ein vierfaches „Alâ!" – „Turka!". Eine Anrufungsgeste an die Fußballgötter?

„Alâturka" ist ein Wortspiel. „Alâ" bedeutet „schön und gut". Ohne den Accent heißt „ala" „vielfältig". Und weil „Alâturka" auch wie „à la Turka" klingt, kann man es auch als „auf die türkische Art" deuten. Alâturka Charlottenburg ist seit seiner Gründung jedes Jahr aufgestiegen. Dieses Jahr, in der Oberliga-Saison, stoße das Team an seine Leistungsgrenze, wie Osman Gökce zugibt.

Pünktlich um Viertel nach zehn pfeift der Schiri an. Der Ball flitzt über den Kunstrasen. Eine Handvoll Zuschauer sind gekommen. Das Spiel ist erstaunlich flüssig, die Mannschaften schieben die Pille gepflegt hin und her. Erste Ecke für „LiRa" und schon steht es 1:0 für den Favoriten. „Sehr geile Ecke!", ruft der Lichtenrader Torwart. Osman Gökce versucht seine Mitspieler aufzubauen. Doch die kommen nicht richtig ins Spiel. Der erste Torschuss von Alâturka kommt aus 30 Metern und stellt den gegnerischen Keeper vor keine Probleme.

Die JG Lichtenrade Nord spielt cleverer als Alâturka. Das Team von Jens Schmidt ist mit allen Amateurligawassern gewaschen: „Sortieren! Nur stellen! Zuordnung! Fuß vor!", predigen sie. Viele der „LiRa"-Kicker haben Vereinserfahrung, allen voran Frank Schütz, der als verkappter Libero das Spiel von hinten heraus aufbaut. Der 48-Jährige hat früher „höher gespielt", in der Landesliga. Mittlerweile spielt er, abgesehen von seinem Kirchenliga-Engagement, mit den Ex-Profis Marco Gebhardt und Ronny Nikol in der Ü-40 des Landesligisten Blau-Weiß 90. Schütz weiß, wie Fußball funktioniert, „wann man sich fallen lässt, wann man drauf geht", wird er nach dem Spiel erklären.

Halbzeitkippchen muss sein. Foto: Arne Siegmund

Nach einer weiteren Standardsituation fällt das 2:0 für Lichtenrade Nord. Droht Alâturka jetzt auseinanderzufallen. Die Aufstellung von Osman ist nicht eindeutig zu erkennen. Seine Spieler wollen zu viel zaubern, rennen wie aufgescheucht über den Platz. Aber „ein System ist schwer trainierbar", sagt er, denn auch Alâturka trifft sich nur an Spieltagen zum gemeinsamen Kick. Dann—wie aus dem Nichts—fällt der Anschlusstreffer nach einem langen Ball in die Spitze. Und so geht es mit 2:1 in die Halbzeitpause. Die Spieler schlurfen in die Umkleiden.

„Männer! Das waren zwei Standardtore!", hört man Osman in der Kabine schreien. Den Rest kann man draußen nicht verstehen. Der Schiri gönnt sich eine Halbzeitzigarette. Auch ein Alâturka-Spieler lässt sich nicht lumpen und dopt sich nochmal mit Nikotin, bevor es weitergeht.

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Es hat angefangen zu regnen. Alâturka spielt jetzt besser, hat Chancen. Dann leitet Osman einen Konter seiner Mannschaft selbst ein, der zum 2:2-Ausgleich führt. Der Torwart fischt den Ball aus dem Netz und meckert versöhnlich: „Körperspannung! Ey, nicht die Köpfe hängen lassen, Männer!" Die Lichtenrader Feldspieler sind perplex. „Das war der zweite gescheite Angriff von Alâturka. Das ist ärgerlich", kommentiert Jens Schmidt den Gegentreffer an der Seitenlinie nüchtern. Er scheint den Glauben an seine Mannschaft verloren zu haben.

An der Seitenlinie steht mittlerweile auch Osman in seinem schwarzen Sweater und feuert sein Team an. Mit Erfolg: Zehn Minuten vor Schluss schießt Alâturka das 3:2. Die Partie ist gedreht. Osman jubelt. In den verbleibenden Minuten sieht er seine Spieler aufopferungsvoll die drei Punkte verteidigen. Lichtenrade versucht es mit der Brechstange. Alâturkas Zehner muss nach einem Zweikampf verletzt raus. Er betäubt den Schmerz—natürlich mit einer Zigarette. Dann der Abpfiff. Alâturka im Freudentaumel, Lichtenrade fassungslos.

Frank, „LiRas" Libero, ist sauer: „Der Anschlusstreffer vom Gegner war ein klares Abseitstor!" Und Jens Schmidt meint, dass das schon das dritte Mal gewesen sei, dass seine Mannschaft eine sichere Führung aus den Händen gegeben habe. Doch schnell weicht die Wut aus ihren Gesichtern. Die Meisterschaft ist für Lichtenrade Nord ohnehin schon seit Langem kein Thema mehr.

Osman freut sich über den zweiten Saisonsieg: „In der zweiten Halbzeit haben wir gezeigt, dass wir Fußball spielen können. Es ist ein knappes Ergebnis, aber wir sind glücklich", sagt er und klingt dabei wie ein Bundesligacoach. Die 14 übrigen Spiele haben Osman und seine Jungs verloren. Einmal konnten sie aus Mangel an Spielern nicht einmal antreten und bekamen ob dieser Todsünde einen Punkt abgezogen. Doch absteigen werden sie trotzdem nicht.

„Wie ich erfahren habe, wird es gar keinen Abstieg geben", meint Osman. Die Kirchenliga steht in ihrem Jubiläumsjahr vor einem Umbruch: Immer weniger Teams melden sich an. Ab der kommenden Saison sollen die Oberliga und die Erste Leistungsklasse zusammengelegt werden, um den Kirchenligabetrieb zu sichern. Die letzten 90 Minuten am Schoelerpark sprechen auf jeden Fall für einen Weiterbetrieb der Kirchenliga.

Und ganz egal, ob die Spieler der Mannschaften nun an Gott, Allah, sonst wen oder niemanden glauben, ihre Ersatzreligion ist und bleibt der Fußball: Das irdische Ritual, an dem deutlich wird, dass die Menschen in einer säkularisierten Gesellschaft nach religiösen Erlebnissen lechzen. Für 90 Minuten kann man dem gewohnten weltlichen Zeitrahmen entfliehen. Osman hat sich in der 65. Minute ausgewechselt, nicht um 11:35 Uhr.

Die Sonne kommt wieder hervor. Auf dem Wilmersdorfer Kunstrasen läuft bereits das nächste Fußballspiel: Es spielt die Berliner Stadtreinigung gegen Volksbank/Senat. Betriebssportliga, 16. Spieltag. Aber das ist eine andere Geschichte.