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Wir haben Amateurfußballer gefragt, für wie viel Geld sie nach China wechseln würden

Weil so viele Fußballprofis den Millionen-Angeboten aus China folgen, beschweren sich Fans über deren Gier. Doch würden wir es nicht genauso machen?
12.1.17
Foto: privat

In China fällt derzeit nicht nur ein Sack Reis um. Für überteuerte Mondpreise wurden massig mehr oder weniger starke Spieler wie Oscar, Axel Witsel oder Carlos Tévez ins Fußball-Niemandsland gelockt. Die übertriebenen Gehälter scheinen so ziemlich der einzige Grund für einen Wechsel in die wenig interessante Liga zu sein. „Jeder würde sich das Angebot anhören, wenn einem das Dreifache des Gehalts angeboten wird", erklärte unlängst BVB-Kapitän Marcel Schmelzer bei Sky Sport News. Aber ist das wirklich so?

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Die meisten Fans verstehen die Wechsel von den europäischen Topadressen direkt nach China kaum und kritisieren die Spieler für ihre Gier. Andere wiederum kommen mit dem Schmelzer-Gegenargument, dass es jeder Normalo genauso machen würde. Das wollten wir wissen und haben von der Landesliga bis zur Kreisklasse einige Amateur-Kicker gefragt, ob sie auch ins Reich der Mitte für einige Tausender mehr im Geldbeutel wechseln würden.

Raoul (28), TuSEM Essen, Kreisliga Essen:

VICE Sports: Für wie viel Geld würdest du nach China wechseln?
Raoul: Ich habe innerhalb meiner Mannschaft in Essen schon groß angekündigt: Bei einem Angebot aus der chinesischen Kreisliga mit einem 4000-Euro-Monatsgehalt bin ich sofort weg. Das krieg ich hier nie und in China lebt man damit ganz gut.

Der Kulturschock wäre dir egal?
Man macht sich natürlich schon darüber Gedanken, aber der finanzielle Reiz lässt einen darüber hinwegsehen. Ich würde jetzt sagen, dass mir das egal wäre, aber wahrscheinlich bin ich in einem Jahr zurück, weil dann doch alles zu viel wird. Mike Hanke lässt grüßen.

Wie hat dein Team deine 4000-Euro-Ansage aufgenommen?
Die Kritik ist immer sofort groß, sobald das China-Thema aufkommt. Und jeder fragt sich sofort, wie man seine Karriere so wegschmeißen kann. Obwohl die Truppe noch relativ jung ist, haben wir noch viele Romantiker bei uns im Team.

Gibst du den Romantikern Recht?
Für mich wäre das ein interessantes Abenteuer. Ich bin jetzt auch schon 28, also habe ich sowieso nicht mehr so viele Jahre. Einzige Bedingung ist natürlich, dass ich in China auch nur zwei—höchstens drei—Mal die Woche trainiere. Und nach dem Spiel will ich nach wie vor ein Bier trinken—oder vier.

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Würdest du in China höher spielen?
Definitiv, aber zu viel Anstrengung will ich ja wie gesagt auch nicht haben. Da ich mich natürlich für den besten Kreisligaspieler Deutschlands halte, würde mir die chinesische Kreisliga keine Probleme bereiten und ich wäre eher unterfordert. Ich glaube, das ist ziemlich einfach, wenn man in Deutschland in der Jugend einiges mitgenommen hat. Auch, weil der chinesische Fußball noch in den Kinderschuhen steckt. Beim Training kann ich den Jungs also noch einiges beibringen—aber vielleicht vertue ich mich da.

Raoul (Foto: privat)

Dennis (23), SpVgg Eichenkofen, Kreisklasse Donau/Isar

VICE Sports: Würdest du dem Lockruf des Geldes aus China folgen?
Dennis: Auf keinen Fall. Ich glaube, China ist ein sehr interessantes und spannendes Land, aber ich würde nicht für zigtausende Euros dorthin wechseln, nur um in einem Stadion mit Klatschpappenfans zu spielen und unter einer Smog-Glocke zu leben. Ich glaube nicht, das ich mir das antun will.

Die Profis, die jetzt nach China gewechselt sind, kannst du also nicht verstehen?
Gerade die kann ich nicht verstehen. Als Profifußballer verdienst du dich sowieso schon dumm und dämlich. In England, Spanien, aber auch in Deutschland geht es denen gut genug—um mal Sandro Wagner zu widersprechen. Allein wegen des Geldes sollte man nicht Fußball spielen. Und den Profis, die da hin wechseln, werfe ich vor, dass sie es ausnahmslos für Geld machen und nicht wegen der großen Leidenschaft oder sonst irgendetwas anderem.

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Als Profi hast du nur zehn oder 15 Jahre, um Geld fürs Alter zu verdienen…
Bei den Altstars kann ich das noch ein bisschen mehr verstehen, da sie sich jetzt noch eine nette Rente verdienen wollen—obwohl ich eher die USA, Australien oder so empfehlen würde, weil du da wenigstens ein geiles Land hast. Aber ein Axel Witsel oder Oscar? Das kann ich nicht verstehen.

Was sind die Argumente der SpVgg Eichenkofen gegenüber den Geldscheinen der Chinesen?
Für mein Team spricht, dass es um einiges trinkfester als die Chinesen ist. Ich denke auch, dass der Zusammenhalt in der Mannschaft einfach größer ist. Ich mag meine Jungs. Alleine deswegen könnte mich kein China-Klub aus Eichenkofen wegbekommen. Ich kann mir das auch nicht vorstellen, von einen Tag auf den anderen in einem komplett fremden Land mit ganz neuen Menschen auf dem Platz zu stehen. Vielleicht fehlt mir da auch die Erfahrung der Profispieler oder ich bin da zu sehr Dorfkind. Ich schrei lieber im Stadion die Profis an, dass ich es besser machen würde als sie.

Dennis (Foto: privat)

Basti (27), SC Velbert, Landesliga Niederrhein:

VICE Sports: Was verdient man in der Landesliga?
Basti: Im mittleren dreistelligen Bereich. Es gibt aber auch Spieler, die an die 1000-Euro-Grenze kommen.

Was muss dir ein chinesischer Klub bieten, damit du dort hinwechselst?
Wenn man sein Leben damit gut finanzieren kann und darüber hinaus die Zukunft planen kann, dann wäre ich da nicht abgeneigt. Ich habe mich nicht mit dem Ligensystem dort beschäftigt, aber dritte Liga kann ich da bestimmt noch spielen.

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Wie hast du reagiert, als sich Witsel, Oscar und Co. genau so entschieden haben?
Ein bisschen geschockt, weil man hier schon gut Geld verdienen kann mit Fußball. Zusätzlich kann man auf höchstem Niveau spielen und es gibt eine Fußballkultur—anders als in China.

Ist es ein Problem, dass sich die wenigsten Fans und Hobbykicker—die Witsel und Co. kritisieren—in deren Lage versetzen?
Es ist normal, dass die Fans so kritisch reagieren. Wenn ein BVB-Spieler für einige Millionen mehr nach China wechselt, dann kann ich das als Fan auch nicht verstehen. Wenn man sich dann in die Lage der Spieler versetzt, dann hat man natürlich ein wenig mehr Verständnis dafür. Das hat man ja auch irgendwie bei einem Wechsel von Dortmund zu Bayern.

Wenn dir ein englischer oder italienischer Klub weitaus weniger als einer aus China bieten würde, würdest du eher dorthin wechseln?
Ja. Und wenn Athletic Bilbao anruft, pack ich sofort meine Koffer—egal, was die bieten.

Denis (25), Spielverein Breinig, Landesliga Mittelrhein:

VICE Sports: Gibt es ein Szenario, in dem du nach China wechselst?
Denis: Grundsätzlich bin ich ein leistungsorientierter und ehrgeiziger Spieler und will so hoch spielen, wie es möglich ist. Mir ist die Identifikation sowie das Leitbild meines Vereins wichtig und auch die Ziele eines Klubs spielen für mich eine wichtige Rolle. Wenn das Umfeld stimmt und ich mich sportlich verbessern würde, dann würde ich vielleicht nach China wechseln.

Geld spielt also keine Rolle?
Nein, beziehungsweise eine untergeordnete. Was ich aber viel interessanter finden würde, wäre die Tatsache, wenn ich dort mit ein paar Altstars oder Profis zusammen spielen könnte. Zum Beispiel mit Didier Drogba oder Bastian Schweinsteiger würde ich sofort zusammen spielen wollen—oder unter Trainern wie Marcello Lippi oder Ottmar Hitzfeld. Dann bräuchte ich wirklich nur genug Geld, um über die Runden zu kommen.

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Findest du es verwerflich, dass so viele Profis momentan den Weg nach China wagen?
Grundsätzlich finde ich es nicht verwerflich, allerdings sollten die Spieler ehrlich sein und auch zugeben, dass sie aus finanziellen Gründen wechseln. Was ich aber auch sagen muss: Ich finde es verdammt beschissen, dass diese Spieler keine Ziele haben. Wie kann man als Oscar oder Witsel in einem Alter, wo das Fußballerleben gerade erst losgeht, seine Karriere so wegwerfen?

Axel Witsel will die „Zukunft seiner Familie" sichern…
Das ist für mich eine faule Ausrede, denn er hätte in Europa auch genug verdienen können. Wenn ihr Ziel es ist, so viel Geld wie möglich zu verdienen, dann glaube ich kaum, dass die Jungs Spaß bei ihrer Arbeit haben werden in China. Und darum geht es doch eigentlich: Man sollte einen Beruf haben, der einem Spaß macht und durch den man seine Ziele—natürlich auf materieller, aber auch immaterieller Weise—erreicht. Und die meisten Spieler, die nach China wechseln, werden diese Ziele nicht erreichen.

Torhüter Denis in Aktion für seinen Ex-Klub (Foto: privat)

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