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Kampfsport

Systema: Die russische Kampfkunst, die dich auch ohne Berührung auf die Matte schickt

Bei dieser mystischen Selbstverteidigungsform geht es um den Fluss von Energien. Das Tolle: Techniken müssen nicht erlernt werden. Und schon Stalin setzte darauf.

von Guille Álvarez
02 Dezember 2016, 8:15am

Foto: Systema Spetsnaz

Mit der Russischen Revolution 1917 verschwand nicht nur das Zarenreich, sondern um ein Haar auch eine alte russische Kampfform, die den Bolschewisten zu unheimlich war und die sie deswegen verboten haben: Systema, eine ganzheitliche Selbstverteidigungsform.

Doch glücklicherweise ging die Kampftradition nicht verloren. Als die Berliner Mauer dann fiel, begannen Ex-Soldaten aus der ehemaligen Sowjetunion, Menschen in vielen Ecken auf der Welt ihre Verteidigungskunst näher zu bringen.

Auch in Spanien gibt es mit Juan Pedro Serna einen offiziellen Systema-Lehrer. Serna ist Chef einer Security-Firma und erzählt uns, dass Systema-Praktizierende einen sehr guten Ruf in seinem Metier haben. „Sie genießen bei uns viel Prestige, weswegen ich beim besten Meister überhaupt lernen wollte, Vladímir Vasíliev", erklärt mir Serna.

Juan Pedro Serna (mit der Mütze) während eines Systema-Trainingscamps in Dänemark. Foto: Arne Jakobsen

Vasíliev gilt neben Mikhail Ryabko—der die Kampfkunst von Stalins Leibwächtern gelernt hat—als einer der besten Systema-Kämpfer der Welt. Doch worauf kommt es bei Systema eigentlich an? „Es ist eine ganz andere Kampfkunst, und damit sage ich nicht, dass sie besser oder schlechter wäre. Das Gute an Systema ist, dass es sich um eine extrem vielseitige Disziplin handelt, die man in fast allen Situationen anwenden kann. Systema ist angewandte Biomechanik. Das mag komisch klingen, aber damit ist gemeint, dass man über das Ausprobieren natürlicher Körperbewegungen und nicht die stumpfe Wiederholung irgendwelcher Techniken dazulernt", erklärt mir Serna.

Bevor er vor zehn Jahren bei Systema gelandet ist, hatte Juan Pedro einen regionalen Kickboxing-Verband gegründet und verschiedene Boxer trainiert: „Ich komme aus dem Kontaktsportbereich, musste aber feststellen, dass meine bisherigen Erfahrungen nicht wirklich kompatibel mit Systema waren". Und da es keine offiziellen Techniken gibt, wird es schnell kompliziert, wenn man Systema erklären will.

Serna probiert es trotzdem. „Systema hat vier Grundsäulen: die richtige (soll heißen: eine ununterbrochene) Atmung, eine natürliche Körperhaltung, ökonomische Bewegungen und eine entspannte Psyche. Die Atmung hilft beim Entspannen und die geistige Entspannung bei der Bewegung und der richtigen Bewegungsauswahl", fasst Serna zusammen.

Bei Systema gibt es keine Wettbewerbe, weil es eine Kampfkunst ist, die einzig und allein der Selbstverteidigung und Gefahrenabwehr dient. Es gibt folglich auch keine Gürtel oder Grade.

Systema sorgt aber auch für reichlich Kritik. Und das hat mit Videos zu tun, in denen Meister wie Ryabko ihre Schüler zu Boden zwingen, ohne sie auch nur berührt zu haben.

Ich konfrontiere Serna mit Videos solcher komisch anmutenden Darbietungen und er betont, dass man die Szenen in einem größeren Kontext sehen müsse. „Bei Ryabkos Übung in Berlin ging es darum, die Körperspannung des Gegners zu spüren und umzulenken. Das hat mit Magie nichts zu tun, sondern mit dem menschlichen Energiefluss."

Jack Slack, Kampfsport-Spezialist für Fightland, erklärt mir, dass er mit diesen mystischen Seiten von Systema nichts anfangen kann: „Wenn ein Lehrer von Energien spricht, als seien diese losgelöst von physikalischen Bewegungen, redet er in jedem Fall Schwachsinn."

Serna, bei einem seiner Seminare in Alicante. Foto: Systema España

Doch Systema funktioniert auch als Kontaktsport. Und um uns zu zeigen, wie Systema in der wahren Welt aussieht, spielt uns Serna ein Video vor, in dem mehrere Soldaten miteinander kämpfen. Man könnte erneut glauben, dass sie dabei bestimmte Techniken anwenden, doch Serna beharrt auf dem philosophisch-spirituellen Hintergrund seiner Lehre.

„Leute, die solche Videos sehen, sind sich sicher, bestimmte Techniken erkennen zu können. Doch das, was man sieht, entsteht völlig natürlich aus dem Moment heraus", betont er. „Es ähnelt der ‚Be water, my friend'-Maxime von Bruce Lee. Es geht darum, seinen Kopf auszuschalten, sondern seinen Körper eine Lösung finden zu lassen. Unser Training besteht auch darin, die körpereigenen Instinkte zu schärfen".

Auch wenn die No-Contact-Exzesse etwas lächerlich erscheinen, ist Systema eine genauso spannende wie effektive Kampfkunst. Schließlich hätten Stalins Leibwächter wohl kaum auf Hokuspokus vertraut.