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Sandro Wagners Gehaltsaussagen sind ein authentisches Armutszeugnis für den Fußball

Darmstadt-Stürmer Sandro Wagner blamierte sich, als er sagte, dass 12 Millionen Euro Gehalt für einen Bayern-Spieler zu wenig seien. Seine Aussage ist vielleicht asozial, doch sie dokumentiert unfreiwillig den Status Quo des Fußballs.
25.4.16
Sandro Wagner im ZDF-Sportstudio über das Gehalt und Vermögen von deutschen Fußballspielern
Foto: Imago

Sandro Wagner, Stürmer beim SV Darmstadt 98, hat vor einigen Tagen deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt, als er in einem Bild-Interview meinte, dass Fußballspieler in der Bundesliga zu wenig Geld verdienen würden. Hier der genaue Stein des Anstoßes:

Fußballspieler verdienen angemessen oder teilweise eher zu wenig. Gemessen an all' dem, was man aufgibt, finde ich, dass auch die bei Bayern zu wenig verdienen—selbst 12 Millionen oder so.

Samstag Abend war er dann zu Gast im ZDF-Sportstudio, wo er nur wenig überraschend auf seine kontroversen Äußerungen angesprochen wurde (ab Minute 10).

Im Grunde blieb Wagner bei seiner Meinung, gab aber zu, dass die von ihm ins Spiel gebrachten 12 Millionen „vielleicht ein bisschen übertrieben" waren. Außerdem gab er zu Protokoll—und hier wird's jetzt interessant—, dass er mit seiner Forderung nach mehr Kohle vor allem die Zweit- und Drittligaspieler im Sinn hatte. Im Allgemeinen wollte er für andere Fußballprofis einfach mal „eine Lanze brechen".

Brechen wollten viele Deutsche bei seiner Aussage auch, unter anderem Wagners Beine. Aber war alles, was der böse Sandro gesagt hat, wirklich arschlochhaft?

Bevor wir darauf eine Antwort geben, möchten wir eine Sache klarstellen: Sandro Wagner hat auf alle Fälle Respekt verdient, weil er das gesagt hat, was er für richtig hält, ohne sich um den öffentlichen Backlash—und er wusste, dass einer kommen würde—zu scheren. Oder wie es die Bild passend ausgedrückt hat: „Bei ihm würde das Phrasenschwein verhungern". Bei all den weichgespülten Spielerinterviews ist man nämlich irgendwie auch dankbar, dass es noch Profis gibt, die sich nicht ihren Social-Media-Beratern beugen. So sieht es auch dieser Herr auf Facebook unter dem Sportstudio-Video:

Nicht dass Wagner einen bräuchte, weil er weder auf Facebook, Twitter oder Instagram ist—was nach seinem Interview sicher von Vorteil war. Doch im obigen Facebook-Kommentar wird auch ein weiterer wichtiger Punkt aus Wagners Aussage wieder aufgenommen. Die Opfer, die Profis bringen müssen, Stichwort Privatsphäre. Denn klar, besoffen in der Disko rumhüpfen geht nicht (außer man spielt bei Greuther Fürth). Viele Freiheiten—auch bei der Hobbyauswahl—, die Gleichaltrige für selbstverständlich halten, haben Profis nicht (oder, Max Kruse?). Da hat Sandro Wagner also nicht Unrecht. Und dass diese Einschränkungen finanziell auch irgendwie berücksichtigt, soll heißen entschädigt, werden sollten, kann man auch durchgehen lassen. Aber sind die persönlichen Einschränkungen von Fußballern—gepaart mit ihrer sportlichen Leistung—wirklich 12 Millionen pro Jahr (oder mehr) wert? Nein. Andererseits leben wir natürlich auch in einer freien Marktwirtschaft, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen.

Dennoch: Aus moralischer Sicht bleibt es ein Schlag ins Gesicht für jede Pflegekraft, Kindergärtnerin und auch Lehrerin in Deutschland, dass aus Wagners Sicht mehrere Millionen Jahressalär nicht ausreichen würden. Das sieht übrigens sogar ein Fußballmillionär so. Juan Mata von Manchester United hat sich jüngst ebenso zum Thema Fußballergehälter geäußert und geurteilt, dass Profis „mit Respekt vor dem Rest der Gesellschaft" zugeben sollten, dass sie im Vergleich „lächerlich viel Geld verdienen" würden. Und statt auf die Entbehrungen im Privatleben eines Profifußballers zu verweisen, betont der spanische Nationalspieler, dass sein Leben so beschützt wie in einer Blase sei. „Schon beim kleinsten Problem kommt jemand und nimmt Dir die Lösung ab", so Mata im spanischen Fernsehen.

Sandro Wagners Aussage bezogen auf die Spitzenverdiener seines Sports ist also angenehm authentisch, aber moralisch für den Arsch—vor allem wenn man bedenkt (so wie es Mata macht), wie viele Menschen, selbst mitten in Europa, kaum Geld für (gesundes) Essen und Medikamente haben. Anders verhält es sich mit den Kickern der 2. und 3. Liga, um die es Wagner ja laut Sportstudio-Interview primär gehen soll. Hier kann man seine Forderung nach besserer Bezahlung schon eher nachvollziehen. Denn auch sie stehen in den Städten, in denen sie spielen, zu jeder Zeit in der Öffentlichkeit und haben kaum Privatsphäre, verdienen aber nur einen Bruchteil von dem, was Erstligaspieler bei größeren Vereinen pro Jahr einstreichen (zwischen 3.000 und 6.000 Euro im Monat)—trainieren müssen sie aber genauso oft wie die Bundesliga-Stars. Und wenn sie nach Karriereende ohne Abschluss dastehen, können sie sich nicht auf Rücklagen in Millionenhöhe ausruhen, während sie darüber sinnieren, ob sie erst einen Trainerschein oder gleich die Doppelpass-Karriere anstreben sollen.

Wagners Aussagen sind nicht so sehr Arroganz, sondern ein Zeugnis dessen, wie sehr Fußball andere Sportarten weggedrängt hat.

Sollte Sandro Wagner also im Sommer echt nach England wechseln, könnte er mithilfe seiner Millionen ein Patenkind aus der 2. oder 3. Liga übernehmen. Dann wäre er seinen Arschlochruf wieder weg und hätte gleich noch was für unterklassige Kicker getan.