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ihr dürft nichts

Der Verbotswahn im Profifußball wird immer absurder

Keine Tattoos, kein Twitter und bestimmt kein Toilettenpapier. Je reicher der Fußball wird, desto mehr Verbote und Verhaltenskodexe kommen hinzu. Wir haben einige dokumentiert.
8.9.15
Foto: Imago

Ob im TV, im Internet oder in der Werbung, der Fußball ist allgegenwärtig. Medien, Konzerne, Vereine oder Berater wollen alle ein Stückchen vom großen Kuchen abhaben. Die größten Helden sind aber die Gladiatoren in der Arena. Aus dem prolligen Rambo mit Kippe im Mund ist ein Leistungssportler geworden, und damit ein potenzieller Teenie-Star, Schuhdesigner und Werbeträger. Der moderne Profi verdient dabei so viel Geld wie noch nie. Doch die steigende Aufmerksamkeit birgt auch Risiken—vor allem eben für Vereine, Konzerne und Berater, die am Tropf des Erfolgs eines Profis hängen. Die Spieler sollen gradlinige Vorbilder sein, die nur dann anecken, wenn man es verkaufen kann. In den letzten Jahren kamen daher neben den Verboten für fettige Pastasaucen und dem Rauchen auf dem Trainingsgelände etliche Regeln für extrovertierte und freche Profis, Gottesanbeter oder gar ganze Jugendabteilungen zusammen. Wir haben ein paar aufgelistet:

Das Tattoo-Verbot für Ashkan Dejagah

Tattooarm, Vollbart und einen ordentlichen Undercut kann so ziemlich jeder zweite 0815-Fußballprofi bieten. Bis auf die eigene Mutter beschwert sich darüber auch eigentlich niemand. Der in Berlin aufgewachsene Ashkan Dejagah muss aber jetzt Konsequenzen fürchten. Dem Starspieler der iranischen Nationalmannschaft droht offenbar eine Strafe wegen seiner Tätowierungen auf den Unterarmen. Laut eines iranischen Onlineportals hat sich das Ethikkomitee des nationalen Verbandes FFI eingeschaltet und verlangt von dem Deutsch-Iraner eine Stellungnahme. Das Komitee sieht in Tattoos ebenso wie in auffälligen Frisuren den Ausdruck des westlichen Einflusses, der wohl nicht erwünscht ist.

Der deutsche Verhaltenskodex auf Mallorca

Utz Claassen, Mehrheitseigner und Präsident des RCD Mallorca, ist der erste Deutsche weltweit, dem ein Profiverein gehört. Er will aus dem spanischen Zweitligisten einen erfolgreichen Erstligisten und eine noch bekanntere Marke machen. Dafür braucht es seiner Meinung nach strenge und auch ein wenig bizarre Regeln. Auf dem Vereinsgelände ist das Tragen von Ohrringen, Piercings und Frisuren, die „nicht mit dem Bild des Vereins übereinstimmen" verboten. Im Mannschaftsbus und in der Kabine ist zudem das Tragen von Mützen nicht gestattet. Damit die Profis in ihrer vielen Freizeit neben dem Training nicht auf dumme Gedanken kommen, muss jeder um 23 Uhr zu Hause sein. Ausnahme: Nach Spielen ist der Ausgang bis 3 Uhr morgens gestattet und an einem Tag pro Woche dürfen die Spieler bis 1 Uhr unterwegs sein. Ganz ungewöhnlich und eigentlich nur bekannt unter Studenten am Monatsende: Es ist außerdem für die Profis verboten Wasser und Toilettenpapier „für den persönlichen Gebrauch" mitzunehmen. Ja, dann.

Utz Claassen: "Tenemos la temporada del centenario y la afición es el corazón de todo".#UnaSegundaDePrimera pic.twitter.com/sBJI9QkacM
— La casa del fútbol (@casadelfutbol) 2. September 2015

Der Balotelli-Strafenkatalog

Mario Balotelli ist zweifelsfrei einer der größten Sturmtalente der Welt, doch der mittlerweile schon 25-jährige Italiener kam über diesen Status bisher nicht hinaus. Nach einer wenig erfolgreichen Station beim FC Liverpool versucht er wieder mal einen Neuanfang in Italien bei seinem Ex-Verein AC Mailand. Damit der Wechsel jedoch überhaupt stattfinden konnte, musste Balotelli einen strengen Verhaltskodex akzeptieren, der von den Regeln der italienischen Luftwaffe inspiriert ist. So musste sich der italienische Nationalspieler verpflichten, auf das Schreiben von Twitter-Nachrichten zu verzichten, pünktlich zu sein und mit einem angemessenen Haarschnitt zu erscheinen. Auch auf seine Disco-Besuche vor den Spielen muss der von Liverpool an Milan ausgeliehene Spieler verzichten. Doch den „Bad Boy" kannst du nicht aus Balotelli holen: Dem 25-Jährigen wurde nun wegen zu schnellen Fahrens der Führerschein entzogen. Er fuhr mit seinem Lamborghini 90 km/h in einer 50er-Zone.

Free Mario: Wir holen Balotelli aus seinem Knebelvertrag!

Die Fett-Geldstrafen im Jugendinternat von Red Bull

Red Bull will mit dem Fußball die ganz großen Menschenmassen erreichen. Vor allem der Noch-Zweitligist RB Leipzig soll so schnell wie möglich die Meisterschaft gewinnen. Dem Erfolg wird im RB-Imperium alles untergeordnet und die Jugendmannschaften sind da nicht ausgenommen. Das frühere Nachwuchstalent Friedrich Wolf sprach in der „Zeit" über die knallharten Vorgaben des Klubs für die mutmaßlichen Stars von morgen. „Du darfst keinen Alkohol trinken als 18-Jähriger. Wenn trainingsfreie Zeit war, mussten wir auch als Volljährige um 22 Uhr zu Hause sein, und wenn Training war, um 20 Uhr. Das hieß nicht nur zu Hause, sondern Bettruhe", erklärt der heute 21 Jahre alte Wolf. Nicht nur die Abendgestaltung, sondern auch das Erscheinungsbild und natürlich alle weiteren Rechte werden laut Wolf vom Verein kontrolliert. „Wenn du den Vertrag unterschreibst, verkaufst du deine kompletten Persönlichkeitsrechte. Alles was Werbung und Vermarktung deines Namens angeht, liegt beim Verein. Im Verhaltenskodex stand zum Beispiel auch, dass ein Spieler von RB auf sein Aussehen achtet, auf seine Frisur und dass er keine Tattoos hat", so Wolf. Immerhin gibt es Urlaub für die Jugendlichen—doch der kann am ersten Trainingstag nach den Ferien teuer werden. „Ein Kilo darfst du zunehmen. Pro 100 Gramm mehr kostet es dich fünf Euro. Das musst du schon mögen", erklärt ein anderer Ex-RB-Spieler. "Das ist das Beste, was es in Deutschland zurzeit gibt", erklärte Wolf. Der Erfolg stimmt zumindest: Die U12, U13, U14, U17, U19 und U23 von RBL holten 2015 den Meistertitel.

Keine Botschaften auf Trikots

In der letzten Saison zeigten Torschützen wie Anthony Ujah eine Antirassismus-Botschaft oder Haris Seferovic eine Botschaft zum Gedenken an die gewaltsam ums Leben gekommene Tugce auf Shirts unter ihrem Trikot. Der DFB tolerierte diese Fälle noch, doch danach verbot der Verband die Botschaften auf T-Shirts von Fußball-Profis in den Stadien. Man erinnerte damit an die FIFA-Regel, wonach Spieler keine politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften bei ihren Veranstaltungen zeigen dürfen. Ein Spieler, der das dennoch tut, wird vom Ausrichter des betreffenden Wettbewerbs bestraft. Die Botschaften werden lieber selbst in die Hand genommen, zelebriert und inszeniert.

Frankfurt striker Seferovic dedicated his goal to Tugce A. who was killed after defending 2 girls from being harassed pic.twitter.com/PkCvCZrsW5
— alperen (@northremembers) 1. Dezember 2014

Der englische Fußballverband gegen twitternde Spieler

Ob der ehemalige deutsche Nationalspieler Robert Huth oder der englische Innenverteidiger Rio Ferdinand—in England spielende Profis mussten schon oft sehr tief in die Tasche greifen, wenn sie im Internet und vor allem auf Twitter dümmliches Zeug—„ungebührliches Verhalten"—von sich geben. Der englische Fußballverband verhängte Huth eine 32.000 Euro-Strafe, weil der 31-Jährige Anfang des Jahres auf einer Seite, die Menschen in abgeschnittenem Bildformat in mitunter expliziten Posen darstellt, zwölf Tipps zu deren Geschlecht abgegeben hatte. Ferdinand hatte vor drei Jahren den schwarzen Chelsea-Profi Ashley Cole als „Scholokaden-Eis" bezeichnet und musste 57.000 Euro zahlen. Er schrieb den Kommentar, nachdem Cole im Prozess gegen seinen Chelsea-Teamkollegen John Terry als Zeuge aufgetreten war. Terry hatte angeblich Ferdinands jüngeren Bruder Anton rassistisch beleidigt, war von diesen Vorwürfen aber freigesprochen worden.

Klopp gegen Aubameyangs Strass-Stein-Schuhe

Als Pierre-Emerick Aubameyang im Juli 2013 zu Borussia Dortmund kam, erhielt der Paradiesvogel vom damaligen BVB-Trainer Jürgen Klopp neue Benimm-Regeln. Der Stürmer aus Gabun dürfe in Zukunft zwar weiterhin mit seinem auffälligen Ferrari zum Training erscheinen, doch das extravagante Schuhwerk sollte er zu Hause lassen. „Ich habe ihm gesagt: Trag bitte normale Sportschuhe", sagte Klopp damals dem „kicker". Zuvor war der 24-jährige Nationalspieler mehrfach mit glitzernd-bunten Fußballschuhen, die obendrein noch mit Strass-Steinen besetzt waren, zu den Einheiten erschienen.

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