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Ach komm, was soll's: Hoeneß wieder for President!

Der Autor dieser Zeilen war froh, als Hoeneß im Vorstand abgelöst wurde. Doch Hoeneß' vorzeitige Entlassung kann ihm gar nicht früh genug kommen. Denn alle platt machen und dabei noch bescheiden bleiben—das kann nicht ewig so weitergehen.

von Berni Mayer
18 Januar 2016, 3:11pm

Foto: Imago

Im Gesetz heißt es: „Schon nach Verbüßung der Hälfte einer zeitigen Freiheitsstrafe, mindestens jedoch von sechs Monaten, kann das Gericht die Vollstreckung des Restes zur Bewährung aussetzen, wenn die Gesamtwürdigung von Tat, Persönlichkeit der verurteilten Person und ihrer Entwicklung während des Strafvollzugs ergibt, daß besondere Umstände vorliegen."

Und natürlich liegen besondere Umstände vor. Die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Uli Hoeneß ist der beste Grund, warum seine Entlassung auf Bewährung am 29. Februar gar nicht schnell genug gehen kann. Es geht jetzt nicht um das defätistische Gejammer von wegen, die Bundesliga hätte keine Persönlichkeiten mehr oder die alte Garde sterbe aus. Das ist in jedem Bereich (siehe Politik, Musik) ein Trugschluss, weil die alte Garde schon naturgemäß aussterben muss und die jüngere eben noch keine alte ist. Der Autor dieses Artikels ist Bayernfan und hat sich damals über die Wachablösung im Bayernvorstand gefreut und auf das Ende der Großmäuligkeit, aber jetzt sagt selbst er: screw it, soll er von mir aus wieder Präsident werden.

Denn Hoeneß macht die Bayern menschlich, fehlbar und im mehrfachen Sinne angreifbar. Der arme Rummenigge wird nie ganz diese Funktionärsaura loswerden, Sammer gibt sich so viel Mühe, immer die richtigen Worte zu finden, dass er sich sich im syntaktischen Unterholz verheddert wie Piet Glocke und Pep ist ohnehin nicht von diesem Stern (des Südens). Die vielgescholtene One-Man-Abteilung-Attacke Hoeneß hingegen hat nie Angst gehabt, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Für ihn konnte man sich selbst als Fan entweder schämen oder sich voll mit ihm ins demagogische Zeug legen. Und je nach Spieltag und Ereignis fühlte man sich bestätigt oder verarscht. Es war ein Ritt auf der rhetorischen Rasierkline, ein permanentes Vabanquespiel mit dem Image des größten deutschen Fußballvereins.

Als Beispiel sei Hoeneß' persönliche Einpeitscher-Rede vor dem entscheidenden Spiel um die Meisterschaft gegen Bremen am 8. Mai 2004 im Münchner Olympiastadion genannt. „Wir müssen Bremen wegfegen und richtig niedermachen", bellt es da und beinahe hätte er dem HSV noch Schiebung wegen der maroden Leistung bei der vorausgegangen 0:6 Niederlage gegen die Bremer unterstellt. Anschließend wird Bayern 1:3 aus dem eigenen Stadion geworfen und die Kreuzberger Kneipe, in der der Verfasser dieser Zeilen das Spiel damals sieht, schreit beinahe geschlossen: Hoeneß, du Arschloch! Bayern hat nicht nur verloren und ist nicht Meister geworden, Bayern wurde dank Uli Hoeneß ins Katzenklo getunkt wie eine nicht stubenreine Katze. Die Liga hatte ein brilliantes Narrativ, das sich nicht erst Jörg Wontorra am DSF-Stammtisch ausdenken musste.

Hoeneß hat oft daneben gelegen, sich blamiert, sich Feinde gemacht, sich auf Deutsch gesagt nichts darum geschissen, wie die Anderen ihn finden. Und genau das ist seine Klasse—das braucht Bayern—das anarchische Gefühl, völlig daneben zu liegen. Das brauchen auch die Bayernfans, denn ob sie es zugeben oder nicht, by default gewinnen und auch noch bescheiden bleiben, das kann nicht ewig so weitergehen.

In diesem Sinne: free, free, set him free. Und dann bitte wieder Präsident, auch wenns eigentlich eine Unverschämtheit ist. Aber so wollen die meisten die Bayern doch ohnehin sehen.

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