Was wir über Monogamie wissen, ist wissenschaftlich nicht haltbar
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Was wir über Monogamie wissen, ist wissenschaftlich nicht haltbar

Ist Monogamie wirklich besser als Polyamorie? Wie eine berühmte Paarforscherin nachweist, stehen sich Wissenschaftler bei der Beantwortung dieser Frage selbst im Weg.
24.3.17

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie eifersüchtig würde es dich machen, wenn dein Partner mit jemand anderem schläft? Und wenn du jetzt „zwölf" denkst, macht das eure Beziehung ganz besonders stark und leidenschaftlich?

Wenn das unlogisch klingt, hast du natürlich Recht. Trotzdem ist dieser Test, die sogenannte Passionate Love Scale, eine echte wissenschaftliche Messmethode, die in den 1980er Jahren entwickelt und über Jahrzehnte von Psychologen in der Paartherapie verwendet wurde. Der Gedanke dahinter: Je ärger Menschen an Monogamie in ihrer Beziehung festhalten, um so besser. Je eifersüchtiger die Testpersonen reagieren, um so leidenschaftlicher sollen sie sein.

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Seitdem ist viel passiert, besonders in den vergangenen fünf Jahren: Die Monogamie als Nonplusultra des Beziehungsideals wackelt. Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, in einer offenen Beziehung zu leben, in der sie einvernehmlich mit anderen Menschen als ihrem Freund oder ihrer Freundin Sex haben oder andere lieben, und schreiben in vielen, vielen Artikeln, wie kompliziert das ist und wie glücklich sie das macht.

Weil man über Polyamorie als Idee unendlich lang diskutieren kann, beschäftigt sie gerade auch Forscher verstärkt. Dabei gibt es allerdings ein großes Problem. Wie Dr. Terri Conley, eine Koryphäe der Beziehungsforschung, in einer Metastudie aufgedeckt hat, liegt nämlich seltsamerweise genau dort – in der nüchternen und emotionslosen Welt der Zahlen, Tabellen, Messmethoden und Standardabweichungen – einiges im Argen.

Wie Voreingenommenheit die Forschung verzerrt

Laut Conley dürften die bisherigen Forschungsergebnisse über Monogamie eigentlich nicht gelten, weil Wissenschaftler einen sogenannten Bias – eine Voreingenommenheit – in ihre Forschungen einfließen ließen. Und da dieser Bias Monogamie bevorzugt und als Ideal annimmt, haben wir in Sachen ergebnisoffener Beziehungsforschung bislang ziemlich versagt.

Das geht schon mit den Fragen los, mit denen Beziehungen untersucht werden sollen: Nur selten fragen Psychologen ihre Probanden, ob sie außerhalb der Beziehung Sex mit anderen hatten. Stattdessen wird direkt von „Fremdgehen" und „Betrügen" gesprochen. Wer das tut, der legt nahe, dass es einen einsamen, zurückgelassenen Partner gibt, gegenüber dem man sich schon ein bisschen schämen müsste. Einvernehmliche, nicht-monogame Beziehungen, fallen so unter den Teppich – und tauchen, wenn überhaupt, als Normabweichung auf. Dass bei Sex außerhalb der Partnerschaft in polyamourösen Beziehungen kein Vertrauensbruch stattfindet, wird ebenfalls nicht erwähnt.

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Die Ergebnisse der aktuellen Studie, die die Ergebnisse verschiedener Studien zusammenfasst und bewertet, werden unter der Leitung von Dr. Terri Conley von der Uni Michigan demnächst im Fachblatt Perspectives in Psychological Science veröffentlicht. Conley hat sich in den vergangenen Jahren auf eine ganz spezielle Nische spezialisiert: Sie vergleicht monogame und einvernehmlich polyamouröse Beziehungen miteinander – und hat immer wieder gezeigt, dass es wenig Belege dafür gibt, dass eine Form der Beziehung besser ist als die andere.

Die gefühlte Bedrohung durch Polyamorie

So etwas zu postulieren, ist auch 2017 noch immer nicht ganz einfach – möglicherweise auch, weil sich so viele Menschen, die in monogamen Beziehungen leben, davon bedroht fühlen.

Ein Beispiel: Conley hat bereits nachgewiesen, dass Menschen in einvernehmlich nicht-monogamen Beziehungen mehr auf Safer Sex achten als die, die ihren Partner heimlich betrügen. Ein Reviewer nannte Conleys Ergebnisse „gefährlich". Warum, ist schwer nachzuvollziehen – besonders, weil eine weitere große Umfrage in den USA zeigte, dass sich monogame Menschen genauso häufig Geschlechtskrankheiten einfangen wie nicht-monogame.

Conley will aber nicht die Monogamie schlechtreden, wie sie immer wieder in Interviews betont. Sie will lediglich herausstellen, dass eine offene Beziehung für manche Menschen ein besserer Weg ist, um ein glückliches Liebes- und Sexleben zu führen.

„Wenn wir unsere Diskussion so emotional führen, können wir wahrscheinlich nicht mehr logisch darüber nachdenken", sagt Conley gegenüber Quartz. Denn wer sich von Emotionen leiten lässt, bricht grundlegende wissenschaftliche Prinzipien. Die schreiben nämlich vor, sich seinem Untersuchungs-Subjekt objektiv anzunähern und sich möglichst nicht von den eigenen Einstellungen, der Erziehung, Idealen oder Vorurteilen beeinflussen zu lassen.

Tatsächlich sind evolutionsbedingt fast alle Wesen polyamourös – weil es die Überlebenschancen einer Herde verbessert. Andererseits sind wir monogam sozialisiert. Doch das ist ein relativ junges Phänomen: Erst seit rund 20.000 Jahren, mit der Erfindung der Landwirtschaft und damit einhergehenden kulturellen Vorstellungen von Besitz, leben wir so, wie wir noch heute leben.

Es ist wohl dieser seltsame Widerspruch, der die Untersuchung dieses Themas so schwierig macht. Solange wir uns nicht darüber im Klaren sind, dass die Wissenschaft die Tendenz hat, ein Beziehungsmodell besser als das andere darzustellen, wird das wohl auch so bleiben.