Fotografie

Warum sich 15 Nacktmodelle im Sand des Toten Meeres versenkten

Der Fotograf Spencer Tunick macht mit einer neuen, provokanten Kunstaktion auf das Sterben des Toten Meeres aufmerksam.

von Beckett Mufson
15 September 2016, 1:34pm

Spencer Tunick, Dead Sea, 2016. Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Dieser Artikel enthält explizite Bilder.

Das Tote Meer stirbt. Mit seinen Aufnahmen von 15 nackten Menschen in verschiedenen Posen rund um den Salzsee will Fotograf Spencer Tunick die Weltöffentlichkeit auf diese Umweltkatastrophe aufmerksam machen. Bei einer Pressekonferenz am Montag dieser Woche präsentierte Tunick seine Bilderserie der Öffentlichkeit. Die Fotografien zeigen 15 nackte Menschen um und in den Sinklöchern, die der Umgebung des Toten Meers gerade massiven Schaden zufügen.

Tunicks Guerilla Art-Aktion erinnert an ein ähnliches Kunstprojekt, für das er beim Nominierungsparteitag der Republikaner im Juli 100 nackte Frauen ablichtete. „Für dieses Projekt haben sich 300 Leute beworben, aber ich habe nur 15 ausgewählt, um es klein zu halten“, erzählt Tunick im Gespräch mit The Creators Project. „Wir hatten keine offizielle Genehmigung für die Aktion, insofern musste alles sehr schnell gehen. Die Aufnahmen haben wir heimlich gemacht, damit wir nicht von Gegendemonstrationen gestört werden.“ Tunick ordnete seine Models in surrealen Formationen rund um die Senklöcher an und vergrub sie schließlich im Sand, um „die Haut unmittelbar mit dem Thema zu verbinden.“ Wirkliche Gefahr drohte den Modellen aber nicht, das sollen die Bilder auch nicht suggerieren. „Die Menschen waren während des Shootings keiner Gefahr ausgesetzt, sondern wirken vielmehr deplatziert. Wie bei [dem belgischen Maler] Magritte“, führt Tunick weiter aus.

Ein Senkloch am Toten Meer

Vom Toten Meer selbst kann man das nicht behaupten. Untersuchungen des israelischen geologischen Dienstes haben ergeben, dass die Senklöcher dadurch zustande kommen, dass Israel und Jordanien Wasser vom See Genezareth und dem Fluss Jordan absaugen. Durch die permanente Wasserentnahme sinkt der Spiegel des Toten Meeres um mehr als einen Meter pro Jahr. Der Leiter des Centers for Transborder Water Management am Arava Institute for Environmental Studies, Clive Lipchin, schätzt, dass sich seit den frühen 1990er Jahren über 10.000 Löcher geöffnet haben. Andere schätzen die Zahl eher auf 3.000. Folgt man Lipchins Zählung, würde fast jeden Tag ein neues Senkloch entstehen. Und mit jedem Senkloch die Gefahr, dass ein nahegelegenes Haus, ein Hotel oder eine Straße einsinkt. „Der Name wird beim Toten Meer langsam Programm“, fürchtet Lipchin gegenüber Motherboard. „Es stirbt nämlich wirklich.“

Ein Schild warnt Touristen vor Senklöchern

Und genau hier setzt Tunick mit seiner Arbeit an. Für Aufsehen sorgte er schon 2011 mit einer anderen Bilderserie zum Toten Meer. Am Mineral Beach, den es aufgrund des absinkenden Wasserspiegels nicht mehr gibt, zeigt diese Serie 1.200 nackte Körper, die auf dem salzhaltigen Wasser schweben. Für die Veröffentlichung der surrealen Fotografien erhielt Tunick viel Bewunderung von seinen Fans, sorgte aber auch für Entsetzen bei konservativen Israelis. „Wie haben die meine Arbeit nochmal genannt?“ fragt er einen Begleiter während des Interviews mit Motherboard. „Abscheulich?“

Die israelischen Gesetzgebungsinstanzen entwarfen sogar das sogenannte „Spencer Tunick Law“, das dafür sorgen sollte, dass Nacktheit nicht längere als künstlerische Freiheit geschützt wird. Auch wenn das Gesetz nicht verabschiedet wurde, bleibt Tunick in den Augen vieler Israelis ein Störenfried. Jetzt benutzt er seine Bekanntheit, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das ökologisch relevant ist und ihm persönlich am Herzen liegt.

Spencer Tunick, Dead Sea, 2011

„Schon als Kind hat mich das Tote Meer fasziniert“, erinnert sich Tunick. Er besuchte in seiner Jugend häufig seine Großeltern, die in den später 1960er Jahren in die Gegend gezogen waren. „Mit derselben Liebe betrachtet man in den USA vielleicht andere Naturwunder wie die Mammutbäume. Wenn die alle sterben würden, würden die Leute doch in Massen kommen, um zu protestieren.“

Tunicks Ziel ist es, die Diskussion dieses Umweltthemas so stark hochkochen zu lassen, dass die israelische Regierung zum Handeln gezwungen wird. Wie Lipchin erklärt, müsste eine Milliarde Kubikmeter Wasser vom Mittelmeer ins Tote Meer gepumpt werden. Das entspricht der Hälfte des gesamten jährlichen Wasserverbrauchs ganz Israels. Lipchin stellt sich einen unterirdischen Tunnel vor, ähnlich dem Eurotunnel, der Paris und London verbindet. Gleichzeitig könnte man durch den Transfer der Wassermassen Hydrostrom für eine Entsalzungsanlage gewinnen und so die Frischwasserversorgung in Israel und Jordanien verbessern.

Spencer Tunick, Dead Sea, 2016. 

Lipchin, der sich seit 15 Jahren für das Tote Meer einsetzt, gibt zu, dass bei seinem Plan noch einige Fragen offen sind. Er ist sich selbst nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, die unterschiedlichen chemischen Profile der beiden Meere zu vermischen. Einer Sache ist er sich aber auf jeden Fall gewiss: es muss bald etwas passieren. „Es gibt Ingenieure, die so etwas machen können. Es ist möglich und wurde in anderen Regionen der Welt schon umgesetzt“, verteidigt er seine Idee. Das im letzten Jahr getroffene Abkommen zwischen Israel und Jordanien bezüglich einer Pipeline, die das Rote Meer mit dem Toten Meer verbinden soll, wird seiner Meinung nach nicht schnell genug realisiert, um das Tote Meer zu retten. „Es passiert einfach nichts“, klagt er. „Jedes Jahr verlieren wir einen weiteren Meter, und mehr und mehr Senklöcher entstehen.“

Journalisten, die an der morgendlichen Presseveranstaltung teilnahmen, zeigten sich wohl überrascht, dass die Senklöcher noch immer ein Problem darstellen, berichtet Tunick gegenüber Motherboard. Das ist angesichts vieler Artikel in auflagestarken Medien wie der Times of Israel, die die Situation beschreiben, verwunderlich. Das Tote Meer hat also offensichtlich ein echtes PR-Problem—das hoffentlich mit Kunstaktionen wie dieser behoben wird.

Spencer Tunick, Dead Sea, 2016. 

Spencer Tunick, Dead Sea, 2016. 

Weitere Arbeiten von Spencer Tunick auf seiner Website.