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Das Klickkartell von Fukushima

Die meiste populäre Berichterstattung zur radioaktiven Verseuchung nach dem Atomunglück, bietet weniger Erkenntniswert als unsere Bananengleichung.
02 Dezember 2013, 8:18am

Lass dich kurz von einer Google-Suche nach „Fukushima Ozean Radioaktivität“ erleuchten. Schon die Suchergebnisse selbst sind ein Verbrechen: vielleicht ein oder zwei Links zu akkuratem, gründlich recherchiertem Journalismus pro Google-Seite. Das meiste andere sind klickfressende Panik-Blogs, dramatische Anti-Mainstream-Apologeten und fiktionale Verarbeitungen von Wissenschaft. Häufig haben sich diese im Klick-Wettrennen über die Links zu ihren Quellen aus Agenturmeldungen oder überregionalen Tageszeitungen gemogelt, indem sie den ursprünglichen Nachrichtenwert einfach bis zu Unkenntlichkeit zu etwas viel beängstigenderem, verschwörungstheoretischem verdreht haben.

Was mir wirklich Angst macht, ist, dass viele meiner us-amerikanischen Bekannten sich ihre Informationen über diese Wege besorgen. Von meinem Facebook-Account weiß ich, dass eine ganze Menge von ihnen ihre Ausbildung an fortschrittlichen und teuren Einrichtungen absolviert haben, und doch befinden sich unter ihnen viele, die die Benutzung ihrer sorgsam entwickelten Gehirnzellen gegen ein paar Klicks für realitätsferne Irrationalitäten eintauschen.

Ein Ereignis wie Fukushima ist wie gemacht für angstgeschwängerte Pseudoerkenntnisse—, vor allem dank dieser Sache, die sich radioaktive Verseuchung nennt. (Ver)Strahlung ist in jeder Hinsicht ein auf unserem Planeten so generelles und allgemeines Phänomen, dass es für sich genommen kaum wirklich etwas bedeutet. Überzeug mich gerne mit konkreteren Angaben, aber auf welche Weise beinhaltet die Aussage „Radioaktive Strahlung wird die Westküste der USA erreichen“ irgendeinen Sinn? Sicher für Panik-Klick-Websites macht sie Sinn, aber in der Realität bleibt der Erkenntniswert bei 0. Zu einer Behauptung wie dieser spezifischere Informationen zu finden, ist fast unmöglich, erst recht wenn du über Google auch noch auf der Suche nach einer Primärquelle sein solltest.

Irgendwann stieß ich aber dennoch auf ein ziemlich informatives Faktenblatt auf der Seite Deep Sea News, welches aus echten wissenschaftlichen Berichten (du weißt schon, die mit den Fußnoten) zusammengestellt wurde. Der Autor der Seite, Dr. Kim Martini von der University of Alaska, schreibt: „Was bedeutet denn eine zehntausend oder millionenfach reduzierte Radioaktivität in der Praxis? Es heisst, dass die Westküste der USA einem Strahlungsniveau zwischen 1 und 20 Bq/m3 ausgesetzte sein könnte, während Hawai bis zu 30Bq/m3 erreichen könnte.“ Um die gerne wiederholten Panikaussagen in den USA etwas aufzuklären, zitiert er aus drei verschiedenen Studien: Environmental Research LettersJournal of Environmental Radioactivity, und Deep Sea Research Part I: Oceanographic Research Papers.

Eine weitere Untersuchung, die 2012 veröffentlicht wurde, listet vorhandene Level von Radioaktivität im Jahr 2011 an der japanischen Küste auf. Die Spitze betrug 325 Bq/m3, abgesehen von einer mächtigen Ausnahme, die auf typische Ungenauigkeiten bei Wasserproben zurückgeführt werden kann.

Nach diesen Zahlen hatte ich ursprünglich gesucht, bevor ich in diesen ganzen absurden Strudel von Fehlinformationen hineingesogen wurde. Ich interessierte mich für diese Daten, um zu versuchen einige erhellende Vergleiche mit natürlicher Strahlung anstellen zu können. So lassen sich die Relationen recht gut verdeutlichen für ein Phänomen wie die Radioaktivität—was ja letztlich auch nur einige dumme Partikel bedeutet, die sich von einem Atom abstoßen (so wie diejenigen die deinen Computer momentan laufen lassen).

In diesem Zusammenhang steht uns auch die berühmte und beliebte Bananengleichung zur Verfügung. Die Südfrüchte beinhalten rund ein halbes Gram Kalium, was ein radioaktives Element ist. Bananen enthalten genug Kalium, um durch Betastrahlung bei LKW-Ladungen der Frucht einen Sicherheitsalarm auszulösen. Du selbst bist übrigens auch ziemlich reaktionsfreudig (im radioaktiven Sinne). Letztlich gibt es überall ein Grundlevel an Strahlung, und du bist an wirklich keinem Ort davor sicher. So ein Ort müsste komplett entleert von jeglichem Material sein, und dass wäre dann meiner Ansicht nach überhaupt kein Raum mehr. Aber die Banane bietet noch bessere Antworten und Erkenntnisse, denn sie ist für ihre Größe tatsächlich ziemlich radioaktiv.

Bild: katerha/Flickr

Lasst uns noch einmal auf Dr. Martini zurückkommen und sein Worst-Case-Szenario von 20 Bq/m3 für die US-Westküste. Was bedeutet das genau? Es handelt sich um den Becquerel-Wert—der die mittlere Anzahl der Atomkerne beschreibt, die pro Sekunde zerfallen—, bezogen auf einen Kubikmeter Wasser, der British Columbia erreicht. (In den Maßen der echten materiellen Welt, ist ein Kubikmeter knapp die Größe einer Flugzeugtoilette.) Dein Körper hat übrigens alleine aufgrund seines Kaliumanteils einen durchschnittlichen Becquerel-Wert von 4960. Und eine Banane wird ihm weitere 15Bq liefern. Laut höherer Bananenmathematik gleicht das Fukushima-Disaster also schlappen 76 Millionen Bananen.

Zum Abschluss sollte ich noch auf das Thema Fisch zu Sprechen kommen. Es scheint eine große Anzahl an Menschen zu geben, die glauben, dass die Katastrophe von Fukushima die Erde eine ganze Ozeanladung Fisch gekostet hat. Ein weitere Studie von PNAS hilft uns mit akkurateren Berechnungen: Nach Messungen von 2011 wird ein vor der kalifornischen Küste gefangener Thunfisch deinem Körper eine halbe Bananen Ladung Radioaktivität zuführen. Folgemessungen ergaben im Jahr 2012 nur noch die halbe Dosis.

Mein Fazit von all dem: Gib dir etwas mehr Mühe. Streng dich etwas mehr an bei deiner Suche nach Informationen. Kenne den Unterschied zwischen einer Studie in Science und einem Text in Medical Hypothesen. Einige Quellen sind besser als andere—und einige sind 100% wertlos. Oder behalte einfach im Kopf, dass es eine Sphäre des Internets gibt, die einfach nur daran interessiert ist, dir Angst einzujagen, bevorzugt aus finanziellen oder ideologischen Gründen. Ich konnte nur noch nicht abschließend ermitteln, was von beidem schlimmer ist.