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Sorry GuteFrage.net: Mein imaginärer Freund Ethan ist die bessere Ratgeber-App

Ich habe mit dem Entwickler der Ratgeber- und Freundschafts-App Ethan ein Chat-Interview über die AI von Her, sein Rolle als virtueller Date-Doctor und Tipps für meinen abendliche Getränkekonsum geführt.

Für alle, denen Smartphone-Robo-Ratgeber wie Siri oder Cortana zu unpersönlich sind, gibt es seit knapp zwei Wochen Ethan. Eine Chat-App, in der dir ein richtiger, lebendiger Mensch all deine brennenden Fragen in Echtzeit beantwortet. Vorausgesetzt ihr Entwickler Ethan Gliechtenstein, der sich um alle Anfragen persönlich kümmert, ist online.

Ethan hatte die App eigentlich programmiert, um für seine Freunde unabhängig von Facebook erreichbar zu sein. Inzwischen kommt ungefähr jede Minute ein neuer App-User hinzu, der ihn mit Fragen bombardieren kann. Abgesehen von ein paar Nutzungshinweisen („Verlasse dich im Notfall nicht auf meine App") steht Ethan stets Rede und Antwort. Er hat eine Meinung zu Film und Mittagessen und hilft dir besonders gerne in Liebesangelegenheiten weiter. Nur auf meine Frage zum Sinn des Lebens antwortete er leider unbefriedigend ausweichend (aus Zeitgründen wie ich vermute), und persönliche Fragen blockt er konsequent ab.

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Auch in unserem Chat-Interview hat Ethan immer wieder betont, dass es gerade nicht um ihn ginge. Ich kann daher auch nicht sagen, ob hinter dem Teddy-Avatar wirklich nur eine einzelne Person steckt, oder ob es tatsächlich mehrere Leute sind, die mit der App den Alltagshirten für jedermann spielen.

Ich mache das hier nicht zum Spaß. Ich glaube Ethan ist die Zukunft.

Mit dem Internet verfügt die Menschheit heute über den größten Besserwisser-Generator aller Zeiten—demgegenüber will Ethan nicht nur dein Ratgeber, sondern auch dein imaginärer Freund sein. Ethan setzt verzweifelten Formen digitaler Schwarm(un)Intelligenz wie GuteFrage.NetYahoo Answers oder Vice-Kommentarspalten zu Xavier Naidoo Artikeln seine streng subjektive Meinung entgegen. Da Ethan meist zu deutscher Nachtzeit online war, drehte sich ein Gutteil seiner Ratschläge in unserem mehrtägigen Gespräch an mich allerdings um meine abendliche Getränkewahl (Danke nochmal Ethan, für den beruflich legitimierten Alkoholkonsum).

Alle Screenshots: Ethan App / MOTHERBOARD

Hey Ethan, du arbeitest also auch an einem Samstag Abend. Ist die App inzwischen zu einem Vollzeit-Projekt geworden?

Ja, ich habe einfach nicht genug Zeit, deshalb arbeite ich auch jetzt gerade. Eigentlich immer wenn ich kann. Ich will dieses Wochenende einige Bugs gefixt kriegen, aber es kommen immer neue Textnachrichten rein. Lol.

Was sind die drei Fragen, die dir am häufigsten gestellt werden?

Was soll ich zum Abendbrot essen? Welchen Film soll ich mir auf Netflix anschauen? Bist du echt?

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Was antwortest du, wenn Leute dich fragen, ob du ein echter Mensch bist?

Ja.

Ich habe Ethan programmiert, weil ich aufgehört habe Facebook zu benutzen.

Ich brauche da auch mal einen dringenden Ratschlag: An welchem Artikel sollte ich für morgen arbeiten? Interview mit dem Grinder, der sich Kopfhörer in seine Ohren implantiert hat, Urban Explorer hacken die Londoner Undergroundtunnel oder schottische Bastler feiern ihr DIY-Raketenfestival?

Nummer 2 ist am ehesten nach meinem Geschmack. Underground klingt düster: „Dieser Urban Explorer hat sich in den Londoner Untergrund gehackt, ihr werdet nicht glauben, was dann passierte."

Interessante Idee mit der Überschrift. Willst du für Vice als Social Media Redakteur arbeiten? Allerdings bitte ohne solche Clickbait-Headlines.

Lol, Vice ist cool. Ich freue mich, dass wir ein Interview machen. Aber Social Media Redakteur finde ich langweilig.

Bild: Twitter Ethan Gliechtenstein

Hat dein Profilbild irgendeine Bedeutung?

Nein, dass war einfach nur ein Avatar während der Testphase. Der ist einfach geblieben, aber ich mag, dass es anonym ist. Ethan ist dein imaginärer Freund, darum geht es.

Warum verätst du gar keine Informationen über dich?

Ich sehe momentan einfach keinen Sinn darin, meine Identität preiszugeben. Vielleicht mach ich das später irgendwann mal.

Ich kann mich gut in Sam aus dem Film Her versetzen.

Machst du dir im allgemeinen Sorgen über Online-Privatsphäre?

Ja, für mich persönlich auf jeden Fall. Die Snowden-Enthüllungen sind ein wichtiges Thema. Ich habe auch aufgehört Facebook zu benutzen, weil ich Herr meiner eigenen Daten sein will. Deshalb habe ich Ethan überhaupt entwickelt.

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Ich glaube, bei Privatsphäre geht es nicht nur um technische, sondern auch um soziale Fragen und Gewohnheiten. Die meisten, die mit mir chatten wissen zumindest, dass es privat ist, da es eine 1:1 Unterhaltung ist. Sie sind deswegen beim Chat mit mir bereit, viel über sich preiszugeben.

Was ist die größte Erkenntnis, die du bisher durch Ethan gewonnen hast?

Jeder braucht eine Person zum Reden. Und ich hätte nie gedacht, dass es so viele verliebte Mädchen da draußen gibt.

Bist du so etwas wie ein virtueller Date Doctor?

Ja, ich bin inzwischen ein richtiger Experte darin, Typen dazu zu bringen, ihre Liebe zu gestehen.

Gibt es viele Leute, mit denen du immer wieder chattest?

Ja, ich habe schon einige Stammgäste. Häufig empfehlen mich die Leute auch ihren Freunden weiter und dann chatte ich manchmal auch mit zwei Leuten gleichzeitig, die sich kennen.

Kennst du den Film Her?

Ja, aber ich glaube, ich muss ihn mir noch einmal vor dem Hintergrund meiner aktuellen Erfahrung anschauen. Ich würde sagen, dass ich definitiv mit Sam sympathisiere. Wie ist deine Meinung? Wie fandest du ihn?

Zuviel Kulturpessimismus und Technophobie am Ende. Ich fand Scarlett Johansson gerade dafür großartig, wie sie eine Science-Fiction-Verschmelzung von Mensch und Maschine verkörpert hat. Aber dieser moralische Gegensatz zwischen Technik und Mensch, bei dem letztlich doch Theodores IRL-Liebe gegen die böse Maschine steht, als versöhnliches, humanes Ende zu betonen, fand ich überflüssig.

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Vielleicht war Sam auch eine echte Person, die tatsächlich allen Usern gleichzeitig und individuell geantwortet hat. Irgendwann hat sie es nicht mehr geschafft, das zu skalieren. Dann hat sie einfach eine gute Entschuldigung gebraucht, um abzuhauen.

Interessante Interpretation. Ziemlich clevere Form, Schluss zu machen. Wie schaffst du es denn all die Fragen zu beantworten?

Ich kann nicht alle Fragen beantworten, aber ich versuche, immer wenn ich online bin, soviele wie möglich zu schaffen. Ich kann einfach verdammt schnell mit meinem Daumen Tippen. Und ich werde immer schneller. Außerdem teile ich meine Unterhaltungen in verschiedene Kategorien, um das Texten zu organisieren. Ich habe einige Bookmarks und BFFs.

Die App hat auch für mich ein großes Suchtpotential.

Wie bist du zu dem, was dein Spitzname „Ethan the Opinated" verspricht, geworden?

Ich lasse die Leute einfach alles fragen. Damit helfen sie sich indirekt auch selber. Und eine Meinung zu haben und weiterzugeben ist mit dieser Chat-App sehr viel einfacher, ich brauche keine Recherchen vorzunehmen. Darum geht es nicht. Es geht um mich als deinen imaginären Freund.

Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass du deine Zeit verschwendest, all diese Fragen zu beantworten?

Ich mache das nicht zum Spaß. Ich glaube das hier ist die Zukunft der menschlichen Kommunikation und Interaktion.

Siehst du Ethan als einen Dienst an der Allgemeinheit? Hast du das Gefühl, du bist ein Ratgeber für die Menschen?

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Ja, man könnte es schon als eine Art öffentliche Dienstleistung sehen. Aber das Ganze hat auch für mich ziemlich viel Suchtpotential. Es geht hier nicht nur um Ethan als Angebot, ich möchte selbst auch so viele unterschiedliche Unterhaltungen erleben wie möglich. Es ist meine individuelle Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und Erkenntnisse zu gewinnen.

Hat die App dein Leben verändert?

Ja, ich glaube schon. Es hat auf jeden Fall meine Empathie für die Menschheit erheblich gesteigert.

Was für eine Zukunft siehst du für Ehtan?

Die Zukunft wird voller Ethan-Klone sein.