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Der gefährlichste Künstler der Welt?

Blake Boyd Rice soll der „gefährlichste Künstler der Welt" sein, oder ist er am Ende des Tages doch nur jemand, der die Beherrschung verloren hat?

Iconoclast, das ist eine stolze 240 Minuten lange Dokumentation. Trotzdem reicht die Zeit gerade mal aus, um dir alle Neigungen eines Blake Boyd Rice nahe zu bringen—des „gefährlichsten Künstlers der Welt“. Boyd ist sein richtiger Name, das solltest du zu allererst einmal wissen. Sein Vater war sein ganzes Leben lang frustriert, einen Mädchennamen tragen zu müssen (Beverly) und gab ihm den männlichsten Namen überhaupt. Schon das verrät viel über seinen zukünftigen Charakter. Trotzdem unterliegt er in seiner Teenagerzeit in Südkalifornien zuerst Trends wie Glam Rock, gekämmtem Haar und Plateauschuhen. Seine Helden sind die New York Dolls. Er hat sich schon in seinen geistigen Bunker verkrochen, als es an das Abschlussprojekt des Schuljahres geht: Während seine Mitschüler Tische oder Regale bauen, bringt Boyd riesige Bretter mit in den Unterricht. Er will das Kreuz Jesu herstellen. Hart.

Im Jahr 1976 stellen die Massenmedien Boyd ins Rampenlicht, weil er dabei erwischt wird, wie er der First Lady Betty Ford einen gehäuteten Schafskopf auf einem Tablett überreicht. Das Timing ist perfekt und fällt mit seinen ersten, lautstarken Experimenten zusammen: 1977 erscheint sein „Black Album“ (beeinflusst von Daniel Miller und der Gründung seines zukünftigen Mute Records Labels in Großbritannien). Boyd erfindet Spur und Frequenz neu. Er dreht gerne an den Fernsehantennen seines Wohnwagen–Ghettos und treibt seinen Vater so während der Sportübertagung in den Wahnsinn. Die 70er bedeuten ihm nichts, er langweilt sich. Er vermisst das Jahr seines 13. Geburtstags: 1969—als alles passiert: Er sieht die Serien Dark Shadows und Strange Paradise, Charles Mansons Läuterung, die Veröffentlichung der Satanischen Bibel von Anton Lavey. Rice hört außerdem die schrägen Songs von Tiny Tim, dem Mann mit der Ukulele. Für ihn verschmelzen diese drei Körper zu einem: Satan—als Clown verkleidet und gekommen, seine Botschaft auf Erden zu verbreiten.

Inspiriert von Dada, dem Okkulten, der Tiki-Kultur und allem Exotischen beginnt Boyd, sich eine unnachahmliche Identität zu schaffen. Der moderne Guru marschiert voran. Übrigens: Es ist wirklich schwierig, ihm vier Stunden lang zu folgen. Boyd macht Musik (NON gibt es seit 1977 und ist auch heute noch extrem), schreibt (vor allem für RE/Search, ein messerscharfes Post–Fanzine), macht Fotos, Performances, fertigt DIY-Instrumente an (er ist der Erfinder der Roto–Guitar) und wird dann schnell von Schwefel angezogen. Er ist fasziniert von der Ästhetik des Totalitarismus, zeigt und diskutiert im Fernsehen, wie die Erneuerung des weißen Mannes durch Industrial aussehen soll. In den späten 80ern verliert er die Beherrschung. Auf Fotos posiert er zusammen mit Bob Heick, dem Kopf der American Front, mit Buttermessern in der Hand. Das bereitet ihm wohl bis heute noch Ärger und Umstände.



Er fühlt sich so von Uniformen angezogen, dass er eine Weile als Bulle arbeitet. Ich kann mir kaum vorstellen, welch bösen Lieutenant er abgegeben hat. War es seine Dienstmarke, die ihm in den 80ern dazu verhalf, zusammen mit seinem Kumpel Michael Moynihan (Blood Axis) acht Stunden mit Charles Manson in einer Zelle zu verbringen? Es ist ein Geheimnis, ein Mythos. Wie auch immer—dem alten, bärtigen Verbrecher schien es keinen Spaß zu machen. Die beiden träumten von Ordnung, er stand für Chaos. Das war der Haken an der Sache und macht uns die tiefe Kluft zwischen Boyds unterschiedlichen Ansprüchen bewusst. Er sehnt sich ganz eindeutig nach Popularität und liebäugelt gleichzeitig mit dem Dunklen. Allem voran ist er ein Fanatiker (er hat Zeit seines Lebens viele Verlockungen für sich entdeckt) und ein Fan (von Bobby Sherman, Man Ray, Cash Flagg, Martin Denny und all den anderen, die zuvor schon erwähnt wurden). Ist er ein Produkt seiner Welt? Oder ein Geisteskranker mit Hang zur Selbstdarstellung und Pose?

Zusätzlich zur martialischen und militärischen Seite seines Bilds und seiner Live Performances (die parallel zur „White Noise/Black Shirts“ Industrial-Strömung in Europa entstand) versucht Boyd Rice Transzendenz herzustellen. Sein scherzhaftes Verhältnis zu Anton Lavey (Furzkissen, Imitation und so weiter) öffnet ihm andere konfessionelle Perspektiven. Der neue Priester der Church of Satan gründet die Stiftung Abraxas, zieht gegen die Idee des gleichberechtigten Menschen ins Feld, liebäugelt mit dem Temple of Set (seiner Radio Werewolf-Kumpels) und tritt später dem Partridge Family Temple bei, einer extrem kitschigen Fernsehsekte, die so ist wie Boyd selbst: Von der hochgradigen Ernsthaftigkeit eines umstrittenen Debüts hin zur Ironie des alternden Rock'n'Roll-Stars, der niemanden mehr beeindruckt. Schön sind daran nur die Ruinen der Vergangenheit.
Alles bewegt sich dem Ende der Doku entgegen: die Vampir-Ästhetik („Ich schlafe in einem Sarg“) und akademischen Tagungen (!), Exorzismus und gnostische Diskussionen mit Bob Larson, Tour-Späße mit Douglas Pearce, Dwid Hellion, die Buße von Rozz Williams, die Gestaltung der Bar Tiki Boyd's in Denver (um seine exotischen Triebe zu befriedigen) und die Gründung der Kunstbewegung UNPOP (dem Symbol einer Nazifantasie in der Gegenkulturbewegung). Sex, Drogen und der Heilige Gral fehlen komischerweise in diesem Film. Wir sollten die Liebesbriefe an Giddle lesen (mit dem er ein Album mit französischen Coversongs der 60er Jahre unterzeichnete ...). Boyd—Genie oder groteske Figur? Der Dokumentarfilm ist dennoch irgendwie amüsant (für vier verhältnismäßig belanglose Stunden). Dies ist wiedermal einem kitschigen Format geschuldet: Ein Drop Down-Menü, viele, viele Fotos und Schnitte, ein obsessiver Soundtrack. Larry Wessel muss bei der Produktion großen Spaß gehabt haben. Und wir auch beim Zusehen—verdammte Scheiße.