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Der Grundstein für die Menschenverachtung der AfD wurde schon 2002 gelegt

Die sieben seltsamsten Äußerungen von AfD-Gründungsmitglied Alexander Gauland.

Titelfoto: Imago | Markus Heine

Es vergeht fast kein Tag, an dem die Spitzenpolitiker der AfD nicht mit skurrilen oder rechtsradikalen Äußerungen von sich reden machen. Dass Parteichefin Frauke Petry und die Europaabgeordnete von Storch gar auf Flüchtlinge schießen lassen wollten und zunächst behaupteten, sie hätten das so nie gesagt (was von der entsprechenden Zeitung inzwischen als Lüge enttarnt wurde) oder sie seien an dem komplexen System Facebook gescheitert, ist nur der vorläufige Höhepunkt. Hinter diesem Vorgehen steckt allerdings nicht Naivität, wie manche vermuten, sondern Kalkül. Man will versuchen, die Grenzen dessen, was man sagen kann, immer weiter zu verschieben. Gibt es einen Aufschrei, rudert man kurz zurück oder inszeniert sich als Opfer, um kurz drauf neu Anlauf zu nehmen.

Wohin die Reise gehen soll, hat Alexander Gauland, Chef der brandenburgischen AfD, schon 2002 in seinem Buch Anleitung zum Konservativsein beschrieben. Allerdings wimmelt das Buch nur so von wirklich absurden Argumentationsketten, die in Teilen auch denjenigen nicht gefallen dürften, die ihm derzeit vom rechten Rand aus zujubeln—weil er sie offenbar für nicht ganz so helle hält. Hier ein Auszug der seltsamsten Äußerungen—und was sie bedeuten.

Die Deutschen sind fremdenfeindlicher als andere Völker

Das hat er doch niemals gesagt, oder? Gerade der Alexander Gauland, der mit seiner AfD nationale Töne anschlägt, soll über die Deutschen derart abfällig gesprochen haben? Ja, das hat er: In Deutschland habe sich (im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern) „eine nationale, sprachliche und kulturelle Identität herausgebildet, die der Aufnahme von Fremdem wie Fremden abwehrend gegenübersteht." Im Umkehrschluss heißt das nichts anderes, als dass für Alexander Gauland die Deutschen fremdenfeindlicher, gar primitiver veranlagt sind als die anderen. Wenn man das weiterdenkt, dürften ihre Wähler für die AfD nur so etwas wie „nützliche Idioten" auf dem Weg zur Macht sein, die man nicht so ganz ernstnehmen muss.

Nur Versager sind fremdenfeindlich

Das hat er nicht gesagt, oder? Gerade der Alexander Gauland, der vorgibt, die AfD sei die Partei des kleinen Mannes, weil man von der Oberschicht nicht gewählt werde? Doch, das hat er. Und nicht nur einmal. So schreibt er: „Für die Zu-kurz-Gekommenen sind dann oft die Fremden schuld". Was im Umkehrschluss heißt: Wer aus seinem Leben etwas gemacht hat, ist nicht fremdenfeindlich. Gauland geht übrigens noch weiter—er traut den meisten Menschen kein Bekenntnis zu Deutschland alleine auf Basis des Grundgesetzes zu, da „nur wenige, jedenfalls zu wenige, ihr Lebensgefühl aus dem Kopf beziehen". Für diese bräuchte es stattdessen „optisch-ästhetische Symbole, unter denen man sich versammeln, Identität und Heimatgefühl entwickeln kann." Der Ausgang dieses Ansatzes ist bekannt.

Man kann Islamisten durchaus bewundern

Das kann er jetzt aber wirklich nicht gesagt haben, oder? Wörtlich nicht, das stimmt. Allerdings zitiert er mit einem deutlichen Anklang von Bewunderung den rechtskonservativen Autor Botho Strauß, der formuliert: „Dass jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich." Und er schiebt nach, dass man aus diesem Grund den Islam als Kraft in „ihrem Eigenwert respektieren" und ihr „ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins" zugestehen müsse. Der Islamische Staat wird das gerne hören, kann mit dieser Argumentation übrigens auch die islamistischen Anschläge von Paris oder Istanbul rechtfertigen. Das verwundert auf den zweiten Blick übrigens nicht mehr: Rechtsradikale teilen mit Islamisten den Glauben an das Freund-Feind-Schema: Wir gegen die, anstatt eines pluralistischen Miteinanders. Wer das will, der bewundert im Zweifel auch Terroristen, die diesen Ansatz leben.

Es braucht mehr Tabus

Das hat er niemals gesagt, immerhin ist doch die AfD die Partei der Kämpfer gegen die „Meinungsdiktatur" und inszeniert sich—wie Pegida—als großer Tabubrecher. Oder etwa doch? Ja, hat er. Und zwar eindeutig: „Das Problematische an der modernen Vorstellung von Fortschritt besteht darin, dass dieser durchweg mit dem Sprengen von Fesseln, dem Beseitigen von Schranken, dem Abschaffen von Dogmen assoziiert wird. Die konservative Reaktion dagegen muss eine Entwicklung zu mehr festen Überzeugungen, zu mehr Tabus und Dogmen sein." Das deckt sich übrigens auch mit der Ansicht anderer rechter Denker: Am Ende sollen mehr Tabus stehen. Nur eben die eigenen. Der aktuelle Kampf gegen Tabus ist nicht der Kampf gegen Tabus an sich, sondern schlicht gegen die Tabus, die die offene Gesellschaft schützen: Anstand, Respekt, Mäßigung. Klar, dass das Rechtsradikalen genauso gefällt wie Islamisten.

Die Wirtschaft ist links

Immer galt: Die Arbeitnehmerschaft ist tendenziell eher links angehaucht, die Arbeitgeberschaft eher liberal oder konservativ. Gauland sieht das anders: „Die Wirtschaft ist seit der Wende von 1989 keine konservative Macht mehr, sondern eine egalisierende, aufklärerische linke. Sie wendet sich gegen nationale Vorurteile und ethnische Begrenzungen, gegen traditionelle Lebenswelten und religiöse Tabus." Auch das überrascht nur im ersten Moment. Wenn man wie Gauland durch und durch rechts und fortschrittsfeindlich ist, kann einem eine auf Innovation und Globalität zielende Wirtschaft natürlich nicht gefallen. Was bleibt einem dann also anderes übrig, als Liberalisierung und Globalisierung als links zu diskreditieren?

Vorurteile können gut sein

Keine Frage: Die AfD lebt davon, dass sie Vorurteile bedient. Aber niemals würde ein führender Kopf der Partei wie Gauland zugeben, dass Vorurteile helfen. Oder doch? Aber hallo. Und damit nicht genug: Im Kampf gegen die Globalisierung müsse man auch auf „Ethnien und Grenzen" setzen. Wer also nicht biodeutsch ist, schadet laut Gauland dem „Volkskörper". Und dafür muss man auch kein Flüchtling aus Syrien sein, wenn man der Logik folgt. Bei der NPD heißt das „Ausländer raus". Gauland formuliert feiner, aber nicht weniger radikal: „Da unsere individuellen wie institutionellen Kapazitäten zur Verarbeitung von Innovationen begrenzt sind, ist eine Verlangsamung des innovativen Prozesses notwendig. [...] Alles, was das Tempo verlangsamt, den Zerfall aufhält, in dem es die Globalisierung einhegt, ist deshalb gut und richtig: Traditionen, Mythen, Glaubensbekenntnisse und Kulturen, Ethnien und Grenzen. Selbst Vorurteile haben hier, sofern sie nicht in Gewalt und Rassismus umschlagen, ihre stabilisierende Wirkung." Dass Vorurteile, lässt man ihnen Raum, am Ende immer in Gewalt umschlagen, wie er derzeit zu erleben ist, müsste Gauland eigentlich wissen. Denn wie wir schon seit Sartre und Glucksmann wissen: Der Hass kennt keine Grenzen. Wie ernst die Warnung vor Gewalt und Rassismus daher gemeint war, daran lässt sich bei dem Mann, der Führungsfigur einer Partei ist, in der Rassismus weiten Raum einnimmt, zumindest ein großes Fragezeichen setzen.

Markt und Menschenrechte sind barbarisch

Das kann er nun wirklich nicht gesagt haben als Politiker der Partei, die vorgibt, als einzige für die Meinungsfreiheit zu streiten. Doch, hat er. „Die Welt durch Markt und Menschenrechte zu erneuern, ist in Wahrheit eine intellektuelle Rebarbarisierung", das sind Gaulands Worte aus dem Jahr 2002. Wenn er das also nicht will, was will er dann? Zumindest wissen wir, dass es eine Gesellschaft ohne Marktwirtschaft und allgemeine Menschenrechte wäre. Und eine Demokratie wäre das eben nicht mehr. Dazu passt dann auch ein Schießbefehl an der Grenze bestens. Dass auch Gauland in der Vergangenheit schon Wertschätzung für die DDR-Grenzsicherung gezeigt hat, kann nun wirklich nicht mehr überraschen.