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Die neuen Mauertoten Europas

Deutschland feiert am Sonntag die Wiedervereinigung. Dabei gibt es noch immer neue Tote an den Grenzen.

Zukünftige Mauertote (Foto: Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit)

Deutschland gedenkt der Toten an der innerdeutschen Grenze. Die Menschen, die permanent an den Grenzen zur EU sterben sind da zweitrangig. So, wie Fluchthelfer bis '89 deutsche Helden waren, Schleuser hingegen heute menschenverachtende Geschäftemacher sind.

Auf diesen absurden Missstand weist das ​Zentrum für politische Schönheit seit Montag hin. Die Kreuze, mit denen der Mauertoten gedacht wird, sind seitdem nämlich weg, sie befinden sich jetzt an den Außengrenzen der EU. Damit protestiert das Zentrum gegen die ritualisierten und kitschigen Einheitsfeierlichkeiten, bei denen mit Lichtinstallationen und Luftballons der Tag gefeiert wird, an dem die innerdeutsche Grenze Geschichte wurde, während immer noch und immer mehr Menschen an neuen Grenzen ihr Leben riskieren müssen.

Seit Montag tobt nun ein öffentlicher Empörungsturm durch Zeitungen, Webseiten und Kommentarspalten. Das Zentrum „instrumentalisiert" entweder die Mauertoten oder die Flüchtlinge, es versteht die Geschichte falsch, ohnehin sind Flüchtlinge „Wirtschaftsflüchtlinge", weil sie schließlich die bösen Schleuser bezahlen können, SED-Opfer werden verhöhnt. Offensichtlich haben die Künstler einen Nerv in der deutschen Gesellschaft getroffen.

An der Situation der Menschen außerhalb Europas ändert das alles aber nichts. Die ​UNHCR schätzt, das zwischen 2011 und August 2014 mindestens 5000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind, laut des Datenbankprojekts ​The Migrants Files sind seit dem Jahr 2000 insgesamt mehr als 25.000 Flüchtlinge bei der Überquerung des Mittelmeers gestorben. Das sind jedes Jahr mehr als 1.700 Menschen, oder fünf am Tag.

Cesy Leonard ist Chefin des Planungstabs des Zentrums für politische Schönheit und spricht mit uns über das wahre Gesicht der deutschen Gesellschaft und radikalen Humanismus.

VICE: Wir müssen uns wahrscheinlich nicht mehr über eure Aktion an sich unterhalten. Wenn man „Mauertote" googelt, kommen drei Seiten mit Artikeln zu euch. Was denkst du über die Berichte?
Cesy Leonard: Es wurde über sieben Kreuzen geschrieben (14 sind es), oder dass wir linksradikale Asyl- oder Flüchtlingsaktivisten seien. Alles Begriffe, mit denen wir uns überhaupt nicht identifizieren. Ich persönlich bin weder links, noch bin ich Aktivistin. Wir alle sehen uns als Humanisten. Das ganze Projekt ist ein konservativer Aufbruch mit humanistischen Werten.

Was heißt das?
Wir glauben an grundlegende humanistische Werte, an die Gleichheit der Menschen. Wir sind Künstler und überhaupt nicht linksradikal. Wir verstehen diese ganze Sache als einen Anstoß, die europäische und weltweite Völkerverständigung voranzubringen und die abendländische Kultur zu bewahren.

Die Reaktionen sind ja eine Mischung aus positiven und vielen extrem negativen Kommentaren.
​Wir haben innerhalb von zwei Tagen 300 Prozent unseres Crowdfundingziels erreicht. Das heißt, Menschen wollen den ersten europäischen Mauerfall, und zwar unbedingt. Allerdings brauchen wir noch viel mehr Geld, damit möglichst viele Busse fahren können. Der Wind, der uns vom Boulevard entgegenschlägt, war relativ voraussehbar.

Aber gerade das finde ich ziemlich entlarvend. Sowohl diese Berichte, als auch die Kommentare darunter reißen ein bisschen die Maske vom Gesicht der Verfasser, oder?
Seit wir am Montag eine Pressemitteilung über die Aktion rausgeschickt haben, regt sich ganz Deutschland darüber auf, dass 14 natürlich große und wichtige Symbole weg sind. ​Und gleichzeitig sterben aber 24 Menschen im Flüchtlingsboot vor Instanbul, was eine winzige Meldung bekommen hat. Und wir waren auf Deutschlands Titelseiten. Das reißt die Maske vom Gesicht der deutschen Bevölkerung. Jeder weint nur um seine eigenen Toten. Sobald jemand woanders herkommt, wird nicht mehr viel darüber nachgedacht. Wir können den alten Mauertoten nur vollumfänglich gedenken, wenn wir auch den neuen Mauertoten gedenken.

Haben die Einheitsfeierlichkeiten und die Überhöhung eines Denkmals zu etwas unantastbaren auch etwas mit Nationalismus zu tun?
Zum Thema Nationalismus möchte ich eigentlich gar nichts sagen. Es ist großartig, dass wir diesen Tag feiern können und wir sollten diesen Tag auch feiern. Dafür haben ganz viele tolle Leute gekämpft, dass es möglich wurde. Aber es ist fatal, wenn eine Gesellschaft nur noch feiert und nicht erkennt, dass momentan genau das gleiche außerhalb Europas stattfindet. Dass Menschen, die nur versuchen reinzukommen, an Grenzen sterben und das immer noch mehr Grenzen aufgebaut werden.

Was sagt ihr Kritikern, die den Zusammenhang zwischen den beiden Grenzen nicht erkennen wollen?
Wir vergleichen nicht monokausal, sondern wir wollen übergeordnete Zusammenhänge darstellen. Es ist schwierig, wenn an so einem großen Gedenktag nicht weitergedacht wird. Es wird ein Fall der Mauer gefeiert und Milliarden werden in den Bau von neuen Mauern gesteckt. Und da muss weitergedacht werden.

Das leere Denkmal für die Maueropfer am Spreeufer (Foto: Ruben Neugebauer)

Ich finde ganz interessant, dass ihr mit dem Denkmal eine Sache, die explizit Geschichte ist, in die Jetzt-Zeit bringt.
Wir haben alle unsere Großeltern gefragt, „Habt ihr nicht gewusst, was im Dritten Reich vonstatten geht? Und warum habt ihr nichts dagegen getan?" Wie werden Historiker in 100 Jahren über uns und unsere Zeit urteilen? Werden meine Kinder oder meine Enkel vielleicht mich fragen, „Wusstest du nichts davon, dass immer wieder Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken? Wusstest du nichts davon und hast du nichts dagegen getan?"

Das ist ein großer künstlerischer Antrieb für uns: Was würden Historiker in 200 Jahren über unsere Zeit sagen? Und so habe ich gehandelt, wie ich es für richtig empfinde. Ich war gerade kurz vor Melilla in einem Flüchtlingscamp. Alle Gedanken, die wir uns hier machen, stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu den Lebensbedingungen der Menschen dort. Sie werden von der marokkanischen Polizei niedergeknüppelt und haben weder ärztliche Hilfe noch Essen oder Medikamente.

Was für Leute fahren in den Bussen mit?
Die Bustour ist das Wichtigste, was wir voranbringen wollen. Wir haben jetzt fast zwei Busse zusammen und je mehr Busse es sind, desto mehr Menschen können an die Grenzen fahren und desto mehr Verwirrung können wir da stiften und größere Löcher in den Zaun schneiden. Es haben sich auch viele Presseleute angemeldet, aber da wollen wir eher aussortieren. Wir wollen auf keinen Fall einen Pressebus haben, sondern wenig Presse und viele Aktivisten, viele friedliche Revolutionäre.

Wo sind die Kreuze jetzt und kommen sie wieder nach Berlin?
Die Kreuze haben eine ihnen sehr willkommene Reise unternommen; an die europäische Außenmauer. Es war von Anfang unser Plan und der der Kreuze, dass sie wieder zurückkehren werden. Die Kreuze ertragen die Gedenkfeier nicht, aber sie werden zurückkehren. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie an ihren Platz zurückkehren wollen, wenn sie sehen, was für ein riesiges Engagement der friedlichen Revolutionäre ihnen entgegenschlägt.

Die Kreuze wollen also nicht in Berlin sein, sondern dort, wo tatsächlich noch Grenzen bestehen?
Wenn ich mir vorstelle, dass ich damals mein Leben lassen musste oder bereit war zu fliehen, und dann wegen unterlassener Hilfeleistung an diesem Zaun verblutet wäre, dann würde ich doch mitfühlen mit den Menschen, die die nächsten Mauertoten sein werden.