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Die Rolle der Frau im Jahr 2017, erklärt an dieser Anzeige für ein Gartenhaus

Man wünscht, dass die Protagonistin aus 'Feuchtgebiete' vorbeikommt und alles mit Durchfall vollschmiert, bevor Nina Hagen das Ding schreiend mit einer Axt zerkleinert.

Zu jeder Ära, sagt man, gibt es das passende Bild. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs: den knutschenden Matrosen. Zur deutschen Teilung: den Berliner Grenzsoldaten, der über den Stachenldrahtzaun springt. Zu sexuellen Befreiung in den 60ern in Deutschland: die nackte Uschi Obermaier.

Normalerweise stellt sich erst eine Weile nach dem Ende der Ära heraus, welches Bild wirklich ikonisch für seine ganze Zeit steht. Normalerweise. Denn das Bild, das die sogenannte "postfeministische Ära" und die Rolle der Frau im Jahr 2017 perfekt einfängt, steht jetzt schon fest: Es ist diese Hornbach-Anzeige für ein "Gartenhaus für Frauen".

"Na ja", höre ich euch denken, "ist das nicht ein bisschen übertrieben? Klar, bisschen viel Lila-Töne, aber sieht doch eigentlich ganz gemütlich aus, das Ding! Ist doch super, wenn Frauen auch mal einen Ort ganz für sich bekommen!" Nein, ist es nicht. Dass ihr überhaupt so denkt, zeigt höchstens, wie massiv das Problem bereits ist. Denn je genauer man das Bild betrachtet, desto deutlicher wird: Diese Anzeige beinhaltet alles, was in unserer Zeit schiefläuft.

Vorneweg: Auch wenn es auf den ersten Blick ziemlich nahe liegt, richtet diese Anzeige sich nicht an potenzielle Entführer, die vorhaben, eine Frau über Jahre in ihrem Gartenschuppen einzusperren. Der ganze Horror liegt nämlich in der Tatsache, dass die Frau sich freiwillig in dieses 244 mal 244 Zentimeter große Kabuff begibt. Freiwillig.

Die Ausbeutung der Verzweiflung

Nach ein bisschen Googeln haben wir herausgefunden, wie Hornbach überhaupt auf die Idee gekommen ist, diesen überteuerten Schuppen als Gartenhaus für Frauen oder "She Shed" zu verkaufen. Offenbar war das ein Trend, der letzten Sommer in den USA aufkam. Irgendjemand erfand irgendwo den "She Shed" als Gegenstück zum "Man Cave", und kurz darauf fluteten Frauen ihren Instagram-Account mit Bildern ihrer pastellfarbenen, plüschkissenverzierten, feminin-fluffig eingerichteten Gartenschuppen. Und ein Jahr später ist das Ding dann halt im Hornbach-Katalog.

Auf den ersten Blick ist das nur fair: Wenn der Mann seine "Man Cave" hat, in der er biersaufend unterm Hirschgeweih Fußball glotzen darf, dann soll doch die Frau auch ihr Refugium bekommen, wo sie Yoga machen, Bücher lesen oder Tee trinken – "was die Tussis halt so machen", hört man den Hornbach-Manager förmlich seinen Texter anschnaufen.

Aber eben nur auf den ersten Blick. Denn die Man Caves waren schon für Männer eine beschissene Idee. Das war nie mehr als ein perfider Trick, um auch noch aus der existenziellen Verzweiflung des modernen Mannes Profit zu schlagen. Er fühlt sich von allen Seiten eingezwängt und gefangen, und im Fernsehen lernt er dann, dass die Lösung dafür ist, sich im Keller oder in der Garage zu verstecken. "Kauf dir einen Billardtisch aus Kirschholz und einen großen Fernseher", raunt die Werbung, "dann tut es nicht mehr so weh, dass dein Job scheiße ist und deine Frau dich für einen Idioten hält!"

Im Grunde ist es nur konsequent, dass die Industrie jetzt das Gleiche mit den Frauen macht. Statt dass sie miteinander reden, sitzt der Mann jetzt im Keller und die Frau im Schuppen – und die Wirtschaft verdient an der Ehekrise.

Die dämlichen Klischees

Die Hornbach-Version ist natürlich ein dreistes Billig-Imitat der glamourösen Vorbilder auf Instagram, aber im Grunde ist das Prinzip das Gleiche: Weil der "She Shed" eben für Frauen ist, muss das ganze Ding in Pastellfarben gehalten sein. Im Innern ist alles luftig und leicht, die Möbel sind im Shabby Chic und ein Bilderrahmen hängt putzig schief an der Wand.

Kann sein, dass das irgendwelchen Frauen wirklich gefällt. Man wünscht sich trotzdem, dass die Protagonistin aus Feuchtgebiete da mal vorbeikommt und alles mit Durchfall vollschmiert, bevor Nina Hagen das Ding schreiend mit einer Axt zerkleinert.

Die perverse Fixierung auf das Ich

Habt ihr gesehen, wie Hornbach das schöne Ding nennt? Genau, "Ich-Zeit-Haus"! Ist das nicht allerliebst? Mach dir doch keine Sorgen, Susanne, dass gerade ein alter Mann mit Hilfe von sexistischem Hass ins Weiße Haus geritten ist. Du hast doch deinen "She Shed"! Und auch dass Frauen in den gleichen Jobs immer noch bis zu 30 Prozent weniger verdienen als Männer, das lässt sich viel leichter vergessen, wenn man verträumt in seinem Schuppen sitzt und einen Macha-Tee brüht. Und dass dieselben Typen, die dir gerne die Abtreibung verbieten wollen, sich jetzt angeblich um deine Rechte sorgen, weil sie damit Stimmung gegen Muslime und Flüchtlinge machen können? Muss dich nicht interessieren, denn du sitzt sicher und geborgen zwischen Kissen und hast einfach mal "nur Zeit für dich". Und die Bestätigung, dass du ein einzigartiges Individuum bist wie alle anderen auch, hat dich nur 999 Euro gekostet.

Die erbärmliche Kapitulation vor der Welt

Im Grunde geht es in diesem Bild gar nicht nur um Frauen, es geht um uns alle. Ob man sich jetzt in seinem Gartenhaus oder im "Hobbykeller" verkriecht, ist eigentlich egal – die Botschaft ist die gleiche: Die Welt da draußen ist verwirrend und feindselig, und statt mich zu trösten und mir die Füße zu massieren, labert mein Partner mich die ganze Zeit mit seinen eigenen Problemen voll. Die Lösung: Ich sperr mich einfach in mein Ich-Zeit-Haus ein! "Ein Ort, frei von Kompromissen", schreibt die Brigitte unter der Überschrift "Diese Frauenhäuser finden wir klasse!".

Eine kleine Welt, ganz von mir gestaltet, von mir mit Leben erfüllt! In der ich mich nicht darum kümmern muss, dass in Moskau und Washington plötzlich wieder von nuklearem Wettrüsten geredet wird. In der niemand von mir verlangt, irgendwas zu ändern oder mich für irgendwas einzusetzen. In der ich ganz einfach "ich" sein kann. Wenn es sein muss, bis mir die Yoga-Hose in die Oberschenkel wächst.

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