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Diese Frau hat sich ein Jahr lang alle Körperhaare wachsen lassen

"Ein Typ fragte mich, ob ich eine Transe sei", erzählt Kristina Lang. "Er wusste gar nicht, dass Frauen solche Beinhaare haben können."

Mit Körperhaaren kann man niemanden mehr schocken, meint man. Schon in den 70ern wollten Feministinnen nicht nur weibliche Lust befreien—sondern auch den Körper von dem Zwang, glatt zu sein. Heute halten Miley Cyrus, Madonna und Jemima Kirke aus Girls ihre Achselhaare in die Kameras. Auch auf Pinterest und Twitter werden sie zelebriert. Seit etwa zwei Jahren sprießen so viele Körperhaare in den sozialen Medien und Modemagazinen, dass viele sich fragen, ob es überhaupt noch um Feminismus geht—oder einfach nur um einen Trend. 

Dass Körperhaare bei Frauen noch heute ein heikles Thema sind, zeigen aber die Videos von Kristina Lang. Die 24-Jährige hat ihre Wachsstreifen, Epilierer und Rasierer weggepackt und lässt ihre Augenbrauen, Bein-, Scham-, Oberlippen- und Zehenhaare sprießen. Und das nicht als Modestatement, sondern als Experiment. Die Reaktionen ihrer Mitmenschen hält sie gelegentlich in den Videos auf ihrem Blog fest.

"Ich glaube nicht, dass ich so mit dir in die Kiste steigen würde!", meint ein Kerl.

"Die müssen weg", sagt eine ältere Frau am Strand.

"So ein hübsches Mädchen und so viele Haare—das geht gar nicht", sagt ihre Freundin und fragt später: "Machst du Reklame für Veet?".

"Ich würde total gern Werbung für Veet oder Gillette machen", sagt Kristina zu VICE. "Mit meinen pelzigen Beinen zwischen den aalglatten Frauen liegen und "I'm your Venus, I'm your fire" singen. Aber leider sind Beinhaare in Deutschland nicht einmal in Rasiererwerbungen zu sehen."

Kristina reist momentan durch Namibia und versucht, die lokalen Flechtkünstlerinnen zu überzeugen, ihre Achselhaare zu Zöpfen zu flechten. Wir haben sie angerufen und mit ihr über ihren Haarwuchs und die Reaktionen darauf gesprochen.

Das ist Kristina

Foto: Screenshot von YouTube

VICE: Ich stelle gerade fest, dass ich keine Ahnung habe, wie lang Körperhaare bei Frauen überhaupt werden können. Wie lange sind sie bei dir nach einem Jahr?
Kristina: [Lacht] Warte mal, ich hole mal ein Lineal. Also, Achselhaare: gute 3 Zentimeter. Beine: 2,2 Zentimeter. Meine Schamhaare messe ich jetzt nicht nach, aber so sechs Zentimeter, würde ich mal sagen—wenn man die Löckchen streckt. Das ist aber bei jedem unterschiedlich. Ich habe schon immer krassen, dunklen Haarwuchs gehabt. Ich habe sogar Haare auf den Füßen und Zehen. Die habe ich früher immer besonders gehasst, weil ich sie einzeln auszupfen musste. Das sind so ungefähr ein halbes Hundert Härchen—also total viel Zeit, die ich früher vor jedem Ausgehen einplanen musste.

War es schwer, sie einfach sprießen zu lassen?
Ja, total! Ich rasiere mich, seit ich 14 bin. Am Anfang habe ich mich schon geekelt. Wenn ich ein Kleid anhatte, habe ich zwei, drei Strumpfhosen übereinander gezogen, damit man meine schwarzen Haare nicht sieht. Der Strand war auch eine Mutprobe: Viele deutsche Männer verbinden Körperhaare mit Intimität. Wenn Haare aus dem Bikinihöschen sprießen, gucken viele so, als würde ich meinen Intimbereich offen legen. Und es war auch schon eine Überwindung, sich so behaart vor einem Mann auszuziehen. Beim ersten Mal habe ich fast einen Rückzieher gemacht und mir überlegt, doch noch schnell den Rasierer meiner Mitbewohnerin zu benutzen. Ich habe mir vorgestellt, was für ein Bild der Kerl zu sehen bekommt: Ein winziges Victoria-Secret-Höschen und drumherum sprießt alles wie im Dschungel. Aber dann habe ich es durchgezogen.

Und kamen die Männer damit klar?
Meinst du, ob es welche gab, die keinen hochbekommen haben? [Lacht] Ja, gab es. Aber viele Männer haben die Haare auch hochgelobt.

Christinas Beine

Screenshot von YouTube

Schonmal einen Korb wegen deiner Körperhaare bekommen?
Die krasseste Reaktion gab es in einem Club in Lübeck. Ich war total aufgetakelt: High Heels, kurzes, rückenfreies Kleid mit Pailletten. Ein junger Mann kam auf mich zu und sagte, ich sei die schönste Frau, die er je gesehen hat. Ich hatte gerade mit meinem Videoprojekt angefangen und habe ihn gebeten, das vor der Kamera zu wiederholen. Das tat er auch. Dann bat ich ihn, auf meine Beine runterzuschauen. Nachdem er die Haare dort gesehen hat, wurde er sauer und sagte sofort: "Mach die Kamera aus!" Dann fragte er mich, ob ich einen Penis habe. Er hat geglaubt, ich sei eine "Transe" und wolle ihn verarschen. Er wusste gar nicht, dass Frauen solche Beinhaare haben können. Ich habe festgestellt, dass es vielen Menschen so geht.

Haben dich viele darauf angesprochen?
Angesprochen hat mich keiner. Aber total viele glotzten. Wenn ich ein Kleid anhabe, spüre ich immer Blicke im Rücken. Die Menschen tuscheln: Männer, Frauen, Pärchen. Wenn ich sie darauf anspreche, sind die Reaktionen total unterschiedlich. Von totaler Bewunderung bis zu komplettem Ekel. Einige sagen, glatt sähe es einfach ästhetischer aus. Aber bei Körperhaaren geht es nicht nur ums Aussehen, sondern um den Machtkampf zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Mann und Frau. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich auszusehen habe. Männer müssen damit klarkommen, dass ich mit meinem Körper mache, was ich will.

Christinas Bikinizone

Screenshot von YouTube

Körperhaare als feministisches Anliegen—hatten wir das nicht schon in den 70ern?
Diese Diskussion kommt in Wellen. Gerade gibt es einen neuen Schub. Früher war eine Frau mit Körperhaaren ein Hippie—sie gehörte zu einer bestimmten Gruppe. Inzwischen muss man sich nicht mehr in eine Schublade packen. Ich kann eine Tussi im sexy Minikleid sein und trotzdem Beinhaare haben. Mit ging es darum zu zeigen, dass wir mit unseren Körpern machen können, was wir wollen.

Findest du Körperhaare jetzt schöner als vorher?
Ja! Ich will nicht mehr die gephotoshoppte Version von mir selbst sein. Meine Zehenhaare finde ich immer noch hässlich. Aber jetzt gucke ich meine Zehen an und denke: Ihr seid kleine, hässliche Hobbitwesen, aber ich stehe zu euch. Das ist natürlich, das ist echt. Klar sieht auch glatte Haut gut aus. Jeder, der Lust darauf hat, soll wachsen, rasieren, epilieren, wie er will. Mich stört nicht das Enthaaren an sich, sondern die Industrie dahinter.

Ich habe mit einer Freundin mal zusammengerechnet, wie viel wir zu zweit für Rasieren, Wachsen und Epilieren ausgeben und wir kamen auf 300 Euro im Jahr. Außerdem müssen Frauen für Rasierer auch oft mehr bezahlen als Männer. Im letzten Jahr ergab eine Stichprobe in Hamburg, dass es diese "pink tax" auch in Deutschland gibt—Frauenrasierer kosteten bis zu 25 Prozent mehr als die für Männer. 
Ich hatte schon immer Männerrasierer—die funktionieren meiner Meinung nach besser. Und ich sehe auch nicht ein, für ein Produkt mehr zu bezahlen, nur weil es hübsch ist. Mit dem Geld, das ich mir durch das Nichtenthaaren spare, kann ich ein Wochenende in Mailand finanzieren. Und die zusätzliche freigewordene Zeit … Das ist schon eine Woche Urlaub. [Lacht]

Aber ganz ehrlich: Freust du dich nicht auch ein bisschen darauf, dich wieder rasieren zu können?
Irgendwann werde ich mich schon wieder rasieren, vor allem im Intimbereich. Ich laufe gern ohne Unterwäsche herum, manchmal ist es unbequem, weil die Haare sich verheddern. Und ich habe richtig Lust, mir wieder die Augenbrauen zu zupfen. Vielleicht mache ich das schon bald. Bei meinem Projekt geht es ja nicht darum, so haarig wie möglich zu sein. Mir geht es um die Freiheit. Nach dem Motto: Das bin ich, nehmt das komplette Paket, mit Haut und Haar. Ich bin ich und ich mache, was ich will: rasieren oder auch nicht, wachsen oder wachsen lassen.

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