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Dieser 21-Jährige kandidierte als Bürgermeister, weil er sich in seinem Dorf langweilte

Er wollte Martin Sonneborn imitieren. Jetzt könnte er wegen Volksverhetzung und Urkundenfälschung im Gefängnis landen.

Eigentlich wollte der 21-jährige Henricus Pillardy der jüngste Bürgermeister Hessens werden. Jetzt sitzt er auf der Anklagebank. Ein dünner Philosophie-Drittsemester-Student mit Hut über Haar, das über den Ohren liegt. Henricus reibt seine Hände aneinander, faltet sie zusammen, reibt sie nochmal. Er wollte mit seiner Bürgermeisterkandidatur Satire machen – und wurde ernst genommen. Deswegen steht er nun vor Gericht: wegen Wählertäuschung, Volksverhetzung und Urkundenfälschung. Im schlimmsten Fall droht ihm eine Gefängnisstrafe.

Henricus Pillardy ist sein echter Name; er passt zu seiner haarsträubenden Geschichte. Beides klingt, als hätte er es sich ausgedacht.

Erster Prozesstag, Ende November 2016, Amtsgericht Korbach. 15 Leute sagen gegen ihn aus: dass er sie getäuscht habe, als sie für ihn als Bürgermeisterkandidaten unterschrieben haben. Dass sie gar nicht wussten, was sie da überhaupt unterzeichnet haben. Sie haben ihn angezeigt, weil sie wollen, dass er einen Denkzettel bekommt. Anders als bei "Erdoğan gegen Böhmermann" fiebert im Fall "Dorfbewohner gegen Henricus" nicht das ganze Land mit. Henricus verteidigt sich vor Gericht selbst. Im Publikum sitzen zwei Freunde.

Henricus machte nicht viel, um vor Gericht zu landen. Er sammelte Unterschriften und setzte Facebook-Posts ab – aber aus Sicht der Dorfbewohner griff er ihr Lebensmodell an. Es ist die gaga-eske Eskalation der Rebellion eines 21-Jährigen gegen die Einöde in seinem Heimatort, einem 700-Einwohner-Dorf in Hessen.

Schafe und Felder. Der Blick reicht nie weiter als bis zum nächsten Hügel | Alle Fotos: Lisa Ziegler

Das Dorf: Ehringen, in Nordhessen in der Nähe von Kassel. Ein winziger Punkt ziemlich genau in der Mitte der Deutschlandkarte; im Zentrum eine Backsteinkirche auf einer Wiese und ein prächtiges Fachwerkhaus, auf dessen Fassade steht: "GOTT GAB DIE ZEIT – VON EILE HAT ER NICHTS GESAGT". Am Sportplatz hängen die Glieder des einzigen Basketballkorbs traurig herunter, es gibt einen Kindergarten, einen Bäcker, keine Schule. Auf den Feldern um den Ort grasen Schafe. Egal in welche Richtung man schaut, der Blick reicht nie weiter als bis zum nächsten Hügel.

Für Henricus war das zu eng.

Statt Teil des Dorfes zu werden, hinterfragte er das Leben dort: Warum hat seine Oma so viel Ehrfurcht vor dem Pfarrer? Was finden die Bewohner daran, sich immer wieder im einzigen Café "'s Cafe" bei Cola-Bier zu unterhalten? Warum würde seine Oma den Bürgermeister nur hereinlassen, wenn die Küche aufgeräumt ist? Kann nicht jeder Bürgermeister werden?

Vor zwei Jahren verabschiedete der Landtag Hessen ein Gesetz: Bürgermeister müssen nicht mehr mindestens 25 Jahre alt sein, sondern können schon mit 18 Jahre kandidieren. Sein Dorf Ehringen gehört zum Wahlkreis Volkmarsen, der nahegelegenen Kleinstadt. Der konservative Bürgermeister – der regiert, seit Henricus denken kann – nervt ihn. Er wird in Henricus Augen vor allem gewählt, weil er auf jeder Karnevalsparty auftaucht und jedem schon mal die Hand geschüttelt hat. "Ich habe nach einer politischen Agenda des Bürgermeisters gesucht – aber keine gefunden", sagt er. Aber wenn einer die Stadt nur verwaltet, warum nennt er sich dann Politiker?

Heinricus kommt auf den Gedanken: "Ich trete gegen ihn an." Einfach nur, weil er es kann.

Ehringen: Fachwerkhäuser, ein Café, ein Kindergarten – keine Schule

Als parteiloser Kandidat brauchte er 81 Unterschriften von Bürgern, die ihn unterstützen. Er ließ sich im Rathaus die Zettel geben und zog mit seinem besten Freund los. Das war um Weihnachten 2015, Henricus studierte schon im 35 Kilometer entfernten Kassel, lebte aber noch in Ehringen, um Geld zu sparen. Sein Kommilitone und er liefen durch die umliegenden Dörfer, klingelten an Türen und erzählten den Bewohnern mal, dass sie das Jugendzentrum in Volkmarsen erhalten wollen, mal redeten sie über das Freibad in Ehringen. Dass er nicht immer von der Bürgermeisterkandidatur gesprochen hat, gibt Henricus zu. "Es hat mir nie jemand gesagt, wie ich die Zettel vorzustellen habe", sagt er. "Was kann ich dafür, wenn die Leute die Zettel nicht richtig lesen?"

Nach drei Tagen Sammeln hatte er die Unterschriften beisammen – und meldet sich bei einem Lokaljournalisten der Waldeckischen Landeszeitung. "Zwischen den Jahren ist nichts los", sagt Redakteur Elmar Schulten, der sein Büro in der nahegelegenen Kleinstadt Bad Arolsen hat. Auf seinem Schreibtisch steht eine Tasse mit dem Aufdruck "Mocka-Rocka", vom Fenster aus schaut er auf die Kirche. "Toll, dachte ich", sagt er, "ich kann einen Kandidaten vorstellen."

Henricus dachte: "Ein Bild erschaffen, das die Wähler mögen, das kann ich auch."

Zum ersten Interviewtermin als Bürgermeisterkandidat kam Henricus mit Holzkreuz-Kette um den Hals und Bibel unterm Arm. Christ, denkt Henricus, ein Image, das der gemeine Provinzler schätzt. Er will mit seiner Kandidatur die Lokalpolitik in der Kleinstadt karikieren. Eine Wahl, die für ihn nichts mit Demokratie zu tun hat, weil es immer nur einen Kandidaten gab. Eine One-Man-Show, ein Nicht-Wahlkampf. "Ich glaube dem Bürgermeister nicht, dass er wirklich alle mag", sagt Henricus. "Er präsentiert sich nur genau so, dass die Leute ihn wählen." Das hat nichts mit Henricus' Traum von Politik zu tun: Freiheit, Feminismus, Transhumanismus, bedingungsloses Grundeinkommen – als Übergang. Das Ziel: eine Welt, in der die Menschen durch wissenschaftlichen Fortschritt unendlich leben und nie wieder arbeiten, weil Maschinen die Arbeit erledigen. Aber mit den wirklich wichtigen Zielen beschäftige sich ja niemand in der Lokalpolitik.

Nur die Bürger von Ehringen, die sehen das eben anders. "Hartmut Linnekugel nimmt unsere Probleme ernst", sagt eine Frau, die gerade von der Sonntagsmesse kommt. "Da gab es zum Beispiel die Treppen, über die ich den Kinderwagen nicht schieben konnte und wo er das schließlich mit einer Rampe löste." Eine andere wählt ihn, "weil er freundlich ist".

Ein Bild erschaffen, das die Wähler mögen, das könne er auch, dachte Henricus. 62 Prozent der Hessen sind christlich. Also wurde Henricus zum traditionellen Christen.

Ein erster Artikel in der Lokalzeitung präsentiert ihn auch noch so. "[...] mit einem sympathischen Lächeln erzählt er von sich, seinen 14 Punkten in der mündlichen Abiturprüfung im Fach Religion", schreibt Schulten. 

Doch dann verriet sich Henricus selbst mit einem öffentlichen Facebook-Post. Er schrieb, dass er vorhatte, sich als christlich-frommer Kandidat auszugeben. Der Journalist las mit. "Meine Kunstfigur wurde zu schnell zerschlagen", sagt Henricus.

In der Lokalzeitung sahen die Leute, die für ihn unterschrieben haben, dass er zur Bürgermeisterwahl antrat. Sie riefen im Rathaus an und widerriefen ihre Unterstützung: Er habe sie getäuscht. Er habe nichts davon gesagt, dass er Bürgermeister werden wolle. Ein Jahr später sagen vor Gericht vier von ihnen aus: Auf den Zetteln habe auch gar nichts von der Wahl gestanden. Sie werfen ihm vor, auf die Formulare das Logo des Freibads geklebt zu haben – und es, bevor er sie eingereicht hat, wieder abgemacht zu haben. Es ist ein neuer Vorwurf im laufenden Prozess: Urkundenfälschung. Spezialisten müssen prüfen, ob er an den Zetteln wirklich etwas verändert hat. Die Formulare sind jetzt beim Landeskriminalamt, erfahren wir aus Gerichtskreisen. Der nächste Verhandlungstermin wird vertagt.

Elmar Schulten in seinem Büro

Journalist Schulten bekam nach seinem ersten Artikel über Pillardy vor einem Jahr mit, dass Henricus sich die Unterschriften für die Kandidatur erschlichen haben soll. "Deshalb habe ich mich mit in den Wahlausschuss gesetzt", erzählt er. "Normal wird dort nur bestätigt: Alle Unterschriften stammen von Leuten aus dem Wahlkreis." Normal gehen Journalisten dort gar nicht hin. Normal gibt es in der Kleinstadt nur einen Kandidaten. Und noch nie in den Jahrzehnten, in denen Schulten über Volkmarsen schreibt, hat es einen Vorwurf wie Wählertäuschung gegeben. Doch alle Unterschriften stammen von Menschen aus dem Wahlkreis. Trotz des Vorwurfs bestätigt das Gremium Henricus als Kandidaten.

Nach der Wahlausschusssitzung erscheint der erste kritische Artikel über Henricus: "Trotz Vorwurfs der Täuschung: Auch Pillardy für Bürgermeisterwahl zugelassen". Es ist der erste von vielen.

Die Bürger und der Lokaljournalist sind sich einig: doch nicht der!

Mit zwei Bürgermeisterkandidaten in einer Kleinstadt dürfte sich Volkmarsen eigentlich glücklich schätzen. In Dörfern und Kleinstädten wird es immer schwieriger, Menschen zu finden, die bereit sind, Ämter zu übernehmen. Bei den Kommunalwahlen stehen auf vielen Listen gerade so viele Bewerber, wie es Sitze gibt. Wenn jemand zurücktritt, wegzieht oder stirbt, gibt es kaum Nachrücker. In sieben Dörfern im Umkreis von Volkmarsen gab es 2016 keinen Ortsbeirat mehr, weil Kandidaten fehlten. Eigentlich freut man sich in Nordhessen über neue Kandidaten. Aber die Bürger und der Lokaljournalist sind sich einig: doch nicht der!

Die Bewohner der Kleinstadt empfinden Henricus' Kandidatur als Farce: Da will einer Bürgermeister werden, den niemand kennt. Antreten gegen Bürgermeister Hartmut Linnekugel, der den Job seit 18 Jahren gut erledigt. "Eine Witznummer war das, von Anfang an", sagen Anwohner, egal wen man fragt, von der Schenke mit der Dart-Scheibe bis zum Café voller Wandtattoos und Schwarzwälder Kirschtorte in der Auslage.

Der Schwimmbadverein schreibt auf Facebook: "Der Schwimmbadverein Ehringen e.V. distanziert sich von der Unterschriftensammlung in Lütersheim von Herrn Henricus Pillardy und einer weiteren unbekannten Person." Den Verein haben Bürger gegründet, um das Bad trotz Geldnot zu erhalten. "Sonst zieht ja gar keiner mehr her", sagt ein Anwohner. Ausgerechnet diesen Verein habe Henricus für seine Zwecke missbraucht.

"Man sah ihn immer nur vorbeiflattern mit seinem Hut", sagt Henricus' Nachbar

Sympathien für Henricus hat fast keiner, selbst Menschen, die nur einige Häuser neben dem seiner Eltern wohnen. "Man sah ihn immer nur vorbeiflattern mit seinem Hut", sagt ein Nachbar, der Eisenstangen zu seinem Trecker trägt. Seit er 13 Jahre alt war, ging Henricus am liebsten alleine über die Felder oder blieb ganz in seinem Zimmer, er las Kafka und später auch Adorno. Große Bücher gegen die Einfältigkeit. Im Gefühl, den anderen überlegen zu sein, aber eben auch auf sich alleine gestellt. Seine Intelligenz bemisst er selbst auf einer Skala von 1 bis 10 bei 10. "10 wirkt zwar eingebildet, aber 5 wäre gelogen", sagt er.

In einem Facebook-Post zitiert Pillardy den Wahlleiter und unterschreibt mit Adolf Hitler

Wie die Leute hinter den Nachbarstüren heißen, sagt er, interessiere ihn nicht, auch nicht, was sie arbeiten, oder wer mit wem beim letzten Dorffest geknutscht hat. In Berliner Mietshäusern hat man sich damit arrangiert, nichts über seine Nachbarn zu wissen. Henricus aber lebt das Großstadtleben in einem 700-Einwohner-Dorf mit Gutshöfen, Vereinen und Grüßkultur. In einem Ort, wo der Zusammenhalt alles ist. Und irgendwann reicht es ihm nicht mehr, die Leute im Dorf nur infrage zu stellen. Er will sie provozieren.

In einem Facebook-Post zitiert Pillardy den Wahlleiter und unterschreibt mit Adolf Hitler. Der Wahlleiter zeigt ihn wegen Beleidigung an und tritt zurück, um nicht voreingenommen zu wirken – Henricus ist immerhin Bürgermeisterkandidat und der Wahlleiter fühlt sich offenbar befangen. Ein paar Tage später folgt ein Post, der Henricus eine weitere Anzeige einbringt, diesmal wegen Volksverhetzung: "Zu den Ereignissen in Köln", schreibt er. "Ich denke, hier wäre es fahrlässig, eine monokausale Erklärung abzugeben. Schuld tragen nämlich exakt zwei Minderheiten. a) Die Neger, die ihre Triebe nicht im Griff haben [...] b) Die Frauen, welche sich immer so aufreizend anziehen müssen [...] Mit völlig ernsten Grüßen, Henricus Pillardy".

Der Kampf wird persönlich

Ob das gute Satire ist? Streitbar. Klar ist aber, dass es nicht ernst gemeint ist. Henricus ist Mitglied der Partei Die PARTEI, ist Stammgast einer linken Studentenkneipe in Kassel, mag KIZ und die Antilopen Gang. Mit dem Post wollte er die populistischen Reaktionen auf die Silvesternacht überziehen und  bloßstellen. Eine junge Lokaljournalistin sah das allerdings anders. Sie machte einen Screenshot, schnitt das "mit völlig ernsten Grüßen" weg und packte den Post auf die Seite Eins der Zeitung. Überschrift: "Bürgermeisterkandidat Pillardy im Visier: Anzeige wegen Volksverhetzung". Die Zeitung landet in quasi jedem Briefkasten in Volkmarsen (der 7000-Einwohner-Stadt) und Ehringen (dem 700-Einwohner Dorf). Henricus wurde vom Kaffeeklatsch-Thema zum Sujet. "Der hat ein paar ganz schön rechte Dinger rausgehauen", sagt ein ambulanter Altenpfleger, der vor seinem Auto steht. Beifall kommt auch, nur von der falschen Seite: "Ein Nachbar kam zu mir und meinte: 'Gut, dass du dir nicht den Mund verbieten lässt. Das muss man ja auch mal sagen dürfen'", erzählt Henricus. So gut wie alle nehmen seinen Text ernst. In Volkmarsen gibt es keinen Die-PARTEI-Parteiverband. Die Leute sehnen sich weder nach 21-jährigen Martin-Sonneborn-Imitatoren noch nach Staatsaffären à la Böhmermann. Hier gilt das gesprochene Wort.

Der Sportplatz des Dorfes

Henricus nervt, was über ihn geschrieben wird – und er stichelt zurück. Zweimal versetzt er den Journalisten Elmar Schulten zu Interviewterminen. "Ich saß im Café mit meinem Cappuccino, habe gewartet und keiner kam", sagt Schulten. 

Der Kampf wird persönlich. Der Journalist nimmt Facebook-Posts und Mails von Henricus zum Anlass für Artikel. "Ich wusste schon ganz genau", sagt Henricus, "wie ich es machen muss. Provokation in die Mitte der Mail, das kommt dann als Zitat in den Text." In einer Mail an den Journalisten schreibt er: "[...] ich denke sowieso, dass die Waldecker Bevölkerung intellektuell meinem Wahlkampf nicht gewachsen ist,[...] es sind nun mal hauptsächlich Dorfbauern." Es geht ihm nun nicht mehr um Politik und auch nicht um Satire. Es ist ein Konflikt, der sich hochgeschaukelt hat wie eine sinnlose Mutprobe. Immer weiter. Bis es plötzlich gefährlich wird.

Bürgermeister Linnekugel gewinnt die Wahl im März 2016 mit 95,3 Prozent, 2.812 Menschen haben ihn gewählt. 139 Stimmen hat Henricus bekommen. Jetzt wartet er auf seinen nächsten Gerichtstermin.

"Er sollte ein Jahr ins Gefängnis, damit er so einen Unsinn nie wieder macht."

Helden gibt es in dieser Geschichte nicht. Henricus wollte nie ein junger Bürgermeister werden, der etwa die Gewerbesteuer senkt, um Firmen und Jobs in die Stadt zu holen, wie ein 29-Jähriger Bürgermeister aus Nordrhein-Westfalen. Er wurde aber auch kein Martin Sonneborn, der es als Kunstfigur ins EU-Parlament schaffte und dort den alltäglichen Irrsinn aufdeckt. Was von Henricus' Kandidatur bleibt, ist ein laufender Prozess, die meisten der 10.000 Flyer, die er für seinen Wahlkampf als Christ gedruckt hatte, und viele negative Artikel. Die machen seinen Eltern ein bisschen Angst, sagt er. Wer will schon, dass die ersten Google-Ergebnisse des Sohns gesäumt sind von den Worten "Wählertäuschung", "Urkundenfälschung", "Volksverhetzung".

Die Dorfbewohner fühlen sich von ihm verarscht. In der Pizzeria in Volkmarsen erntet Henricus Spot: "Der Herr Pillardy ist auch da", sagt eine Frau Mitte 30 im Vorbeigehen. Der Mann am Nachbartisch starrt ihn an. Auf der Straße sagt eine Mutter, sie sei sauer, dass Henricus sie als "Dorfbauern" bezeichnet hat. Sie und ihr Mann sind Eltern eines schwerbehinderten Kindes. Der Vater sagt, ihn ärgere, dass "einer wie Pillardy sich einmischt, der doch gar nichts voranbringen will". Für die Läden im Stadtkern, die Arbeit bringen, damit Familien ihre Miete bezahlen können. Ob es notwendig ist, dass 15 Anwohner vor Gericht aussagen, ist eine andere Frage.

Anfang März geht der Prozess weiter, dann sollen die unterschriebenen Zettel ausgewertet sein. Der Journalist Schulten sagt: "Sozialstunden sollte er bekommen, ihm muss einfach mal einer zeigen, wo es langgeht. Er hat die Grundfesten unserer Demokratie mit Füßen getreten." Im Dorf wünscht ihm eine Frau auf dem Weg von der Kirche zu ihrem Auto "ein Jahr Gefängnis, damit er so einen Unsinn nie wieder macht".

Hericus auf dem Weg zu seiner neuen WG in Kassel

Henricus ist in der Zwischenzeit nach Kassel geflüchtet, in seine erste WG voller Band-Sticker und Die-PARTEI-Plakate. Als er durch eine besprayte Unterführung zur Uni läuft, strahlt er. Kassel wirkt nach Tagen in Ehringen für ihn wie New York. Hier bekommt er keine verbalen Seitenhiebe, keine Sprüche und Blicke. Im Philosophiestudium erntet er für seine Aktion Lacher und ein bisschen Kritik für den Post über die Silvesternacht.

Es war eine Bürgermeisterkandidatur, bei der es nie um Politik ging, sondern um Rebellion. An einem Ort, der viel Platz hat. Aber keinen für Rebellen.

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