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Enric Duran will das Finanzsystem zerstören

Und er hat nicht vor, die halbe Million zurückzuzahlen.

Der Kapitalismusgegner Enric Duran lieh sich 2008 von 39 verschiedenen spanischen Banken insgesamt 492.000 Euro, ohne die kleinste Absicht oder Hoffnung, das Geld irgendwann zurückzuzahlen. Aber er hat natürlich nicht alles für diamantenbesetzte Küchenmesser und Luxusfrisbees ausgegeben. Stattdessen hat er das meiste Geld in eine Reihe Antikapitalismuskampagnen gesteckt und den Rest in Crisi, eine kostenlose Zeitung, die seine Aktionen dokumentiert und andere zum Mitmachen aufruft, investiert.

Die Darstellung des rücksichtslosen Robin Hood hat aus ihm über Nacht einen Helden gemacht, doch empfanden einige dieses Verhalten als rechtlich bedenklich und ließen ihn festnehmen. So verbrachte Enric 2011 zwei Monate im Gefängnis, konnte die Zeit bis zum Verfahren, das Anfang dieses Monats hätte stattfinden sollen, aber in Freiheit verbringen. Im Falle einer Verurteilung warten auf ihn acht Jahre Gefängnis, was wahrscheinlich dazu beitrug, dass er bei seinen Gerichtsterminen nicht erschien. Nun wird er per Haftbefehl gesucht.

Schon seit einigen Jahren versuche ich, Enric zu interviewen, aber wie die 14 Finanzunternehmen, die zur Zeit versuchen, ihn wegen Unterschlagung einzubuchten, bezeugen können, ist Enric nur schwer zu kriegen. Nach unzähligen E-Mails haben wir schließlich ein Skype-Date ausgemacht. Das wiederum wurde um drei Stunden verschoben, aber wenn du den Sturz des kapitalistischen Systems planst, ist dir Zeit wahrscheinlich nicht ganz so wichtig wie Anderen.


Enric mit der Zeitung Crisi

VICE: Hey Enric, was ist eigentlich aus deinem Prozess geworden?
Enric Duran: Das Gericht akzeptierte den Rücktritt meines Anwalts am 13. Februar. Dann sollte ich am 18. wieder vor Gericht erscheinen, was ich nicht tat. Da ich noch keinen neuen Anwalt habe, kann das Verfahren zur Zeit nicht fortgeführt werden, denn das würde meine Rechte verletzen.

OK, verstehe. Mal von vorne. Alles hat im Jahr 2000 angefangen. Woher kommt dein Interesse am Finanzwesen?
Na ja, damals gehörte ich der Antiglobalisierungsbewegung an. Im Jahr 2005 habe ich viel über die Energiekrise gelesen, die mit dem Finanzsystem verknüpft war. Ich stellte fest, dass das System nicht nur unerwünscht war, sondern auch unmöglich so fortgesetzt werden konnte. Dadurch kam meine Idee des Widerstands zustande—Geld von den Banken nehmen und es in antikapitalistische Projekte investieren.

In gewisser Weise hast du den Link zwischen Finanzwesen, Politik, multinationalen Konzernen und Regierungen prognostiziert, was vielen noch gar nicht bewusst war. Woher wusstest du, dass nicht nur ein Teil des Systems versagt hat, sondern dass ein globaler Faktor all diese Aspekte herbeigeführt hat?
Als wir uns im Jahr 2000 gegen den Internationalen Währungsfond und die Weltbank gerichtet haben, stellten wir fest, dass es sich um ein globales Problem handelte. Es war jedoch nicht klar, dass das System von ganz alleine versagen würde. Wir dachten, wir müssen es stürzen, nicht, dass es von sich aus kollabieren würde.

Wolltest du mit den Krediten zeigen, wie man das System ausnutzen kann?
Unter anderem, ja. Es gab zwei Hauptziele: Zum einen wollte ich zeigen, dass das System unhaltbar ist, zum anderen, dass wir Widerstand leisten und mutig sein können. Mich haben historische Persönlichkeiten wie Gandhi inspiriert und mir war es wichtig, solche Aktionen zurück ins 21. Jahrhundert zu holen. Wir wollten das Geld in ein Projekt stecken, mit dem wir beweisen können, dass andere Systeme als Kapitalismus möglich sind.


Enric im Gerichtssaal

Wie sah dein Alltag in der Zeit aus, als du bei den Banken Kredite beantragt hast? 
Das war zwischen Sommer 2005 und Frühling 2008—fast drei Jahre. Ich lernte, wie das Darlehensystem funktioniert und auf welche Informationen die Banken angewiesen sind, um Kredite zu gewähren. Ich erkannte die Lücken im System und wie man sie umgehen kann. Zuerst wurde nur ein Drittel der Anträge gewährt, zum Schluss waren es neun von zehn. Ein Schlupfloch gab es zum Beispiel bei der Bank von Spanien, die ihre Darlehensinformationen mit anderen Banken teilte, allerdings nur für Kredite von mehr als 6.000 Euro. Ich habe also zwei Jahre lang nur Kredite unter dieser Summe angefragt und konnte so Geld transferieren, ohne dass die Bank von Spanien es kontrollieren konnte.

Hast du irgendwann gedacht: „Ach du Scheiße, habe ich viel Geld“? Oder hast du es direkt ausgegeben?
Das Geld wurde sofort investiert. Ich hatte nie mehr als 50.000 Euro. Es wurde alles für verschiedene Projekte ausgegeben.

Du hast keins der Projekte genannt, die du finanziell unterstützt hast. Sind dir einige bekannt, die aufgrund deiner Investitionen gerichtlich verfolgt werden?
Nein, überhaupt nicht. Eigentlich interessierten sich die Banken überhaupt nicht dafür, wofür das Geld genutzt wurde. Es gab keine Untersuchungen und da wir politisch agierten, wollten sie nur mich unterdrücken, nicht das Kollektiv. Sie wollten das Ganze nicht noch mehr aufbauschen.

Du hast deine eigene Zeitung, Crisi, herausgebracht. Wieso wolltest du deine Botschaft auf diese Weise und nicht durch reguläre Medienkanäle verbreiten? 
Ich habe lange überlegt, wie ich diese Geschichte öffentlich machen kann. Ich wollte so viele Menschen wie möglich erreichen und fürchtete, unterdrückt zu werden. Also entschieden wir uns dazu, einen Teil des Geldes für den Druck der Zeitung zu nutzen. Das war, glaube ich, unsere beste Entscheidung. Die Medien fanden heraus, dass diese Zeitung auf der Straße verteilt wurde, und wollten nicht ausgeschlossen werden. Durch die Herausgabe unserer Zeitung schafften wir es tatsächlich in die Mainstreammedien.

Wenn es klappt, was für Konsequenzen hätte das? Wie würde die Welt aussehen? 
Viele Leute tun das schon aus Versehen, indem sie ihre Schulden nicht abbezahlen, was dem Finanzwesen schadet. Kleine Kredite und private Hypotheken richten nicht viel aus, aber große Baufirmen und Bauträgergesellschaften, die ihre Schulden nicht mehr zahlen können und Pleite gehen, umso mehr. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß, dass sich das Gesamtkonzept global bewährt. Wichtig ist aber vor allem, die Idee, dass kleine Veränderungen und Entscheidungen die Welt zu einem besseren Ort machen können, zu verbreiten.

Der Satz „Ich ziehe riskante Freiheit der friedlichen Sklaverei vor“ spiegelt deine Arbeit in gewisser Weise wider. Du öffnest die Tür für massiven Volkswiderstand. 
Ja, es geht darum, konsequent das zu tun, was du für richtig hältst, selbst wenn eine Autorität dich daran hindern will. Interessant wäre es, eine Kampagne über die Effizienz des Systems zu starten und das Justizwesen zu hinterfragen. Es ist ein Strafvollzugssystem, das niemandem hilft—nicht den Opfern und noch weniger den Gefangenen oder der Regierung, die für alles aufkommen muss. Es ist an der Zeit, etwas Neues zu erschaffen, nicht wahr?

Du kommst mir wie ein Versuchskaninchen mit Bomben am Körper vor, das versucht, das System zu zerstören und Alternativen auszuprobieren.
Wir erschaffen aus dem Nichts ein neues System. Es ist ein offenes, kein geschlossenes System. Keiner wird gezwungen, daran teilzunehmen. Mit dieser Art von Freiheit reparieren wir alles und entscheiden, wie das Gesundheitswesen, die Wirtschaft, Konflikte und viele weitere Dinge unserer Meinung nach funktionieren sollten. Wir testen es schon durch die Catalan Integral Cooperative (CIC) und ähnliche Projekte.

Ja, erzähl mir von der CIC.
Durch diese Versammlung haben wir eine gemeinsame Wirtschaft gegründet, organisieren den Konsum und erstellen Finanzbeziehungen, um ergiebige Projekte zu unterstützen. Unsere Infrastruktur deckt Bedürfnisse im Gesundheitswesen und allgemeine Lebens- und Ernährungsbedürfnisse. Der Punkt ist, dass es auf Selbstverwaltung basiert. Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen—Vertrauen untereinander. Bei der Revolution geht's im Wesentlichen nicht darum, das Wirtschaftswesen zu ändern, sondern alles, den Menschen, zu ändern. Es geht um jeden einzelnen Aspekt im Leben.

Würdest du diese Ideen jemals durch eine Partei ausführen?
Das große Problem hierbei ist, dass die Konzepte vieler Parteien denen der Versammlung widersprechen. Die Versammlung ist ein offener Prozess, der durch den Konsens geleitet wird. Auf der anderen Seite basiert das politische Parteiensystem auf Konfrontation.