Ich war nach fast 10 Jahren wieder in der Tequilabar am Schwedenplatz
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Ich war nach fast 10 Jahren wieder in der Tequilabar am Schwedenplatz

Eigentlich heißt das Lokal “Pizzeria del Popolo", aber man erzählt sich, dass dort noch nie eine Pizza gegessen wurde.
2.11.16

Das Leben mit 15 war hart. 15 ist ein Alter, in dem man sich ständig vergleicht​ und das auf die nicht gute Art: Ich habe nie meine Noten verglichen, sondern eher die Größe meines Ausschnitts. Oder auch, wie viel mehr Klopfer ich in kürzester Zeit in meine Blutlaufbahn bekommen kann.

Mit süßen 15 ist man in der Sturm-und​-Drang-Zeit​, in der man keine richtigen Entscheidungen trifft. Sei es die Lokal- oder die Partnerwahl. Nun, ich war natürlich nicht 15, als ich das erste Mal in der Pizzeria del Popolo am Schwedenplatz war​. Der Volksmund nennt sie auch ​Tequilabar​.

Das wäre nämlich ziemlich illegal gewesen ​und in das Empire hätten​ sie mich da auch nicht reingelassen. Deshalb war ich natürlich​ erst mit 16 da. Und auch mit 16 wusste ich natürlich nicht, wie Tequila in einem Lokal schmeckt. Ich kannte das Lokal​​ nur wegen ​​​meiner ausgefuchsten Freundin Fridi, die ​ihre Pass-Kopie von 1992 auf 1990 retuschiert hat. Damals übten viele meiner Freunde schlechten Einfluss auf mich aus.

Diese illegalen Machenschaften haben natürlich ein Ende gefunden. Jetzt ​​​sind Fridi und​​​ ich viel zu alt​ und​ kein Hahn kräht mehr nach unseren Ausweisen. ​Wenn ich​ Freunde habe, die mir nur einen Tequila hinstellen, dann bezeichne ich sie stolz als "guten Einfluss". Auf Facebook habe ich sie in der "Aus ihnen wird eventuell wirklich was"-Liste.

Hand auf's Herz: Hat euch eine Preisliste schon ​​einmal so glücklich gemacht?

​Jedenfalls irgendwann in einem Alter, in dem es OK ist,​ in der Tequilabar zu sitzen, gleichzeitig aber auch noch OK ist, am Wochenende im Empire zu "krochen"​,​ war ich dort. Die Tequilabar ist die sonderbarste Pizzeria, die es in ganz Wien gibt​. Sie erinnert an eine Würstelbude, nur halt mit Klo. Hat auch eigentlich exakt die selbe Größe. ​Und auch den Flair. Das Besondere an der Pizzeria del Popolo: Sie existiert schon seit 30 Jahren, stellt keine Pizza zu und ist auch nicht für die Pizza berühmt. Eigentlich war ich bis zu meinem bewussten Neu-Besuch nicht einmal​​ sicher, ob es dort​ überhaupt Pizza gibt.

Wie der liebliche Spitzname "Tequilabar" erahnen lässt, wurde die Pizzeria del Popolo wegen einer anderen südländischen Spezialität berühmt: Tequila. Naja, und um fair zu sein auch aufgrund​ ​​​​diverser​ anderer​ Shots und Longdrinks. Ein Tequila-Shot kostete zu meiner Zeit einen Euro. Einen Euro, Leute. Wisst ihr, wie viel das in Taschengeld war? Mindestens zehn Shots! ​

Wenn man nämlich am Schwedenplatz oder in dessen Nähe fortging, war es der perfekte Ort zum Vorglühen. Wer sich jetzt—zurecht—fragt, warum man für den Bermuda-Dreieck-Absturz ​billig und öffentlich vorglühen will,​ ​den mache ich nun mit zwei Zielgruppen bekannt.​​​​​​​​

Ein Gastgarten.

Erstens: Menschen, die nicht aus Wien sind und für die es keinen Sinn macht, ​besoffen nach Wien zu fahren​, sondern die sich lieber vor Ort besaufen. Und zweitens: Menschen, die zwar in Wien wohnen, aber ihre Wohnung aufgrund lästiger Mitbewohner​ nicht zur Verfügung stellen können. Ihr wisst schon, die Art von Mitbewohner​​, die einem Hausarrest und Taschengeld-Verbot gibt​​ u​nd auch​ sonst ​sehr scharf darauf ist​, ihre Macht auf mehreren Ebenen zu demonstrieren.

Als ich die Bar am Samstag​​​​ wieder ​besuchte, hat​ sich kaum etwas verändert. Das Harry Potter-Feeling ist noch immer vorhanden: Obwohl das Lokal wirklich klein ist​ und gerade Mal vier oder fünf Stehtische mit Barhockern Platz haben​​, sind zur Spitzenzeit an die 30 bis 40 Menschen im Lokal. Sogar die Wandfarbe ist gleich geblieben. ​​Aber diese Angaben sind ohne Gewähr, da ich keine bewusst-lebende Jugendliche war: Ich habe Sachen hingenommen und sie am nächsten Tag vergessen, anstatt sie aufmerksam zu registrieren. Ich besuchte die Pizzeria mit einer Studienkollegin aus Bayern. Für sie war das Ganze eher neu.

Jedenfalls gibt es das Angebot, dass ​​​​​​​zehn Tequila-Shots unschlagbare acht Euro​ kosten​​. ​Wenn man also ​16 Euro zusammenkratzt​, sind ​das ganze 20 Shots. Wenn das nicht die Party im Kaktus auf dem Gogo-Podest startet, dann weiß ich auch nicht. Außerdem gibt es diverse andere unschlagbare Angebote. Ich kostete dort nun ​​nach fast zehn Jahren wieder einen Tequila und ich war positiv überrascht. Eigentlich habe ich ein Tequila-Wasser-Gemisch erwartet, aber das war einfach ein solider Tequila-Shot​, der das Geld auf jede​​​​​​​n Fall wert ist.​​​

​Weitere Dinge, die wir im Rahmen des Besuchs getrunken haben: Vier Spritzer, andere Shots von Nebentischen und einen Jägermeister​​​​. Im Endeffekt haben wir insgesamt 14 Euro bezahlt. Und das sogar auf einmal. Es ist nämlich möglich, sich die Getränke aufschreiben zu lassen. Ich schätze Lokale, in denen man sich Getränke aufschreiben lassen kann sehr und da sie zu einer aussterbenden Spezies gehören, sollten wir sie alle mit unseren Besuchen schätzen.

Pizza.

​​Wir haben auch mit den Kellnern vor Ort gesprochen. Sie meinen, dass die Hauptzeit zwischen 22:00 und 03:00 Uhr in der Früh ist. Von ihnen habe ich auch die Information, dass die Pizzeria seit 30 Jahren offen hat. Wir haben uns gut verstanden, nur waren sie nicht ganz glücklich, als ich die Pizza ​​fotografiert habe. Aber ich war ja dort,​ um investigativ zu arbeiten, nicht um Freunde zu gewinnen.

Es wäre auch schwer​ Freunde zu finden, da von den vier Gruppen,​ ​mit denen ich sprach, drei ins Bollwerk weitergingen​. Es scheint so, als hätte das Bollwerk unser ehemaliges Empire abgelöst. Diese Jungs- und Mädchen-Gruppen waren aus Wien und besuchen noch die Oberstufe einer Schule. Die erste Gruppe war von einer HAK, die anderen aus einem Gymnasium. Die letzte war aus einer Berufsschule. Ihr Alter ist mir selbstverständlich nicht bekannt.

Lustig an jungen Menschen ist, dass sie wirklich schnell trinken und auch nicht lang in der Pizzeria verweilten. 15 Menschen nahmen auf einem Tisch platz, bestellten, tranken und gingen. Und das haben alle Oberstufen-Gruppen gemacht, auf ​die ich dort​ traf. Es war auch eine Gruppe aus Mistelbach dort—sie waren so um die 20—die noch nicht genau wusste, wohin es weitergeht. Sie brauchten nur einen Platz zum Vorglühen.​ Ähnlich ging es einer Männergruppe neben unserem Tisch: Ein Typ feierte seinen 26.​ Geburtstag und wollte nachher einfach irgendwo am Schwedenplatz fortgehen. Und auch wir verweilten länger: Man hat einfach mehr Chill, je älter man wird. ​​

Ich habe die Damen jetzt nicht gefragt, ob sie die Flasche im Lokal erworben haben. War aber sehr lecker.

​​​​Und so saß ich da, in der Tequilabar, einer lebenden Zeitmaschine und fühlte mein Alter mit jeder Faser meines Körpers. Ich habe mir vorgenommen, wieder zu kommen​vor allem wenn ich eines Tages ins Bollwerk sollte. Außerdem habe ich mir vorgenommen​ herauszufinden, warum das Bollwerk gerade so cool ist und warum Leute hingehen. Und ich habe mir vorgenommen, meinem inneren Kind öfters Ausdruck zu verleihen—als ersten Akt bestelle ich beim nächsten Mal zehn Tequila um acht Euro. Oder besser nicht, denn mit diesen Angeboten habe ich mein inneres Kind schon vor vielen Jahren umgebracht. ​​​​​

Fredi hat Twitter: @Schla_wienerin

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