Was "Die Schlümpfe" und dein Kinderzimmer mit dem vermeintlichen Ende von Techno zu tun hatten

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Was "Die Schlümpfe" und dein Kinderzimmer mit dem vermeintlichen Ende von Techno zu tun hatten

Hat die legendäre "Tekkno Ist Cool"-Compilation der Schlümpfe wirklich dem Techno die Unschuld geraubt?
25.10.16

"Der Rhythmus kracht in jedes Bein, so muss Dance Musik für Schlümpfe sein." Diese Zeile stammt von der legendären Schlümpfe-Compilation Tekkno Ist Cool. Ihr Prinzip war simpel: Unter bekannten Dance-Hits wurde ein stampfender Techno-Beat gesetzt und darüber sangen die Schlümpfe verrücktes aber kindertaugliches Zeug. Sehr zum Ärger der eigentlichen Szene, denn für heute bekannte Produzenten wie Paul Kalkbrenner und selbst überparteiliche Institutionen beendete Tekkno Ist Cool die Blütezeit einer ganzen Kultur von heute auf morgen. Die Schlümpfe hatten den unschuldigen Techno auf dem Gewissen. Aber stimmt das wirklich?

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Die erste und einzige Schlumpfentechno-Platte erschien 1995 und war ein Verkaufsschlager. Auch heute ist sie noch erhältlich. Auf die erste Ausgabe der Schlumpf-Compilation im Techno-Stil folgten noch unzählige weitere.

Das allererste "Lied der Schlümpfe" wurde allerdings bereits 1978 vom Niederländer Petrus Antonius Laurentius "Pierre" Kartner geschrieben, besser bekannt als Vader Abraham. Für die späteren Tekkno-Compilations zeichnete sich wiederum Michael Rick verantwortlich, der später auch die Releases der Kölner HipHop-Crew Die Firma produzierte. Wer die Vocals für die Schlumpfen-Texte einsang, lässt sich heute leider nicht herausfinden, ist aber eigentlich auch egal, weil die Stimmen ohnehin stark bearbeitet wurden.

Für viele, die in den 90er aufgewachsen sind, gehören die Schlümpfe-Compilations zu den prägenden Kindheitserinnerungen. Sprich einfach mal deine Freunde und Freundinnen darauf an. Sie werden kurz überlegen, aber dann dämmert es meistens. "Ach klar, das hatte ich auf CD!" Oder auf Kassette. Auch in den Comicheften der Schlümpfe gab es eine Tekkno-Geschichte im Schlumpfendorf. Wurde Techno also in unseren Kinderzimmern zu Grabe getragen?

Der Spiegel befand jedenfalls im Erscheinungsjahr von Tekkno Ist Cool, die Musik der "reaktionären blauen Wichtel" klinge wie "eine halskranke Mickymaus", die "dem Hörer 26mal hintereinander ins Ohr quarrt", "da-wumm, da-wumm, da-wumm", so darf im "Regressiven-Klub gehopst werden." Sprich, der Spiegel-Autor hält die Hörer der Schlümpfe für Menschen ohne Hirn.

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Bei derartiger Empörung drängt sich die Frage auf, ob man die Original-Songs von Rednex und DJ Bobo wirklich noch schlechter machen kann?

Der Gesang der Schlümpfe ist zwar nervig schrill, bringt aber durch seine lyrische Absurdität den angemessenen infantilen Humor in den Euro-Dance-Techno. Zumal die Tekkno-Compilation, wie auch alle anderen aus dem Hause Schlumpf, vor allem für Kinder gedacht war. Nur hielt das viele Erwachsene nicht davon ab, die CDs ebenfalls zu kaufen und zu hören.

"Das im Tekkno-Fieber": Auch in den Comicheften hielt die Musik ihren Einzug. Fotos von der Redaktion

In der Techno-Gemeinde war die Compilation umstritten, ihr wird gar schwerwiegendes vorgeworfen: der Ausverkauf des Technos. Selbst die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland schreibt Jahre später recht drastisch: "Das bestverkaufte Album des Jahres 1995 wird mit 800.000 Stück die Schlümpfe-Compilation Tekkno ist cool. 1994 kommen 100.000 Menschen zur Love Parade, 1995 sind es bereits 400.000, ab 1996 wird die Millionengrenze überschritten und Dutzende Fernsehsender übertragen die schrillsten Szenen und Outfits ins abgelegenste Dorf. Die einst illegal selbst eroberten und organisierten Party-Locations werden durch Angebote der Freizeitindustrie ersetzt: Raves als Pauschalreise, Unterkunft, Verpflegung und garantiert pausenlose Happiness mit prominenten DJs inklusive, zu buchen im Reisebüro nebenan." Die einstige Subkultur wird zum Massenphänomen. Selbst die Volksmusiker von Heintje bis Heino brachten jetzt ihre alten Hits mit einem Techno-Beat aufgemotzt neu raus.

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Die österreichischen Sozialwissenschaftler Beate Großegger und Bernhard Heinzlmaier beschreiben die damalige Zeit in ihrem Jugendguide von 2002 so: "Die Szene ist ausgereizt, abgedriftet und ausverkauft. Und das Image der Techno-Jugendlichen ist – man kann es ganz offen sagen – richtig mies. Techno ist von einer schillernden und kreativen Jugendkultur zu einem Synonym für oberflächliche Konsumkids aus unteren Sozial- und Bildungsschichten geworden.

Paul Kalkbrenner: Techno verlor (nach 1993) seinen Charme. In Deutschland hatten wir dann bereits 'Somewhere Over the Rainbow' und den Schlümpfe-Song im Technogewand.

Auch unter bekannten DJs gibt es ähnliche Meinungen. In einem Interview mit Rolling Stone erzählte Paul Kalkbrenner jüngst, dass er für seine 90er-Mixtapes Back To The Future keine Tracks verwendet hat, die nach 1993 erschienen sind. Warum? "Techno verlor danach seinen Charme. In Deutschland hatten wir dann bereits 'Somewhere Over the Rainbow' und den Schlümpfe-Song im Technogewand. In Deutschland wurde alles sehr schnell kommerzialisiert. Es gab danach auch noch coole Techno-Platten. Aber dieser Charme – Ich kann es nicht erklären, es ist unmöglich. Zum Beispiel die Unvollkommenheit der Produktion, irgendwie konnte man hören, dass sie es aus Spaß gemacht haben."

Angesprochen auf Kalkbrenners Aussage, sagte Berghain-Resident Marcel Dettmann am Rande eines Interviews für Noisey: "Schlumpfentechno und Mark 'Oh … Das war total schlimm. Plötzlich hörten alle Techno, nur meinten sie eben das damit. Wir dachten: Was passiert jetzt gerade? Das war doch was völlig Anderes." Dank Marushas "Somewhere Over The Rainbow" sei Techno "schließlich tatsächlich überall im Gespräch (gewesen). Seitdem ist Chartmusik immer sehr dancefloororientiert, heute ist alles zwischen 120 und 130 BPM angesiedelt. Das war vorher kein Thema."

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Sind die Schlümpfe neben Marusha also an allem Schuld?

Nun. Zunächst ist die Kommerzialisierung von einstigen Subkulturen ein bekanntes Phänomen, ebenso die Klage darüber. Beides gab es bereits vor und nach Techno. Im Bereich von (elektronischer) Musik tritt die Anklage der Kommerzialisierung häufig in Form des Vorwurfes auf, ein Sell Out zu sein. Derartigen Akteuren wird, wie Jan-Michael Kühn in seinem neuen Buch schreibt, vorgehalten, lediglich an szeneexterner Verwertung interessiert zu sein und dadurch dadurch die Szene mit ihrem subkulturellen Charakter zu entwerten. Man bewirkt eine Entsubkulturalisierung, wie Kühn es nennt. Subkulturen, zumal jugendlich geprägte, zeichnen sich primär durch das Bedürfnis aus, dass ihre Mitglieder sich von der Masse abheben wollen. Fangen alle an, so zu sein, wird es langweilig. Du kennst es vermutlich aus deiner Pubertät.

Was hecken diese Schlümpfe bloß aus? Foto: imago

In Kalkbrenners Aussage schwingt dieser Vorwurf mit, indem er sagt, dass Techno nach 1993 nicht mehr aus Spaß und Leidenschaft an der Sache gemacht wurde, sondern aus einer anderen, externen Motivation heraus, was man der Musik angeblich auch anhören könne. Seine Argumentation an der Stelle mutet beinahe esoterisch an. Vermutlich meint er aber, dass nach 1993 nicht mehr aus Spaß, sondern aus Profitinteresse heraus Tracks produziert wurden.

Wenn du dir die Geschichte von Techno seit den 80er Jahren bis heute ansiehst, ist anzuzweifeln, ob seine Aussage zutrifft. Zweifellos wurde Techno in den 90er Jahren zur Massenkultur, aber heißt das auch, dass jeder Produzent ab 1994 nur noch für den Massenerfolg produziert hat und keinen Spaß mehr an der Produktion hatte? Die Perfektion des Sounds muss nicht zwangsläufig Ausdruck einer massenkompatiblen Intention sein, sie kann auch aus Liebe zum perfekten Klang resultieren. Und ist es nicht grad der maschinenartige, also gleichmäßige Klang, der zum Ursprung von Techno gehört?

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Die Welt ist zu komplex, um alles an einem Phänomen festzumachen. Die Techno-Schlümpfe haben eben so wenig ganz allein die "Vermassung" von Techno zu verantworten wie David Guetta den ganzen EDM-Zirkus.

Umgekehrt konnten die Schlümpfe allerdings auch nicht eine Generation in den Kinderschuhen für Techno begeistern. Zumindest gaben mehrere jüngere Produzenten auf Noisey-Nachfrage an, die Compilation entweder nicht gehört zu haben, oder nicht mit dem Thema in Verbindung gebracht werden zu wollen.

Problematisch sind die Schlümpfe dann schon eher auf einer symbolischen und pädagogischen Ebene. Eine Gemeinschaft, die weiße Zipfelmützen trägt und einem unumstrittenen Führer huldigt, der wiederum eine rote Mütze trägt. Wie im Ku Klux Klan. Die einzige Frau im Dorf hat blonde Haare und der Feind der Gemeinschaft ist ein hinterlistiger, geldgeiler, hakennäsiger Mann, dessen Katze einen hebräischen Namen hat (Azrael).

Klingt bekannt oder? Aber lassen wir das. Zumindest sind die Texte und die Musik der Schlümpfe nicht derartig bedenklich.

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